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Alexander Hassenstein hat bei 14 Olympischen Spielen fotografiert.

Ein Sportfotograf in Corona-Zeiten

Alexander Hassenstein: Statt Olympia 400 Kilometer im Stadtpark

  • Dieter Priglmeir
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Was macht eigentlich zurzeit Alexander Hassenstein, Erdinger Sportfotograf bei Getty Images?

Erding – Ein Bundesliga-Spiel dauert 90 plus x Minuten. Für Alexander Hassenstein ist es ein Acht-Stunden-Tag. Der 49-jährige Erdinger ist Sportfotograf bei Getty Images. 14 Olympische Spiele, zwölf Leichtathletik-Weltmeisterschaften, 15 Champions-League-Finals und fünf FIFA-Fußball-Weltmeisterschaften hat er schon in Bildern festgehalten.

Dem FC Bayern-Blog „Mia san Rot“ erklärte er vor kurzem seinen Arbeitstag in der Allianz Arena. Um 13 Uhr baue er seine Technik auf, schieße erste Bilder vom Aufwärmen der Teams und stelle die Online-Verbindung zu seinem Getty-Images-Team her, das in London sitzt und dort zentral alle Bilder seiner Fotografen von anderen Spielen der Bundesliga und der Premier League bearbeitet und an ihre Kunden weiterschickt. Dann – um 15.30 Uhr – ist Anpfiff, und Hassenstein sitzt dort, was er selbst als „die erste Reihe der Südkurve“ bezeichnet.

Konrad Kressierer, legendärer Erdinger Merkur-Fotograf, schwärmte einst von der geschäftigen Ruhe, die er nach den Bayern- und LöwenSpielen im Grünwalder Stadion in den 1960er Jahren in der Dunkelkammer genoss. Hassenstein muss keine Bilder mehr entwickeln, aber sein Stress ist ungleich höher. Aus einer Serie von Fotos gilt es, sofort das beste herauszufinden und – versehen mit Infos, was darauf zu sehen ist – nach London zu schicken. 90 plus x Minuten Stress. „Nach dem Spiel bearbeite ich alle weiteren, aktuell nicht relevanten Bilder noch in der Allianz Arena mit mehr Ruhe – meistens verlasse ich die Arena gegen 21 Uhr“, erzählt er weiter im Bayern-Blog. Auf gut 1500 Fotos komme er pro Spiel.

Ein Tag im Leben eines Sportfotografen, der 1990 beim Deutschen Sportecho begann, der damals einzigen täglichen Sportzeitung des Landes. Seine weiteren Stationen: 1994 Festanstellung bei Bongarts Sportfotogafie in Hamburg. Und seit 2004 fotografiert Hassenstein für Getty Images.

Fußball, Formel 1, Wintersport – wo Action angesagt ist, ist Hassenstein vor Ort. Die Kunst sei es, alles im Blick zu haben: das Spielfeld, aber auch die Bank, die Zuschauerränge und die Anzeigetafel, um die Zeit im Blick zu behalten. Hassenstein: „Das linke Auge schaut mehr in die Runde, das rechte in die Kamera.“

Als „das Höchste für einen Sportfotografen“ bezeichnet er die Olympischen Spiele. 14 Mal durfte er da schon dabei sein. Die schönsten Spiele? „Alle waren einzigartig auf ihre Weise, für den Sport wie auch für mich.“

London, Peking, Rio – und dann wieder zurück nach Erding. Seit 2007 lebt der zweifache Familienvater in der Semptstadt. Auch hier gebe es tolle Motive. „Die Lange Zeile – wunderschön. Am Tag, abends und auch nachts. Hassenstein schwärmt vom Sonnenaufgang und vom „romantischen Licht am Abend“ durch die Beleuchtung in Erdings Prachtstraße. „Und wenn man zwei Monate jeden Tag durch den Stadtpark joggt, entdeckt man ständig neue schöne Facetten.“ Dank seiner Festanstellung hatte Hassenstein bisher während der Corona-Pandemie keine Einkommensverluste. Aber die Arbeit hat sich auch für ihn verändert, wie er in unserem Interview berichtet.

Herr Hassenstein, auf wie viel Prozent Ihrer monatlichen Einkünfte mussten Sie in den vergangenen Wochen verzichten?

Auf keine, ich bin als Fotograf fest angestellt in einem starken Getty-Images-Team.

Wie nutzen Sie die zusätzliche Zeit, die Ihnen Corona derzeit beschert?

Wir haben als Sportfotografen das Getty-Images-News-Fototeam unterstützt mit aktuellen Fotos zur Corona-Krise. Ich war in München, Erding und Umland unterwegs, um die Auswirkungen der Situation auf Pressekonferenzen und das Leben mit Corona zu fotografieren. Das Themengebiet war natürlich neu für mich. Ich habe viel gesehen und über die Menschen und die Herausforderungen gelernt. Ich habe es mir auch auf der Rückfahrt nach Erding am Abend nach meinem letzten und einzigen Geister-Fußballspiel am 12. März in Linz – in der Europaleague verlor Linz gegen Manchester United 0:5 – vorgenommen, jeden Tag sieben Kilometer im Erdinger Stadtpark zu joggen – bis irgendwann... Und ich habe es bis heute durchgehalten. Das sind schon rund 400 Kilometer. Da ich die große Freude und Ehre im Beruf habe, für Getty Images viel und weit zu reisen, war es eine schöne Zeit – auch einfach zuhause zu bleiben. Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so lange an ein und demselben Ort. Zudem hatte ich alle meine Fotokameras im Check, es kann also losgehen.

Wie beurteilen Sie den Bundesliga-Start am Wochenende?

Ich denke, es ist alles gesagt zum Thema, die Sicherheitskonzepte sind maximal und professionell umgesetzt, und jeder muss für sich dieses Thema einordnen. Ich freue mich auf das, was ich seit 30 Jahren so unglaublich liebe, nämlich die Sportfotografie, einfach wieder zu machen und den Auslöser wieder zu drücken.

Welche Lehren und Schlüsse ziehen Sie aus der derzeitigen Situation?

Ich wünsche mir, dass die neue und teilweise ungekannte Achtsamkeit der Menschen im Umgang miteinander bestehen bleibt. Und dass die Maskenpflicht uns weiterhin schützt, aber nicht ewig bestehen bleiben muss.

Fotos von Alexander Hassenstein finden Sie auf der Website  www.gettyimages.de

Unsere Serie:

Wie geht’s Menschen, die den Sport von Berufs wegen verfolgen? In loser Folge stellen wir einige davon vor. Bisher Tobias Fischbeck, Christian Riedel, Justin Werner und Alexander Hassenstein.

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