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Ausgerechnet Schnellinger: In letzter Minute der deutsche Ausgleich zum 1:1 - und das Drama konnte seinen Lauf nehmen.

50 Jahre Jahrhundertspiel

„Von der Dramatik gab es nichts Besseres“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Mexiko war weit weg im Jahr 1970. Die TV-Bilder flimmerten, die Leitung knisterte, und wegen des Zeitunterschieds zwischen Mittelamerika und Mitteleuropa kamen die Spiele nicht zur besten Sendezeit. Dennoch: Kein WM-Turnier erscheint im Rückblick so kultig wie dieses. Was auch an den Dramen lag, in die die deutsche Nationalmannschaft verwickelt war. Mittendrin: Wolfgang Overath, der zum besten Mittelfeldspieler dieser WM gewählt wurde. Mit dem heute 76-Jährigen haben wir über diese magischen Momente gesprochen.

Herr Overath, von der WM 1970, die sich zum 50. Mal jährt, sind zwei Verlängerungs-Dramen in Erinnerung geblieben: das mit 3:2 gegen England gewonnene Viertelfinale und das mit 3:4 gegen Italien verlorene Halbfinale. Hatte dieses Turnier nicht eigentlich zwei Jahrhundertspiele?

Meinem Gefühl nach war es nur das gegen Italien, das werden die Menschen ewig im Sinn haben, es ist das WM-Spiel, über das man am meisten redet. Gegen England, das war eine gute Revanche für 1966, aber das Ziel Endspiel lag da noch weiter weg.

Das Thema vor dem Turnier damals war: Deutschland hat zwei überragende Mittelstürmer, aber nur einer, der etablierte Uwe Seeler oder der aufstrebende Gerd Müller, würde spielen können. Beide zusammen, das würde nicht gut gehen. Tat es dann aber doch…

Uwe war 33 und die größte Figur im deutschen Fußball. Er sagte: „Ich spiele dann halt etwas mehr zurückgezogen.“ Sensationell von ihm, aber eben typisch Uwe. Guter Charakter, fantastischer Kerl. Der Gerd genauso, auch er war bereit, sich unterzuordnen. Die beiden haben sich abgesprochen, wie sie spielen, und der lange Helmut Schön hatte es auch so vor.

Das epische Viertelfinalduell mit England entschieden beide. Uwe Seeler mit dem berühmten Tor per Hinterkopf zum 2:2, und das Gerd-Müller-Tor zum 3:2 lieferte eines der berühmtesten Sportfoto-Motive der Geschichte.

Ein Tor, das man mit dem Hinterkopf erzielt, bleibt hängen. Uwe hatte immer den Willen zum Tor, auch wenn er keine Chance hatte, ist er in die Zweikämpfe gegangen und hat sich mit dem Kopf die Bälle geholt. Er war ja ein relativ kleiner Spieler, hatte aber eben enorme Sprungkraft und Explosivität. Solch ein Tor machen nur wenige Spieler. Und bei Gerd brauchen wir über Tore nicht zu reden. Wie er Fußball spielte, stets brandgefährlich war, jeden kleinsten Fehler des Gegners nutzte, wie er in die Gassen lief – einmalig. Und mit Franz Beckenbauer hatten wir noch den größten Spieler, den die Deutschen ja hatten.

Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Gerd Müller – die Bayern-Fraktion war vor 50 Jahren in der Nationalmannschaft noch gar nicht so groß. Die Spieler kamen auch aus Mönchengladbach, das Meister geworden war, wie Sie aus Köln, Berlin, Bremen, von Schalke.

Das stimmt, eine Blockbildung gab es noch nicht. Wir hatten vom Alter und von den Typen eine gute Mischung. Da war auch einer wie Stan Libuda dabei, der an einem Tag ganze Völkerstämme verrückt gemacht, mit den Knien auf der Erde gedribbelt hat und im nächsten Spiel nicht aufgefallen ist. Ich habe drei Weltmeisterschaften mitgemacht, 1966, 70 und 74 jedes Spiel, und kann versichern, dass die Harmonie im Team nie gefährdet war. Sicher gibt es mal ein Anecken, wenn zwanzig Menschen sechs Wochen zusammen verbringen müssen, doch wir konnten alles zurückstellen und uns in den Turnieren konzentrieren. Auch wenn es 1970 ein Problem mit den Schuhen gab (beim DFB war man an Adidas gebunden, einige Spieler hatten im Verein aber Puma, d. Red.) oder wir vier Jahre später gegen die DDR-Auswahl verloren – ich könnte nicht sagen, dass es Theater gegeben hätte. Von 1966 bis 74, das war unsere größte Zeit. Es wäre nicht möglich gewesen, Zweiter, Dritter und Erster zu werden, wären wir nicht ein funktionierendes Team gewesen.

England und Italien in der K.o.-Runde waren vertraute Gegner. Was musste man eigentlich über die Kontrahenten in der Vorrunde, speziell über Marokko und Peru? Videomaterial gab es noch nicht.

Wir hatten noch nicht so viel Kenntnis über andere Mannschaften, aber Helmut Schön war schon gut informiert. Wir erfuhren, was in anderen Teams abging und wer die wichtigen Spieler sind. Peru etwa wurde uns als große südamerikanische Mannschaft mit guten Einzelspielern angekündigt. Aber wir haben sie 3:1 auseinandergenommen, dreimal der Gerd.

Die WM 1970 genießt unter Fußball-Liebhabern einen besonderen Status.

Von den Namen her war es möglicherweise die beste WM. Da gab es noch die ganz großen: Pele, Bobby Moore, Bobby Charlton, Luigi Riva, Gianni Rivera, Sandro Mazzola, Seeler, Müller, Beckenbauer. Später kamen mehr das Kollektiv und die Athletik zum Tragen.

Mexiko im Juni dürfte heiß gewesen sein. Anstoß gegen England war um 12 Uhr mittags, gegen Italien um 16 Uhr.

Wir hatten vor allem Angst vor der Höhe, Mexiko-City liegt auf 2200 Metern. Ich habe mich mit dem Klima und mit der Höhe in den Wochen dort zunehmend wohler gefühlt. Am Anfang fiel mir das Training schwer, ich hatte mir die Kräfte aber wohl gut eingeteilt. Bei vielen anderen lief es umgekehrt: Die sind zunächst abgegangen, dann wurde es immer weniger.

Das Jahrhundertspiel gegen Italien fand im Aztekenstadion von Mexiko-City statt. Das schönste Stadion, in dem sie je gespielt haben?

Zu der Zeit das tollste Stadion. So steil, wie da die Ränge nach oben gingen, konnten die Leute von ganz oben sehen, wenn sich ein Spieler an der Nase gekratzt hat. Wenn ich das mit der Kölner Hauptkampfbahn vergleiche, in der ich damals mit dem FC in der Bundesliga spielte. Da ging es von hinterm Tor ja noch gefühlte 200 Meter flach bis zur hintersten Reihe, da konnte man gar nichts mehr erkennen.

Die Zuschauer…

… haben uns angefeuert. Unser Quartier in Balneario de Comanjilla war zwar stets abgeschottet, sodass wir vom Land gar nicht so viel mitbekommen haben, doch die Mexikaner mochten die Deutschen und offensichtlich uns als Mannschaft.

Das Jahrhundertspiel wird mit dem Abstand von Jahrzehnten kritischen Nachbetrachtungen unterzogen. Da heißt es dann, vom Tempo her sei das nicht so toll gewesen.

Natürlich ist das mit der Schnelligkeit und Athletik von heute nicht zu vergleichen. Aber von der Spannung, der Dramatik, dem Hin und Her war das schon das Jahrhundertspiel. Und all diese Geschichten: Dass Carlo Schnellinger als Italien-Legionär in der letzten Minute den Ausgleich macht und uns in die Verlängerung bringt. Dass wir 2:1 in Führung gehen, wobei Gerds Ball gerade so hinter der Torlinie liegen bleibt, und dann die Italiener 2:2 und 3:2 erzielen. Unser Ausgleich zum 3:3 und Italien eine Minute später zum 4:3. Franz Beckenbauer mit schwerer Schulterverletzung und dem Arm in der Schlinge. Jedenfalls: Die Brasilianer müssen uns bis heute dankbar sein, dass wir die Italiener müde gespielt haben. Im Finale (4:1 für Brasilien, d. Red.) waren sie kaputt, und Italien war wirklich eine großartige Mannschaft. Mit Namen, die einem Angst gemacht haben.

Wie ausgeprägt waren Rivalitäten zur damaligen Zeit?

Auf dem Platz ist Freundschaft schwierig, doch es ist immer anständig zur Sache gegangen. Ich hatte wunderbare Beziehungen zu vielen Spielern anderen Nationen. Pele, Bobby Charlton, Bobby Moore, den Italienern – mit denen habe ich mich später auch getroffen, wenn sie in Köln waren.

Es gab in Mexiko für die deutsche Mannschaft noch das Spiel um Platz drei, es wurde 1:0 gegen Uruguay gewonnen, Sie schossen das Tor. Es kamen auch einige Spieler mit bis dahin wenig Einsatzzeit zum Zug, Franz Beckenbauer war verletzt, Sie wollten aber spielen.

Fußball ist eine Sache, da will man immer spielen. Talent und Ehrgeiz, das gehört zusammen. Nie hätte ich gesagt: Trainer, lass mich mal pausieren – und ich finde diese Einstellung auch in Ordnung. Man sieht es ja heute noch, wie es den Leuten nicht schmeckt, wenn sie vom Platz gehen müssen. Ich glaube, zu meiner Zeit hätte kein Trainer mich ausgewechselt.

Interview: Günter Klein

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