In privat geführten Casa de Ciclistas treffen sich Radler aus aller Welt. Familien stellen dafür ihre Küche zur Verfügung.
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In privat geführten Casa de Ciclistas treffen sich Radler aus aller Welt. Familien stellen dafür ihre Küche zur Verfügung.
Strapazen: Eine kleine Mauer dient als Windschutz während der Essenspause.
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Strapazen: Eine kleine Mauer dient als Windschutz während der Essenspause.
Radwege sehen in in Südamerika mitunter so aus wie auf dem Bild.
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Radwege sehen in in Südamerika mitunter so aus wie auf dem Bild.
Nicht nur die Kulisse ist atemberaubend: Johannes Hochholzer, Fabian Kapfer und Korbinian Faust (v. l.) kämpfen sich auf schlechten Straßen hoch.
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Nicht nur die Kulisse ist atemberaubend: Johannes Hochholzer, Fabian Kapfer und Korbinian Faust (v. l.) kämpfen sich auf schlechten Straßen hoch.
Von Süd nach Nord ging die Tour des Trios.
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Von Süd nach Nord ging die Tour des Trios.

15 000 Kilometer mit dem Fahrrad durch Südamerika

Die Erdinger Anden-Kletterer

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Sie sausten mit 50 km/h über Pässe in den Anden, schoben ihre Fahrräder durch Bäche und Schlamm. Sie durchquerten vertrocknete Salzseen. Vor allem aber lernten drei Erdinger die Gastfreundschaft Südamerikas kennen – und wie man Räder repariert.

Erding– Johannes Hochholzer ist ein erstklassiger Musiker, ehrenamtlich engagiert in der Kirche, und war zu seiner Schulzeit der Technikus Nummer eins im Anne-Frank-Gymnasium. „Und jetzt kann ich Fahrradersatzteile in sieben spanischen Dialekten bestellen“, erzählt der 23-jährige Erdinger im Johanneshaus. Im vollbesetzten Saal berichtet er im Rahmen der Kolping-Vortragsreihe von der Panamericana. Mit Korbinian Faust und Fabian Kapfer ist er vom untersten Zipfel Argentiniens über Chile, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien bis nach Panama geradelt. Das sind 14 650 Kilometer.

240 Tage dauerte die Reise, „an 170 Tagen waren wir im Sattel“, erzählt Hochholzer. Dazwischen legten sie auch mal eine Dschungeltour ein, wofür sie ein Floß aus Balsa-Holz bauten. Eine einwöchige Zwangspause war ebenso nötig, weil sich Kapfer nach einer Bakterieninfektion mit Durchfall und 39,5 Grad Fieber quälte. „Da durften wir dann das kolumbianische Dorfleben genießen“, sagt Hochholzer. „Ansonsten sind wir aber von Verletzungen verschont geblieben.“ Selbst Fabian Kapfer, der bei einer Bergabfahrt mit 50 km/h ein Schaf rammte, das plötzlich auf die Straße getrottet war, blieb unversehrt. Beide schüttelten sich kurz, und weiter ging’s. Und das Fahrrad? Hatte schon Schlimmeres mitgemacht auf der Strecke.

Der Gepäckträger macht sofort schlapp

Hochholzer erklärt, wie die 30 Kilogramm Reisegepäck auf dem Rad strategisch verteilt waren, dennoch – so steht es im Reiseblog www.panamericana.jhochholzer.de – streikten schon kurz nach dem Start in Patagonien die Gepäckträger. Aluverstärkungen und Kabelbinder lösten diese Probleme. In den folgenden über 200 Tagen habe er zweimal die Bremsanlage ausgetauscht, ebenso die Hinterachse und die Vorderritzel – eigentlich das halbe Radl, erzählt der Physik-Student, der nur eine Reifenpanne hatte, während Kapfer unzählig viele Löcher im Schlauch hatte. Faust kam ohne durch.

Richtig spannend wurde es, als Hochholzer Ersatz für seine 28-Zoll-Felge benötigte. „In Kolumbien werden aber nur 27er und 29er-Felgen verwendet.“ Das halbe Dorf wartete erst auf das Taxi, mit dem der Ersatz gebracht wurde und dann auf die Reparatur im kleinen Fahrradladen. „Denn die Kolumbianer sind völlig radlverrückt und helfen dir in jeder Situation.“ In ihrem Blog erzählen die Drei von einem Speichenbruch am Hinterrad . „Während wir mit Eiswasser bei der Hitze versorgt wurden, lief der fahrradbegeisterte Motorrad-Mechaniker von Werkstatt zu Werkstatt, um sich die nötigen Werkzeuge zu leihen – so hat gewissermaßen die ganze Straße zum Speichenwechsel beigetragen.“

Gastfreundschaft durfte das Trio in ganz Südamerika erleben. Hochholzer erzählt von den so genannten Casas de Ciclistas und zeigt Fotos von dem kleinen Häuschen einer vierköpfigen Familie. Im Garten dahinter sind etwa zehn Zelte aufgeschlagen. Und in der Küche sitzen ein Dutzend Radler, die sich für die nächste Tour stärken.

Das ist auch nötig, denn die Etappen sind immer anders, aber immer anstrengend. Und keinesfalls vergleichbar mit der 2000-Kilometer-Tour von München nach Barcelona, mit der sich die drei auf das Abenteuer vorbereitet hatten. Die drei kämpfen sich mit ungefähr 7 km/h gegen den Wind durch die Steppen im Feuerland. Sie wagen sich auf den 3834 Meter hohen Bermejo-Pass, drehen vor den letzten 600 Höhenmetern um, weil ein Schneetreiben eingesetzt hat. Also wieder runter, übernachten, und am nächsten Tag wieder rauf auf die alte Schotterpiste fahren.

Höhenlager auf 4500 Metern

Die ist aber geradezu ein Highway im Vergleich zu jenem schmalen, steilen Pfad, den das chilenische Militär erst in den 1970er Jahren geschlagen hat. Die Radlgruppe durchquert Bäche und kämpft sich durch Schlamm. „Das sind keine Wanderwege, die vom Deutschen Alpenverein gepflegt werden“, sagt Hochholzer. Manchmal lässt sich der Straßenverlauf nur vermuten. „Ohne GPS wären wir aufgeschmissen gewesen“, sagt Hochholzer und erzählt vom 100 mal 100 km breiten ausgetrockneten Salzsee, dem Salar de Uyuni in Bolivien, auf dem die Reifen wie auf Schnee knirschen.

Südamerika heißt aber nicht nur flach, Südamerika heißt vor allem Anden. Der höchste Punkt auf ihrer Tour liegt 4826 Meter über dem Meeresspiegel. Es folgt ein Höhenlager auf 4500 Metern und eine Nacht im Zelt mit fünf Paar Socken an den Füßen. Apropos Zelt: „Der Schlitten des Reißverschlusses war schnell defekt. Es ist kein Spaß, wenn man bei Eiseskälte eine halbe Stunde braucht, um das Zelt zu schließen“, erzählt Hochholzer. Aber die Truppe weiß sich zu helfen. Auch als sie an einen Ort kommt, der laut GPS-Gerät und Karte ein Dorf sein sollte. Die drei finden aber nur einen verlassenen Bauernhof vor, und auch der nahe der Straße verlaufende Fluss ist ausgetrocknet“, erzählt Hochholzer. Allerdings befand sich im Haus ein großer Tank mit einem kleinen Rest Wasser. „Durch Kippen haben wir es geschafft, das restliche Wasser zu bekommen, abzukochen und es in unsere Säcke zu füllen.“

Zum Duschen muss eine Flasche reichen. „Das ist nicht viel, aber man lernt, es richtig einzuteilen“, schildert Hochholzer. Und man lernt Gelassenheit. Einer seiner Reisebegleiter jedenfalls winkt lässig dem Touribus, der gerade vorbeifährt, als er sich gerade am Straßenrand der Körperhygiene widmet – splitternackt. Längst gehören sie zu den routinierten Panamericana-Radlern, die wissen, warum an den Casas de Ciclistas Tipps aufgemalt werden wie „Bitte erst die Gesichtscreme nehmen, dann die Arschsalbe.“ Es gebe halt zu wenig Wasser, um sich gleich mehrmals die Hände zu waschen.

Die drei lernen sich einzuschränken und zu planen, wie zum Beispiel die zehn Tage im Nationalpark Torres del Paine. Der hat zwar ein beeindruckendes Bergpanorama mit mehreren Gletschern und drei 2500 Meter hohe Türme, aber keine Einkaufsmöglichkeiten. Also müssen die Radler in den Reisetaschen Platz schaffen für Reis, Spaghetti, Pesto und andere Soßen, Haferflocken, Milchpulver, Zucker, Steaks, Kartoffeln und Couscous. Zum Frühstück gibt’s Porridge. Wie der mit Wasser angemachte Haferbrei schmeckt? „Also daheim werde ich es nicht mehr essen“, kündigt Hochholzer an. Gleiches gelte auch für die Fischsuppe mit Kochbananen.

Die brüchige Gletscherwand

Er schwärmt aber auch vom Asado, ein argentinisches Grillen, das sich über den ganzen Tag hinzieht, zu dem das Trio von einer Familie eingeladen wurde: Lamm- und Rindfleisch, Chorizos, Papas, Salat und Soßen. „Und als wir auf einer großen Estancia, wo die Schafschur gerade beendet war, nach Wasser fragten, wurden wir von einem Vorarbeiter eingeladen, später vorbeizukommen und den Rest vom Essen abzustauben“, berichtet Hochholzer. Und einmal habe es sogar Bier, Allgäuer Kässpatzen, Leberkas, Bratkartoffeln, Kasseler und Weißwürscht gegeben – „und das in über 10 000 Kilometern Entfernung von Deutschland“, sagt Hochholzer und fügt hinzu: „Es ist jetzt aber nicht so, dass ich das Weißbier vermisst hätte – eher unsere Alpen.“

Wobei sie natürlich auch in Südamerika eine fantastische Natur erlebt hätten. Zum Beispiel den Glaciar Grey. Das ist ein Gletscher und Teil des Campo Hielo del Sur, eine der größten Eisflächen der Welt mit knapp 22 000 Quadratkilometern. Oder die Perito-Moreno-Gletscherwand. „Sie ist ist 2,3 Kilometer lang und 60 m hoch. Immer wieder hört man hausgroße Stücke abbrechen und in den See fallen“, schildert Hochholzer.

Neben den Naturschauspielen gibt es die Freuden des Radfahrers wie jene 30-Kilometer-Abfahrt. Ohne eine einzige scharfe Kurve geht es 2000 Meter hinunter in die Oase von San Pedro de Atacama. Aber auch der Gedanke im Hinterkopf, „dass wir diese Steigung nach ein paar Tagen in San Pedro wieder hinauf müssen“.

Die Drei meistern das. Sie fahren auch einmal eineinhalb Stunden zurück, weil sie – übrigens vergeblich – einen verlorenen Handschuh suchen. „Man streitet sich auch mal“, antwortet Hochholzer auf die Frage, wie sich denn die drei vertragen hätten. Als ihnen einmal die Geldbörse gestohlen wurde, sei es schon zu gegenseitigen Schuldzuweisungen gekommen, steht im Reiseblog. Aber auch das meistern sie. Und fit sind sie ohnehin. Bis zu 2500 Höhenmeter schaffen sie auf einer einzigen Tagesetappe.

Und immer wieder werden sie von interessanten Menschen überrascht. Hochholzer erzählt von einem „Mädchen in den Anden, die sich freute, endlich mal Englisch reden zu dürfen. Sie will Übersetzerin werden“. Kurz vor der kolumbianischen Grenze überholt sie am Äquatormonument ein Jeep mit Münchner Kennzeichen. „Das waren Doro und Felix wieder, die wir fünf Monate zuvor in Argentinien vor dem Perito Moreno Gletscher und nochmal in El Chalten getroffen haben“, erzählt Hochholzer. Er schwärmt von Cuenca, dem „München Ecuadors“, dessen Altstadt mit seinen vielen Grünanlagen „sehr europäisch“ wirke. Und Kolumbien habe er völlig anders erfahren, als es das Auswärtige Amt in seinen Reise-Empfehlungen schildert. „Militär und Polizei sind mit Kontrollposten sehr präsent. Dennoch hatten wir nie das Gefühl von Unsicherheit, außer vielleicht in gewissen Großstadtvierteln, wo uns die Fortbewegung per Taxi empfohlen wurde.“

10 000 Euro für 240 Reisetage

Cartagena sollte letztlich das Ziel der Panamericana sein. Kurz tauschten die drei ihr Gefährt, segelten mit neun anderen Reisenden durch die Karibik zu den San-Blas-Inseln vor der panamaischen Küste. In Puerto Lindo, einem kleinen Hafendorf, ging es ein wirklich letztes Mal aufs Fahrrad. Ein paar flache Kilometer nach Panama City – dann hatten sie endgültig den Kanal voll.

Zwischen 9000 bis 10 000 Euro habe ihn die Panamericana gekostet, rechnet Hochholzer vor. „Das ist vergleichsweise wenig, aber wir haben ja auch nur in den größeren Städten, oder wenn es nicht anders möglich war, in Herbergen übernachtet.“

Und wo geht die nächste Tour hin? Nein, große Pläne hege er noch nicht. „Aber ich habe bald einen Termin in Berlin. Vielleicht radele ich da rechts rum hoch und links rum wieder runter. Dann sehe ich ein bisschen mehr von Deutschland. Und 2000 Kilometer wären das dann auch.“

von Dieter Priglmeir

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