Die Leistungsentwicklung auf einen Blick: Andreas Gerg weiß anhand eines Trackingsystems, was jeder einzelne Spieler auf dem Eis leistet und welche Fort- oder Rückschritte er gemacht hat.
+
Die Leistungsentwicklung auf einen Blick: Andreas Gerg weiß anhand eines Trackingsystems, was jeder einzelne Spieler auf dem Eis leistet und welche Fort- oder Rückschritte er gemacht hat.

SPIELERTRACKING IM EISHOCKEY

Trainingssteuerung mit dem Tablet

  • Nick Scheder
    vonNick Scheder
    schließen

Sportwissenschaftler Andreas Gerg, ehemaliger Athletiktrainer der Tölzer Löwen, arbeitet nun für die Nürnberg Ice-Tigers und für den DEB und ist dort auf das Spielertracking gestoßen. Der Lenggrieser ist begeistert.

Bad Tölz – Laufgeschwindigkeit. Beschleunigung. Abbremsen. Leistungsentwicklung, Rück- oder Fortschritte des Spielers. Diese Daten liefert ein Spielertracking-System in Echtzeit auf Andreas Gergs Tablet. Der Lenggrieser – vor einigen Jahren Athletiktrainer bei den Tölzer Löwen – ist mittlerweile in gleicher Funktion beim DEL-Klub Nürnberg Ice-Tigers und bei den Nachwuchs-Nationalmannschaften des Deutschen Eishockey-Bundes beschäftigt. Und er ist sehr angetan von den Möglichkeiten der neuen Technik: „Dieses System erleichtert uns die Leistungsverbesserung, die Trainingssteuerung und die Zusammenarbeit mit dem Head-Coach extrem“, sagt der 31-jährige Master in Sportwissenschaften und Lehrer.

In der NHL ist die Technologie längst im Einsatz

Die Technologie – im Fußball und der nordamerikanischen NHL längst gang und gäbe, im deutschen Eishockey bisher nur bei zwei DEL-Vereinen (Augsburg und Berlin) und neuerdings beim DEB im Einsatz – ist anfangs etwas in Verruf geraten. Red Bull Salzburg – bis vergangenes Jahr noch Gergs Arbeitgeber – sah sich dem Einwand ausgesetzt, seine Spieler damit zu überwachen. „Aber darum geht es nicht“, sagt Gerg. „Es sollen nicht die Spieler kontrolliert oder mit anderen Spielern verglichen werden, sondern wir verfolgen, wie sich die Werte bei jedem Spieler individuell verändern.“ Im Fokus der Trainer stehen vor allem die gelaufene Strecke, die Geschwindigkeit oder die Beschleunigung. „Beim Torhüter können wir schauen, wie oft er beispielsweise in einem Spiel auf die Schoner runtergeht und wieder aufsteht.“ Anhand dieser Zahl lasse sich zum Beispiel absehen, ob er im Off-Ice-Training zusätzliches intensives Beinkraft-Training benötigt oder nicht.

Die Resultate haben also unmittelbare Auswirkungen auf Verletzungsprävention und Trainingssteuerung – Gergs Thema auch in seinem Sportstudium. „Wir wissen viel genauer, wie wir das Training über die Woche gestalten sollen“, sagt der Lenggrieser. Und es bestehe nicht die Gefahr, dass ein Spieler sich aufgrund von Überlastung oder Unterforderung in der Vorbereitung verletzt.

Die Möglichkeiten reichen auch weit in den taktischen Bereich hinein. Gerg: „Wir können die Distanz zwischen den Spielern messen und wissen beispielsweise, ob sie in Über- oder Unterzahl zu weit auseinander oder zu eng beieinander stehen.“ So lässt sich selbst die Art der Übungseinheiten genau beeinflussen.

Wir können den Coach warnen, dass ein Spieler am Limit ist.

Andreas Gerg, Athletiktrainer bei den Nürnberg Ice-Tigers

Die Erkenntnisse können unmittelbar oder zum Beispiel in der Drittelpause mit dem Trainer besprochen und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. „Wir können den Coach warnen, dass ein Spieler am Limit ist und nicht mehr die volle Eiszeit bekommen sollte“, sagt Gerg. Auch mögliche Erklärungen für Erfolgs- oder Pleiteserien lassen sich analysieren. „Möglicherweise gibt es Auffälligkeiten bei den Daten, die darauf hinweisen, dass wir gewonnen haben, weil wir viel gelaufen sind, oder verloren haben, weil wir zu wenig gelaufen sind“, erklärt Gerg.

30 000 Euro kostet das System mit Software

Die technischen Voraussetzungen sind einigermaßen bescheiden und erschwinglich, würden sogar in einen Zweitliga-Etat wie den der Tölzer Löwen passen. Etwa 30 000 Euro kostet die Software „Kinexon“ mitsamt der Installation über der Eisfläche. Für Fußballstadien gibt es mehrere konkurrierende Systeme, die die Daten der Spieler allesamt über GPS erfassen. In Eisstadien ist das aufgrund des Daches nicht möglich. „Kinexon“ ist bisher das einzige System für den Hallengebrauch und verwendet eine Funktechnologie auf Ultrabreitbandbasis: Mit vier Empfängern wird ein virtuelles Netz über die Eisfläche gelegt, das die Signale von den Chips im Brustpanzer der Spieler holt. Die Daten landen direkt auf dem Laptop oder Tablet des Trainers, der Unregelmäßigkeiten beobachten oder seine Schlüsse aus den Daten ziehen kann. Gerg: „Ich will dadurch die Besten besser machen.“

Die Analyse kann freilich durchaus in den privaten Bereich hineinreichen. „Wenn ein Spieler beispielsweise auffallend langsam war, fragen wir nach und bekommen manchmal Lösungen aus dem privaten Bereich präsentiert“, sagt Gerg. „Es ist sozusagen ein Frühwarnsystem, das uns Trainern zu identifizieren hilft, ob ein Spieler zusätzlicher körperlicher oder geistiger Belastung im privaten Umfeld ausgesetzt ist. Der Athlet ist letzten Endes immer noch ein Mensch und muss auch in dessen Gesamtheit betrachtet werden.“ Den Spielern sei aber durchaus bewusst, dass sie damit etwas von sich preisgeben, wollen das aber zum Teil sogar.

Mit einem Chip im Puck könnte man die Schussgeschwindigkeit messen

Das System lasse sich auch noch weiterentwickeln. „Beispielsweise könnte man einen Chip in die Pucks einbauen“, sagt Gerg. Damit lassen sich nicht nur Schussgeschwindigkeit oder PassSpeed messen, sondern auch umstrittene Tore gehörten der Vergangenheit an: Schnell wäre klar, ob die Scheibe hinter der Linie war oder nicht. Das wäre dann nicht nur ein Gewinn für Spieler und Trainer. Sondern hätte auch einen unmittelbar erfahrbaren Nutzen für die Zuschauer.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare