Horst Soika war Bayerns bester Boxer der frühen Nachkriegszeit. In Teheran wurde er als „König von Persien“ gefeiert. Ein Porträt.
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Der Linksausleger mit dem rechten Hammer. Horst Soika knockt hier den Würzburger Boxer Eckart aus.

Erdings Top 100

Horst Soika: Der Gentleman-Boxer

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Horst Soika war Bayerns bester Boxer der frühen Nachkriegszeit. In Teheran wurde er als „König von Persien“ gefeiert. Ein Porträt.

Eitting – Karl Mildenberger war Boxeuropameister im Schwergewicht, im Frankfurter Waldstadion verlor er 1966 seinen WM-Kampf gegen Muhammad Ali erst in der zwölften Runde. Zehn Jahre zuvor hatte „Karl der Große“ schon mal eine Niederlage erlitten: Er musste sich Horst Soika beugen. Das ist jener Eittinger, den einst ein Trainer nachhause schicken wollte, der dann aber zu Bayerns bestem Boxer der frühen Nachkriegszeit avancierte und einst auf den Straßen Teherans als „König von Persien“ gefeiert wurde. Am 9. Dezember 2016 verstarb er im Alter von 82 Jahren. vergessen ist er nicht. 

Als Rentner genoss er das Leben mit seiner Familie in Eitting. Am 9. Dezember 2016 starb er im Alter von 82 Jahren. Seine Kämpfe und Erfolge für den TSV Erding und den FC Bayern Hof bleiben unvergessen.

Blenden wir nochmal zurück: Es ist der 24. Juli 1956, die Schwarzwaldhalle in Karlsruhe ist ausverkauft. Es geht um das Halbfinale der deutschen Amateurmeisterschaften: Drei Runden lang bekämpfen sich die Schwergewichtler Soika und Mildenberger. Aber Schwergewicht heißt hier nicht tumbes Prügeln. Der Bayerische Meister ist kein Haudrauf. „Nein, er war eine Maschine“, sagte einmal der inzwischen ebenfalls verstorbene jüngerer Bruder Peter. „Horst hat 100 Mal mit seiner Linken zugeschlagen, und dann – bamm! – war er mit seiner Rechten da. Die erste Runde musste er meistens abgeben, aber danach hat ihn keiner mehr aufhalten können.“

„Mit dem zufrieden, was er hatte“

Auch Mildenberger ereilt dieses Schicksal. Er verliert nach Punkten. Allerdings geht Soika mit angebrochener Rippe aus dem Kampf und verliert das Finale gegen Rudi Horoba, seinen Dauerrivalen aus Dortmund. Den Sieg über den späteren Box-Champion Mildenberger, den kann ihm aber keiner mehr nehmen.

Wie Mildenberger hätte auch Soika ins Profilager wechseln können. Peter Müller, den die Boxwelt nur als „de Aap“ kennt, habe mehrfach angefragt, erzählte Peter Soika, „aber Horst war einfach mit dem zufrieden, was er hatte“. Für ihn seien schon die drei oder fünf Mark, die er für einen Jugendkampf des TSV Erding erhielt, etwas Besonderes gewesen.

Mit 16 Jahren ging er zum TSV Erding

Denn anfangs war die große Karriere nicht zu erkennen. „Ein Trainer wollte ihn sogar heimschicken, weil er ihn nicht als Boxer sah“, sagte Peter Soika. Seinen Bruder habe diese Wut gefehlt. „Der war – ganz im Gegensatz zu mir – nie aufbrausend.“ Dazu muss man wissen, dass Peter Soika selbst ein Kraftprotz war, der 300 Kilo schwere Steine hob und einen Einbrecher mal so viel Angst machte, dass der sich unterm Tisch verkroch und um die Polizei bettelte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum deutlich ruhigeren Bruder. 1949 schließt sich der damals 16-Jährige der Boxstaffel des TSV Erding an. Er und später auch sein fünf Jahre jüngerer Bruder radeln von Eitting nach Erding. Im Winter gehen sie oft zu Fuß. Und der Trainer, der ihn einst heimschicken wollte, staunt jetzt nicht schlecht, denn Horst Soika fährt reihenweise Titel ein. 1951 wird er Oberbayerischer Juniorenmeister im Halbschwergewicht. Im Jahr darauf ist er Bayerischer und Süddeutscher Meister. Im DM-Finale unterliegt er vor 4000 Zuschauern hauchdünn.

20 bis 60 Mark pro Kampf

Von den sportbegeisterten Erdingern wird er wie ein Staatsgast empfangen. Die Heimatzeitung schreibt im Juni 1952: „Voraus ein Lautsprecherwagen der Firma Semptradio, setzte sich ein langer Zug von Personenwagen in Bewegung, der den 2. deutschen Meister das Geleit zum offiziellen Empfang im Rathaus gab. Horst, im blumengeschmückten offenen Auto stehend, wurde auf dieser Fahrt überall herzlich begrüßt.“ 1953 verteidigt Soika seinen Bayerntitel und wechselt ins Seniorenlager. Da gibt es dann schon zwischen 20 und 60 Mark pro Kampf. Aber lange kann der TSV Erding sein größtes Talent nicht mehr halten. Die Hochburg des bayerischen Boxsports liegt in Franken in Bamberg, Coburg, Hof, Bayreuth, wo auch Kämpfer aus der US-Army boxen.

Sein Bruder schließt sich dem TV Münchberg an. Beide ziehen nach Oberfranken. Der jüngere erhält eine Lehrstelle, der ältere einen Job – und viel Zeit fürs Training. Horst Soikas Einstandsgeschenk: die oberfränkische Meisterschaft. Mit der Bayernauswahl reist er zu Vergleichskämpfen nach Österreich, in die Schweiz oder in die damalige Tschechoslowakei. Meistens kämpft er gleich zweimal am Abend.

Der Sieger von Teheran

1956 geht es nach Teheran. Für den damals 22-Jährigen ein einziger sportlicher Triumphzug. Er gewinnt alle drei Kämpfe – darunter gegen Olympiaboxer Rahim Zendegani – und wird als „Sieger von Teheran“ dem Bruder des Schahs vorgestellt. Den Empfang verglich Horst Soika damals „mit dem eines Staatsmannes. Zehn Jeeps standen bereit, in denen je ein Bayer mit einem persischen Partner Platz nahm. Überall wurde die Wagenkolonne von der Bevölkerung begeistert begrüßt“. 

Das Bild zeigt den Gentleman-Boxer im Jahr 1959. Nach seinem 287. Kampf, den er unverdient verloren hatte, hängte Horst Soika seine Handschuhe an den Nagel.

Es folgt der Kampf gegen Mildenberger und Soikas Wechsel zum FC Bayern Hof. Der Bub aus Eitting ist inzwischen ein Star. Die Frauen sind begeistert von dem Mann, der sich gern in Schale schmiss. Er ist ein Gentleman-Boxer, der auch den tschechischen Europameister Nemet auf die Bretter schickt. Nach seinem erneuten Bayern-Titel wird Soika im Schwergewicht noch dreimal Bayerischer Vizemeister. Am 25. März 1961 bestreitet er seinen 287. Kampf. In Coburg unterliegt er dem Lokalmatadoren Adam Stenger, der zum 500. Mal im Ring steht. Soika, so steht es in den Zeitungen, sei klar besser gewesen, aber der Jubilar wird mit dem Sieg beschenkt. Der Unterlegene ärgert sich so sehr, dass er nie mehr die Handschuhe anzieht.

Die großen Box-Kämpfe während des Erdinger Herbstfests in den 1960ern lässt er sich freilich nicht entgehen. Wie auch Muhammad Ali, den er wegen dessen Box-Stils bewundert. Dessen Großmäuligkeit ist nicht Horst Soikas Sache. Er liebt seine Ruhe, Frau, Tochter, Enkelkind. Im Jahr 2016 erleidet er einen Oberschenkelhalsbruch, von dem er sich nicht mehr erholt. Als auch noch eine Lungenentzündung hinzukommt, will der 82-Jährige nicht mehr kämpfen. Am 9. Dezember 2016 verstirbt Erdings größter Boxer. Vergessen ist er nicht. Als seine Großneffen Sebastian und Valentin Busch beim Eishockey-Zweitligisten Bayreuth spielen, schwärmt einer ihrer Betreuer von Horst Soika, Bayerns bester Linksausleger seiner Zeit.

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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