Attraktiv, erfolgreich, teamorientiert: Georg Clarke, alter und neuer Präsident des Bayerischen Handball-Verbands, will in den kommenden drei Jahren den Aufwärtstrend seiner ersten Amtszeit fortführen. 
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Attraktiv, erfolgreich, teamorientiert: Georg Clarke, alter und neuer Präsident des Bayerischen Handball-Verbands, will in den kommenden drei Jahren den Aufwärtstrend seiner ersten Amtszeit fortführen. 

INTERVIEW MIT BHV-PRÄSIDENT GEORG CLARKE

Clarke ist überzeugt: „Der Verband ist ein Service-Leister und muss mehr für die Basis tun“

  • vonWolfgang Stauner
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Der Präsident des Bayerischen Handball-Verbands Georg Clarke zieht ein positives Resümee seiner ersten Amtszeit, will aber auch in den kommenden drei Jahren das Image des BHV verbessern.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Bayerische Handball-Verband (BHV) hat vor Kurzem seinen 32. Verbandstag digital abgehalten und dabei unter anderem das Präsidium neu gewählt. Präsident Georg Clarke hatte sich für eine weitere Amtszeit zur Verfügung gestellt und ist mit 45 Ja-Stimmen von 56 Delegierten wiedergewählt worden (wir berichteten). Corona-bedingt war die geplante Präsenzveranstaltung ausgefallen, eine Videokonferenz und ein briefliches Umlaufverfahren haben die normalerweise persönlich vorgenommenen Aussprachen, Wahlen und Abstimmungen ersetzt. Erstmals stimmten die Delegierten des Verbandstages per Brief über Neubesetzungen im Präsidium und anderen Ämtern ab. In kleiner Runde fand die Auszählung unter Aufsicht eines Notars statt. Das neue Team von Präsident Georg Clarke (56) besteht aus alten und neuen Gesichtern: Weiterhin am Ball ist der Tölzer Clarke selbst – seit 2002 Präsidiumsmitglied und seit 2017 Präsident. Die Heimatzeitung sprach mit dem alten und neuen Präsident über das Erreichte der vergangenen Legislaturperiode sowie über Pläne, Ziele und Herausforderungen der kommenden drei Amtsjahre.

Servus Herr Clarke, Glückwunsch zur Wiederwahl. Wie sehr mussten Sie um Ihr Amt zittern?

Ich war der einzige Kandidat, aber zittern muss man bei einer Wahl immer. Es war auch kein einstimmiges Ergebnis. Das spornt mich an, in der kommenden Legislaturperiode auch die elf Gegenstimmen zu überzeugen.

Der Verbandstag hat mit dieser Videokonferenz coronabedingt Neuland betreten. Wie muss man sich so einen Online-Verbandstag vorstellen?

In Grunde nicht viel anders, als einen ordentlichen Verbandstag auch, nur in kleinerem Kreis. Die 56 Delegierten und alle Ehrengäste haben einen Zugangscode zu dem Online-Seminar bekommen. Dann gab’s die Grußworte, die Berichte der einzelnen Sparten, dann sind die Anträge diskutiert worden und zum Schluss haben sich die zu wählenden Personen vorgestellt. Die neuen Kandidaten haben sich etwas ausführlicher vorgestellt. In 120 Minuten war alles rum.

Und wie ist die Briefwahl vonstatten gegangen?

Wahlen, Abstimmung über Anträge und Entlastung haben nach dem digitalen Verbandstag stattgefunden. Die 56 Stimmberechtigten haben diese drei Punkte auf einem Formular ausgefüllt und per Einschreibebrief an einen Münchner Notar geschickt. Der hat das dann in seinem Notariat ausgezählt.

Sie sind mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Die bayerischen Vereine scheinen mit Ihrer Arbeit in den vergangenen drei Jahren zufrieden gewesen zu sein…

Angesichts des Ergebnisses gehe ich davon aus, dass der Großteil der Vereine zufrieden war. Das führe ich auf drei Gründe zurück. Der erste große Erfolg, für den ich übrigens gar nichts kann, war die Austragung der Männer-WM 2019 unter anderem in München. Das hat ein sehr positives Echo bei unseren Mitgliedern gefunden. Von den fünf Spieltagen in der Olympiahalle waren vier ausverkauft – und das ohne deutsche Beteiligung. Diesen Erfolg hätte uns keiner in Handball-Deutschland zugetraut. Das war ausschließlich ein Verdienst der Vereine und Mitglieder in ganz Bayern, die in die Halle gekommen sind. Der zweite Bereich der Zufriedenheit ist darauf zurückzuführen, dass wir weitestgehend alle Vereine bei Entscheidungen zu Spielbetrieb oder finanzielle Belastungen mitgenommen haben. Sei es in Vereinsvertreterbesprechungen, sei es in Meinungsumfragen. Das ist gut angenommen worden. Und der dritte Punkt ist: Wir konnten das Image des Handballsports in Bayern und innerhalb der Handballfamilien deutlich steigern, beispielsweise durch mehr Mitarbeiter in der Geschäftsstelle. Ein Mitarbeiter ist hierbei herausragend: Es ist uns gelungen, Dominik Klein, einen Weltmeister von 2007, als das Gesicht des bayerischen Handballverbands zu präsentieren.

Was zeichnet Dominik Klein aus, außer dass er Weltmeister war?

Er ist ein Strahlemann, eine Identifikationsfigur, ähnlich wie Felix Neureuther im Skisport. Klein begeistert die Leute mit seiner puren Anwesenheit. Er arbeitet beim BHV als Marketingleiter und engagiert sich unter anderem im Bereich der Talentförderung, zum Beispiel an Schulen.

Dass sich der BHV auch im Leistungssport verbessert hat, dürfte auch eine Rolle für die positive Resonanz gespielt haben...

Richtig, aber leider nur im Männerbereich. Da haben wir mit Erlangen und Coburg jetzt zwei Bundesligisten. Und auch in der zweiten Bundesliga sind wir mit Fürstenfeldbruck und Rimpar sehr gut aufgestellt.

Beach-Handball hat auch eine großen Zulauf erlebt...

Ja, das klingt zunächst etwas unglaubwürdig, weil wir in Bayern ja keine Strände haben. Aber mit den Vereinen Ismaning und Schleißheim stellt der Bayerische Handball-Verband die Deutschen Beach-Handballmeister im Jugend- und Erwachsenenbereich. Auch die meisten Nationalspieler kommen aus diesen Talentschmieden. Und der Beach-Nationaltrainer der Frauen, Alexander Novakovic, kommt ebenfalls aus Ismaning.

27 Jahre war Ihr Vorgänger Gerd Tschochohei im Amt? Wir groß waren die Fußstapfen eines so erfahrenen Präsidenten?

Die waren nicht nur sehr, sehr groß – sie sind es immer noch. Das Positive ist, dass der ehemalige Präsident Gerd Tschochohei dem neuen Präsidenten Georg Clarke nach wie vor beratend zur Verfügung steht.

Klar, der Weg von Tölz nach Lenggries ist ja auch nicht allzu weit...

Genau, und außerdem war ich in den Jahren davor Tschochoheis Vizepräsident im Bereich Leistungssport und somit immer eng an seiner Seite. Außerdem tue ich nichts Anderes, als den erfolgreichen Weg von Gerd Tschochohei fortzusetzen.

Was waren die größten Herausforderungen in Ihrer ersten Amtsperiode?

Es ist blöd, immer wieder Corona ins Feld zu führen. Aber diese herausfordernde Situation war noch nie da – weder in der Gesellschaft noch im Sport. Eine große Herausforderung war, eine Saison mittendrin abbrechen zu müssen ohne sportliche Messbarkeit. Wir habe dann eine Quotientenregel eingeführt und mussten Auf- und Absteiger mit Zahlen nach dem Komma berechnen. Wenn man bestimmen muss, ob eine Mannschaft wegen 0,5 Punkten in den Profibereich der 3. Liga aufsteigen darf oder auch nicht, ist das schon sehr schwer.

Und wenn man Corona mal beiseite nimmt?

Da lag mir zweierlei am Herzen. Zum einen wollen wir den Verband an die Veränderungen der Gesellschaft anpassen und im Hauptamt deutlich mehr professionalisieren. Nicht, um das Ehrenamt wegzubekommen, sondern, um das Ehrenamt zu entlasten. Diese Professionalisierung bedeutet natürlich für die Vereine mehr Serviceleistungen. So haben wir zum Beispiel die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle fast verdoppelt, und zwar ohne die Vereine finanziell mehr zu belasten. Das wollen wir über Marketingerlöse ausgleichen. Auch die WM hat eine Rolle gespielt, dass wir uns das leisten konnten. Diesen Strukturwandel im Verband kann man nicht von heute auf morgen machen, darum ist es eine Zielsetzung, diese Umstrukturierung in der neuen Legislaturperiode fortzusetzen. Der zweite wichtige Punkt ist die Imageverbesserung der Verbands. Denn diese Dachorganisationen – und das ist nicht nur im Handball so – werden von den Mitgliedern meist nicht nur positiv wahrgenommen. Wenn der Bayerischen Handball-Verband bei einem Verein wie dem TV Bad Tölz aufschlägt, dann meist, um Strafen auszusprechen oder Gebühren zu kassieren. Ich will, dass die Vereine den Verband als Service-Leister sehen. Jemand, der ihnen was gibt, Vorteile verschafft und Hilfestellungen anbietet.

Gab’s auch Knackpunkte oder Reibereien auf Verbandsebene?

Durchaus. Ein großer Streitpunkt war nach dem ersten Lockdown und der Quotenregel die Neuzusammenstellung der Spielklassen für die Saison 20/21. Da gab es zwar kein Falsch und kein Richtig, aber leider einige Verlierer. Eine Quotientenberechnung spiegelt halt nicht immer die sportliche Leistung einer Mannschaft wieder.

Wie sieht denn diese Quotientenregelung aus?

Diese Regelung haben wir aus Skandinavien übernommen und heißt „Norwegisches Modell“. Dabei nimmt man nimmt die Anzahl der ausgetragenen Spiele, geteilt durch die Pluspunkte der Mannschaft mal 100.

Wurden die Jugendspielklassen auch so zusammengestellt?

Für die Saison, die nun nicht stattfindet, wurden die Werte der vergangnen drei Jahre der Jugendarbeit eines Vereins gewertet, also Ligazugehörigkeit, Tabellenplatz. Aber auch da ist es zu Ungerechtigkeiten gekommen, besonders wenn Spieler gewechselt sind.

Hört sich kompliziert an...

Eben, drum wollen wir künftig die Ergebnisse wieder auf sportlichem Weg haben.

Verbandsarbeit geschieht in der Regel hinter den Kulissen. Wo kann man was besser machen?

Besser werden kann das Präsidium im Bereich Transparenz seiner Entscheidungen. Das fordern die Mitglieder auch von uns. Und den Mitglieder, die diesen Sport ja auch bezahlen, ist man es schuldig, die Entscheidungen transparent darzustellen. Da haben wir Nachholbedarf.

Vor Ihrer Funktionärslaufbahn waren Sie jahrzehntelang Spieler beim TV Bad Tölz. Kommt Ihnen diese Erfahrung in der Verbandspolitik zugute?

Ich hoffe es. Aber ich habe eine Frau an meiner Seite (Jane Clarke, d. Red,), die nicht nur dem TV Bad Tölz vorsteht, sondern nach wie vor die Seele der Handballabteilung ist. Sie sagt immer: Du darfst beim BHV und beim DHB alle Ehrenämter bekleiden, solange du auch eine Funktion im Verein behältst. So weißt du immer, wo du herkommst und was du an der Basis auslöst, wenn du etwas entscheidest. Deshalb pfeife ich für den TV immer mal wieder ein Jugendspiel oder leite eine Trainingseinheit. Mit diesem Regulativ bin ich in den vergangenen Jahren stets gut gefahren.

Zur Zeit pausiert der Spielbetrieb in den Amateurligen und für den Re-Start gibt es drei Szenarien: Einfachrunde ab 27. Februar, Kleinturniere innerhalb der Ligen sowie Abbruch im Mai und Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit dem Stand September 2020 im kommenden Herbst. Zu welchem tendieren Sie?

Am sinnvollsten erachte ich – natürlich nur, sobald es die Gesellschaft zulässt – den Spielbetrieb mit einer Einfachrunde wieder aufzunehmen. Es muss natürlich vor dem Re-Start einen vierwöchigen Zeitkorridor geben, um in der Halle zu trainieren.

Die Saison für den Nachwuchs hat das Präsidium bereits Anfang Dezember beendet. Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?

Das war die schwerste Entscheidung in meiner gesamten Amtszeit. Mit dem Lockdown im März musste ich den Jugendlichen praktisch den Meistertitel wegnehmen. Aber auch die Annullierung dieser Saison nach nur zwei Spieltagen ohne die Option der Wiederaufnahme ist sehr schwer gewesen. Einer der Hauptaufgaben des Verbands in den kommenden Monaten muss sein, mit seinen Vereinen in Verbindung zu bleiben. Denn die Mitgliederrückgänge werden den gesamten Sport, nicht nur Handball, treffen. Kleinere Rückläufe bei den Meldezahlen spüren wir schon jetzt. Der Verband muss seine Vereine unterstützen und sagen: Wir sind für Euch da! Und wir tun alles, damit wir sobald wie möglich in den Spielbetrieb zurückkehren.

Blicken wir auf die Zeit nach Corona: Wo liegen die Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Eine der großen Herausforderungen wird sein, Mitglieder zu halten, damit sie nach ein paar Jahren nicht zu einer anderen Sportart abwandern, oder ganz mit dem Sport aufhören. Die Ansprüche an einen Sportfachverband haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Unsere Mitglieder verlangen mehr Angebot, mehr Leistung und mehr Service. Es ist die große Herausforderung für den Verband, das zu leisten und es auch den Vereinen zu ermöglichen, ihrerseits die Mitglieder zu halten. Die zweite große Herausforderung stellt sich im Leistungssport, um weiterhin positiv aufzutreten. In dieser Hinsicht hat der BHV im männlichen und weiblichen Jugendbereich tatsächlich Defizite in den vergangenen Jahren gehabt. Durch eine bessere Trainerausbildung und durch eine bessere Förderung der Kaderspieler wollen wir das aufholen. Damit die besten bayerischen Nachwuchsspieler nicht zu den Handball-Internaten nach Berlin, Leipzig, Magdeburg oder Hannover wechseln müssen, sondern in Bayern bleiben können.

Bei so viel Verbandsarbeit – können Sie denn da auch noch ein paar Spiele des TV Bad Tölz oder der HSG Isar-Loisach verfolgen?

Wenn ich meine Frau frage, dann viel zu wenige (lacht). Aber ich sitze immer gerne auf die Tribüne in der Tölzer Halle. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen sind noch viele Spieler dabei, die ich selbst einmal trainiert habe. Von daher freue ich mich immer wieder, wenn ich denen zuschauen kann. Bei der HSG Isar-Loisach bin ich zuletzt sehr selten gewesen, aber wenn ich es geschafft habe, dann sehr gerne. Die HSG ist mit der Bündelung der Talente in unserem Landkreis das interessanteste Handball-Modell derzeit. Die HSG macht eine sehr gute Jugendarbeit und ist damit sehr erfolgreich.

Das BHV-Präsidium für die Legislaturperiode 2020/23

Präsident: Georg Clarke; Vizepräsidenten: Ingrid Schuhbauer (Spielbetrieb), Ben Schulze (Leistungssport), Klaus-Dieter Sahrmann (Finanzen), Matthias Obinger (Bildung), Oliver Vogler (Verbandsentwicklung), Felix Rockenmayer (Jugend & Mitgliederentwicklung) und Peter Kastenmeier (Recht).

Lesen Sie auch: Die drei Szenarien für den Re-Start

Strahlemann im Auftrag des BHV: Dominik Klein, einer der Handball-Weltmeister von 2007, begeistert die Leute mit seiner positven Art – wie hier beim spielerischen Training mit einer achten Klasse am Ismaninger Gymnasium. 

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