Vor ein paar Wochen: Beckenbauer bei einem Geisterspiel in der Allianz Arena. 

ZDF-Doku: Schatten auf der Lichtgestalt Beckenbauer

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
    schließen

Das aktuellste Bild von Franz Beckenbauer stammt aus dem Juni. Er war einer der wenigen eingeladenen Zuschauer bei einem Geisterspiel des FC Bayern, er trug ein Gesichtsschild und war ein alter, kranker Mann. Auf dieser Aufnahme verweilt die Kamera ein wenig, dann entfernt sie sich, zeigt ein Mosaik, eine Vielzahl von Bildern, die Stationen eines prallen Lebens festhalten. Die Frage lautet: „Welches Bild wird bleiben?“ So endet die 45-minütige Dokumentation „Mensch Beckenbauer! Schau’n mer mal“ von Uli Weidenbach, die das ZDF am Dienstag um 20.15 Uhr zeigt.

Am Freitag wird Franz Beckenbauer 75, man kommt an diesem Anlass nicht vorbei. Die ARD zeigte am Samstag bereits „Der Ball war mein Freund“ (Wiederholung heute um 22 Uhr im Bayerischen Fernsehen). Ja, ist denn Kaiser-Huldigungswoche? Nicht mehr. Es ist anders als zum 60., den das ZDF mit einer von Thomas Gottschalk und Günther Jauch moderierten Geburtstagsshow zelebrierte, anders auch als zum 65., als es für kritische Töne keinen Grund gab. Über den 70. Geburtstag legte sich schon Melancholie, weil Stefan, der Sohn Beckenbauers, kurz zuvor verstorben war. Wenige Monate später enthüllte der „Spiegel“ dann, dass es rund um die von Franz Beckenbauer geholte und organisierte Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bis heute unergründete Geldströme gegeben hatte, seitdem schreitet die Entfremdung der Deutschen von ihrem Kaiser voran.

Und es ist klar: Man kann heute nicht nur in Erinnerungen an Beckenbauers Leichtigkeit als Spieler schwelgen und Schwänke aus seinem Lichtgestalt-Leben erzählen. Der Glanz seines Lebens darf nicht verschwinden, doch die Schattenseite soll nicht verschwiegen werden. Dem Filmemacher Weidemann gelingt es in seinem ZDF-Stück, so durch Beckenbauers Vita zu balancieren, dass man sagen kann: Es ist fair. Geholfen hat ihm dabei Torsten Körner, der vor 15 Jahren „Der freie Mann“ geschrieben hatte. Eine Biografie, deren Entstehen ihr Protagonist unterstützte – unvergessen bleibt die launige Buchpräsentation im Seehaus im Englischen Garten. Beckenbauer-Hochstimmung ein Jahr vor der Heim-WM.

Der Kontakt, so Körner zu unserer Zeitung vor fünf Jahren, habe sich mit der Zeit verloren, er sei nicht mehr im Thema drin. Nun hat er sich reaktiviert. Und hilft, ein differenziertes neues Bild von Beckenbauer zu zeichnen (wohingegen der ARD-Film Material aus einer früheren Dokumentation pflichtschuldig aktualisiert hat).

Körner selbst erklärt, dass Franz Beckenbauer für die Deutschen nicht der Volksheld à la Uwe Seeler war, sondern „die Volksaktie, ein Investment in die Zukunft“. Er hatte stets ein ihn umsorgendes Umfeld, er selbst sei „Kind geblieben und nie geschäftsfähig geworden“. Sein Lebensthema: Geld verdienen. Der Historiker Hans Woller, der ein Buch über die Schwarzgeld-Verstrickungen des FC Bayern in den Sechziger- und Siebziger-Jahren schrieb, sieht ihn als „Getriebenen seines Umfelds“.

Lothar Matthäus, Uli Hoeneß, Paul Breitner, Sepp Maier, Rudi Völler – sie kommen zu Wort, sie haben Beckenbauer in den gelingenden Phasen seines Lebenswegs begleitet. Oder TV-Kommentator Marcel Reif, der – so erging es manchen – zum Ziel kaiserlichen Furors wurde, aber auch die unkomplizierte Versöhnlichkeit Beckenbauers kennenlernte und ihn „unendlich empathisch“ nennt.

Doch zu Wort kommt auch „Spiegel“-Redakteur Gunther Latsch, dessen Blick auf Franz Beckenbauer sich durch die Recherche rund um die 6,7 Millionen Sommermärchen-Euro gebildet hat. Er spricht von Korruption und Gier. Wesenszüge, die das öffentliche Bild nicht mitbestimmen durften. So gab Beckenbauer vor, ehrenamtlich an der Organisation der WM 2006 zu arbeiten, tatsächlich kassierte er 5,5 Millionen Euro. Latsch glaubt, Beckenbauer habe die entscheidenden Fehler in der Aufarbeitung des Sommermärchen-Skandals begangen, indem er sich „würdelos, klein und dämlich verteidigte, sich jämmerlich wegduckte“. Mit Offenheit, mit einem „Ja mei, so war’s halt“ hätte er die Geschichte wohl wegmoderieren können.

Biograf Körner erinnert daran, dass es etliche Schlawinereien gegeben habe – Steueraffäre, Beziehungswechsel, vor- und außereheliche Kinder –, „aber die Gesellschaft hat ihm jede Schlawinerei verziehen“. Nun hat es sich wohl ausschlawinert – denn wenn Beckenbauer wegen der Verjährungsfristen auch nicht mehr rechtlich belangt werden kann, bleibt Verdacht an ihm hängen. Nicht nur im Hinblick auf 2006. Er soll seine Stimme als FIFA-Exekutiv-Mitglied bei den Vergaben der Turniere 2018 und 22 an Russland und Katar verkauft haben. Franz Beckenbauer selbst war für den Film „Mensch Beckenbauer!“ nicht zu sprechen. Sein älterer Bruder Walter schon, er sagt: „Er lebt sehr zurückgezogen.“ Wenigstens die familiären Bande sind intakt geblieben. Walter sagt, er spüre zu Franz nach wie vor eine „innige Zuneigung“.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Chelsea - Liverpool im Live-Ticker - Werner offenbart: Auch Löw riet mir zum Wechsel nach England
Chelsea - Liverpool im Live-Ticker - Werner offenbart: Auch Löw riet mir zum Wechsel nach England
Deutliche Pleite gegen Hertha BSC: Werder Bremen sofort wieder im Abstiegskampf
Deutliche Pleite gegen Hertha BSC: Werder Bremen sofort wieder im Abstiegskampf
BVB gegen Gladbach im Ticker: Mensch oder ICE? Haalands phänomenaler Tor-Sprint im Video
BVB gegen Gladbach im Ticker: Mensch oder ICE? Haalands phänomenaler Tor-Sprint im Video
Heftige Ausschreitungen nach FCB-Sieg gegen PSG: Autos in Brand, Straßenkampf mit Polizei
Heftige Ausschreitungen nach FCB-Sieg gegen PSG: Autos in Brand, Straßenkampf mit Polizei

Kommentare