Im Ganzkörperanzug setzte Sarah Voss bei der Turn-EM in Basel ein Zeichen gegen die Sexualisierung der Sportart.
+
Im Ganzkörperanzug setzte Sarah Voss bei der Turn-EM in Basel ein Zeichen gegen die Sexualisierung der Sportart.

TURNSPORT

Ein Zeichen gegen die Sexualisierung - viel Lob aus Erding

  • Veronika Macht
    vonVeronika Macht
    schließen

Die Turnerin Sarah Voss erntet für ihren Auftritt bei der EM in Basel viel Anerkennung - auch von Sportlerinnen aus Erding. Und Jugendleiterin Doris Corsten sagt: „Als Trainerin und Frau finde ich das super.“

Erding – Mit ihrem Auftritt bei der Kunstturn-EM in Basel hat Sarah Voss für Aufsehen gesorgt. Weil sie etwas trug, das bei Frauen eher unüblich ist: Mit langem Gymnastikanzug statt knappem Turndress hat die 21-Jährige ein Zeichen gegen Sexualisierung in ihrer Sportart gesetzt. Das stößt auch bei Sportlerinnen im Landkreis auf Begeisterung.

Seit jeher tragen Frauen im Turnen einen Anzug, der wie ein Badeanzug aussieht, nur meist mit langen Ärmeln. Dabei ist im Wettkampf inzwischen auch langes Bein erlaubt, nur wird dies nicht umgesetzt. Aber das könnte sich mit dem EM-Auftritt der Kölnerin ändern.

„Sie hat damit wirklich ein Zeichen gesetzt, da habe ich großen Respekt davor“, sagt Annalena Hennig. „Ich finde es sehr gut, das war ein klares Statement“, pflichtet ihr Ramona Hartinger bei und meint, zum Thema Sexualisierung und auch sexualisierte Gewalt im Sport sollte noch mehr gemacht werden – mehr Prävention, mehr Aufklärung von Kindern sowie Eltern, aber auch von Trainern. Und Doris Corsten meint: „Als Mutter eines Mädchens, das selbst turnt, als ehemalige Leistungsturnerin, als Trainerin und als Frau finde ich das absolut super.“

Annalena Hennig, Ex-Mitglied der deutschen Cheerleading-Nationalmannschaft aus Eichenried, begrüßt die Aktion der deutschen Turnerin.

Die 48-jährige Aufkirchenerin ist Jugendleiterin in der Abteilung Turnen beim TSV Erding und trainiert dort Kinder ab zwölf Jahren. Früher hat sie selbst auf Wettkämpfen geturnt, „aber damals war das nie so ein Thema. Heute, mit Internet und den Sozialen Medien, ist das viel präsenter“, sagt sie und gibt zu, die Aktion habe sie selbst zum Nachdenken gebracht.

Man sage den Mädchen immer: „Ihr müsst die Anzüge tragen, am liebsten ohne Unterhose. Das ist Wettkampf, und das ist einfach so.“ Wenn die Unterwäsche beim Turnen aus dem Anzug rutscht, gibt es Punktabzug – ebenso, wenn man ständig daran zieht oder zupft. Dabei könne es gerade in der Pubertät unangenehm sein, die engen Dressen zu tragen. „Da muss man als Trainer feinfühliger sein. Das eine Mädchen hat vielleicht kein Problem mit dem Anzug, ein anderes fühlt sich unwohl. Jeder hat ein anderes Schamgefühl.“

Corsten hält die Diskussion für einen guten Anstoß und hofft, dass sich auch beim Bayerischen Turnverband in Sachen Kleidung etwas tut und auch Hotpants erlaubt werden, die derzeit verboten sind. „Es geht einfach darum, dass es der Turnerin freigestellt sein sollte, zu tragen, worin sie sich wohl fühlt“, sagt Corsten, deren 14-jährige Tochter auch Turnerin ist, und ergänzt: „Es ist toll, dass die deutschen Sportlerinnen da Vorreiterinnen waren.“

Jugendleiterin Doris Corsten hofft, dass sich auch beim Bayerischen Turnverband in Sachen Kleidung etwas tut.

Eine freiere Wahl bei der Turnkleidung – dafür ist auch Annalena Hennig. „Ich verstehe es total, wenn jemand lieber ein langes Hosenbein haben will. Aber ich finde, jede sollte das für sich selbst entscheiden“, meint die 19-jährige Abiturientin aus Eichenried. Sie hat als Kind Leistungsturnen betrieben. „Da habe ich natürlich auch solche Turnanzüge getragen. Ich verstehe auch, dass man enge Sachen anziehen muss, damit die Schiedsrichter sehen, wie der Körper die Übung ausführt“, sagt sie. Doch Wohlfühlen sei im knappen Dress oft nicht möglich. Beim Turnen werden die Beine gespreizt oder gegrätscht – da könne der Stoff leicht verrutschen.

„Das ist sehr unangenehm“, sagt Hennig, die im Herbst eine Ausbildung zur Profitänzerin beginnt. Das Leistungsturnen hat sie mit acht Jahren aufgehört. Knappe Outfits gehörten für sie aber weiter zum Sport – als Mitglied des Deutschen Sportaerobic-Kaders und im Cheerleading-Nationalteam.

„Beim Cheerleading trägt man enge kurze Hosen mit kleinem Röckchen drüber und meist ein bauchfreies Top“, erzählt Hennig. Soweit kein Problem für sie. Aber häufig waren im Publikum Männer, „die uns nachgepfiffen und die Auftritte gefilmt haben. Das war dann schon unangenehm, weil du ja nicht weißt, was sie mit den Videos machen.“ Zumal es beim Cheerleading durchaus Positionen gebe, in denen man ungern gefilmt werde.

Ramona Hartinger (r.) betreibt Sportaerobic bei der TSG Pastetten seit ihrer Kindheit. Auch sie weiß: Es gibt Positionen in ihrem Sport, in denen man ungern gefilmt wird. 

Das ist auch in der Sportaerobic der Fall. Ramona Hartinger betreibt diesen Sport bei der TSG Pastetten seit ihrer Kindheit. Die 25-jährige Forstinningerin trainiert inzwischen den Nachwuchs von drei bis 18 Jahren. Hier tragen die Sportlerinnen ebenfalls beinfreie Anzüge, jedoch mit hautfarbener Strumpfhose, die sogar vorgeschrieben ist. „Das finde ich angenehmer, denn man macht doch teilweise Bewegungen, die etwas freizügiger sein können“ – etwa Elemente mit gespreizten Beinen. Mit Strumpfhose fühle man sich sicherer, jedoch habe sie selbst bis jetzt nie doofe Kommentare oder ein ungutes Gefühl erlebt. Zugleich findet sie es sehr schade, dass viele Sportlerinnen sich wegen mancher Kommentare oder Blicke nicht wohlfühlen in knappen Sportanzügen. Denn wer viel Sport mache, habe meist auch einen schönen Körper, den man auch zeigen dürfen sollte – ohne sexuelle Hintergedanken.

Obwohl in der Sportaerobic inzwischen ebenfalls lange, enge Hosen erlaubt sind, tragen Hartinger und ihre Teamkolleginnen bei der TSG Pastetten weiterhin Anzüge ohne Bein. „Wir haben uns die vor zwei Jahren extra schneidern lassen, deshalb tragen wir sie weiter“, erklärt die 25-Jährige. Im Danceteam hingegen müsse man sogar eine Hose drüber tragen, „da haben wir uns für lange entschieden“. Das sehe ebenso ästhetisch aus, meint Hartinger – wie Voss’ schwarz-roter Glitzeranzug bei der EM.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare