+
Rasantes Vater-Sohn-Gespann: Anton (li.) und Michael Soff haben mit ihrer blauen Flunder schon viele Erfolge eingefahren.

Ritt am Limit

Mit seinem historischen Seitenwagen schafft Anton Soff locker 300 km/h

  • schließen

Anton und Michael Soff fahren Rennen in einem historischen Seitenwagen. In der zurückliegenden Saison wurde das Vater-Sohn-Gespann deutscher Vize-Meister.

Bad Tölz – Pokale, Medaillen, Urkunden, Fotos – wenn man zu Familie Soff in den ersten Stock hinaufsteigt, ist im Treppenhaus jeder Quadratzentimeter mit Erinnerungen tapeziert. „Nur ein Haufen Staubfänger“, feixt Anton Soff, doch insgeheim ist der 59-jährige Tölzer sakrisch stolz auf die Erfolge, die er zusammen mit seinem Sohn Michael (26) eingefahren hat. Die Embleme und Motive weisen das rasante Vater-Sohn-Gespann als Motorradsportler aus – genauer als Rennfahrer in einem historischen Seitenwagen.

Die jüngsten Erfolge wiegen am schwersten und stehen natürlich ganz oben in der Staubfänger-Hierarchie. In der internationalen Rennserie mit dem sperrigen Namen „Interessengemeinschaft

Formel Classic“ (IGFC) belegten Soff/Soff in Rijeka zwei Stockerlplätze: Im Sprint über sechs Runden sprang der Sieg heraus, beim langen Rennen über zehn Runden war’s Rang drei. Ein paar Wochen später lief es auf dem Red Bull Ring in der Steiermark mit den Plätzen zwei und vier ähnlich geschmeidig für das Duo. Beim Internationalen Deutschen Bergpreis für historische Gespanne kürten sich die Tölzer sogar zum deutschen Vize-Meister. „Das war mein bislang größter Erfolg, und heuer die mit Abstand beste Saison“, strahlt Anton Soff.

Die Begeisterung für den motorisierten Zweiradsport packte Anton bereits als Jugendlichen. Als 16-jähriger Halbstarker zuckelte er mit seinen Spezln regelmäßig auf dem Moped zum Salzburgring. Doch im Rennsport ist der Karosseriebauer ein Spätberufener: Im fortgeschrittenen Rennfahreralter als Mittvierziger drehte er 2006 erstmals selbst am Gasgriff – auf einem selbst zusammengeschraubten BMW-Oldtimer. Schon bald erwuchs ihm scharfe Konkurrenz aus dem eigenen Hause: Sohn Michael trat – ebenfalls auf einem selbst aufgebauten Moped-Oldie – gegen den Senior an.

Als Michael Soff einige Zeit bei einem anderen Tölzer Oldtimer-Rennfahrer, Franz Hartl, auf dessen Seitenwagen-Gespann quasi fremd fuhr, war die Schnapsidee geboren: Wir legen uns selbst ein Gespann zu. 2011 war es schließlich soweit. Anton Soff ergatterte ein Sidecar aus der kleinen und feinen Schmiede von Trevor Ireson. Der eigenwillige Brite – zwischen 1979 und 1982 dreimal Isle-of-Man-Sieger mit dem Gespann – schraubte sich seine Rennflundern um ein Yamaha-Fahrwerk mit einem 1000 ccm Motor selbst zusammen, heizte damit jeweils eine Saison über die britischen Rennstrecken und verhökerte dann das Gespann.

KurvenreicheJungfernfahrtum den Stock

Etwas beschwerlich und kurvenreich verlief die Jungfernfahrt mit dem Ireson-Flitzer Baujahr 1974 von der Garagenauffahrt einmal um den Stock. „Geradeaus fahren war fast nicht möglich“, erinnert sich Soff senior. Gleichwohl wagte er sich eine Woche später mit dem Sohnemann an der Seite beim Goisern Classic auf die Rennstrecke. „Der erste Lauf war eine Katastrophe. Im zweiten waren wir schon 20 Sekunden schneller.“ Es hat eine volle Rennsaison gedauert, bis er den 174 cm breiten Bock richtig in den Griff bekommen hat. „Ich habe immer noch einen Heidenrespekt vor dem Höllengerät“, räumt Soff ein. Den muss man auch haben, denn mit der längsten Übersetzung beschleunigt der Feuerstuhl auf über 300 km/h.

Beschwerlich ist auch die Sponsorensuche. Denn ohne Gönner und private Geldgeber ist eine Saison, die mit einigen tausend Euro Miesen ins Kontor schlägt, auf Dauer nicht zu stemmen. Preisgelder gibt’s nämlich keine, doch Startgelder muss man bei jedem Wettbewerb abdrücken. „Als Motorsportler bist du in Deutschland als Umweltsau verschrien“, meint Soff resigniert; drum freut er sich um jede noch so kleine Unterstützung.

Auch mit EhefrauIngrid schon einenPokal eingefahren

Inzwischen hat Soff allerhand Routine mit dem Oldtimer, doch die hat er sich auch mit drei ordentlichen Abflügen erkauft. Zum Glück ging es für den Piloten und seinen Beifahrer mit ein paar blauen Flecken und Prellungen ab. Doch die Maschine hat jedes Mal gehörig gelitten. Um den Blech- und Plastikschaden an Karosserie und Chassis zu reparieren, waren etliche Schrauberstunden in der Werkstatt vonnöten.

Bei einem Gleichmäßigkeitsrennen am Hochberg bei Traunstein musste in Ermangelung seines Stammbeifahrers einmal sogar Ehefrau Ingrid im Beiwagen Platz nehmen. Sie sagte unter einer Bedingung zu: Ein Pott muss her. Und tatsächlich, der Göttergatte fuhr auf Platz fünf, für den es prompt noch eine Mini-Trophäe gab. Doch an die Rennstrecke zieht es Ingrid Soff sonst nicht, wenn ihre beiden Männer auf der Jagd nach Rundenbestzeiten und Pokalen sind. „Das ist nervlich nichts für mich.“ Anton Soff sekundiert: „Am allerzufriedensten sind wir alle, wenn wir am Sonntagabend in einem Stück zuhause ankommen. Aber wenn du im Kübel sitzt, ziehst halt am Kabel.“

Nun im Winter ist Zeit, die Nerven zu schonen und das geschundene Material auf Vordermann zu bringen. Doch der Termin für den ersten Ausritt im neuen Jahr steht rot markiert bereits im Kalender: Am 17. März geht’s nach Ungarn auf den Pannonia-Ring. Bei einem zweitägigen Training werden Material und Menschen einem ersten Stresstest unterzogen. Bis dahin ist im Treppenhaus der Soffs auch Platz geschaffen für neue Trophäen.

Lesen Sie auch das Porträt der beiden Lenggrieser Einradfahrer Emma und Marius Jaroschek: https://www.merkur.de/sport/lokalsport/bad-toelz/ein-balance-akt-besonderen-art-mit-technik-und-geduld-auf-einrad-10818911.html

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Die Jagd auf Punkte und 2000 Euro beginnt
Die neunte Auflage des beliebten Tippspiels „Zehnkampf für Sportexperten“ startet. Sowohl auf die Wochen- als auch die Gesamtsieger warten attraktive Preise.
Die Jagd auf Punkte und 2000 Euro beginnt
„Campionessa“ Thea Heim läuft beim Garda Trentino-Halbmarathon Streckenrekord
Die 18. Auflage des beliebten „Garda Trentino“-Halbmarathons wurde zum Triumph-Lauf für Thea Heim. Auf der Strecke zwischen Riva und Arco lief die Sachsenkamerin einen …
„Campionessa“ Thea Heim läuft beim Garda Trentino-Halbmarathon Streckenrekord

Kommentare