Leichtathletik

Wirbelwind wirbelt nicht mehr

  • schließen

Nach knapp Jahren Leistungssport ist Schluss. Die gehörlose Leichtathletin Georgina Schneid aus Zorneding beendet ihre internationale Karriere.

In Sofia startete sie vor zwölf Jahren mit dem Gewinn einer Silbermedaille bei der Europameisterschaft in der 4x100-Meter-Staffel ihre internationale Leichtathletik-Karriere. Mit Staffel-Silber bei der EM der Gehörlosen in Bochum-Wattenscheid hat sie nun ihre Laufbahn beendet. Georgina Schneid hat ihren Rückzug vom Leistungssport erklärt. Die Ebersberger Zeitung sprach mit der Zornedingerin.

Ihr Rücktritt vom internationalen Wettkampfgeschehen ist nun einige Tage her. Die Entscheidung nochmals überdacht, vielleicht sogar schon bereut?

Da der Abschluss bei der EM grandios war, fiel die Entscheidung nicht so schwer. Ob ich sie zur richtigen Zeit getroffen habe, weiß ich nicht, aber ich dachte mir, wann mache ich dann Schluss? Eher jetzt, wenn es am schönsten ist, oder nie? Bereits im Jahr 2009 habe ich zu einer Freundin, Cora Friebl, gesagt, dass ich nicht mehr lange Leistungssport machen werde. Seitdem sind zehn Jahre vergangen!

Wie kam‘s zu dem Entschluss?

Schon vor zwei Jahren wollte ich aufhören, aber wegen meinem Staffel-Team habe ich weitergemacht. Es gibt viele Gründe, z.B. war ich schon lange in der Nationalmannschaft dabei (15 Jahre), wollte auch etwas Neues probieren. Dazu kam das Ende der Zusammenarbeit mit meinem langjährigen Heimtrainer Florian Cucu, mit dem ich aber nach rund 17 Jahren der Zusammenarbeit definitiv in Kontakt bleiben werde. Dann kamen Verletzungen, unzählige Behandlungen, der Trainings-, Zeit- und Kostenaufwand. Nicht zu vergessen der Nachholbedarf in anderen Bereichen.

Wie geht‘s nun sportlich bei Ihnen weiter?

Da mache ich mir schon Sorgen, keinen Sport treiben zu „müssen“. Auch muss ich auf meine Figur achten. Ich werde nur hobbymäßig Sport (Leichtathletik, Basketball, sonstiges) treiben und auch an den Deutschen Gehörlosen Leichtathletik-Meisterschaften weiterhin teilnehmen. Ich glaube, es wird sich komisch anfühlen, nicht mehr richtig „gut“ zu sein ohne entsprechendes Training.

Es bleibt nun viel Zeit anstelle des Trainings. Schon eine Idee, wie Sie die nutzen wollen?

Erst einmal ist Pause angesagt. Das ist mit einem gemischten Gefühl aus Freude und Angst verbunden, weil ich dieses Leben nicht kenne. Aber ich habe schon einige Wünsche: Experimentieren meiner neuen Hobbys, Ausbildung als Gebärdensprachdozentin, Wiederbelebung alter Freundschaften. Vor allem will ich Zeit in meine Funktion als Tante investieren. Also kurz und knapp gesagt: Ich muss mein Leben erst einmal sortieren.

Fast 20 Jahre Leistungssport. Was bleibt da in Erinnerung?

Unzählige Gedanken und Erinnerungen, darüber könnte ich gerne ein Buch schreiben.

Wann haben Sie erstmals gespürt, dass Sie zur internationalen Elite gehören? Was war das für ein Gefühl?

Erstmals gemerkt, dass ich die schnellste Läuferin Deutschlands bin, war 2005 bei den Internationalen Wettkämpfen in Darmstadt. Damals war ich 15 Jahre alt. Vollständig bewusst ist es mir bei meiner ersten EM in Sofia 2007 geworden. Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt aber das Gefühl von den Deaflympics in Taipeh/Taiwan 2009. Einfach unvergesslich. Das war die absolut beste Sportveranstaltung für Gehörlose, besser geht es nicht. Die eindrucksvollsten Deaflympics in der Geschichte, fast unmöglich, diese Veranstaltung noch zu toppen.

Wieso gibt es eigentlich eigene Wettkämpfe für Gehörlose?

Häufig werden in Diskussionen zum Thema „Deaflympics“ auch die Paralympischen Spiele erwähnt. Die sportliche Abspaltung der Gehörlosen von den Paralympics ist eine längere Geschichte. Die tauben Sportler würden die Paralympics ablehnen, hieß es. Tatsächlich war es umgekehrt: Das Paralympics-Komitee lehnte unsere Forderungen ab. Nicht zuletzt wegen der Finanzierung und Bereitstellung von Gebärdensprachdolmetschern und Aufhebung der Disziplinen-Beschränkung.

Aber Sie sind doch auch gegen hörende Athleten angetreten. Fühlten Sie sich da benachteiligt?

Das Hauptproblem war die Kommunikation in der großen Trainingsgruppe – dabei habe ich oft nicht alles mitbekommen. Während der Pubertät war es heftig, da gab es häufiger Streit mit meiner Mama. Aber nach dem Training war ich gut gelaunt, da ich mich ausgetobt hatte. Aufgrund der reibungslosen und angenehmen Kommunikation bin ich auch bei meinem Heimtrainer geblieben. Bei Wettkämpfen für Hörende gab’s einige Benachteiligungen: Beispielsweise den Startschuss, den ich nicht gut hören konnte und Lautsprecher-Durchsagen, die ich gar nicht mitbekommen habe.

Werden Leichathleten mit Handicap ausreichend vom Verband unterstützt und gefördert?

Leider nein. Fahrten ins Training, Sportsachen wie Spikes, Turnschuhe etc, solche Kosten müssen die Sportler selber tragen. Außer, sie bekommen die Unterstützung von der Sporthilfe. Damals war ich in der Nachwuchselite der Sporthilfe involviert. Das war eine schöne Zeit, in der auch Nachwuchs-elite-Wochenenden veranstaltet wurden.

Sind sie diesbezüglich tätig geworden, oder haben Sie im Laufe der Jahre eine Veränderung wahrgenommen?

Während meiner Zeit, leider nein.

Wie war die Resonanz der Öffentlichkeit auf Ihre Leistungen?

Eigentlich immer gut.

Wie war die Reaktion der Medien?

Wir vom Gehörlosensport erhalten leider zu wenig Medienresonanz, sodass viele Menschen noch nicht davon erfahren haben, dass es Deaflympics überhaupt git.

Fühlten Sie sich gegenüber den anderen Leichtathleten benachteiligt?

Falls gehörlose deutsche Leichtathleten gemeint sind, hatte ich nicht das Gefühl, benachteiligt zu werden. Aber seit die Russen dabei sind, wurden die Chancen, eine Medaille erringen zu können, kleiner. Da bleiben für mich große Zweifel! Dopingkontrollen sind nur sehr selten und für die Verbände schwer finanzierbar. Die letzte EM hat ja hinreichend genug gezeigt, was die Russen alles abgeräumt haben.

Ihr Vater war zumeist bei den Wettkämpfen dabei. Wie hilfreich war das? Er ist selber gehörlos.

Er hat mich nie gestört, und geht vor allem bei internationalen Wettkämpfen mit mir auf Distanz. Um auch keinen Einfluss oder Nervosität herbeizuführen. Obwohl wir meistens im gleichen Hotel waren. Einige Athleten wussten nicht einmal, dass wirklich mein Papa dabei war. Das echte Vater/Tochter-Verhältnis gibt es nur zuhause.

Welches war IHR Rennen?

Bei den Deaflympics in Sofia (Bulgarien) 2013 im Siebenkampf. Als ich meine persönliche Bestleistung auf über 4000 Punkte schrauben konnte. Ich glaube, nur fünf deutsche Frauen haben diese Punktzahl bisher in der Geschichte geschafft.

Welche Medaille ist Ihnen besonders wertvoll?

Die der Hallenmeisterschaft in Genua (Italien) 2008. Das war Bronze im 60-Meter-Hürdenlauf kurz nach der Erkrankung am Pfeifferschen Drüsenfieber. Und die von der Weltmeisterschaft in Izmir (Türkei) 2008 im Siebenkampf, als ich Vize-Weltmeisterin wurde. Dazu natürlich jetzt das Staffel-Silber bei der EM in Bochum über 4x100m.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Medaillen Sie gewonnen haben?

National habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. International ist das anders: EM 2007: Silber mit der 4x100-Meter-Staffel und Bronze im 100-Meter-Hürdenlauf; bei der Hallen-Europameisterschaft 2008 gelang mir Bronze über 60-Meter-Hürden, bei der WM im gleichen Jahr Silber im Siebenkampf. Und bei der EM 2011 holte ich Bronze im Speerwurf. Da die Sportler aus dem früheren Ostblock stärker geworden sind, hatte ich Viertplatzierte oft das Nachsehen.

Was haben Sie mit den ganzen Urkunden und Medaillen gemacht? Noch Platz im Keller?

Urkunden sowie Startnummer sind im Ordner sortiert, Medaillen in einer durchsichtigen Schachtel in der Vitrine und die Pokale in einem Karton verstaut.

Würden Sie Ihrer Tochter zu einer Leichtathletik-Karriere zuraten?

Ja, aus meiner Erfahrung ist Leichtathletik die optimalste Grundlage für Kinder und Jugendliche, die später auch noch die passende Sportart aussuchen können. In fast allen Sportarten ist ein Teil von der Leichtathletik z.B. Laufen, Springen oder Werfen beinhaltet.

Geld konnten Sie im Laufe Ihrer Karriere nicht gerade anhäufen. Preisgelder sind doch wohl eher bescheiden. Wie sieht die berufliche Zukunft aus?

Ich möchte mich in meiner Abteilung Corporate Finance bei der Siemens AG weiterentwickeln.

Was nehmen Sie aus fast zwei Jahrzehnten als erfolgreiche Sportlerin mit?

Sehr viel, ich frage mich oft, was wäre ich geworden, wenn ich diese Sport-Welt nicht kennengelernt hätte. Dinge wie Identität, Wille, Zielorientierung, Ehrgeiz, Lernen, auf andere Sachen zu verzichten, soziale Fähigkeit, Umgang mit dem Druck, Niederlage, Schmerz und Freude waren und sind wertvoll für meine Lebens- und Persönlichkeitsentwicklung.

Haben Sie ein sportliches Ziel, das unerfüllt blieb?

Eine Deaflympics-Medaille trotz der persönlichen Bestleistung im Siebenkampf in Sofia. Vier Jahre zuvor gewannen die Teilnehmerinnen mit mehr als 4000 Punkten die Medaillen.

Was glauben Sie, wohin führt der Weg in der Leichtathletik der Gehörlosen?

Die größte Sorge gilt dem Leichtathletik-Nachwuchs der Gehörlosen. Dabei sollte man auch die deutsche Gebärdensprache nicht vergessen, denn sie ist Fundament für den Gehörlosensport und gleichzeitig Kommunikationsmittel mit den Gehörlosen aus anderen Ländern (internationale Gebärdensprache). Wohin der Weg wirklich führt, weiß so gut wie keiner, deshalb wünsche ich der Leichtathletik der Gehörlosen nur das Beste.

Das Gespräch führte
Wolfgang Herfort

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

1865-Talent Breuer will hoch hinaus - Harte Arbeit Schlüssel zum Erfolg
Die Spielweise von Nico Schulz findet Felix Breuer richtig gut. Der 18-Jährige spielt selbst auf der linken Verteidigerposition – und möchte dorthin, wo Schulz momentan …
1865-Talent Breuer will hoch hinaus - Harte Arbeit Schlüssel zum Erfolg

Kommentare