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Winzige zwei Sekunden fehlten Tatjana Paller bei den Military World Games im vergangenen Oktober in Wuhan auf die Bronzemedaille. „Mega-ärgerlich“, fand das die 24-jährige Lenggrieserin.

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Die Military World Games in Wuhan geben Tatjana Pallers Karriere die Wende 

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Tatjana Paller wechselt von zwei Rädern auf zwei Latten: Seit Kurzem ist die 24-jährige Lenggrieserin Mitglied in der deutschen Nationalmannschaft der Skibergsteiger.

Lenggries – Als Tatjana Paller im Oktober 2019 in Wuhan weilte, war die Welt in Ordnung: In der chinesischen Provinz war das pandemische Corona-Virus noch nicht ausgebrochen und auf dem übrigen Globus nicht bekannt. „Wir sind ganz normal durch die Straßen gebummelt und waren beim Shoppen“, erzählt die 24-jährige Lenggrieserin von der heiteren, sorglosen Stimmung. Denn sowohl im neu errichteten Sportlerdorf, als auch in Wuhan selbst zeigte China den sportlichen Touristen und dem Rest der Welt sein freundlichstes Gesicht.

Für fast zwei Wochen weilte Tatjana Paller in jenem Oktober in der chinesischen Mega-Metropole, um Deutschland bei den Military World Games – eine Art Militär-Olympiade, die alle vier Jahre stattfindet – als Radrennfahrerin würdig zu vertreten. Das gelang der Bundeswehrsoldatin im Rang einer Stabsunteroffizierin vorzüglich. Im Einzelzeitfahren wurde Paller Vierte. Ein durch und durch respektables Ergebnis. „Eigentlich“, schränkt Paller ein, „denn wenn dir nach knapp 20 Kilometern auf Bronze nur zwei Sekunden fehlen, kaast dich das megamäßig an.“ Erst recht, wenn die Drittplatzierte eine jener bis an die Grenzen des Erlaubten gepushten Lokalmatadorinnen ist.

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Es wäre die vierte Medaille mit internationalem Glanz gewesen. Denn drei hatte die Isarwinklerin als U 23-Fahrerin bereits in den Jahren zuvor eingeheimst – zwar auch auf zwei Rädern, allerdings auf der Bahn und nicht auf der Straße. Am hellsten strahlt natürlich die Goldene, eingefahren 2017 im portugiesischen Andia bei der U 23-Europameisterschaft im Punktefahren. Zweimal Bronze gab es obendrein: in Andia in der Mannschaftsverfolgung, und im Jahr zuvor ebenfalls im Punktefahren, Pallers Paradedisziplin.

So bitter das Abschneiden in China auch war: Wuhan war der Wendepunkt in Pallers sportlicher Karriere. Denn wie es der Zufall wollte, fand sich die Radsportlerin eines Tages beim gemeinsamen Essen am Tisch von Monika Rausch wieder, der Organisatorin der deutschen World Games-Delegation. Sie erzählte vom Skibergsteigen und den Möglichkeiten, den Sport bei der Bundeswehr auszuüben. Ein weiteres Lockmittel: Die Military World Winter Games werden im März 2021 in Berchtesgaden ausgetragen. „Da war ich sofort Feuer und Flamme.“ Denn so sehr sie den Radsport liebt, im Laufe der Jahre hatten sich doch ein paar Ermüdungserscheinungen eingeschlichen.

Erster Sieg im dritten Rennen: Tatjana Paller (Mi.) gewinnt den Alpencup am Jenn er mit großem Vorsprung.

Am meisten wurmte Paller die Stallorder im Team oder in der Straßennationalmannschaft. Eine Fahrerin wurde vom Cheftrainer als Siegaspirantin ausgewählt – alle anderen mussten die eigenen Ambitionen diesem Ziel unterordnen; auch wenn sie einen besonders starken Tag hatten. „Natürlich quäle ich mich gerne. Aber als Lohn für den Schweiß möchte ich dann auch die Lorbeeren einheimsen“, sagt die Blondine selbstbewusst. Ein weiterer Knackpunkt: die monotonen Wintermonate im Trainingslager auf Mallorca.

Nun gibt es beileibe schlimmere Schicksale, als den Winter bei durchschnittlich 20 Grad auf der Balearen-Insel im Mittelmeer zu verbringen. Doch als Isarwinklerin kann Paller ihre schnee-affinen Gene halt nicht auf Dauer unterdrücken. Schon als Dreijährige stand sie erstmals auf Ski: beim traditionellen Talentsichtungstag des Skiclubs Lenggries an einem Rosenmontag.

Es folgte die übliche Skiclub-Laufbahn: Kids-Cup, Sparkassen-Cup, Hexal-Cup. Die Ergebnisse waren beileibe nicht schlecht, aber eben nicht überragend. „Drum habe ich dann auch nicht den Sprung in den Jugend-Nationalkader geschafft“, räumt die junge Frau freimütig ein. Die 50-sekündigen Slalomläufe waren ohnehin nicht das Metier des Ausdauertalents. „Die Fahrten zu den Wettkämpfen waren oft weit, deshalb wollte ich es im Rennen besonders gut machen und nicht schon nach ein paar Toren ausscheiden.“ Die Folge: Paller fuhr mit ihren Sicherheitsläufen zwar regelmäßig in die Top-Zehn – richtige Knallerergebnisse, die einen neuen Stern am Alpin-Himmel angekündigt hätten, waren indessen selten dabei.

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Nachdem das Sommertraining im Skiclub regelmäßig auf dem Mountainbike stattfand, war der weitere sportliche Weg von Tatjana Paller vorgezeichnet; erst recht, als sie zunächst zur Equipe Velo Oberland nach Holzkirchen wechselte und nach dem Abitur zum RSV Unna und zur Bundeswehr. Fünf deutsche Titel sammelte die Lenggrieserin auf der Bahn ein.

Ein Schockerlebnis brachte Paller ins Grübeln und gab schließlich den Ausschlag, im Radsport kürzer zu treten: der schwere Trainingsunfall von Nationalmannschaftskollegin Kristina Vogel. Seit einer Kollision auf der Bahn ist Vogel querschnittsgelähmt. „Da war für mich klar, dass ich den Bahnsport nicht mehr lange machen würde.“

Die Alternative war schnell gefunden: Skibergsteigen (kurz Skimo vom englischen Skimountaineering), also mit Fellen unter den Latten den Berg hochsteigen – natürlich gegen die Uhr oder Konkurrenten. Bereits im dritten Wettkampf landete Paller einen Coup: Beim Alpencup am Jenner – der Kategorie unterhelb des Weltcups – siegte sie auf Anhieb mit großem Vorsprung. Das blieb Bundestrainer Thomas Bösl nicht verborgen. Eine Einladung zur Deutschen und sogar zur Europameisterschaft waren schnell erteilt. Allerdings fielen die Wettkämpfe der Corona-Pandemie zum Opfer. Vor ein paar Tagen wurde der Überraschungssieg mit der Nominierung für den Perspektivkader belohnt. „Tatjanas Talent reicht auf jeden Fall für den Weltcup“, ist der Bundestrainer überzeugt. Nun freut sich die Isarwinklerin, die nach fünfjähriger Bundeswehrzeit inzwischen Sport und Wirtschaftswissenschaft auf Lehramt studiert, sakrisch auf den nächsten Winter. Vor allem darauf, ihre eigene Leistung zu belohnen: „Es soll sich keiner für mich abzappeln, wenn ich es dann selbst verkacke!“

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