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Spektakuläre Sprünge und technisch schwierige Tricks: Der Lenggrieser Skateboard-Pro Tyler Edtmayer ist in der Betonwanne, dem sogenannten „Park“, in seinem Element – hier zeigt er die Figur „Madonna“.

DEUTSCHLANDS BESTER SKATEBOARDER

Ballett mit dem Brett

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Der Lenggrieser Tyler Edtmayer ist Deutschland bester Skateboarder. Keiner beherrscht die Kunst, Schweres leicht aussehen zu lassen, so wie er. Derzeit arbeitet der 19-Jährige auf die Olympia-Qualifikation hin.

Lenggries – Als Tyler Edtmayer einen Spezl auf einem Skateboard vorbeiflitzen sieht, setzt umgehend der Haben-Will-Reflex ein. „Nix da, rausgeschmissenes Geld“, poltert die Mama. Nach inständigem Betteln kommt sie dem Wunsch ihres vierjährigen Sprösslings schließlich doch nach und schafft die billigste Billigversion des Spielgeräts an. „Ein schrottiges Ding aus dem Discounter“, erinnert sich Edtmayer, doch die Passion für diesen hochakrobatischen Sport ist in den vergangenen 15 Jahren um keinen Deut abgeflaut; im Gegenteil. Und das, obwohl der Papa standesgemäß ganz isarwinklerisch den Filius lieber auf zwei Ski als auf einem Holzbrett gesehen hätte. Doch die Gene der amerikanischen Mutter setzten sich durch. Erst recht, als Tyler in Los Angeles, der Heimat seiner amerikanischen Verwandten, zu Besuch war und von einem Nachbarn ein „richtiges“ Skateboard geschenkt bekam – eines, das den kalifornischen Lifestyle eingebaut hat. „Das hab’ ich noch immer und halte es in Ehren.“ Verständlich, denn das Holzbrett mit zwei Achsen und vier Rollen hat das Leben des inzwischen 19-jährigen Lenggriesers geprägt wie kaum was Anderes.

Zweifacher Deutscher Meister im „Park“

Mit dem Realschulabschluss in der Tasche besuchte Edtmayer die Tölzer Fachoberschule. „Aber nur kurz“, räumt Edtmayer ein. Die zahlreichen Unterrichtsbefreiungen waren irgendwann nicht mehr möglich. Das Leben eines Skateboard-Profis mit intensivem Training – Edtmayer fährt mehrmals pro Woche in den Skaterpark nach Innsbruck – und den Auslandsaufenthalten bei Wettkämpfen ließ sich mit intensivem Büffeln eben nicht vereinbaren. Viel Zeit nehmen aber auch die Finanzierung der Reisen und die Sponsorensuche in Anspruch. Mit ein bisschen Modeln hat Edtmayer angefangen. „Inzwischen lässt sich’s ganz gut an“, sagt der Isarwinkler, der noch im Elternhaus in Lenggries-Anger wohnt. Die Sponsoren beschränken sich dagegen meist aufs Material: Board, Achsen, Lager, Rollen und Anti-Rutschbelag – für ein Top-Sportgerät sind 250 bis 300 Euro schnell beisammen.

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Große Sprünge lassen sich mit den Einnahmen und Preisgeldern im Skateboarden zwar nicht machen, die Entscheidung zum Profi-Sportler hat Edtmayer indes keine Sekunde bereut. Paris, Sao Paolo, Rio de Janeiro, Lima, Doha, Malmö – die interessantesten Parks dieser Welt hat er inzwischen alle abgeklappert. In seiner Prioritätenliste ganz oben steht der Ellerpark in Düsseldorf. Nicht des besonderen Flairs der rheinischen Metropole wegen, sondern weil er just hier in den vergangenen beiden Jahren Deutscher Meister in der Disziplin „Park“ geworden ist. Diese besonders anspruchsvolle Wettkampfart ist – verglichen mit Vert und Street – die Königsdisziplin auf dem Board. Die Teilnehmer treten in Heats gegeneinander an und zeigen ihr Können in mehreren Runs á 45 Sekunden. Vier Kampfrichter bewerten Sprünge, Slides und Flips nach technischer Sauberkeit sowie Kreativität. Ein weiterer Punktemultiplikator ist der „Use of Park“, also wie gut die Sportler die Schwimmbad-ähnliche Betonwanne mit den darin verbauten Hindernissen ausnutzen. „Die Mischung macht’s“, kennt Edtmayer die Bewertungsstrategie der Judges. „Gut kommt’s an, wenn du Schweres leicht aussehen lässt.“ Das wird in den 45-sekündigen Runs, die wie ein Ballett auf dem Brett anmuten, gerade zum Ende hin schwer. „Die Oberschenkel brennen dann wie Feuer“, sagt Edtmayer, „aber du musst immer noch federleicht fliegen und die Line kontrolliert zu Ende fahren.“

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Eine athletische Konstitution ist daher ebenso unabdingbar wie Kondition, und ein paar Muskeln über den Knochen sind auch nicht verkehrt. „Um die Stürze etwas abzufedern“, erklärt Edtmayer. Denn davon bleiben selbst die Besten nicht verschont. Mit Schaudern denkt der Lenggrieser an jenen amerikanischen Pro, den es beim Weltcup in Rio de Janeiro vor ein paar Monaten böse zerlegt hat. Mit einem multiplen Schädel-Hirn-Trauma wurde er abtransportiert. „Immerhin war er ein paar Tage später außer Lebensgefahr“, hat Edtmayer vernommen. Als Lehre daraus wird der internationale Skater-Verband heuer die Helmpflicht einführen. Auch Edtmayer hat es ein paar Mal sauber gewaffelt. Prellungen und Stauchungen sind an der Tagesordnung, wenn man den Sturz nicht auslaufen kann. Glück im Unglück hatte der Skateboarder bei einem Leberriss, der ohne Komplikationen ausheilte.

„Olympia? Das sieht gar nicht schlecht aus.“

Aufgeregt und voller Erwartungen ist Edtmayer in die Goldenen Zwanziger gestartet, denn bei den Olympischen Spielen in Tokio werden heuer erstmals in zwei Disziplinen Medaillen vergeben. Die Qualifikation hat er zwar noch nicht vollends in der Tasche, aber „es sieht gar nicht so schlecht aus“.

Zum einen hat er zwei nationale Titel auf der Habenseite, zum zweiten ist er bei der Weltmeisterschaft, die 2019 in Sao Paolo ihr Debüt feierte 17. geworden. In Lima (Peru) steht im März der nächste Quali-Wettkampf an. Dann wird er die bewährte Strategie auspacken: Erst ein schwieriger Safty-Run, dem im zweiten Lauf eine Steigerung folgt und zum Schluss: „Volle Kanne die schwierigsten Tricks raushauen.“

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