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Ihr neues Baby: Im Dezember 2018 eröffnet Bianca Höft (vorne) ihren „Sportraum“ in Lenggries, wo die Diplom-Sportwissenschaftlerin Kleingruppen-Kurse und Personal-Trainings anbietet.

SPORTLER IM PORTRÄT

Hürden sind für Bianca Höft mehr Ansporn als Hindernis

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Die Lenggrieser Extremläuferin und Sportwissenschaftlerin Bianca Höft steht beim Sport über den Dingen und singt nur noch im Auto.

Lenggries – Herausforderungen können sie nicht schocken. Im Gegenteil. „Wenn ich irgendwo Zweite geworden bin, war das immer ein Ansporn, noch besser zu werden“, sagt Bianca Höft. Oder als ihre Schwester daheim in Rostock von den Eltern Spikes (Laufschuhe für die Bahn) bekommen hat – und sie nicht. „Sie haben wohl in Henrike das Talent gesehen – und in mir nicht“, sagt die 32-jährige Lenggrieserin grinsend. Dabei war die damals Achtjährige tief getroffen, maßlos enttäuscht. Ihre junge Karriere stand auf Messers Schneide: Entweder aufhören – „oder jetzt erst recht“.

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Das wurde zu ihrem Motto. Sie machte weiter, intensiver als zuvor, verabschiedete sich aber endgültig von der ungeliebten Kurzstrecke, für „die mir das Talent fehlte“. Aber für sie war klar: „Hindernisse sind für mich da, um sie zu bewältigen“, stellt die Berg- und Ultraläuferin fest, die tatsächlich von den 3000-Metern-Hindernis als Leistungssport kommt.

Mittlerweile hat sie sich auf die längeren und extremeren Strecken verlegt, hat immer noch Probleme mit einer alten Beinverletzung und tanzt nun auf mehreren Hochzeiten: Den Spagat zwischen Familie mit ihren „zwei tollen Kindern“ Hugo (2) und Amelie (6), Wettkämpfe, ihre Arbeit als Therapeutin in einer Privatklinik in Bad Wiessee, Betreuung mehrerer professioneller Athleten – unter anderem als Mentalcoach von Clara Klug, erfolgreiche Para-Biathletin –, und seit Dezember vergangenen Jahres auch ihr neues Baby: der Sportraum in Lenggries, wo die 32-Jährige Kleingruppen-Kurse und Personal- Trainings anbietet. Ganz wichtig ist ihr dabei: „Spaß an der Bewegung und Freude bei den Teilnehmern.“

Aufgewachsen an derOstsee, zum Studiumnach München

Lachen ist für „Bibi“, wie sie von allen genannt wird, extrem wichtig. „Wenn ich nicht lache, geht’s mir wirklich schlecht.“ Ist sie angespannt, ist sie ungewöhnlich ruhig. „Aber das sind kurze Phasen, das geht schnell vorbei.“ Meist sucht und findet sie die Lösung der Probleme und will sie umsetzen – ohne mit dem Kopf durch die Wand zu rennen.

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Ein Charakterzug, den sie womöglich von guten Trainern und Förderern auf den Weg bekommen hat. Mit zwölf trat sie ihrem ersten Laufverein bei, dem LAC Rostock, kam schnell in den Landes-Laufkader. „Da hat immer die Leistung gezählt.“

Aufgewachsen ist Höft an der Ostsee als Gastronomen-Tochter. Verbrachte viel Zeit im Hotel, in dem der Papa als Koch und später Direktor und die Mutter als Gouvernante arbeitete. Sie ging in die Grundschule in Rostock, später ins Gymnasium, bis sich Sport als wichtiger Bestandteil ihres Lebens herauskristallisierte.

Dass man sie einmal ohne Sportklamotten antrifft, kommt in etwa so häufig vor, wie ein Regenbogen in der Sahara. Ab der elften Klasse wechselte sie auf die CJD Jugenddorf-Christophorusschule Rostock, eine Eliteschule mit Sportförderung. Höft spezialisierte sich neben dem Abitur, das sie mit 1,6 abschloss, auf die 3000-Meter-Hürden-Distanz, holte zweimal den Deutschen Jugend-Vizemeistertitel und wurde Vierte bei der Junioren-DM. Zwar kommt sie gut damit zurecht, einmal den Sieg zu verpassen. „Aber die Blechmedaille war vielleicht doch so ein einschneidendes Erlebnis.“ Es war ihr letztes Rennen auf der 3000-Meter-Hindernis-Strecke. Und der Abschied vom Leistungssport. Sie fing erst wieder mit dem Laufen – als Hobby – an, als sie ein Diplom-Studium in Jena begonnen hatte. Sport, Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation, „und nicht Medizin oder Jura, wie mein Vater es gerne wollte“, sagt sie lachend. „Er wollte mich daraufhin enterben“, fügt sie hinzu und grinst. Sie setzte sich durch, wechselte zum Hauptstudium nach München – in die Nähe der Berge, die sie schon immer geliebt hat. „Meer ist auch schön, aber die Berge waren mir schon immer noch lieber.“

Bereits früher war sie zum Langlaufen oder Skifahren in den Alpen, sie geht auch gern Wandern. Doch vor allem Laufen hilft ihr, den Kopf frei zu kriegen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. „Sobald ich meine Laufschuhe anziehe und losstarten kann, bin ich glücklich.“ Andere machen vielleicht einen Mittagsschlaf, um zur Ruhe zu kommen. Höft läuft bergauf. Seekar, Zwiesel, Heiglkopf, egal. „Das Ziel ist oben, da steh’ ich über den Dingen.“

Das Moppelchen voneinst hat sich zumKraftpaket entwickelt

Ein Zustand, den sie bei ihrer anderen Passion auch erreichte. Bis zum Abitur schwelgte sie in höchsten Tönen, sang in einem Gospelchor. Doch die Solodarbietung „Oh happy day“ beim Abiball war ihr letzter Auftritt. „Ich hatte zu wenig Zeit fürs Training.“ Singen oder Sport? Die Entscheidung fiel ihr leicht. „Singen war eine Leidenschaft, hat mir aber nie so viel gegeben wie das Laufen.“ Mittlerweile trällert sie nur noch ohne Publikum vor sich hin. Oder im Auto, „da singe ich gerne und laut.“

Gelegenheit dazu hat sie viel. Ständig pendelt Höft zwischen Lenggries, wo sie seit drei Jahren wohnt, und den Arbeitsplätzen in München, Bad Wiessee und wieder Lenggries hin und her. Dazu kommen Fahrten zu den Wettkämpfen. Der Muskelfaserriss in der Wade vor zwei Jahren machte ihr bis vor Kurzem noch etwas Probleme. Aber es stehen schon einige Rennen auf ihrem Plan: Zugspitz-Ultratrail, Pitz-alpin-Gletscher-Trail oder auch der Run 2 Transalpin.

Auf den ersten Blick könnte ihre Entscheidung gegen die Kurz- und für langen und extrem langen Strecken überraschen. Die 32-Jährige ist durchtrainiert, wirkt eher wie ein 100-Meter-Kraftpaket als eine Langstrecken-Athletin, die in der Regel hager daherkommen – wie auch ihr Vorbild Paula Radcliffe. Das ist bei Höft aber teils Philosophie. „Ich war früher selbst ein Moppelchen, jetzt will ich vorleben, dass man auch schnell sein kann, ohne wie ein Strich in der Landschaft auszusehen.“ Auf den langen Strecken helfen ihr Biss und Ehrgeiz, sie ist aber nicht verbissen. Trainiert weniger, nicht mehr zwölfmal die Woche wie früher, „weniger Lauf-, mehr Athletik-Training“, greift auch mal zum Nutella-Glas und legt großen Wert auf Regeneration.

Sie stellt hohe Ansprüche an sich selbst, doch die Platzierungen bei den Wettkämpfen stehen nicht im Vordergrund. „Ich möchte vorne mitlaufen, das ist eine Bestätigung für meine Leistungsfähigkeit, aber es geht mir vor allem darum, etwas zu schaffen.“ Bestes Beispiel: die 90 Kilometer in Südafrika beim Comrades Marathon – ein paar Monate, nachdem ihr Sohn Hugo zur Welt gekommen war.

Aber so ist das mit einer ehemaligen Hürdenläuferin: Kein Hindernis zu hoch, Probleme sind dazu da, sie anzupacken und zu lösen. So kämpft sich der laufende Sonnenschein immer wieder mit einem Lachen ins Ziel.

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