Solange die Fußbälle ruhen haben Kommentatoren keine Aufträge. Wir sprachen mit Tobias Fischbeck über seine Arbeit und die Corona-Krise.
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Here is Wembley! Tobias Fischbeck kommentierte 2016 live aus London die FA-Cup-Halbfinals. Das war kein Geisterspiel, damals füllten sich die Ränge noch.

Löwen-Podcast statt Live-Reportage

Null Fußball, null Einkünfte: Kommentator Tobias Fischbeck in der Corona-Zeit

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Solange die Fußbälle ruhen haben Kommentatoren keine Aufträge. Wir sprachen mit Tobias Fischbeck über seine Arbeit und die Corona-Krise.

TaufkirchenWir schalten um ins Wembley-Stadion zu Tobias Fischbeck. Nein, zurzeit stimmt das nicht. Der 38-Jährige sitzt daheim in Taufkirchen bei seinen beiden Kindern und seiner Frau. Seit 2005 kommentiert Fischbeck Fußballspiele auf der ganzen Welt. Er macht dies für Eurosport, Magenta Sport oder DAZN – wo immer er eben gebucht wird. Das U 20-WM-Spiel zwischen Österreich und Tschechien sei das erste Live-Spiel gewesen, von dem er berichtet hat. Die Halbfinals im englischen FA-Cup zwischen Watford und Crystal Palace sowie Everton und Manchester United im Jahr 2016 zählen zu seinen Highlights. Momentan aber sieht’s düster aus. Keine Spiele, keine Jobs – wir sprachen mit dem Taufkirchener, der einst sein journalistisches Handwerk beim Erdinger/Dorfener Anzeiger gelernt hat, für den er noch heute als freier Mitarbeiter tätig ist.

Herr Fischbeck, auf wie viel Prozent Ihrer monatlichen Einkünfte müssen Sie derzeit verzichten?

Hätten Sie mich vor zwei Monaten gefragt, hätte ich Ihnen wahrscheinlich erzählt, dass ich einen der krisensichersten Jobs überhaupt habe, weil es Spiele immer geben wird. Heute fällt die Antwort tatsächlich anders aus. Es gibt bis Mitte Mai keine Sportveranstaltungen, über die ich berichten kann und folglich auch überhaupt keine Einnahmen. Wobei das nicht ganz richtig ist. Eurosport, einer meiner Auftraggeber, hat ein Podcast-Projekt gestartet, bei dem ich redaktionelle Aufgaben übernommen habe. Also kann man sagen, es dürften ca. 90 Prozent sein, auf die ich insgesamt verzichte.

Inwiefern können Sie die Ausfälle kompensieren?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass meine Frau sehr gut verdient und wir es so kompensieren können. Sie ist selbstständige, leitende Verkaufsdirektorin mit Mary Kay Kosmetik. Sie macht Schönheits-Beratungen mit ihren Kundinnen. Bis vor Kurzem war das in der Corona-Zeit zwar nur online erlaubt, dennoch ist sie im ersten Halbjahr die zweiterfolgreichste Direktorin Europas. Da bin ich schon sehr stolz drauf. Und das sehe ich dann ja wieder sportlich. Im übertragenen Sinn steht sie damit im Champions-League-Finale. Und das Spiel ist noch nicht vorbei. Neben den Beratungen hilft sie auch anderen Frauen, ihr Geschäft aufzubauen.

Und wie nutzen Sie die zusätzliche Zeit, die Ihnen Corona derzeit beschert?

Mein Geschäftspartner und ich haben eine Firma gegründet und einen Podcast zum Thema 1860 München ins Leben gerufen. Das macht ganz großen Spaß, aber Geld wirft es aktuell keines ab. Damit haben wir zunächst auch überhaupt nicht kalkuliert, sondern nun die Corona-Pandemie zum Anlass genommen, das Projekt früher zu starten als geplant. Der Podcast nennt sich, angelehnt an Torwart-Ikone Petar Radenkovic, Radis Erben und ist auf allen bekannten Plattformen abrufbar. Dabei interviewen wir die Erben von Radi wie etwa einen Benny Lauth oder kürzlich Olaf Bodden. Außerdem versuchen wir natürlich auch die Fans auf dem Laufenden zu halten rund um den Kult-Klub aus Giesing. Und wir waren dabei übrigens schneller als die 60er selbst. Und ich habe es auch ein Stück weit genossen, viel Zeit mit der Familie verbringen zu können. So hatte das auch etwas Gutes.

Welche Lehren und Schlüsse ziehen Sie aus der derzeitigen Situation?

Also erst einmal möchte ich mich überhaupt nicht beschweren. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Einschränkungen im öffentlichen Leben genau der richtige Schritt und die einzige Möglichkeit waren, das Virus einzudämmen. Dabei hatten wir im Vergleich zu anderen Ländern vermutlich auch das Glück, dass der Ausbruch etwas verzögert stattgefunden hat. Ich habe gelernt, mich auch finanziell auf derartige Krisen vorzubereiten und mehr denn je vorzusorgen.

Was bedeutet das konkret?

Ich habe als Erster Nase-Mund-Masken beim Einkaufen getragen und wurde dafür nicht nur schief angeschaut, sondern teilweise auch angeschrien. Selbst als es hieß, dass Masken für den normalen Bürger nicht nötig seien und medizinischem Personal vorbehalten sein sollen. Die Wahrheit wurde irgendwann von Ministerpräsident Söder ausgesprochen, als er ganz offen gesagt hat, dass es einfach keine Masken gebe, weil sie ausnahmslos in Asien produziert würden. Das hat Deutschland verpennt. Man muss besser gewappnet sein. Ich habe gelernt, dass die Menschen teilweise leider furchtbar bescheuert sind, Stichwort Corona-Partys.

Klingt drastisch...

Ich beanspruche für mich nicht, immer alles richtig gemacht zu haben. Aber wir haben versucht, unsere Kinder und auch uns so gut es geht zu schützen. Was mich tierisch wütend macht sind Menschen, die am Grundgesetz zweifeln oder in sozialen Netzwerken offen beklagen in einer Diktatur zu leben. Dabei geht es direkt nebenan in Italien, Spanien oder Frankreich ganz anders zu, diesen Leuten wünsche ich, wirklich in einer Diktatur leben zu müssen. Wir waren doch nicht eingesperrt. Aber einige behaupten das. Für weitere Lehren ist es vermutlich zu früh, weil wir noch mitten in der Pandemie stecken.

Dennoch darf am 16. Mai die Bundesliga wieder starten. Ist das richtig?

Also erst einmal, finde ich es schon gut, dass es wieder los geht. Ich glaube, dass es für die Menschen, die durch Corona gebeutelt sind, eine Abwechslung ist und dass diese damit wieder auf andere Gedanken kommen werden. Ich finde aber, dass man eines nicht machen darf. Profi-Sport und Breitensport wurde in den vergangenen Tagen oft zusammen genannt. Das ist, als ob ich Äpfel und Birnen vergleiche. Bei den Klubs der ersten, zweiten und dritten Liga im Fußball handelt es sich im Wirtschaftsunternehmen. Mal abgesehen von Salomon Kalou von Hertha BSC . . .

. . . der ein Video gepostet hat, wie er und mehrere Teamkollegen die geforderten Abstands- und Hygieneregeln ignoriert haben...,

... und damit kein gutes Beispiel war, sind die Sicherheits- und Gesundheitsmaßstäbe sehr hoch, und man kann es überhaupt nicht auf den Breitensport übertragen. In der Bundesliga sind 524 Spieler gelistet, ähnlich verhält es sich in der 2. Liga, noch mehr sind es in der 3. Liga. Also alles jetzt auf einen Spieler herunter zu brechen, wäre falsch. Es gibt Lockerungen in der Gesellschaft und es soll mit der Bundesliga weiter gehen. Das finde ich super. Das bedeutet aber nicht, dass jetzt alles wieder sofort auf Null gestellt werden kann. Das Virus muss in Schach gehalten werden. Die Bundesliga kann als Beispiel voran gehen und irgendwann kann der Breitensport dann folgen.

Welche Folgen hat der Bundesliga-Start für Sie?

Das kann ich noch gar nicht sagen. Die meisten Kommentatoren sind selbstständig. Man wird gefragt, ob man einen Auftrag annehmen möchte. Die Planung ist aber erst angelaufen. Das ist aber nicht ungewöhnlich. Auch so gibts die Anfragen teilweise sehr kurzfristig.

Dieter Priglmeir

Neue Serie: Wie geht’s Menschen, die den Sport von Berufs wegen verfolgen? In loser Folge stellen wir einige davon vor.

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