Katharina Lang hat drei Kreuzbandrisse hinter sich. Als Rollstuhlbasketballerin gehört sie zur deutschen Nationalmannschaft und will zu den Paralympics. Foto: privat

Rollstuhlbasketball

Tokio-Traum erneut aufgeschoben

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Für Rollstuhlbasketballerin Katharina Lang könnte der Traum von der Teilnahme an den Paralympics nicht nur verschoben sein. Er könnte komplett platzen.

VON JULIAN BETZL

Kirchseeon – Als Rollstuhlbasketballspielerin ist Katharina Lang für ihre ausgeprägte Präzision im Hand-, Ellenbogen- und Schultergelenk bekannt. Inzwischen hat die deutsche Nationalspielerin aus Kirchseeon auch noch einen grünen Daumen entwickelt. Anstatt sich in diversen Lehrgängen und Trainingslagern mit der Nationalmannschaft auf die Paralympics in Tokio vorzubereiten, hat die 27-jährige Leistungssportlerin im Garten ihrer Eltern eine von vielen neuen Leidenschaften für sich entdeckt.

Vor knapp drei Monaten hat die Corona-Pandemie Katharina Lang aus ihrer gewohnten (und geschätzten) College-Routine in Tuscaloosa gerissen, wo sie mit einem Sportstipendium an der University of Alabama Marketing studiert. Aufstehen, Kraftraum, Vorlesungen, Mittagessen, Training, Lernzeit, Abendessen, Schlafen – ihr Alltag war minutiös durchgetaktet. „Diese Routine geht mir schon ab, aber jetzt hätte ich sowieso Semesterferien und genieße die Zeit in der Heimat. Ich gehe mit meinen Eltern in die Berge, fahre viel Fahrrad, besuche meine Schwester in München und mache viel im Garten.“

Nebenbei hat Katharina Lang mal wieder viel Zeit bei Orthopäden und in Kernspintomographen verbracht. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hatte die internationalen Rollstuhlbasketball-Verbände Anfang des Jahres mit neuen Anforderungen an das Klassifizierungssystem überrascht, das den unterschiedlichen Grad der körperlichen Einschränkung jedes Spielers in insgesamt acht Stufen von 1,0 bis 4,5 festlegt und damit maßgeblich für die Zusammensetzung einer Mannschaft ist. Ursprünglich sollten bis Ende

Einschränkung wird neu bewertet

Mai leichter eingeschränkte Spieler, die etwa mit einem kaputten Knie im Alltag nicht auf den Rollstuhl angewiesen sind und bisher mit 4,0 oder 4,5 Punkten bewertet wurden, aktualisierte medizinische Nachweise über den Grad ihrer körperlichen Einschränkung beim IPC hinterlegen. Andernfalls drohte der Ausschluss von den Paralympics in Tokio.

Dieser Forderung kam Katharina Lang nach, die nach drei Kreuzbandrissen bislang vom internationalen Dachverband der Rollstuhlbasketballer (IWBF) mit 4,5 Punkten klassifiziert wurde. „Also rennt man von Arzt zu Arzt und hofft, dass alles klappt.“

Dann kam Corona, und die Paralympics wurden schließlich auf 2021 verschoben. Und plötzlich geriet auch der IPC-Stichtag vom 31. Mai in Gefahr, denn überraschend musste Lang zuletzt erneut ein paar Arztpraxen abklappern. „Das IWBF hat gemerkt, dass Übersetzungen und ein paar andere Dokumente noch nachgereicht werden müssen und daher eine Verlängerungsfrist beim IPC beantragt.“ Diese wurde mit Rücksicht auf etwaige Hindernisse bei Arztbesuchen im Zuge der Corona-Pandemie gewährt. Termin jetzt: 31. August. „Allerdings müssen jetzt nicht mehr nur die 4,0er und 4,5er neu klassifiziert werden, sondern alle Athleten“, berichtet Katharina Lang. „Deshalb wird sich bei den Punkten und den Kaderkonstellationen viel ändern. Manche werden ihren Kaderstatus verlieren.“

Noch ist die Kirchseeonerin eine feste Größe im Nationalteam und kann dank ihres Kaderstatus schon wieder mit Ausnahmegenehmigung für zwei Stunden pro Woche in einer Münchner Halle ihre Wurftechnik trainieren. „Für mich ist aber gerade nicht Priorität, dass ich so schnell wie möglich in die Halle kann, sondern dass global wieder alles normal läuft.“

Ende August will Katharina Lang zum Start des Wintersemesters zurück in Alabama sein. „Da Tuscaloosa noch nicht so stark vom Virus betroffen ist und ich in meiner Wohnung allein gut isoliert bin, habe ich da keine Bedenken.“

Und danach? Die Paralympics in Tokio 2021? Das große Fragezeichen hinter ihrer neuen Klassifizierung und letztlich der Teilnahmeberechtigung? „Das sehe ich gerade ein bisserl gelassen, weil das noch so weit weg ist“, erzählt Katharina Lang entspannt während eines Wanderausflugs mit den Eltern.

Das olympische Feuer mag umständehalber gerade etwas aus ihrem Fokus gerückt sein. An manchen Trainingstagen im Münchner Olympiapark, wenn sie im Rollstuhl den Olympiaberg hochjagt und ihre zwei Schwestern nebenherlaufen, lodert dieses Feuer aber wieder auf. Grundlos hat sich Katharina Lang schließlich nicht die geographischen Koordinaten des Olympiabergs auf den Fußrücken tätowiert. Ihr großer Traum begleitet sie wortwörtlich auf Schritt und Tritt.

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