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Mona Mayer: „Das war Adrenalin pur“

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Von: Dieter Priglmeir

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European Championships Munich22; Leichtathletik, 20.08.2022 Deutsche 4x400m Staffeln; European Championships Munich22 i
Unbändige Freude nach dem starken Ergebnis: Luna Thiel, Mona Mayer und Alica Schmidt (v. l.) freuen sich gemeinsam mit der männlichen DLV-Staffel über den fünften Platz im Finale. Damit hatte niemand gerechnet. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/KJPeters

Die 20-jährige Hörlkofenerin begeistert mit der 400-Meter-Staffel.

München/Hörlkofen – Am Ende war selbst der so erfahrene ARD-Mann Claus Lufen fast sprachlos. Die deutsche 400-Meter-Staffel der Frauen war soeben Fünfte im EM-Finale geworden. Das hatte die Fachwelt diesem Quartett nicht zugetraut – schon gar nicht nach dem Ausfall von Corinna Schwab. Aber nach dem Rennen war Lufen speziell von einer Läuferin begeistert: „Mona Mayer, was war das denn – speziell auf den letzten 100 Metern?“

Die Hörlkofenerin hatte ihr Team mit einer Zeit von 51,4 sec von Platz sieben auf fünf vorgebracht und damit den Grundstein für den Erfolg gelegt. Ihre Taktik: „Ich wollte nur noch möglichst viele überholen“, sagte sie vor Millionen von TV-Zuschauern. Im Interview mit der Heimatzeitung ging die 20-jährige Studentin, die ihr EM-Ticket nach einer coronabedingten Pause erst zwei Wochen zuvor gelöst hatte, etwas näher auf Vor- und Endlauf und auf die vergangenen Wochen ein.

Mona Mayer, vor ein paar Wochen hatten Sie mit der Saison schon so gut wie abgeschlossen und jetzt sind Sie EM-Fünfte. Wie fühlt sich das an?

Ich glaube, dass ich das emotional noch gar nicht ganz verarbeitet habe. Das ging in den vergangenen Tagen alles so schnell. Und dann werden wir auch noch Fünfter. Damit konnte ja niemand rechnen.

Was war intern das Ziel?

Vor der EM war klar, dass wir schon das Finale erreichen möchten. Nach den Zeiten im Vorlauf – da waren wir ja nur Neunte und hatten Glück, dass die Tschechinnen disqualifiziert wurden – haben wir uns vorgenommen: Wir wollen nicht Achter werden. Die Spanierinnen waren nach den Vorleistungen in Reichweite. Aber die anderen Nationen waren eigentlich wesentlich schneller als wir.

Gehen wir die vergangenen Wochen nochmals durch. Sie kamen quasi in letzter Minute noch ins Staffelteam. Wie wurden Sie von den Kolleginnen aufgenommen?

Sie haben mich sofort voll akzeptiert. Es war ja klar, dass es nochmals Ausscheidungsrennen gibt. Natürlich ist das schwierig und hart, aber so ist eben der Leistungssport. Damit muss jeder Athlet umgehen können. Letztendlich will ja auch jeder mit den drei Schnellsten in der Staffel stehen. Und wir verstehen uns ja alle auch sehr gut.

Wann hatten Sie das Gefühl: Ja, ich gehöre dazu?

Von Anfang an. Natürlich braucht es ein, zwei Tage, bis sich ein Team bildet. Wir waren ja in dieser Konstellation noch nie zusammen.

Das PreCamp war ausgerechnet in Erding – wie war das für Sie?

Das war definitiv etwas Besonderes. Ich bin nicht mehr so oft in Erding, weil ich inzwischen in München wohne und dort meinen Lebensmittelpunkt habe. Jetzt wieder hierher zu kommen, war einfach schön. Ich kannte in Erding jede Ecke und in München auch. Das wird’s wohl bei einem Wettkampf dieser Größe nicht noch mal so geben. Es war auch sehr nett, als mir einige Leute geschrieben haben, dass sie mich gesehen haben. Tja, so kommt man auch wieder in Kontakt mit alten Bekannten.

Und dann wurde es ernst für Sie. Wann war klar, dass Sie zum Startquartett gehören?

Sehr sehr spät. Es war eine knappe und schwierige Entscheidung. Beim Teammeeting am Donnerstagabend habe ich erfahren, dass sich der Bundestrainer dafür entschied, dass ich den Vorlauf bestreite. Freitagfrüh haben wir erfahren, dass Corinna Schwab verletzt ist. Damit war wieder alles durcheinander. Wir wussten noch nicht, wer für Corinna läuft und ob sich die Positionen ändern. Wir haben erst auf dem Aufwärmplatz erfahren, dass Jessy (Jessica-Bianca Wessolly, die Red.) läuft, eine 200-Meter-Spezialistin, und wie die Positionen verteilt werden.

Sie waren im Vorlauf als Zweite dran.

Ja, und das ist nicht einfach, denn man läuft ja noch 100 Meter in der Bahn, die sich dann auflösen. Beim Wechsel auf die Innenbahn ist es wichtig, dass dir keiner reinläuft. Ich denke, das habe ich im Vorlauf – obwohl ich in einem Riesenpulk war – sehr gut geschafft.

Sie sind im Vorlauf 51,8 Sekunden gelaufen.

Ja, das ist krass (lacht). Es war eigentlich absehbar, dass ich die Schwächste im Vorlauf bin und dann eben nicht im Finale laufe. Deshalb war meine Aufgabe, die 400 Meter runterzulaufen. Wir haben eher mit einer 52er-Mitte gerechnet. Und dann 51,8, wow! Da hat sich dann schon meine mentale Stärke gezeigt. Und dass ich auch hierher gehöre und zuvor nur wegen Corona sehr viel Pech hatte.

Sind Sie taktisch so gelaufen, wie Sie es sich vorgenommen hatten? Oder haben Sie einfach das Herz in die Hand genommen?

Ich hatte mir schon eine Taktik zurechtgelegt: schnell angehen, und mich dann ziehen lassen. Denn auf Position zwei laufen meistens die Schnellsten. Ich wusste, dass ich den Abstand so kurz wie möglich halten musste. Das hat perfekt geklappt. Und dann habe ich hinten raus sogar versucht, so nah wie möglich ran oder sogar vorbeizukommen.

Aber am Schluss sind Sie dann auch halb gestorben – wie man halt immer auf den 400 Metern stirbt.

Natürlich. Allerdings hatte ich so viel Adrenalin, dass es nicht so weh getan hat wie sonst.

Und dann muss man sich auch noch auf den Stabwechsel konzentrieren.

Im Vorlauf war es sehr sehr eng, weil Jessy hin und her geschubst wurde. Erst habe ich sie gesehen, dann war alles völlig verschwommen vor meinen Augen. Ich dachte mir, hoffentlich treffe ich die richtige Person, aber zum Glück sieht man ja das gelbe deutsche Trikot ganz gut.

Und dann musstet Ihr noch kurz zittern.

Wir haben uns erst einmal geärgert, weil wir den Finalplatz um 16 Hundertstel verpasst haben. Luna (Thiel, die Red.) musste einmal einen Schlenker laufen. Das waren locker 16 Hundertstel. Alle anderen Staffeln waren schon weg, und dann kamen die Kampfrichter und haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir drin sind, weil Tschechien disqualifiziert wurde.

Und letztlich war nicht nur Deutschland, sondern auch Sie selbst im Finale.

Grundsätzlich war klar, dass Carolina Krafzik läuft. Sie hatte ja über 400 Meter Hürden einen Superjob im Finale gemacht. Jessi und ich sind im Vorlauf ungefähr die selbe Zeit gelaufen. Und dann hat Jessi von sich aus gesagt, dass sie für Deutschland verzichtet und mich laufen lässt, weil sie schon zweimal 200 Meter und die Sprint-Staffel in den Beine hatte und ich ausgeruhter bin. Das war sehr selbstlos von ihr, und das rechne ich ihr auch sehr hoch an. Das war bereits am Samstagmittag, so zwischen 13 und 14 Uhr.

Da blieb nicht mehr viel Zeit, nervös zu werden.

Ich war Jessy ultradankbar, habe mir aber auch selbst gesagt, dass ich mich jetzt extra zusammenreißen muss. Aber ich wusste, dass ich nur das noch mal abspielen musste, was ich im Vorlauf gezeigt habe. Ich war dann auch gar nicht nervös. Ich kannte das Stadion, die Abläufe.

European Championships Munich 2022, Leichtathletik EM, Europa Leichtathletikmeisterschaften München 2022, 12.08-21.08.20
Und ab geht die Post: Mayer übernimmt den Stab von Thiel – noch vor der Spanierin Auri Lorena Bokesa (l.). Die 20-jährige Hörlkofenerin gab auf den ersten 100 Metern Vollgas – und hatte am Schluss noch Kraft für einen tollen Endspurt. © IMAGO/Gladys Chai von der Laage

Und dann dieser Lauf. Wie waren die 400 Meter aus ihrer Sicht?

Ich war sehr froh, dass Luna noch die Spanierin überholt hat und ich als Siebte ins Rennen reingehe. Die ersten 100 Meter bin ich so schnell wie möglich angeballert. Ich durfte mich auf der Innenbahn ja nicht einklemmen lassen, wenn die anderen einbiegen. Dann sind die Schweizerin und die Irin an mir vorbei, und ich habe einfach versucht, da mitzulaufen. In der Kurve habe ich mir noch gedacht. Jetzt gibst du alles hinten raus.“ Ja, und dann wurden die anderen vor mir langsamer, und mir ging es noch saugut. Dann habe ich die Irin und die Schweizerin noch überholt. Und ich war nochmal vier Zehntel schneller als im Vorlauf.

Dieser Endspurt – wo kam der her?

Das war Adrenalin pur. Mir ging es nach einem 400er noch nie so gut. Keine Ahnung, was da in meinem Körper alles los war.

Wie viel Anteil hatte das tobende Münchner Publikum?

Es war unglaublich laut. Und wenn du als Deutsche kommst, wurde es noch mal extralaut.

Und das hilft dann auch, wenn man 400 Meter in den Beinen hat? Wird man wirklich von dieser Euphorie getragen?

Das pusht ultra. Ich höre allerdings während meines Laufs immer sehr wenig, weil ich alles ausblende. Bei mir ist es immer totenstill im Kopf. Aber diese Atmosphäre davor und danach ist schon unglaublich. Und da ich ja als Zweite lief, konnte ich das bei Alica und Carolina noch genießen. Da habe ich das erst richtig gehört. Super toll!

Tatsächlich? Sie haben das während des eigenen Rennens versucht auszublenden?

In mir war es totenstill. Ich habe nichts gehört.

Und dann die große Freudenexplosion. Was lief danach ab?

In der Mixed Zone standen nicht nur die Reporter, sondern auch meine Mutter, die ja auch meine Trainerin ist, meine ganze Familie und Freunde. Da wurden schon einige Tränchen verdrückt. Das war mein ganz persönliches Highlight dieser EM. Da war ja jeder da. Ich muss auch sagen, ich habe noch nie so viele Autogramme gegeben und Fotos gemacht wie in den letzten Tagen. Wir sind dann erst mal Essen gegangen, und dann haben wir in München noch die Stadt unsicher gemacht.

Ganz München war in den vergangenen Tagen in Feierstimmung. Was sagen Sie überhaupt zu den European Championships?

Das war schon sehr cool. Leider konnte ich keinen Wettkampf direkt vor Ort sehen, weil wir uns ja selbst vorbereiten mussten. Aber als Kletterfan war beim Bouldern der Fernseher immer an. Da musste Lisa, meine Zimmerpartnerin, einfach durch. Ich habe mir auch viele andere Wettkämpfe angesehen.

Das macht doch Lust auf mehr, zum Beispiel Paris 2024.

Definitiv. Und ich hatte in der Mixed Zone die Frage gestellt bekommen, wie es denn mit Olympia in München wäre?

Ihre Antwort?

Wir Athleten halten das für eine sehr sehr gute Idee.

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