Amelie Zachenhuber schwimmt
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In Baku holte Amelie Zachenhuber Bronze.

Erdings Top 100

Amelie Zachenhuber: Der Goldfisch mit den Olympia-Träumen

Amelie Zachenhuber gehört zu den größten Schwimmtalenten des Landes. Mit 16 Jahren ist sie schon 14-fache Deutsche Meisterin und auf Platz 20 unserer Rangliste.

Reisen – Seit 2016 ist sie nun schon die amtierende Sportlerin des Jahres unserer Heimatzeitung – dabei ist sie erst 16 Jahre alt. Unsere Leser honorieren die äußerst erfolgreiche, wenn auch noch sehr junge Karriere von Amelie Zachenhuber. Das Mädchen aus Reisen gehört zu Deutschlands größten Schwimmtalenten, und ein altgedienter Funktionär der Erdinger Delphine sagt über sie: „Amelie ist ein Jahrhunderttalent.“ Wo auch immer ihr Weg hinführt – sie gehört schon jetzt in die Top 100 der größten Sportler des Landkreises.

Mutter Rosi brachte Amelie Zachenhuber einst zum Schwimmen.

„Es war einmal eine kleine Amelie mit Tigerenten-Badekappe und Barbie-Badeanzug.“ So beginnt Zachenhubers Antwort auf die Frage, was ihre früheste Erinnerung ans Schwimmen sei. „Lauf 1, Bahn 5 und Mama war auf meiner Bahn Kampfrichterin. Es war mein allererster Start über 25 m Kraul. ‚Ich kann das nicht, ich kann das nicht‘ dachte ich damals bloß. Das war in Erding, und ich habe so geweint, weil ich so nervös war.“ Die Mama habe sie dann getröstet. Auch beim heutigen Interview ist Rosi Zachenhuber dabei. Sie hat ihre Tochter von Anfang an, so auch bei ihrem ersten Wettkampf, bedingungslos unterstützt.

Nach der ersten Zeit in Erding als „Goldfisch“, wie sie damals von ihrem Trainer Harry Sommer genannt wurde, will sie schon bald höher hinaus und wechselt 2013 zum SC Prinz Eugen München. Hier lernt sie Trainer Elvir „Elli“ Mangafic kennen, mit dem sie zur Titelsammlerin wird. „Am Anfang habe ich beim Elli nie was verstanden, seine deutsche Aussprache war für mich nicht gut verständlich“ aber mit der Zeit ist es dann immer besser geworden. Ich habe mich sozusagen hochgearbeitet, bis ich sein Liebling war“, erzählt die 16-Jährige lachend.

Schneller als Franzi van Almsick

In ihrer Zeit beim SCPE gewinnt Zachenhuber 14 Titel bei deutschen Jahrgangsmeisterschaften, und auch bei den offenen deutschen Meisterschaften steht sie in der Juniorenwertung und vergangenes Jahr bei den Finals in Berlin sogar in der offenen Wertung (50 m Schmetterling) bereits auf dem Stockerl. Im Alter von zwölf Jahren ist sie schneller als Franziska van Almsick und Britta Steffen.

Das bisherige Highlight ist das European Youth Festival (EYOF) im Sommer 2019. Darunter kann man sich Olympische Spiele für Nachwuchsathleten vorstellen, die für ihr Land auf internationalem Terrain um Medaillen kämpfen. Zachenhuber ist mit einer zwölfköpfigen Truppe und vier Betreuern in Baku.

Das Ticket dafür ist ihr wahrlich nicht zugeflogen. „Die Qualifikation war echt hart“, erinnert sich Zachenhuber. Sie musste dafür unbedingt die 100 m Schmetterling bei den deutschen Jahrgangsmeisterschaften gewinnen. Tatsächlich war sie damals die Strecke bis zur Wende mit Bestzeit angegangen und wollte dem Bundestrainer Carsten Gooßes zeigen, wie sehr sie um den Startplatz fürs EYOF kämpft. „Die zweiten 50 Meter bin ich gestorben, aber ich wollte es unbedingt und habe es dann auch geschafft.“

Vier Meter große Volleyballspielerinnen

Schon bei der Anreise nach Aserbeidschan merkt sie: Das wird was ganz Großes. Am Flughafen trifft sie andere Athleten, eine Truppe fällt ihr besonders auf. „Uns saßen die Volleyballerinnen gegenüber, die waren gefühlt vier Meter groß“, sagt sie lachend. „Aber die waren auch zwei, drei Jahre älter als wir, glaube ich. Wir Schwimmer haben zu den Jüngsten gehört.“

Ich habe nur gedacht: ‚Komm Amelie, die letzten Meter, schwimm‘ einfach durch, du warst dabei, du hast Spaß gehabt!‘

Amelie Zachenhuber über das Finale über 100 m Schmetterling in Baku

In Baku selbst knüpft sie Kontakt zu ihren Kolleginnen – mit bedingtem Erfolg. „Ich habe versucht mit der Russin, die über 100 m Schmetterling dann Erste wurde, Englisch zu sprechen. Sie hat nur wild gestikuliert: ‚no english!‘. Dafür konnte die Belgierin, die Zweite wurde und ein Jahr jünger ist als ich, voll gut Englisch. Da war ich schon beeindruckt.“

Das Finale über 100 m Schmetterling wird die Reisenerin ohnehin nicht vergessen. „Was habe ich auf den letzten Meter gemacht? Wieso?“ Und dann fällt es ihr lachend wieder ein. „Ich habe nur gedacht: ‚Komm Amelie, die letzten Meter, schwimm‘ einfach durch, du warst dabei, du hast Spaß gehabt!‘“

Bronze für „Amelia Satschenhuber“

Den Blick auf die Anzeigetafel wagt sie kaum, doch als sie zunächst ihren mitgereisten Trainer Roland Böller jubeln sieht, traut sie sich doch und flippte komplett aus: Bronze! „Ich habe mich mega gefreut. Und wenn ich mich mega freue, gratuliere ich auch den anderen, die neben mir geschwommen sind. In diesem Fall war das die Russin, die ich umarmt habe und dann habe ich ihr noch ‚good job‘ gesagt, aber sie hat es vermutlich nicht verstanden.“

Tipps bekommt sie auch von ihren Trainern Roland Böller und Elvir Mangafic (v. l.).

Was ihr dann noch in Erinnerung geblieben ist, war das Prozedere nach dem Rennen. Die Medaillenträger werden sofort an die Hand genommen und nicht mehr losgelassen, da die Siegerehrung direkt nach dem Wettkampf stattfinden soll. „Trotzdem musste ich eine Stunde lang warten, und eigentlich wollte ich nur ausschwimmen. Meine Beine waren so schwer.“

Jedes Detail der Siegerehrung ist genauestens durchgeplant. Eine Mitarbeiterin weist die drei Siegerinnen ein, wie und wohin sie winken sollten, sobald sie sich auf das Podest stellen. Einen kleinen Lacher gibt es dennoch, als die Deutsche aufgerufen wird. „Amelia Satschenhuber!“

Olympia – Zachenhubers größter Traum

Alles ist in Baku wie bei Olympia – große Eröffnungsfeier samt Reden und Einlauf, Olympisches Feuer, Olympisches Dorf mit den Athleten aller Nationen. Zachenhuber schwärmt: „Das Feeling vor Ort war etwas ganz anderes, man kann sich das gar nicht wie einen normalen Wettkampf vorstellen. Das Drumherum war viel interessanter und größer als sonst.“

Freilich hat das EYOF Zachenhuber körperlich extrem gefordert. „Es war etwas komplett anderes. Vom Kopf her war ich total motiviert, aber körperlich war ich voll am Ende. Ich war so aufgeregt, voll im Stress, aber ‚schöner‘ Stress, aber nach jedem Start war ich absolut fertig.“ Dabei hatte ihre Schwester Alisa, die eine wichtige, mentale Stütze für sie ist, ihr immer wieder eingebläut, sie solle es ja genießen! „Und das habe ich auch. So etwas werde ich vielleicht nie wieder erleben, es war einmalig.“

Allerdings bleibt der Internatsschülerin ein großes Ziel: „Olympia ist mein allergrößter Traum und das absolute Ziel, auf das ich jeden Tag hin trainiere. Dafür stehe ich jeden Tag um 5 Uhr auf und gehe zum Training. Wenn es 2021 noch nicht klappt, dann eben 2024. Ich hoffe nur, dass ich gesund bleibe und keine langen Trainingspausen machen muss.“

Eine sportliche Familie

Dieses Gefühl, sich völlig zu verausgaben, kennt die Reisenerin auch, seitdem sie in Erlangen bei Roland Böller trainiert. Es hat einige Monate gedauert, bis sie sich an diese Umstellung gewöhnt hatte. Doch jetzt fühlt sie sich in ihrer Trainingsgruppe richtig wohl. „Wir Schwimmer sehen uns jeden Tag fünf Stunden. Das ist wie eine zweite Familie, und da gehöre ich jetzt auch voll dazu.“

Die Jüngste einer Sportfamilie: Amelie Zachenhuber (l.) holt sich gern Ratschläge von ihren Geschwistern Alisa (selbst erfolgreiche Schwimmerin) und Simon (ungeschlagener Boxprofi).

Eine sportliche Familie hat Amelie allerdings nicht nur in Erlangen. Die Eltern Rosi und Karl, die beide als Trainer beim TSV Erding und mit ihrer eigenen Schwimmschule stark eingebunden sind, unterstützen ihre Tochter voll und ganz. „Meine Mama sagt immer, wenn die Eltern Skifahrer sind, wird das Kind auch Skifahrer“, sagt Amelie Zachenhuber, die viel Sport mit der großen Schwester Alisa treibt.

Und auch vom großen Bruder Simon, der als Profi-Boxer in Stuttgart lebt, schaut sich das Nesthäkchen Sachen ab. „Wir gehen laufen, machen Krafttraining, wenn das Sportangebot wegen Corona eingeschränkt ist.“

Zukunftspläne: Abitur in Ruhe auf der FOS

Und der Konkurrenzdruck unter ehrgeizigen Geschwistern? Die Antwort ist überraschend: „Als wir alle noch zuhause gewohnt haben, gab es immer so einen Futterneid unter uns Geschwistern.“ Sie meint das wörtlich. „Bei so viel Sport wurde auch viel gegessen.“

Vielleicht gehe ich danach auch nach Amerika, das machen ja zur Zeit irgendwie alle und denen scheint es zu gefallen.

Amelie Zachenhuber über ihre Zukunftspläne

Kochen macht ihr ohnehin immer mehr Spaß, weshalb sie für die Zukunft auch schon erste Ideen hat. „Ich esse nunmal sehr gerne, probiere auch mal was Neues aus. Deswegen überlege ich gerade, ob ich später mal etwas in Richtung Ernährungsberatung machen soll. Oder Innenarchtitektur. Mir macht es Spaß, Möbel umzustellen und zu schauen, wie sich ein Raum verändert.“

Nach der 10. Klasse ein weiteres Jahr dran zu hängen, um so schnell zum Abitur zu kommen, kommt nicht in Frage. „Ich würde gern nach der mittleren Reife auf die FOS und dort mein Abitur in Ruhe machen, damit ich weitertrainieren kann. Vielleicht gehe ich danach auch nach Amerika, das machen ja zur Zeit irgendwie alle und denen scheint es zu gefallen.“

Ehrenmitgliedschaft beim SC Prinz Eugen München

Eine große Veränderung könnte außerdem für die junge Athletin demnächst anstehen. Die Familie überlegt für Zachenhuber eine kleine Wohnung in Erlangen zu suchen. Aktuell wohnt sie in einem Nürnberger Sportinternat und muss morgens von dort nach Erlangen zum Training, dann zurück zum Unterricht und abends wieder nach Erlangen.

Da der SC Prinz Eugen München mit coronabedingten Schwimmbadschließungen zu kämpfen hat, entschloss sich die Familie Zachenhuber außerdem, den Startrechtwechsel nach Erlangen zu beantragen. „Es ist uns echt schwer gefallen, das Gespräch mit Elli zu suchen, aber wir wollten unbedingt im Guten mit ihm auseinandergehen. Bei einem Treffen sagte er, er habe es schon kommen sehen. Dennoch standen ihm die Tränen in den Augen“, erzählt Amelie Zachenhuber. Ihr und ihrer Mutter Rosi war es wichtig, dass die Freundschaft bleibe. Am Ende seien es hauptsächlich finanzielle Gründe für den Wechsel gewesen. Als Geste der Wertschätzung für ihre sportliche Leistung hat sie der SC Prinz Eugen zum Ehrenmitglied ernannt.

Aleks Scharfe

Weitere Porträts aus unserer Reihe Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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