Geschafft! Auf ihrer letzten Wegstrecke werden (vorne, v.l.) Werner Schüler und Martin Bachmaier von (hinten, v.l.) Sarah und Angela kurz sowie Jakob Bachmaier begleitet.
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Geschafft! Auf ihrer letzten Wegstrecke werden (vorne, v.l.) Werner Schüler und Martin Bachmaier von (hinten, v.l.) Sarah und Angela kurz sowie Jakob Bachmaier begleitet.

4x4x48-Challenge

79 Kilometer laufen in zwölf Etappen

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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Martin Bachmaier kann es nicht glauben, als sein Wecker klingelt.

Dorfen – Er ist doch gerade erst eingeschlafen und muss schon wieder raus. Es ist kurz vor vier Uhr früh, draußen ist es noch stockdunkel – und es hat -14 Grad Celsius. Trotzdem zieht sich der Dorfener an, schlüpft in seine Laufschuhe, telefoniert kurz mit seinem Spezl Martin Schüler, der noch ähnlich schlaftrunken ist, und los geht’s auf die nächsten vier Meilen – die Challenge muss schließlich bewältigt werden.

„Die Challenge“ kommt – natürlich – aus den USA. „Sie heißt 4x4x48“, erklärt Martin Bachmaier, „da muss man innerhalb von vier Stunden vier Meilen laufen, und das über einen Zeitraum von 48 Stunden“. Das bedeutet umgerechnet: zwölf Läufe á 6,4 Kilometer. „Erfunden hat sie der David Goggins, ein ehemaliger Navy Seal, Ultra-Marathonläufer und Triathlet. Der ist bekannt dafür, dass er sich immer verrückte Sachen ausdenkt“, weiß Bachmaier, der für die CSU im Dorfener Stadtrat sitzt.

Er erklärt, warum sie sich auf diese „verrückte Challenge“ eingelassen haben. „Wir wollen mit unserer Aktion auf zwei Dinge aufmerksam machen: Zum einen, dass Dorfen dringend eine 400-Meter-Laufbahn braucht, und zum anderen wollen wir darauf hinweisen, wie wichtig Jugend-Sport ist“, betont Bachmaier. „Wir wollen, dass sich die Kinder bewegen. Bewegungsmangel bei vielen Kindern kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen und andere Folgewirkungen haben. Dies ist aus meiner Sicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Schulen alleine werden dies nicht leisten können. Da müssen wir alle zusammenhelfen.“ Bachmaiers Mitstreiter, der sofort mit von der Partie war, ist Werner Schüler, Elternbeirats-Vorsitzender am Gymnasium Dorfen „und sportnarrisch“, wie es Bachmaier beschreibt.

In den Sonnenaufgang läuft Werner Schüler.

Der 42-jährige Polizist Bachmaier, Dienststellenleiter der PI 41 in München-Laim, und der 51-jährige Schüler, der im Vertrieb eines internationalen IT-Unternehmens tätig ist, feierten gerade ihren Resturlaub ab. „Und da haben wir uns spontan entschieden, etwas zu machen, speziell im Hinblick auf die geplante 400-Meter-Laufbahn“, erzählt Bachmaier. Bisher gibt es in Dorfen eine – mittlerweile marode – 333-Meter-Bahn. Der Dorfener Bauausschuss hat aber bereits ein Konzept für eine 400-Meter-Bahn ausgearbeitet. Bachmaier und Schüler hoffen, dass der Stadtrat den Neubau beschließt, schnell umsetzt und die Schulkinder sowie die TSV-Athleten „endlich auf einer Bahn mit Standardnorm trainieren können, denn 400 Meter sind auf der ganzen Welt üblich“, stellt Bachmaier fest und fügt an: „Wenn wir einen Fußballplatz bauen, dann bauen wir ja schließlich auch keinen halben Platz.“

Der 42-Jährige ist mindestens genauso „sportnarrisch“ wie sein Lauf-Kollege. Fußball, Judo, Leichtathletik, Schwimmen, Skifahren, Tennis, Radfahren, Triathlon, Sommerbiathlon – inklusive diverser Top-Platzierungen bei bayerischen und deutschen Polizei-Meisterschaften – stehen in seiner Sport-Vita. Das Verrückteste, das er jemals gemacht hat? „An einem Tag mit dem Rennrad nach Elmau, dann auf die Elmauer Halt gegangen, mit dem Rennrad zurück, kurze Fitness- und Krafteinheit und dann noch am Abend Fußballtraining mit der Hobbymanschaft“, erzählt Bachmaier grinsend. Die Sportbegeisterung hat der verheiratete Familienvater auch an seinen 13-jährigen Sohn Jakob (Fußball, Skifahren, Tennis und Karate) sowie seine sechsjährigen Zwillingstöchter Sarah und Hannah (Ballett und Skifahren) weitergegeben.

Als Funktionär ist Martin Bachmaier als Jugendsportwart und Trainer beim Skiclub Dorfen tätig. Seine lieblingssportart war früher Fußball. „Aber nach insgesamt vier Kreuzbandrissen, drei davon beim Kicken, habe ich mit dem Fußball aufgehört“, erzählt Bachmaier lachend. „Und als ich vor zwei Jahren bei einem 35-Kilometer-Berglauf in der Schweiz mitgemacht habe, habe ich das Laufen entdeckt.“

Mindestens genauso extrem ist sein Spezl unterwegs. Im Winter sind zahlreiche Skitouren angesagt, im Sommer stehen Schwimmen, Mountainbiken und Felsklettern auf dem Programm, „und hobbymäßig absolvieren meine Frau Kerstin und ich Triathlons“, sagt Werner Schüler, der 2017 den Ironman in Zürich gefinisht hat. Die 16-jährige Tochter Jana wurde 2020 Bayerische Meisterin im Hochsprung, die 18-jährige Tochter Rona, die in München Physik studiert, „ist zwar auch sportbegeistert, aber es ist nicht ihre Hauptpassion, sie ist eher musikalisch“, erzählt Werner Schüler.

Der 51-Jährige sagt, er hatte schon länger mit Bachmaier ausgemacht, dass sie zusammen eine Bergtour unternehmen oder zum Skifahren gehen wollten. Darum habe er auch spontan zugesagt, als ihm dieser die Idee mit der Challenge unterbreitet habe. „Vor allem die Idee, Aufmerksamkeit für den Bau der 400-Meter-Bahn zu erzeugen, hat mich begeistert“, betont Werner Schüler.

Gut drauf und noch voller Tatendrang sind (v.l.) Werner Schüler und Martin Bachmaier bei ihren ersten Etappen.

Der Startschuss für die 4x4x48-Challenge fällt am Nachmittag, um Punkt 16 Uhr. Am Anfang läuft es locker. „Nach den 6,4 Kilometern bin ich noch ein bisschen ausgeradelt, habe mich gedehnt, geduscht und dann hingelegt“, erzählt Bachmaier. Die nächsten beiden Abschnitte um 20 und 0 Uhr verlaufen noch relativ problemlos, doch dann klingelt der Wecker um kurz vor 4 Uhr in der Früh. „Ich habe gemerkt, dass der Puls ziemlich lange braucht, bis er wieder runterkommt. Da bist du grade eingeschlafen, da musst du auch schon wieder raus“, beschreibt Schüler die Situation. „Da hat man vielleicht grade eine Stunde geschlafen, und das nicht besonders tief.“ Noch dazu zwickt der Meniskus ein wenig. Nach der kältesten Etappe, bei -14 Grad, „merkst du erst, wenn du dann im Bett liegst, wie kalt dein Körper innen dran ist“, beschreibt Bachmaier das Gefühl. „Und wenn dann der Wecker schon wieder rasselt, denkst du dir: Um Gottes Willen.“ Aber es geht weiter: 12 und 16 Uhr.

Die Challenge macht mittlerweile auch in den sozialen Netzwerken die Runde. „Das Feedback war sensationell“, erzählt Bachmaier. „Arbeitskollegen und Freunde haben uns via Facebook angefeuert – das war brutal.“ Bei der einen oder anderen Etappe wird das Dorfener Duo von Familienmitgliedern begleitet, dazu stößt auch noch regelmäßig TSV-Leichtathletiktrainerin Angela Kurz mit ihren Töchtern.

Dann aber wird es wieder Nacht. Werner Schüler hat mittlerweile Probleme mit der Achillessehne, die er bis zum Schluss nicht mehr los wird. Aufgeben? Das ist keine Option, und so geht es durch die zweite Nacht – 20 Uhr, 0 Uhr, 4 Uhr – bei Eisregen über spiegelglatte Wege – 8 Uhr. „Dadurch, dass wir zu zweit unterwegs gewesen sind, haben wir uns immer gegenseitig gepusht“, erzählt Werner Schüler. „Alleine macht man sowas nicht, und wenn man zu zweit ist, will man den anderen nicht im Stich lassen.“

Einfach nur schlafen will Martin Bachmaier.

Als ein „Wellental“ beschreibt der 51-Jährige die einzelnen Läufe. „Gerade bei den Nachtläufen war mal ich nicht so gut drauf, mal der Martin, aber wir haben uns dann immer wieder gegenseitig motiviert.“ Die Zeiten seien nicht im Vordergrund gestanden. Der Kilometerschnitt sei bei 5:40 Minuten gelegen, „am Ende sind wir allerdings signifikant langsamer geworden, nicht zuletzt weil zwei demotivierende Steigungen zu bewältigen waren“. Der letzte Lauf, um 12 Uhr, wird aber dann zum persönlichen Triumphzug, wieder begleitet vom privaten „Fanclub“. „Das war so wichtig für die Motivation, dass immer wieder Leute mit uns mitgelaufen sind“, erklärt Werner Schüler.

Warum die beiden Dorfener die 4x4x48-Challenge gerade jetzt gemacht und nicht auf besseres Wetter gewartet haben, dafür haben sie eine ganz einfache Erklärung. „Weil das Thema 400-Meter-Bahn gerade jetzt aktuell ist“, betont Bachmaier, und Schüler ergänzt lachend: „Weil’s im Sommer jeder kann.“ Knapp 79 Kilometer hat das Duo innerhalb von rund 45 Stunden zurückgelegt. Der größte Wunsch, als sie ihr Ziel erreicht haben: „Einfach nur schlafen.“ Und ja nicht den Wecker stellen.

wk

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