Größter Erfolg auf der Lieblingsstrecke „Saslong“: Bei der Abfahrt in Gröden im Dezember 2018 fährt Michaela Wenig auf Platz fünf.
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Größter Erfolg auf der Lieblingsstrecke „Saslong“: Bei der Abfahrt in Gröden im Dezember 2018 fährt Michaela Wenig auf Platz fünf.

INTERVIEW MIT LENGGRIESER SKIRENNLÄUFERIN

Michaela Wenig blickt ohne Groll auf wechselhafte Karriere zurück: „Nach jedem Rückschlag war ich stärker“

  • vonWolfgang Stauner
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Lenggries – Vor ein paar Tagen erst haben die alpinen Ski-Cracks ihre coronabedingt reduzierte Weltcup-Saison beendet. Michaela Wenig (28), eine der besten deutschen Speed-Fahrerinnen hat gesundheitsbedingt ohnehin nur eine Handvoll Trainingsläufe sowie ein Abfahrtsrennen in St. Anton bestritten. Nun zieht die Lenggrieserin aus der Verletzungsmisere der vergangenen Jahre die Konsequenzen und beendet ihre Karriere. Wie es Michaela Wenig mit der Entscheidung geht, was sie jetzt vorhat und auf was sie sich besonders freut, verrät die Sportlerin im Interview.

Servus Frau Wenig, das ist ja ein Paukenschlag: Sie beenden Ihre Karriere und das im besten Sportleralter von 28 Jahren …

Das war definitiv keine leichte Entscheidung. Ich hatte schon lange Probleme mit meiner Hüfte. Darum habe ich mich nach meiner besten Saison, das war der Winter 2018/19, zu einer OP entschlossen. Aber die Probleme sind auch im darauffolgenden Winter nicht entscheidend besser geworden. Die Vernarbungen im Gewebe haben einen dauerhaften Schmerz erzeugt. Das Ende vom Lied: Ich habe auch die Saison 2019/20 frühzeitig abgebrochen, um einen zweiten Eingriff zu machen. Aber der hat leider auch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr auf dem Niveau fahren kann, auf dem ich gerne fahren würde. Mein Anspruch an mich selbst ist es, mich stets weiterzuentwicklen. Nachdem das nicht mehr gegeben ist, war es für mich die logische Konsequenz, meine Karriere zu beenden. Für diese Überlegung habe ich mir viel Zeit genommen. So blicke ich stolz auf eine wunderschöne Zeit zurück, in der ich viel erleben durfte und viele tolle Menschen kennengelernt habe.

Inwiefern beeinträchtigt Sie diese Hüftverletzung im Wettkampf?

Wenn ich tief in die Abfahrtshocke gehe, habe ich durch die Vernarbungen im Gewebe eine Bewegungseinschränkung und Schmerzen in diesem maximalen Winkel.

Das haben Sie dann auch bei den Trainingsfahrten in Val d’Isere und bei dem einen Weltcup im Januar in St. Anton gemerkt ...

Genau, ich konnte nach meiner langen Reha im Sommer erst sehr spät ins Training einsteigen. Zusammen mit meinen Therapeuten Markus Merklinger und dem Team vom Medical Park Bad Wiessee haben wir alles ausprobiert, um die maximale Belastbarkeit im Gelenk zu erreichen. Letztendlich hat sich aber leider gezeigt, dass die Hüfte den Belastungen im Rennbetrieb nicht mehr standhält.

Vorbild, Freundin und Zimmerkollegin: Viktoria Rebensburg (re.) gratuliert Michaela Wenig nach Weltcup-Platz fünf zur ausgefallenen Trophäe: Grödener Granit mit eine Holzschnitzerei.

Ihre Karriere war von einer Reihe von Verletzungen und Krankheiten überschattet: Rückenbeschwerden, dann das Pfeiffersche Drüsenfieber, nun zwei Hüft-OPs …

In meiner Karriere gab es immer wieder kleinere und größere Stolpersteine. Das hat mich aber nicht daran gehindert, mich immer wieder zurückzukämpfen. Nach jedem Rückschlag bin ich stärker zurückgekommen. Das hat mich auch für mein restliches Leben positiv geprägt. Aber klar, eine Bilderbuchkarriere war’s nicht.

Im März 2020 hatten Sie noch an eine Wende zum Guten geglaubt. „Aufhören ist absolut keine Option“, hatten Sie in einem Interview gesagt.

Das macht einen Leistungssportler aus, dass er diesen Optimismus und Kampfgeist hat. Leistungssport auf diesem Topniveau ist immer risikoreich. Wer oben im Starthäusl steht, weiß, dass in jeder Kurve, auf jeder Welle was passieren kann. Dieses Risiko geht man für seine Leidenschaft aber ein. Ich hab’s probiert, muss mir also nichts vorwerfen und bin super happy mit meiner Entscheidung.

Ihr oberstes Ziel für diese Saison war ursprünglich die Teilnahme an der WM in Cortina. Wie haben Sie denn die Silberfahrt von Kira Weidle erlebt?

Es gibt fast nichts Schlimmeres für einen Sportler, als untätig daheim rum zu sitzen, während andere um Podestplätze kämpfen. Kiras Fahrt habe ich tatsächlich nicht am Fernseher verfolgt, aber im Live-Ticker habe ich mitgefiebert. Ich habe mich sehr für Kira gefreut, weil ich ja weiß, welche Arbeit und welche Entbehrungen hinter so einem Erfolg stecken.

Nach diesem Leidensweg ist der Rücktritt verständlich. Wie viel Wehmut steckt in Ihrer Entscheidung? Oder war’s am Ende nur große Erleichterung?

Das ist eine Mischung aus vielen Gefühlslagen. Auch ich werde sicher mal eine Phase haben, in der ich denke: Ach, wäre das jetzt schön bei einem Rennen am Berg zu sein. Aber nach so vielen Gedanken und all dem Revue passieren lassen, gehe ich nun mit einem guten Gefühl und ohne Groll.

Wenn man am Fuße des Braunecks aufwächst, ist es nicht verwunderlich, dass man zum Skisport kommt. Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben?

Mein Papa hat beim Schneeräumen im Garten immer einen großen Haufen zusammengeschaufelt. Als ich eineinhalb Jahre war, ist daraus dann mein erster Skiberg geworden.

Dann war der SC Lenggries die logische Folge?

Genau. Die Begeisterung für Schnee und Skifahren waren bei mir von klein auf ausgeprägt. Den Adrenalinkick habe ich förmlich gesucht. Das war eine logische Entwicklung: Lenggrieser Kinderskitag, die ersten Schülerrennen, und dann steht man irgendwann vor der Entscheidung, das professionell zu machen. Man wird besser, schneller. So kommt eins zum anderen: FIS, Europacup, Weltcup ...

Stichwort Weltcup: Bei Ihnen sind es 82 Starts geworden. Welcher ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Der erste Weltcup-Start ist immer was Besonderes; da arbeitet man ewig drauf hin. Das war die Abfahrt in Lake Louise im November 2012. Wenn man plötzlich inmitten der großen Stars wie Lindsey Vonn, Julia Mancuso und Maria Riesch am Start steht, klopft das Herz doch etwas mehr. Ich bin mit Nummer 50 als Vorletzte auf die Piste. Eine Glanzleistung war es damals mit einigen Sekunden Rückstand nicht, aber stolz war ich trotzdem. Damals wusste ich schon, das ist erst der Anfang.

Die Abfahrt auf der „Saslong“ im Dezember 2018 ist Ihnen besonders gut gelungen: Platz fünf und nur 38 Hundertstel fehlten aufs Podest.

Das ist rückblickend definitiv mein Karriere-Highlight. Auch weil das im Frauen-Weltcup eine total neue Strecke war – mit vielen Sprüngen und Wellen. Von mir aus hätten wir da ruhig öfter fahren können. Der Erfolg war auch deshalb so schön, weil ich davor einige Rennen richtig verhauen hab’: zwei Ausfälle, zwei 30er Platzierungen. Aber an dem Tag hat eben alles zusammengepasst.

Auch die Weltmeisterschaft in Are 2019 oder das Weltcup-Finale kurz darauf in Soldeu waren mit Platz zwölf in der Abfahrt überaus beachtlich.

Definitiv, aber bei der WM-Abfahrt habe ich mir fast ein bissl mehr erhofft, denn im Training war ich Siebte und Achte. Potenzial Richtung Stockerl wäre also da gewesen. Aber so ist es im Skisport: Ein kleiner Wackler, eine Kurveneinfahrt nicht hundertprozentig erwischt, und schon sind drei, vier Zehntel weg. Im Ziel sind das dann gleich vier, fünf Plätze. Aber im 2019er Winter habe ich meine besten Leistungen erreicht und gezeigt, welches Potenzial in mir gesteckt hat.

Sie schreiben in Ihrem Abschiedsgruß auf Facebook, dass Sie dankbar sind, viele tolle Persönlichkeiten getroffen zu haben. Welche hat Ihnen denn am meisten imponiert?

Herausragend ist auf jeden Fall die Vicky (Viktoria Rebensburg, Anm. d. Red.). Sie hat für uns jüngere im Team immer ein offenes Ohr gehabt. Trotz ihrer großartigen Erfolge ist sie immer bodenständig geblieben. Sie war für mich Vorbild, Freundin und Zimmerkollegin. Den Spagat zwischen Professionalität und Menschlichkeit hat sie perfekt beherrscht.

In meiner Karriere waren immer wieder kleinere und größere Stolpersteine drin.“

Michaela Wenig, ehemalige Skirennläuferin des SC Lenggries

Welche Freundschaften werden Ihr Karriereende überdauern?

Ich nehme viele gute Freundschaften aus dem Skifahrer-Leben mit. Auch aus den Schüler- und Jugendjahren sind zwei enge Freundschaften geblieben. Constanze Hilpert aus Garmisch und Maria Erhart aus Nesselwang sind meine allerersten Freundschaften aus dem Skizirkus. Wir haben uns schon beim Whistler-Cup, so eine Art Schüler-WM, gebattelt. Für mich war das damals meine erste längere Reise, als wir über den großen Teich zu einem Wettkampf fliegen durften. Ein paar Europacups sind die beiden auch noch gefahren, aber dann haben sie sich fürs Studium entschieden.

In den neun Weltcup-Saisonen haben Sie Ihre Klasse immer wieder aufblitzen lassen, aber zu kontinuierlichen Top-Platzierungen hat es nicht gereicht. Woran lag’s?

Gerade im Speed-Bereich braucht es viel Erfahrung und die Kontinuität. Aufgrund meiner vielen Ausfälle hat mir das hin und wieder gefehlt. Und leider war es auch oft so, dass ich die guten Trainingsleistungen nicht im Rennen umsetzen konnte.

Sie waren nie für Olympische Winterspiele nominiert. Schmerzt diese Lücke in der sportlichen Vita?

Leidenschaft für die Berge: Die Isarwinklerin auf dem Bärenkopf über dem Achensee.

Klar, das war immer der Kindheitstraum. Schade, dass es nicht geklappt hat. Aber das ist nichts, was mein Leben unglaublich beeinträchtigt oder ärmer macht.

Dabei hätte es 2018 für Pyeong Chang beinahe geklappt, wenn der DSV ein Auge zugedrückt hätte. Wie sehr hat Sie diese Zurücksetzung geärgert?

Ich hatte die offiziellen Kriterien nicht erfüllt. Solche Entscheidungen muss man akzeptieren. Das ist nur fair den anderen Sportlern gegenüber, die es geschafft haben.

Der kommende Winter ist wieder ein olympischer. Hätten Sie die Spiele als Abschluss nicht gereizt? Dieses eine Jahr noch …

Gereizt schon, aber nicht unter diesen Umständen. Ich will heimkommen und sagen: Ich habe mein Bestes gegeben. Und nicht: Es war schön, dabei gewesen zu sein.

Mit Ihrer Erfahrung und Ihrem Wissen – wird man Sie als Trainerin im Skiclub Lenggries, im Skiverband Oberland oder beim DSV wiedersehen?

Eine Trainerstelle beim DSV ist ausgeschlossen. Aber einen Posten im Nachwuchs könnte ich mir gut vorstellen. Kindern was zu zeigen, das liegt mir schon am Herzen. Jetzt muss ich mich erst einmal beruflich orientieren und schauen, in welchen zeitlichen Rahmen was machbar ist. Aber eine Riesenkarriere als Trainerin wird’s sicherlich nicht.

Sie haben Ihr Fernstudium in Sportmanagement mit dem Bachelor abgeschlossen und hatten in den vergangenen Jahren eine Behördenstelle beim Zoll. Welche beruflichen Pläne sind während der Verletzungszeit herangereift?

Derzeit bin ich noch beim Zoll angestellt, und dort habe ich auch die Möglichkeit, meine Laufbahn fortzusetzen. Als Spitzensportlerin bin ich in all den Jahren unglaublich gut vom Zoll unterstützt worden. Alleine wäre der Aufwand gar nicht zu stemmen gewesen. Aber auch durch das Studium habe ich einige Optionen. Ich werde in den nächsten Wochen mehrere Gespräche führen, um zu sehen, in welche Richtung es gehen soll.

Wir haben hier viele Talente, aber nur wer gesund bleibt, kann sein Potenzial ausspielen.“

Michaela Wenig über die Isarwinkler Ski-Talente

Endlich mal ein Sommer ohne Training, Vorbereitungsstress und Sponsorentermine. Wie werden Sie den verbringen?

Ich freue mich total darauf, unsere heimischen Berge im Sommer etwas intensiver zu erkunden; ganz egal, ob zu Fuß oder mit dem Mountainbike. Gerade wenn man so viele Jahre auf Achse war, lernt man die Schönheit der Natur bei uns zu schätzen. Obwohl ich so viele unglaublich schöne Orte auf dieser Welt gesehen habe, habe ich doch festgestellt, dass es bei uns im Isarwinkel am schönsten ist. Wenn die Corona-Einschränkungen vorbei sind, freue mich auch sehr darauf, wieder öfter meine Freunde zu sehen. Darauf habe ich wegen der vielen intensiven Trainingswochenenden, die ich auswärts war, oft und lange verzichten müssen.

Wir haben im Isarwinkel viele talentierte Skirennfahrerinnen. Wer könnte Sie als Speed-Queen einmal beerben?

Es kommen viele gute Technikerinnen nach: Lea und Lara Klein oder auch Sophia Zitzmann. Gerade Martina Willibald hat auch im Speed-Bereich viel Potenzial. Aber einige von diesen Mädels haben schon allerhand schwere Verletzungen erlitten. Wem ich auch viel zutraue, ist Romy Renz. Wir haben wirklich viele Talente in der Region. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie ihre Ziele und Träume erfüllen können.

Gibt es noch etwas, was Sie den jungen Skitalenten mit auf den Weg geben möchten?

Für mich persönlich wird die Zeit als Rennläuferin immer einen besonderen Stellenwert haben. Ich habe durch den Sport so viel fürs Leben gelernt und konnte mich in meiner Persönlichkeit enorm entwickeln. Ich kann nur allen Kids und deren Eltern weitergeben, für ihre Träume zu kämpfen und vor allem aber immer Spaß am Sport zu haben. Die Zeit als Sportler wird sich in vielerlei Hinsicht lohnen.

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