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Mit Iggy Pop bis ans Ende der Welt: Sara Hallbauer fährt Corona-Blues mit dem Rad davon

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Von: Wolfgang Stauner

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Am Ende der Welt stoppen die Räder und es rollen nurmehr die Freudentränen: Sara Hallbauer hat es nach 4500 Kilometern und 17 Tagen als zweite Frau bis zum „Globus“ ans Nordkap geschafft.
Am Ende der Welt stoppen die Räder und es rollen nurmehr die Freudentränen: Sara Hallbauer hat es nach 4500 Kilometern und 17 Tagen als zweite Frau bis zum „Globus“ ans Nordkap geschafft. © Matteo Dunchi

Rund 4500 Kilometer, 30 000 Höhenmeter, ohne jegliche fremde Unterstützung durch zehn Länder – das sind die Eckpunkte des Radrennens „Northcape 4000“. Die Wackersbergerin Sara Hallbauer bis zum Nordkap.

Wackersberg/Nordkap - Es war der Blues, der Sara Hallbauer zu dieser Wahnsinnstat inspirierte, der Corona-Blues: Mit dem Rad von Rovereto am Gardasee quer durch Europa bis zum Nordkap. Rund 4500 Kilometer, 30 000 Höhenmeter, ohne jegliche fremde Unterstützung durch zehn Länder – das zeitliche Limit: 22 Tage. „Beim zweiten Lockdown war ich Anfang Dezember so genervt, dass ich mir irgendwas Schönes, Inspirierendes vornehmen wollte. Ein Abenteuer, auf das ich mich freuen und auf das ich hinarbeiten konnte.“

Genug Zeit hatte die eCommerce- und digitale Marketing-Spezialistin, weil sie im vergangenen April einen gut dotierten Job bei einem oberbayerischen Outdoor-Store für die Selbständigkeit aufgegeben hatte. Und obendrein ein Hobby, das sich nützlich einbringen ließ: Langstreckenrennen und Ultra-Marathons mit dem Rennrad auf der Straße oder dem Gravelbike auf Schotter; sogenannte Brevets, bei denen eine vorgegebene Tour innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu fahren ist. Jeder legt sein eigenes Tempo vor und seine (Schlaf-)Pausen selbst fest. Pflicht ist lediglich das Passieren bestimmter Checkpoints, was mit einem Stempel im Fahrtenbuch und einem am Rad montierten Tracker von der Rennjury dokumentiert wird. Streng genommen ist ein Brevet kein Wettkampf.

Diese Brevets (französisch für Diplom) hatte die ebenso zähe wie zierliche Frau in der Vergangenheit schon zahlreich absolviert: 200er-, 400er-, 600er-Brevets. „Bei meiner längsten 24-Stunden-Tour, dem Alpenbrevet, habe ich 364 Kilometer und 4770 Höhenmeter am Stück zurückgelegt“, sagt Hallbauer.

Nimm die Leichtigkeit der Vögel mit und fliege die Straße rauf.“

Horst Schwanke, Ultracycling-Experte und Hallbauers Mentor

Die vorläufige Krönung ihrer Brevet-Leidenschaft sollte „The Great Divide“ mit dem Mountainbike im Spätsommer 2020 werden; von der kanadischen an die mexikanische Grenze, der Länge nach durch die USA. „Das hatte ich eigentlich mir und meinem Mann Axel zu meinem 40. geschenkt. Die Räder waren bereits gekauft, die Tickets gebucht, die Taschen im Prinzip gepackt“, erzählt Hallbauer. Eigentlich, aber Pustekuchen; Lockdown statt Klick in die Pedale.

Nun also das „Northcape 4000“ und ein Blues als Initialzündung. Dabei ist Hallbauer im Grunde ihres Herzens ein Punk – zumindest musikalisch. Mit ihrem musikalischen Zwilling Iggy Pop, the Godfather of Punk, und dessen Evergreen „The Passenger“ im Ohr ging’s von Rove-reto los gen Nordosten an die slowenische Grenze. „I am a passenger, and I ride, and I ride…“. 192 Ultracycler nahmen in der norditalienischen Stadt die vierte Ausgabe dieses Ultra-Marathons in Angriff, davon zwei Dutzend Frauen. „Viel zu wenige“ für Hallbauers Geschmack, die postuliert: „Mädels, traut’s euch. In euch steckt mehr, als ihr euch selbst zutraut.“

Kurioserweise lernte sie als einen der ersten Nordkap-Abenteurer Askan von Schirnding aus Kochel kennen. Der trat an, um als Erster das Nordkap zu erreichen, musste allerdings nach vier Tagen wegen muskulärer Probleme im Nacken, zwar in Führung liegend, aber dennoch aufgeben (wir berichteten). Die Wahl-Wackersbergerin hatte sich akkurat auf die Langstrecke vorbereitet: Physisch gestählt durch lange Skitouren, unzählige Zwift-Challenges (ein virtuelles Radtraining auf der Rolle) und zig Trainingskilometer bei Wind und Wetter, sowie psychisch durch einen ultracycling-erfahrenen Mentor. Der hatte ihr als Credo auf den Weg gegeben: Nimm die Leichtigkeit der Vögel mit und fliege die Straße rauf. „Ständig habe ich in den Himmel geschaut, ob ich einen Vogel erspähe“, berichtet Hallbauer schmunzelnd. „Es hat funktioniert.“

Von Slowenien ging’s weiter nach Ungarn und an den Plattensee, wo am Checkpoint der erste Stempel fürs Fahrtenbuch wartete. „An den ersten Tagen wollte ich nicht gleich überziehen, drum waren es nur zwischen 220 und 240 Kilometer“, berichtet die Radlerin, die ihr Endurance-Bike mit diversen Taschen und Gepäckrollen bestückt hatte und es auf ihrer längsten Touretappe auf stolze 388 Kilometer brachte.

B&B statt Biwaksack bewahrt einen Hauch Zivilisation

Während die ambitioniertesten Radler quasi nonstop im Sattel saßen und höchstens mal ein halbstündiges Powernap im Straßengraben einlegten, gönnte sich Hallbauer jeden Abend ein Bett in einer einfachen Pension: B&B statt Biwaksack, auch wenn der Wecker frühmorgens nach nur vier bis fünf Stunden Schlaf um halb vier piepte. „Eine warme Dusche, ein weiches Bett und die Radlklamotten kurz auswaschen“, das sei notwendig, um sich auch während des Abenteuers einen Hauch Zivilisation zu bewahren.

Die wurde in Osteuropa ohnehin rudimentärer, die Straßen holpriger: „...I ride through the city’s backsides...“ Man bekomme soviel vom Land mit, erzählt die Ultracyclerin, wenn man langsam durchs Land zuckelt und auch des Öfteren anhalten muss, um Proviant zu kaufen. „Davon konnte ich fast nicht genug bekommen. Ich war fast ständig am Verhungern.“

Ivanovas Unfalltod nährt Gedanken ans Aufgeben

In Krakau wartete der zweite Stempel, den sich die Radlerin mit Schweiß und zitternden Knien erarbeitete. „Die Fahrt dahin war der reine Horror“, berichtet die Schwäbin, die ursprünglich aus dem beschaulichen Ehingen an der Donau stammt, ehe sie eine steile Karriere als Marketing- und Management-Spezialistin durch die gesamte Bundesrepublik hinlegte. „Zig Baustellen musste ich umfahren, und ständig sind Lkw an mir vorbeigedonnert, die Radler nicht gewohnt sind und folglich auch keine Rücksicht nehmen.“ Ein solcher wurde auch Olga Ivanova, einer ukrainischen Teilnehmerin, zum Verhängnis, die in Budapest einen tödlichen Unfall hatte.

Als Hallbauer am Abend des siebten Tages davon erfuhr, war auch ihr reichlich Unbill widerfahren: Eine Reifenpanne und kaputtes Werkzeug hatten sie ordentlich aus dem Zeitplan geworfen. Zudem rächte sich die zu sparsam dosierte Sitzcreme mit enormen Gesäßschmerzen. „Und dann auch noch diese Horror-Nachricht. Wenn ich irgendwann ans Aufgeben gedacht habe, dann an jenem Abend“, erinnert sich die 41-Jährige.

Aber das körperliche und mentale Tief ging vorüber, ebenso Hunderte beschauliche Kilometer in den drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. Nach der zweistündigen Fährüberfahrt von Tallinn nach Helsinki kam der logistisch herausforderndste Teil des Rennens. Da es bis Oulu entlang dem finnischen Highway kaum Tankstellen und so gut wie keine Supermärkte gibt, war nun das Hauptproblem, genügend Proviant ans Rad zu bekommen. „Die Landschaft war zwar wunderschön, aber an und für sich war es nur noch ein stumpf vor sich Hintreten“, berichtet die Wackersbergerin.

Abwechslung brachte Lappland mit seinen riesigen Schutzgebieten für Rentiere und – klar, wo Rentiere sind, ist Santa Claus nicht weit. Dem begegnete Hallbauer in der Weihnachtsmann-City Rovaniemi, letzter Checkpoint und Beginn des Polarkreises „...I see the stars come out tonight...“ Wer diese Etappe geschafft hat, darf sich Polar Rider nennen.

Doch die Idylle bekam kurz darauf einen jähen Riss – vielmehr der Mantel des hinteren Laufrades. Um Gewicht zu sparen, hatte Hallbauer zwar zwei Ersatzschläuche ins spärliche Gepäck gesteckt, jedoch keinen Reservemantel. „Da hat mich die pure Panik erfasst“, gesteht sie. „So weit war ich da schon gekommen, und nun drohte zwei Tage vor dem Nordkap alles an einem banalen Platten zu scheitern.“

Blick ins Karwendel: Unzählige Kilometer kurbelte Sara Hallbauer im Isarwinkel runter.
Blick ins Karwendel: Unzählige Kilometer kurbelte Sara Hallbauer im Isarwinkel runter. © Axel Hallbauer

Wie gut, wenn man in solchen Situationen einen Ehemann mit eisernen Nerven am Handy hat. Axel richtete seine Heldin wieder auf, und einem litauischen Motorradtouristen, der ebenfalls auf dem Weg zum Nordkap war, gelang es tatsächlich, unterwegs einen Mantel aufzutreiben. „Der Mann war so fasziniert von meinem Radabenteuer, dass er das Graveln zuhause mal probieren wollte.“

Eine Gefriertruhe 200 Meter unter der Nordsee

Nun dämmerte der 17. und letzte Tag der Mission Northcape 4000 heran, und nach der Grenze zu Norwegen wartete nur noch eine Herausforderung – klitzeklein im Vergleich zu den vorhergehenden: der Nordkap-Tunnel, jene sieben Kilometer lange Gefriertruhe, die 200 Meter unter der Nordsee zur Insel Mageroya führt, auf der das Nordkap liegt. Es sind kalte, stockdunkle Kilometer, doch als Sara Hallbauer ans Licht kommt, singt ihr Herz: „…singin la la la la la la…“

So ereignisreich die Reise war, so nüchtern und schnörkellos ist die Ankunft am Nordkap: Keine Konfetti, keine Fanfaren, nur ein Funktionär, der die Fahrzeit offiziell festhält – 17 Tage, 1 Stunde und 56 Minuten. Damit ist Sara Hallbauer die zweite Solo-Frau, die beim Northcape 4000 ins Ziel kommt. Die Schnellste, Olena Abramova aus der Ukraine, war lediglich eineinhalb Stunden eher da. Zum Vergleich: Der Schnellste der 111 Finisher, Steven Le Hyaric (Frankreich) benötigte 10 Tage, 9 Stunden und 25 Minuten. „Aber die Zeit oder dass ich im Schnitt 270 Kilometer am Tag gefahren bin, zählt nicht“, bekräftigt Hallbauer, „es zählt, was in deinem Kopf und in deinem Herzen für wunderschöne Erinnerungen bleiben“.

Saras Bikepacking Blog

www.bikepackers.de

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