500 Meter in die Tiefe, möglichst schnell, schön und ohne Sturz. Das ist Freeriding. Die Wartenbergerin Jil Lehnert liebt solche Situationen.
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500 Meter in die Tiefe, möglichst schnell, schön und ohne Sturz. Das ist Freeriding. Die Wartenbergerin Jil Lehnert liebt solche Situationen.

Freeride

500 Meter abwärts – Jil Lehnert: „Ich war zu vorsichtig“

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Jil Lehnert wird bei der Freeride-WM Vierte und ärgert sich über die verpasste Bronzemedaille

Wartenberg/Verbier – Was für den Fußballer das Wembleystadion ist, sind für die Freerider die Hänge von Verbier. Einst Geburtsort dieser spektakulären Sportart, findet hier stets das Finale der Freeride World Tour (FWT) statt. Als einzige Deutsche bei der diesjährigen Freeride Junior World Championship qualifiziert: Jil Lehner. Die 18-jährige Wartenbergerin wird sich gleich von einem 3000er runter stürzen.

Auf Skiern. Runterbrettern – das Wort wäre zu schön, als dass es perfekt passen würde. Denn beim Freeriding zählt eben nicht nur der Speed. Schließlich sucht sich jede Fahrerin ihre eigene Spur, die sie dann möglichst spektakulär und flüssig befliegt und befährt. Eine Jury bewertet jeden Ritt.

Das Wetter in Verbier ist in diesen Tagen ein Traum – für Freerider aber fast ein wenig zu warm. Im steilen Nordhang eines Neben-Gipfels des Mont Gelee (3000 m) ist noch Pulverschnee. Das ist von Vorteil, wenn es gleich 500 Höhenmeter runter geht. Einige sind schon gestürzt (zum Glück ohne schwere Verletzungen), aber die Steilhänge von bis zu 60 Grad bereiten Lehnert keine Angst.

120 Skitage in dieser Saison

Sie ist längst in der Szene angekommen. Vor zwei Jahren gewann sie bei der WM die Bronzemedaille. Seitdem ist viel passiert. Inzwischen studiert sie im dritten Semester Mechatronik – praktischerweise in Innsbruck, wo es nie weit zum nächsten Skihang ist. Selbst in diesem Corona-Winter konnte sie trainieren. „Von Oktober bis Weihnachten waren die Lifte geschlossen, und sie musste sich mit vielen Skitouren behelfen“, erzählt ihr Vater Michael. Mit diesen Touren hole sie sich ihre Kondition. „Erst vergangene Woche war sie noch auf der Wildspitze.“ Das ist mit 3768 Metern Österreichs Nummer zwei hinter dem Großglockner. Insgesamt sei seine Tochter in diesem Winter schon an 120 Tagen auf Skiern gestanden. Wettbewerbe seien allerdings wegen Corona Mangelware gewesen. „Jil konnte nur bei einem Contest in Verbier teilnehmen, und daher hatte sie keinen Vergleich zu ihren Gegnerinnen.“

Die Qualifikation für die WM basierte auf den Vorjahresergebnissen, als sie in Kappel/Paznaun gewann und jeweils Zweite in Fieberbrunn und in Alpbachtal wurde. Dazu die bereits erwähnte WM-Bronze von 2019 – die Studentin zählt zum erweiterten Favoritenkreis.

Als einzige deutsche Teilnehmerin landete sie bei den World Juniors in der Schweiz auf Platz vier. Ein bisserl wurmt sie das, weil sie etwas zu vorsichtig gefahren sei „und so nicht zeigen konnte, was ich wirklich drauf habe“. Die 18-Jährige will sich als erste Deutsche für die World Tour qualifizieren.

Und dann geht’s los. 500 Höhenmeter ohne Fahrstuhl, aber ähnlich direkt bergab. Jil Lehnert springt über Felsen. Fünf spektakuläre Sätze. Sie findet in den engen Rinnen ihre Spur. Doch die Fahrt ist nicht so flüssig und temporeich wie gewohnt. Eine Italienerin ist kurz zuvor direkt bei der Einfahrt in den ersten Steilhang gestürzt. Das Gelände ist auch steiniger und schwerer zu fahren als erwartet. „Deshalb wollte ich lieber etwas sicherer fahren“, wird sie danach sagen. Zu spät habe habe sie bemerkt, „dass das Zögern total unbegründet war und ich ohne Probleme mehr hätte geben können“. Das habe sie dann schon etwas geärgert, „weil ich nicht zeigen konnte, was ich wirklich gekonnt hätte.“

„Im sehr steilen Gelände hat sie diesmal zu vorsichtig agiert“, meint auch ihr Vater, und die Jury sieht dies ähnlich. Die ersten Läuferinnen sind im Gesamtklassement eng zusammen. Letztlich landen die Französin Astrid Cheylus, Delila Quinn (USA) und Claire Mc Pherson (Kanada) auf dem Podest. Der Skifahrerin vom SC Auerbach fehlen nur acht Punkte zu Bronze. Zur besseren Einordnung: 41 Zähler hat sie Vorsprung vor der Fünften. „Jedes Jahr wird das Niveau bei den Juniors höher und steht dem Niveau der Erwachsenen auf der World Tour in nichts mehr nach“, sagt Michael Lehnert. Dafür will sich Jil in den nächsten Jahren qualifizieren – sie wäre die erste Deutsche überhaupt.

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