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Triathlon-Profi Markus Hörmann: „Die richtige Strategie fängt im Kopf an“

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Von: Wolfgang Stauner

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Training vor Bilderbuchkulisse: Triathlon-Profi Markus Hörmann – im Hintergrund Brauneck und Benediktenwand.
Training vor Bilderbuchkulisse: Triathlon-Profi Markus Hörmann – im Hintergrund Brauneck und Benediktenwand. © Alexander Fuchs

Greiling – Ausbrechen aus eingefahrenen Bahnen, im Training neue Impulse und Reize setzen, um in den Wettkämpfen besser zu performen – das erhoffte sich Profi-Triathlet Markus Hörmann, als er vor einem Jahr ins Trainerteam von Florian Heck und Philipp Seipp gewechselt ist. Nach einer durchwachsenen Saison mit ein paar Höhen zieht der 31-jährige Greilinger, der für den WSV Bad Tölz startet, dennoch eine positive Bilanz.

Servus Herr Hörmann, der erste Schnee liegt. Da beginnt jetzt wohl die ruhigere Zeit im Leben eines Profi-Triathleten.

Meine ruhigere Zeit liegt tatsächlich schon hinter mir. Da habe ich die Intensität komplett rausgenommen. Jetzt bin ich schon wieder am Aufbau. Ich arbeite an Grundlage und Technik. Die Intervalle sind kurz, aber knackig. Zur Zeit mache ich Treppensprints in Hohenburg. Da quäle ich mich eine Stunde an den Treppen ab.

Also kein Diwan?

Niemals! Seit meinem Trainerwechsel vor rund einem Jahr bin ich viel mehr draußen unterwegs. Auch, wenn’s richtig greißlig ist. An der frischen Luft ist es halt schöner und auch kurzweiliger. Erst wenn’s eisig ist, wird es mir draußen zu gefährlich, dann geht’s auf die Rolle. Gewisse Einheiten kann man ohnehin nur auf der Rolle trainieren – auch im Sommer. Zum Beispiel Einheiten mit 30 Sekunden Vollbelastung im Wechsel mit 30 Sekunden Grundlage. Das kann man auf der Straße nie so konstant darstellen.

Im wettkampfmäßig ruhigen Jahr 2020 haben Sie sich in sportlicher Hinsicht neu orientiert und einer neuen Trainingsgruppe angeschlossen. War das die richtige Entscheidung?

Definitiv! Es hat sich brutal viel geändert, und zwar ausschließlich zum Positiven. Ich bin so fit, wie ich noch nie in meinem Leben war. Wir haben viel an der Aerodynamik gearbeitet beim Radeln, viel an der Schwimm- und Lauf-Ökonomie. Alle Leistungsdiagnostiken waren bombastisch gut.

Können Sie das auch mit Zahlen belegen?

Auf der Langdistanz habe ich mich allein auf den 3,8 km Schwimmen um vier Minuten verbessert. Beim Ironman Klagenfurt bin ich nach 48 Minuten aus dem Wasser – das ist ein Quantensprung.

Die Abbrüche bei den Mitteldistanzrennen in Riccione und Danzig haben aber eher nach Rück- statt Fortschritt ausgesehen.

Ja, bei den Rennen ist nicht alles so positiv gelaufen, wie sich das im Training angedeutet hat. Die Trainingsleistungen habe ich viel zu selten im Rennen umsetzen können. Beim 70.3 in Zell am See ist mir das endlich gelungen. In einem Weltklassefeld bin ich Fünfter geworden – das erste Mal seit über sechs Jahren. Riccione war ohnehin ein Schnellschuss. Ich habe Lust gehabt, mich gut gefühlt, und so ist das Rennen erst neun Tage vor dem Wettkampf in meinen Kalender gerutscht. Aber bis Danzig haben ein paar Dinge nicht gepasst, beispielsweise die Wettkampfernährung.

Ihr letzter Wettkampf lag zu Saisonbeginn auch schon eineinhalb Jahre zurück.

Eben, ich bin älter geworden, zum anderen verstoffwechselt mein Körper inzwischen besser. Mein Körper braucht weniger Kohlehydrate, um gut zu funktionieren. Schlicht und ergreifend war ich im Rennen ständig überfressen.

Haben Sie auch beim Material umgestellt?

Ja, ein ganz wichtiges Thema beim Material ist der Laufschuh. Auf diesem Sektor hat sich in den vergangenen zwei Jahren gerade mit den Carbonschuhen sehr viel getan. Da ich keinen Schuhsponsor habe, habe ich mich Anfang des Jahres durch etliche Modelle durchprobiert. Mein ursprüngliches Modell hat zwar im Training super funktioniert, aber auf der Mitteldistanz war es im Rennen zu instabil, weil meine Rumpfstabilität nicht ausgereicht hat.

An deiner absoluten Leistungsgrenze zeigt sich, wie viel Kraft du noch in der Birn’ hast.“

Markus Hörmann, Profi-Triathlet aus Greiling

Den 16. Platz beim Ironman 70.3 in Rapperswil konnte man als solide bezeichnen. Aber Ihr eigener Anspruch ist doch höher?

Außenrum waren einfach so viele Nebengeräusche, die mich mental belastet haben. Zum einen war die Corona-Situation sehr schwer für mich. Zum anderen war es fast schon ein überraschender Knall, wie brutal sich die Leistung in den eineinhalb Jahren Wettkampfpause entwickelt hat. Einfach pervers. Hinzu kam der ausgedünnte Wettkampfkalender in Europa. Das große Feld der Athleten hat sich auf die wenigen Rennen gestürzt. Beinahe jedes Rennen war besetzt wie eine Europameisterschaft. Es gibt kein Taktieren und Zurückhalten mehr. Vom Start weg wird geballert: Entweder du überlebst es, oder es zerreißt dich.

Das beste Saisonrennen war dann wohl in Zell am See: Platz fünf in einem Weltklassefeld. Hat es Sie da auch zerrissen?

Nein (lacht), da habe ich endlich zeigen können, was ich drauf habe. Das Wetter war zwar furchtbar: vier Grad am Start, die Berge ringsum waren verschneit. Aber da war ich mit mir voll im Einklang, das hat schon mit der Anreise begonnen. Und schon ist’s in die Top-Fünf gegangen. Da habe ich mein Potenzial gesehen, aber eben auch, dass es an mir liegt, das auf die Straße zu bekommen.

Aber nur so kann man Sponsoren überzeugen.

Das hatte ich auch lange geglaubt. Aber das muss man differenzieren. Der klassische Rad-Sponsor interessiert sich natürlich in erster Linie für Platzierungen. Doch die meisten Sponsoren interessieren sich nicht so sehr dafür, welche Medaillen du erringst, sondern sind eher daran interessiert, was du neben der Rennstrecke bieten kannst. Die Zeiten, dass du die Sponsorengelder einstreichst, aber außer einem guten Rennen nichts mehr machen musst, die sind längst vorbei.

Auch bei Wind und Wetter draußen: Das Wintertraining an der frischen Luft ist kurzweiliger.	Foto: privat
Auch bei Wind und Wetter draußen: Das Wintertraining an der frischen Luft ist kurzweiliger. Foto: privat © privat

Da haben Sie mit dem Stoffwechsel-Coaching ein Pfund, mit dem Sie ordentlich wuchern können.

Allerdings, wir können ein Superpaket liefern: Stoffwechselberatung, Motivationsvorträge und andere Seminare für die Mitarbeiter. In dieser Hinsicht sind wir gut aufgestellt und für Sponsoren total interessant.

Und beim Saisonhöhepunkt, dem Ironman Klagenfurt, ist es fast zum Gau gekommen – eine gebrochene Felge. Ist Ihnen so was schon mal passiert?

Noch nie. Ich hatte in meinen Rennen, und das sind ja doch schon etliche, noch nicht einen einzigen Platten oder sonstigen Defekt. Ärgerlich, aber es passiert halt mal. Auch wenn ich auf der Radstrecke intensiver fahren musste und vier, fünf Minuten verloren habe, wäre immer noch eine Top-Zehn-Platzierung möglich gewesen. Aber beim Laufen habe ich es schlichtweg nicht geschafft, so tief in den Schmerz reinzugehen, um diese Platzierung zu erreichen.

Womit man wieder beim Mentalen wäre...

Eben, Platz zehn in einem Weltklassefeld ist immer noch eine Weltklasseleistung. Die mentale Stärke, die ich vor meiner Hüft-OP (2016, Anm. d. Red.) hatte, fehlt mir inzwischen. Diese Leichtigkeit, die mich früher ausgezeichnet hat, möchte ich mir wieder zurückholen. Es geht darum, im Rennen alle Reserven aufzubrauchen und auf der Ziellinie quasi umzufallen. Das hat heuer noch nicht funktioniert, aber das braucht’s, um als Weltklasse-Athlet auch Weltklasse-Platzierungen herauszuholen.

Und Sie glauben, dass das alleine mit Ihrer Hüft-OP zusammenhängt?

Bis zu jenem Punkt habe ich das gekonnt. Aber dann fingen die ärztlichen Ratschläge an: „Du musst deine Hüfte behandeln wie ein rohes Ei. Die Gesundheit ist das Wichtigste, was du hast.“ Wenn dir dieses Mantra über Jahre eingetrichtert wird, verinnerlichst du das auch. Das ist wie eine Handbremse. Wenn einem Leistungssportler fünf Prozent fehlen, ist das eine Welt.

Wie hat der Mentalcoach Ihnen denn konkret helfen können?

Ein paar Wochen nach Klagenfurt haben wir angefangen. Und ich merke schon jetzt im Training, dass ich mich viel besser ausbelasten kann. Ich kann wieder Grenzen verschieben und mich richtig, richtig plagen.

Zum Beispiel?

Wir bauen im Wintertraining Fünf- und Zehn-Kilometer-Läufe ein, bei denen es darum geht, absolute Maximalleistung zu bringen. Wenn sich das Wissen im Kopf festsetzt, dass das meinem Körper nichts ausmacht, kann ich dieses Selbstvertrauen auch im Wettkampf abrufen.

Wenn Sie sagen, dass wegen Corona ein Loch in Ihrem Budget klafft, schwingt wohl auch etwas Existenzangst im Hinterkopf mit. Oder können Sie die Einbußen mit Ihren Tätigkeiten als Stoffwechsel-Coach und Kaffeeröster auffangen?

Jein, aber es hat sich in den vergangenen zehn Monaten unglaublich viel getan. Meine Frau Marie hat sich ebenfalls als Stoffwechsel-Coach selbstständig gemacht. Und somit können wir viel mehr Aufträge annehmen. Als ich das noch alleine gemacht habe, musste ich an einem gewissen Punkt absagen, weil sonst meine Profikarriere darunter gelitten hätte. Durch Corona haben sich sehr viel Materialsponsoren aus der Breite zurückgezogen, die unterstützen jetzt nur noch die absoluten Top-Triathleten. Dadurch bleiben viel mehr Ausgaben für Material und Reisen, die der Einzelne selbst schultern muss.

Sind denn Ihre Sponsoren alle an Bord geblieben?

Das kam erschwerend hinzu: Aufgrund der Corona-Situation sind ein paar Sponsoren abgesprungen. Das verstehe ich vollkommen. Wer Einsparungen treffen muss, um Personal zu halten, der spart halt am Sponsoring. Aber wenn dir auf einen Schlag 20 000 bis 25 000 Euro im Budget fehlen, denkst du dir auch: Wie geht das jetzt weiter? Das aufzufangen, ist mental nicht einfach.

Das ist auch ein Bremsklotz für die Leistung.

Noch nicht einmal im Training. Da habe ich solche Sorgen gut ausblenden können. Aber im Rennen, wenn du an deine absolute Leistungsgrenze kommst, dann zeigt sich, wie viel Kraft du noch in der Birn’ hast. Drum haben wir im Laufe des Jahres auch einiges verändert. Meine Frau Marie hilft mir im Management. Wir haben in Sachen Sponsoring schon einiges fürs kommende Jahr auf die Reihe bekommen – das schaut richtig gut aus. Und: Nach dem Ironman Klagenfurt habe ich einen Mentaltrainer in unser Team geholt. Ein ganz wichtiger Schritt für einen sensiblen Menschen wie mich.

Nach der Saison ist vor der Saison. Tüfteln Sie mit Ihren Trainern bereits an der Wettkampfsaison 2022?

Genau. Eigentlich wollte ich als Saisonabschluss noch den Ironman South Africa bestreiten (20. November, Anm. d. Red.), weil ich das Fiasko von Klagenfurt nicht so stehen lassen wollte. Das Problem war, dass mir die Impfung brutal zugesetzt hat. Ich habe eineinhalb Wochen Probleme mit der Lunge gehabt, habe nächtelang gehustet und kaum Luft bekommen. Deswegen habe ich zwei, drei Wochen nur minimal trainieren können. Eine greißlige Zeit. Aber das Down ist überwunden. Ich schwimme schon jetzt schneller als vor Klagenfurt. Im Winter werde ich außerdem an einigen Crossläufen teilnehmen, um die Wettkampfhärte wieder in den Körper zu kriegen. Und mal sehen, ob es klappt: Im April möchte ich gerne für einen Monat in die USA reisen. Anfang April findet die Mitteldistanz „70.3 Texas“ statt und Ende April der Ironman Texas. Ist halt die Frage, ob man bis dahin wieder reisen darf.

„Wir können den Sponsoren ein Superpaket liefern“: Marie und Markus Hörmann.
„Wir können den Sponsoren ein Superpaket liefern“: Marie und Markus Hörmann. © Alexander Fuchs

Da höre ich als Ihr Ziel die Hawaii-Quali heraus...

Klar, Hawaii ist immer das Ziel für einen Triathleten. Aber im Juni, Juli und August gibt es auch in Deutschland und Umgebung viele tolle Rennen. Die Challenge Roth steht da ganz oben auf der To-do-Liste. Auch der Ironman Frankfurt. Das ist mal der Plan bis Sommer.

Sie haben sicher noch ein paar Stellschrauben, mit denen Sie ein paar Prozent rauskitzeln können?

Die wichtigste ist der Mentalcoach. Ansonsten heißt es, alle drei Disziplinen zu ökonomisieren und an der Aerodynamik beim Radfahren zu feilen. Da habe ich im Kleidungsbereich einen Partner, der extrem auf diese Aerodynamik-Details schaut. Was wir auch sehr viel über den Sommer gemacht haben, war ein individualisiertes Krafttraining. Dadurch bin ich im Core-Bereich (Rumpfmuskulatur, Anm. d. Red.) viel stabiler geworden. Das merke ich brutal beim Schwimmen und Laufen. Somit versuche ich mit meinen Trainern, alle Performance-Nuancen auf ein neues Niveau zu heben. Den Rest macht die langfristige Entwicklung.

Weil Sie von Impf-Nebenwirkungen berichten: Wie haben Sie als Profi-Sportler eigentlich die Impfthematik gehändelt?

Ich habe in dieser Sache meine Ärzte konsultiert. Die haben mir dringend geraten, mich nicht vor Saisonende impfen zu lassen. Sie hatten nämlich einige Profi-Sportler, die einige Wochen gebraucht haben, bis sie sich wieder erholt haben. Meinen Termin habe ich nach dem Klagenfurt-Rennen (4. Juli, Anm. d. Red.) gehabt. Aber in den Wochen davor war es krass: In zwei Wochen habe ich mich zehnmal testen lassen: vor jedem Schwimmtraining, vor jeder Anreise, vor jedem Rennstart. Das war eine ganz komische, unbehagliche Zeit.

Haben Sie von Infektionen in der Triathlon-Szene heuer was gehört?

Ich habe von keinem Rennen gehört, dass irgendwo ein Fall gewesen wäre, geschweige denn, dass einer der Wettbewerbe ein Pandemie-Treiber gewesen wäre. Auch aktuell in Südafrika haben die Sportler gar nichts mitbekommen, und im gesamten Feld gab es keine einzige positive Testung, weder vor noch nach dem Rennen. In diesem Zusammenhang ist eine Infektionsauswertung von der Challenge Roth interessant. Auch bei diesem Wettkampf hat es keine einzige Ansteckung gegeben.

Aber in Roth gab es auch sehr strenge Schutzmaßnahmen.

Klar, in Roth war das Starterfeld auf die Hälfte, also auf 1500 Sportler, reduziert. Es gab kaum Zuschauer an der Strecke, und überall herrschte Maskenpflicht. Aber die Veranstalter haben das richtig gut hinbekommen. Wenn alle das so gut hinbekommen, ist mir vor der nächsten Saison nicht bange.

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