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Das Erfolgstandem: Robert Dühring (l.) und Trainer Stephan Harlander in einem Bundesligaspiel für Nürnberg. „Harli“ war der große Förderer des Geretsrieders.

EIN BASKETBALL-ABENTEUER 

Einst Quälgeist in der Bundesliga, nun Topscorer in der Bezirksliga

Einst arbeitete Robert Dühring als Quälgeist in der Basketball-Bundesliga. Heute nervt er seine Gegenspieler in der Bezirksliga: Das ungewöhnliche Abenteuer eines Geretsrieders, der zufällig Profisportler wurde.

Es gibt ein neues Projekt für – nennen wir sie ganz unverblümt – Basketball-Senioren. Die Tölzer machen mit, die Waldramer sind dabei und auch die Geretsrieder. Zur neuen Saison, bestenfalls irgendwann im Herbst, bilden sie ein neues Ü 40-Team. Sie suchen nur noch den passenden Trainer.

Robert Dühring wird dann 41 Jahre alt sein. In der Welt des Senioren-Basketballs zählt er zu den Jungen. Vor ein paar Jahren, das war noch in der Kreisliga, hat er einmal gegen die Germeringer Oldies gespielt. Alle über 50, ein paar jenseits der 60, und einer knackte gar die 70. „Die sind hoch und runter gerannt – schneller als ich“, scherzt der Geretsrieder (noch 40). Nun darf man sein Tempo wirklich nicht als Maßstab nehmen. Schon mit 15 Jahren haben ihn die Fußballtrainer beim TuS Geretsried aus der Viererkette aussortiert, weil er zu langsam für das Verteidigen war. Dühring wuchs schneller, als er rannte. Nur zwei Jahre später, geschätzt, erreichte er die Zwei-Meter-Marke. Wann genau, weiß er nicht mehr. Seitdem spielt er Basketball.

Er kann sich vorstellen, „das bis 50 durchzuziehen“. Nochmals zehn Jahre. „Um fit zu bleiben“, ergänzt er. Die Liga spielt keine Rolle mehr. Kreisliga, Bezirksklasse, Bezirksliga, Männer oder Ü 40? Egal. Hauptsache in Geretsried mit den Freunden. Die Elchtests liegt Jahrzehnte zurück. Dühring hat sich in Nürnberg bewiesen, seine Grenzen getestet. In der Ersten und Zweiten Bundesliga verdiente er drei Jahre mit Profisport seinen Unterhalt. Beim letzten Heimspiel rollten die Fans ein Banner aus („Danke Robi für 8 Jahre“) und schenkten ihm einen Plüschbären. Die Nürnberger Nachrichten huldigten ihn mit einem riesigen Abschiedsartikel, der unter anderem diesen salbungsvollen Satz (hier in verkürzter Version) enthielt: Die Söldner im Basketball kommen und gehen, Spieler wie Robert Dühring gehen auch – bleiben aber für immer „Falken“. So nennt sich der Klub seit 1922.

Der Start in das große Abenteuer jährt sich heuer zum 20. Mal. Heutzutage würde es eine Laufbahn im Dühring-Stil höchstwahrscheinlich nicht mehr geben. Die Großklubs aus München locken Talente mit elf, zwölf Jahren an. Man muss das Wettbieten um Kinder nicht gut finden. Aber selbst in der Randsportart Basketball regieren das Geld und die Gier. Schwer zu sagen, ob Dühring den Weg durch die Knochenmühle angetreten wäre. Immerhin fuhr er in seiner Jugend eine Zeit lang zum Fußballtraining nach Unterhaching. „Je höher, desto besser“ war sein Motto. Andererseits betont er auch: „Ich habe meine Jugend sehr genossen.“ Wilde Zeiten.

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Dührings Gabe für den Ballsport entdeckte Eva Weikert, eine Journalistin. Er 19 Jahre alt. Sie schrieb für die SZ und war mit Stephan Harlander, Co-Trainer in Nürnberg, liiert. Es ging danach ganz schnell. Harlander sollte sich den 19-Jährigen ansehen, der sich in der Kreisklasse A – vorletzte Liga – vergnügte. Dühring fuhr zum Vorspielen nach Franken. Er wusste nicht, wer und was ihn erwartet. Er wusste nur, dass er auf jeden Fall in Erlangen Biologie studieren könne. Als er in der Turnhalle gegen all die Talente, die aus vielen Ecken Deutschlands kamen, antrat, merkte er, wie wenig er von dem Sport verstand, den er liebte. Er beherrschte nicht einmal das Pick & Roll, die Kunst der Körpersperre, das Evangelium des Basketballs. „Ich war überfordert“, sagt er 20 Jahre später. Dann kam Harlander und sprach sein Urteil. „Du bist nicht unter den ersten 15.“ Dühring unterbrach. „Passt, ich spiel’ Reserve.“ Der „Harli“ lachte. „Du bist unter den zwölf Besten.“

Für die Gegner war Harlanders Entschluss unbegreiflich. Auch für Dühring. Vor dem Tag in Nürnberg hatte er sich für den Größten und Besten gehalten. Um festzustellen, „dass ich nicht einmal groß und gut bin“. Aber Dühring, 2,02 Meter lang, besaß etwas Untrainierbares, etwas Angeborenes. „Instinkt“, sagt der Geretsrieder dazu. Die anderen trafen besser, sprangen höher, dribbelten schneller. Aber Dühring tauchte, von magischer Hand geleitet, am richtigen Ort auf. Es dauerte Monate, gar Jahre, bis sich der Biologiestudent in einen verwertbaren Rollenspieler verwandelte und das Basketball-ABC nachlernte. Harlander, der das Potenzial aufgespürte hatte, protegierte ihn, wo es ging. In stressigen Zeiten erließ er Dühring das Training, nahm ihn nicht zu Auswärtsspielen mit. Zwischen den beiden formte sich ein unsichtbarer Bund. Der Gymnasiallehrer taufte ihn „Robi“. Niemand anderes nannte ihn so. „Roooobi“, schrie er, sobald Dühring ein Missgeschick unterlief. „Ich bin jedes Mal zusammengezuckt“, sagt Dühring. In acht gemeinsamen Jahren lernte er, dass das Geschreie nur Harlanders Ventil bei Emotionsüberschuss war. Dühring hörte weg, weil er weghören durfte.

Sein Coach hatte ihn zu einem Backup-Center von Bundesligaformat geformt. Ein Foul hier, ein Korbleger da, treffsicher von der Freiwurf- und der Dreierlinie, ein Quälgeist für jeden Gegner. Unter den Basketball-Elefanten mimte er den asiatischen, dem ein paar Zentimeter und Kilos zu den afrikanischen, den richtig großen Brocken, fehlte. Das Defizit beglich er mit Einsatz. „Du musst nervig sein. Einfach nervig, nervig, nervig, bis dein Gegner keine Lust mehr hat.“ Zu Erstligazeiten (2005 bis 2007) war Dühring Nürnbergs hauptberuflicher Störenfried. Eine Zeit lang erfüllte ihn der Job als Basketballprofi, für den er sich nach Studienende entschieden hatte. Nach drei Jahren, mit 29, stieg er aus dem monotonen Alltag (Training, Essen, Training, Schlafen) aus und Nürnberg in Liga drei ab. Nicht einmal sein Französisch hatte er aufpolieren können. Für Hobbys, er hatte sich das selbst anders gedacht, fehlte Zeit.

Das Ego braucht keine 40 Punkte in der Bezirksliga

Harlander zog nach Treuchtlingen weiter, Dühring mit seiner Frau – auch Lehrerin – nach Geretsried. Eine Biotech-Firma aus Martinsried (Planegg) bot einen Praktikumsplatz. Im selben Unternehmen stellt er heute Proteine her, die später – ganz vereinfacht gesagt – in einer Spritze landen. Seine Kinder – ein Sohn (9) und eine Tochter (6) – haben den Basketball als größtes Hobby abgelöst.

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Drei Jahre vertrieb er sich die Freizeit noch beim TSV Penzberg, der ein ambitioniertes Bayernliga-Team stellte. Dühring war dort der Prophet, zu dem alle aufschauten, der aus einem anderen Universum kam. In der Bayernliga traf er auf Gleichgesinnte. Frank Kropp aus Garmisch-Partenkirchen, ein paar Jahre vor Dühring einer der besten Werfer der Zweiten Liga. Oder Chris März aus Rosenheim, dem viele Talent für Liga eins zusprachen. „Super-Spieler“, sagt der Geretsrieder. „Da konnte man noch schönen Basketball spielen.“ Im zweiten Jahr verpasste Penzberg den Aufstieg im irrsten Saisonfinale aller Zeiten. Drei Mannschaften lagen punktgleich auf Rang eins. Dühring und die Kollegen schnitten im Dreiervergleich am schlechtesten ab. Vorige Woche jährte sich das Ereignis zum zehnten Mal. Wie das oft nach solchen Rückschlägen ist, zerfiel das Team langsam. Trainer Sebastian Schwepke, der junge Motor, ging. Sein Nachfolger sorgte sich weniger um Disziplin. Dühring, der Vater wurde, fuhr seltener die A 95 hinunter. „Bevor ich latschi fatschi in Penzberg spiele, kann ich gleich in Geretsried spielen.“

Seither spielt er wieder, wo alles angefangen hat. Als Teilzeitkraft hat er den TuS von der Kreisklasse in die Bezirksliga hochgeworfen. Dühring macht – mit wenigen Ausnahmen – nur die Heimpartien mit. Mit gnadenloser Beständigkeit gelingen ihm 25 Punkte im Schnitt. Ganz egal in welcher Klasse. „Ich brauche es nicht, 30 oder 40 Punkte zu machen“, betont er. Aber sobald er sich als beste Wurfoption sieht, schließt er ab. In keiner anderen Mannschaftssportart hängt das Wohl der Gemeinschaft so sehr am Individuum. „Ich hab’ den Ball schon gerne in der Hand.“ Im nächsten Jahr wohl in der Bezirksklasse. Geretsried überlegt, freiwillig abzusteigen. Damit es wieder mehr Spaß macht.

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