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Locker durch den Englischen Garten: Thea Heim hat sich für den World Run 2020 eine 6,5 km lange Asphaltrunde in Münchens größtem Park ausgesucht.

WINGS FOR LIFE WORLD RUN

Nach 48 Kilometern kam das Catcher Car:   „Dann hat‘s vibriert und aus war‘s“

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Rund 66.400 Sportler gingen bei diesem virtuellen Wettkampf weltweit auf die Strecke. Thea Heim aus Sachsenkam war siebtbeste Frau und hatte obendrein Pech, dass ihr die App einen ganzen Kilometer klaute.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Es war eine absolute Neuheit – sowohl beim Wings for Life World Run, als auch im allgemeinen Wettkampfgeschehen: Für die diesjährige siebte Auflage des weltweiten Laufspektakels am vergangenen Sonntag hatten sich 77 103 Männer und Frauen angemeldet, rund 66 400 gingen schließlich auf die Strecke: Jeder lief für sich, aber vereint über die World Run-App. Marathon-Ass Thea Heim aus Sachsenkam hatte sich im Englischen Garten eine Strecke von 6,5 Kilometern Länge zurechtgelegt und spulte das Ultra-Pensum neben ihrem radelnden Coach Norman Feiler ab.

Glückwunsch zu dieser außerordentlichen Leistung. 48 km: Sind Sie zuvor jemals so weit gelaufen?

Nein, das war meine bisher weiteste Strecke. Aber es ist gar kein großer Unterschied zum Marathon oder zu einem Long Run. Die halbe Stunde mehr merke ich auch muskulär nicht sonderlich. Vielleicht auch deshalb, weil die Intensität nicht so hoch war wie bei einem richtigen Wettkampf. Ich hab’ halt mein hohes Dauerlauf-Tempo von 4:10 bis 4:05 Minuten pro Kilometer angelegt und geschaut, wann ich runterfalle.

Lesen Sie: Die Idee, die hinter dem „World Run“ steckt

Dabei lief’s nicht völlig rund, obwohl Sie in Ihrem Rhythmus waren: Die App hat Ihnen ja einen ganzen Kilometer „geklaut“...

Eine eigenartige Geschichte. Gleich nach dem Start habe ich mein Handy mit laufender App in einer Hüfttasche verstaut, und gleichzeitig hat auch meine GPS-Uhr die Strecke getrackt. Als die Uhr 24 Kilometer angezeigt hat, habe ich mal mit dem Handy verglichen und gesehen, dass da erst 23 Kilometer drauf waren. Das hat mich schon ein wenig geärgert. Das Kuriose daran ist, dass genau diese Differenz auf der zweiten Streckenhälfte gleichgeblieben ist.

Dann ist der sportliche Wert des World Run also mit Vorsicht zu genießen?

Natürlich! Ich habe von Läuferinnen gehört, die nur flußabwärts oder im Windschatten von extra engagierten Radfahrern gelaufen sind. Auch wenn man auf einer 400-Meter-Bahn läuft, trackt das GPS wegen der engen Kurvenradien mehr Strecke. Bei 10 000 m-Bahnwettkämpfen hatte ich zum Teil 10,7 Kilometer auf der Uhr. Wenn man sich also so eine Strecke zurecht legt, gewinnt man immer ein paar Meter pro Kilometer. Insofern sind die Leistungen nicht zu 100 Prozent vergleichbar. Aber mir ging es in erster Linie um meine eigene Geschichte. Ich wollte mal mehr als eine Marathon-Distanz laufen. Ich bin super-happy, dass das so gut geklappt hat.

Wie legt man denn ein Rennen an, das man nicht gegen Läuferinnen aus Fleisch und Blut läuft, sondern gegen ein virtuelles Catcher Car?

Ich habe ein eher lockeres Tempo gewählt und das konstant durchgezogen, also eine eher defensive Taktik. Ich hatte schon vorher überschlagen, dass ich bei einem 4:10er-Schnitt bis Kilometer 46 komme, also ein persönlicher Rekord für mich. Ein richtiges Rennen ist insofern anders, als man versucht, das Tempo mitzugehen, wenn die Konkurrentinnen anziehen. Man läuft ja schließlich um den Sieg, da wirft man schon mal die sture Taktik über Bord.

Ist das mental anspruchsvoller, als ein Marathon, bei dem man ja weiß, wann die Ziellinie kommt?

Ja, wenn du nur für dich und gegen die Uhr läufst, noch dazu auf einer nicht abgesperrten Strecke, ist das mental definitiv anspruchsvoller als im Wettkampf. Du läufst und läufst, und wenn du deine Pace einhältst, ist es lange Zeit auch nicht unbedingt anstrengend. Du wartest halt drei Stunden lang, dass was passiert. Das ist monoton und mental fordernd.

Da gibt es sicherlich auch das eine oder andere Tief in diesen drei Stunden...

Nein, gar nicht. Einen Tiefpunkt gibt’s erst, wenn du dich total verausgabt hast. Aber am Sonntag hatte ich das Gefühl, dass ich auch noch vier, fünf Kilometer weiter hätte laufen können.

Lange war von Ihnen im Top-Ten-Tableau nichts zu sehen. Aber als das Catcher Car näher kam, haben Sie den Turbo gezündet...

Auf den letzten Kilometern habe ich mit einem Auge immer wieder auf das Handy gelinst. Es ging dann relativ schnell, selbst mit einem Endspurt konnte ich nicht mehr viel rausholen. Dann hat’s vibriert, und aus war’s.

Ich hätte gedacht, dass Sie die beste Deutsche sein würden. Tatsächlich hat Dioni Gorla Sie um zwei Kilometer übertroffen.

Ich kenne Dioni persönlich. Ihre Marathon-Bestzeit steht bei 2:53 Stunden. Wenn sie die 50 Kilometer also regulär gelaufen ist, dann hätte sie eine neue persönliche Bestzeit aufgestellt und hätte noch acht Kilometer oben draufgepackt. Hmm, ... ob das möglich ist – Fragezeichen. Ich finde es unrealistisch. Ich habe mir ihr Rennen auf Strava (eine Tracking-App für Läufer und Radfahrer, d. Red.) angeschaut; da hatte sie einen Schnitt von 4:08 Minuten pro Kilometer, also langsamer als ich und ist trotzdem erst später vom Catcher Car eingeholt worden. Da sieht man halt wieder, wie unterschiedlich die App-Aufzeichnungen bei den Läufern waren.

Sie haben Gorla in zurückliegenden Wettkämpfen mehrmals geschlagen.

Ich bin schon hundert Mal gegen sie gelaufen und war immer deutlich schneller. Am Sonntag war sie schneller – nehmen wir das mal so hin. Im direkten Duell hätte sie keine Chance, da bin ich mir 100 Prozent sicher. Aber vielleicht hat sie sich total intensiv auf den World Run vorbereitet. Jetzt ist sie halt beste Deutsche, und damit kann ich recht gut leben.

Einen Kilometer „geklaut“: Die GPS-Uhr von Thea Heim verzeichnet 49,14, die World Run-App nur 48,03 km.

Klar, Tricksereien gibt’s. Was war das Kurioseste, was Sie je erlebt haben?

Ich will’s nicht an die große Glocke hängen, aber was sich im vergangenen August beim Kärntner Halbmarathon zugetragen hat, war echt krass. In den Wettkampf „Kärnten läuft“ war auch die Österreichische Halbmarathon-Meisterschaft integriert. Ein Österreicher hatte nach zehn Kilometern ein Rad samt orangener Streckenpostenweste im Wald deponiert. Damit ist er am Feld vorbeigefahren, hat das Rad wieder versteckt und ist mit einer 1:05er-Zeit als Dritter durchs Ziel gelaufen. Sie wollten ihm schon fast die Bronzemedaille umhängen, da ist aufgefallen, dass er ein paar Kilometer mit einem 2:20er-Schnitt hatte. Das kann man schlichtweg nicht laufen. Da hat er sich blöd angestellt. Wer weiß, ob es aufgefallen wäre, wenn er ein gleichmäßiges Tempo geradelt wäre.

Die World Run-Siegerin Nina Zarina ist mit 54,2 km rund sechs Kilometer weiter gelaufen als Sie. Die war sicherlich nicht mit dem Rad unterwegs...

Zarina ist eine Ultra-Läuferin und hat schon 2019 mit 53,7 Kilometern gewonnen, dabei habe ich sie im Live-Stream verfolgt. Heuer hat sie noch ein paar hundert Meter draufgepackt. Das ist ein runder 4:00er-Schnitt, eine super-starke Leistung, aber auch nichts Außerirdisches.

Hätten Sie so eine Leistung in den Beinen?

Ich bin mir sicher, so ein Ding im 4:00er- oder 3:50er Schnitt laufen zu können. Aber natürlich nicht aus dem Stehgreif. Vor sechs Wochen, als ich noch für die Olympia-Quali trainiert habe, bin ich 30 Kilometer mit einem 3:50er-Schnitt gelaufen, und es waren sogar Hügel dabei. Inzwischen ist meine Form nicht mehr auf diesem hohen Niveau. Denn in den vergangenen zwei Wochen habe ich keinen einzigen Tempolauf mehr absolviert.

Sind Sie gegen Nina schon einmal in einem echten Wettkampf angetreten?

Nein, die ist auf Ultra-Strecken und Trail spezialisiert. Bei normalen Straßenläufen ist sie nicht dabei.

Wäre das auch mal was für Sie, so ein Ultra- oder Trail-Lauf?

Grundsätzlich kann ich mir das total gut vorstellen. Ich bin im vergangenen Jahr die Seekarspitze hoch gelaufen, und auch beim Schlierseelauf bin ich gestartet, der ist auch etwas trailig. Das hat mir viel Spaß gemacht. Aber es ist eine ganz andere Disziplin, weil das Bergab-Laufen dazukommt. Die Haltemuskulatur fürs Bergab-Laufen muss man trainieren, um keine Knieprobleme zu bekommen.

Vielleicht beginnt man bei den Wettkämpfen mit einem Traillauf, weil nicht so viele Läufer starten wie bei einem Straßenlauf...

Ja, generell mal wieder ein Wettkampf wäre schon cool. Lust hätte ich schon, weil ich in der Natur und am Berg gerne bin.

Wie sieht denn Ihre Regeneration in den kommenden Tagen aus?

Da gehe ich ganz nach Gefühl. Am Nachmittag werde ich einen kurzen Dauerlauf absolvieren, um die Beine und die Muskulatur zu lockern. Außerdem habe ich mir vorgenommen, an jedem Tag im Mai zu laufen. Drum kann ich am 4. Mai nicht gleich Pause machen ... (lacht)

Das hört sich an, als hätten Sie im April gefaulenzt...

Das nicht gerade, aber nach den zahlreichen Absagen war ich nicht gar so motiviert und habe zwei Wochen komplett pausiert. Jetzt werden es dann so zwischen 100 und 120 Kilometer pro Woche.

Ansonsten ist Corona-bedingt Wettkampfpause, oder haben Sie oder Ihr Coach Norman Feiler noch einen Pfeil im Köcher für dieses Jahr?

Wir wissen soviel wie alle anderen auch – also gar nichts. Ansonsten gibt es im Herbst einige Marathons, die noch nicht abgesagt sind – beispielsweise München und Hamburg. Bis Ende Mai wird man in dieser Hinsicht klarer sehen. Denkbar wäre auch eine Deutsche Marathonmeisterschaft für die deutschen Spitzenläufer. Dann wären nicht ein paar Tausend am Start, sondern ein paar Dutzend. Da sehe ich den Deutschen Leichtathletik-Verband in der Verantwortung, sich um seine Sportler zu kümmern. Beim Fußball in der Bundesliga scheint’s ja auch zu klappen. Da wäre es beschämend, wenn der Leichtathletik-Verband kein Format findet.

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