Die Kraft eines Schmiedes ist an den Ringen von großem Vorteil: Günter Eberhard (Bild oben) holte für die Turnriege des TSV 1860 München viele wertvolle Punkte bei Mannschaftsmeisterschaften.
+
Die Kraft eines Schmiedes ist an den Ringen von großem Vorteil: Günter Eberhard (Bild oben) holte für die Turnriege des TSV 1860 München viele wertvolle Punkte bei Mannschaftsmeisterschaften.

ERDINGS TOP 100

Günter Eberhard: Der Herr der Ringe

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
    schließen

Günter Eberhard war der beste Turner, den der TSV Isen je hatte. Der Mann aus Wien war auch Teil der Löwen-Turnriege. In unserer Rangliste liegt er auf Platz 57.

Dorfen – Natürlich ist Günter Eberhard stolz darauf, Teil der Turnriege des TSV 1860 München zu sein. Doch diesmal wählt er ein Trikot ohne Löwen-Wappen. Es ist das Jahr 1957, und es geht im pfälzischen Landau um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Nach der Hälfte der Übungen führen die Münchner und hoffen auf den Titel. Doch der 18-Jährige aus Isen sieht sich die Jury genau an – zusammengesetzt aus verschiedenen Vereinen. „Ich habe darauf spekuliert, dass ich besser wegkomme, wenn ich ohne Sechzger-Emblem turne“, erzählt er heute. Sein Trainer bemerkt das erst, als die Übung schon läuft.

Noch immer ist der mittlerweile 81-Jährige begeisterter Skifahrer.

„Zum Glück“, sagt Eberhard lachend, „denn ich wurde tatsächlich deutlich besser bewertet als meine Teamkollegen, die teilweise eigentlich schon stärker waren“. Zum Titelgewinn reicht es zwar nicht, die Sechzger werden am Ende Vierter. Dennoch denkt der heute 81-Jährige gern zurück: an diesen und viele andere Wettkämpfe, die ihn zum Münchner Stadtmeister, Bayerischen Meister und Deutschen Vizemeister gemacht haben.

Eberhard ist der beste Turner, den der TSV Isen je gehabt hat. Andererseits: Die kleine Marktgemeinde hat sich das auch verdient, denn sie gibt dem jungen Mann erstmals eine schöne Heimat.

Vier Tage Reise im Viehwaggon

In Wien im Dezember 1939 geboren, verbringt Eberhard die ersten Jahre in Ostmähren, ehe er 1946 mit seiner Mutter Maria und der Oma vertrieben wird. „Nach vier Tagen Fahrt im Viehwaggon sind wir in Schwabmünchen angekommen“, erinnert er sich. Drei Jahre verbringt er auf einem Bauernhof im schwäbischen Mittelstetten. Es ist keine schöne Zeit. „Daran möchte ich gar nicht zurückdenken“, sagt er heute. Seine Großmutter stirbt 1947. Zwei Jahre später kommt der Bub zusammen mit seiner Mutter über einen Wohnungstausch nach Isen.

Und ab da wird alles besser. Der Knirps hat schnell den Respekt seiner Mitschüler. Das liegt am Sport. Schwimmen, Radlfahren, Fußball – überall ist er mit dabei. Aber nirgends ist er so talentiert wie im Turnen. Das fällt auch Erwin Partsch auf. Der Turnwart des TSV Isen hat im Krieg beide Unterbeine verloren. „Trotzdem war er ein lebenslustiger Mann, der sehr beliebt war und uns Kinder vortrefflich motivieren konnte“, erzählt Eberhard, der nur einmal geschockt war: „Als Herr Partsch vor dem Baden seine Prothesen ausgezogen hat und mit den kurzen Stumpen ins Wasser gekrochen ist. Ansonsten war er ja mit seinen Prothesen schnell unterwegs.“

Partsch fördert seinen Schützling, schickt ihn nach wenigen Monaten zum ersten Wettkampf nach Traunstein zum oberbayerischen Turnfest. „Da wurde ich 48.“, erzählt Eberhard. „Ein Jahr später in Fürstenfeldbruck war ich dann schon Dritter.“ Zuvor gewinnt er noch beim Gauturnfest in Haag die Jugendklasse, und auch beim Bezirksjugendfest in Isen steht er ganz oben auf dem Treppchen.

Seine Königsdisziplin: Übungen an den Ringen

Eberhard macht früh eine Rechnung auf, die für seine ganze Karriere gilt: Bessere Chancen als im Vierkampf, der aus Pferdsprung, Barren, Reck und Bodenturnen besteht, hat er im Fünfkampf. Denn da kommen noch die Übungen an den Ringen hinzu, und das ist seine Königsdisziplin: „Du brauchst Kraft. Die hatte ich immer schon“, erklärt er. „Außerdem hat es geholfen, dass ich im Verhältnis zu meinem Körper ein bisserl kurze Arme habe.“ Und außerdem ist er fleißig: Dreimal die Woche trainiert er in der Isener Turnhalle. Als die abgerissen wird, fährt er nach Dorfen.

Mit seiner Frau Martha lebt Eberhard seit 1976 in Dorfen. Aufgewachsen ist der heute 81-Jährige in Isen.

Die Erfolge kommen zwangsläufig. 1956 wird Eberhard Bezirksjugendmeister in Mühldorf im Zehnkampf, bei dem an den fünf Geräten neben der Pflicht auch eine Kür geturnt wird. „Es war einer meiner schönsten Erfolge“, sagt er heute im Rückblick auf seine Turnerkarriere. Schließlich sichert er sich diesen Titel in der A-Klasse, also auf höchstem Niveau. Im gleichen Jahr triumphiert er beim Bezirksturnfest in Garching und beim Schloßberg-Turnfest in Kraiburg. Sein Erfolgsgeheimnis? „Du brauchst neben dem Talent eine innere Begeisterung, Ehrgeiz und volle Konzentration“, verrät Eberhard. Aber auch Selbstvertrauen und eiserne Disziplin.

Und beides beweist Eberhard bereits 1956, als der TSV 1860 München bei ihm anklopft. Die Sechzger sind in dieser Zeit das Non-plus-Ultra im Turnsport Bayerns und darüber hinaus. Zahlreiche Deutsche Meistertitel holen die Löwen, deren Trainer Rupert Zircher nun Eberhard zum Vorturnen bittet. Der Isener Erwin Strobl, selbst bei 1860 schon aktiv, hat den Tipp gegeben. Jetzt liegt es an dem Buben selber.

TSV 1860 München: Zwei Stunden Anreise ins Training

Lampenfieber, Bammel? „Ich bin nach München gefahren und habe halt gezeigt, was ich kann“, erzählt Eberhard. Es muss beeindruckend gewesen sein, denn fortan ist er ein Sechzger.

Das bedeutete zum einen, dass er nun zur besten Jugendriege weit und breit gehört. Und zum anderen: eine ewige Fahrerei: Jeden Samstag radelt Eberhard die acht Kilometer von Isen zum Bahnhof Matzbach. Am Ostbahnhof steigt er aus und läuft die drei Kilometer zur Halle in der Auenstraße, wo um 17 Uhr das Training beginnt. Zwei Stunden Anreise, zwei Stunden Training, danach noch ein gemütliches Beisammensein. „Oft bin ich erst gegen Mitternacht heimgekommen.“

Und unter der Woche radelt Eberhard die elf Kilometer zum Training nach Dorfen, wo er gemeinsam mit dem zehn Jahre älteren Georg Numberger an Pflicht und Kür feilt und immer besser wird. Das hat aber auch was mit seinem Lehrberuf zu tun. Eberhard wird Schmied beim langjährigen TSV-Turnwart Georg Reiter. Auch wenn er mehr mit Landmaschinenreparaturen als Schmiedearbeiten zu tun hat, Eberhard bezeichnet seine Lehrzeit als Glücksfall, „weil ich die notwendige Kraft und die Wendigkeit für das Turnen stärken konnte“.

Die Kraft des Schmiedes

Neun Stunden Knochenjob und danach noch Training – „ja, am Abend war ich da schon müde, wenn ich noch was lesen wollte“, meint er heute. Beruflich geht’s zur Firma MAN nach München-Allach, wo er als Metallfacharbeiter finanziell einen Riesensatz macht. „In Isen habe ich als Geselle eine Mark pro Stunde verdient, und dann plötzlich 2,40 Mark“, erzählt er. „Ich war erstaunt, und dann sagt mir auch noch ein Kollege: ,Du wirst ja wie ein Hilfsarbeiter bezahlt.“ Folglich handelt er 2,75 Mark aus,

Das Bild links zeigt Eberhard(kniend, l.) mit dem Sechzger Jugendteam als Bayerischer Meister.

Ein Jahr später wechselt er zur Firma Kässbohrer nach Freimann. „Da habe ich zwar wieder weniger verdient, aber die Arbeit war viel anspruchsvoller.“ Die Firma, der er ein Leben lang treu bleiben wird, stellt ihm ein Apartment zur Verfügung. Seinen Erstwohnsitz behält er aber in Isen. Das hat praktische Gründe: „Ein Amt in München zu besuchen, das ist furchtbar. In Isen kannte meine Mutter jeden in der Gemeindekanzlei. Da ging alles viel schneller.“

Sportlich spielt sich inzwischen alles in München ab. Eberhard ist einer aus der Fünfer-Riege der Löwen-Jugend, die 1957 Münchner Stadtmeister wird. Im Einzel belegt er Platz zwei, hinter dem Teamkollegen Axel Geißbeck. „Er war unser bester Turner“, gibt Eberhard neidlos zu. Unter Trainer Zircher werden die Löwen Oberbayerischer und Bayerischer Meister, womit sie sich für die oben erwähnte Deutsche Mannschaftsmeisterschaft qualifizieren.

Münchner Stadtmeister

Auch den Sprung vom Jugend- ins Juniorenteam meistert der Isener. Er fährt weiter Mannschaftstitel ein. 1959 gewinnt er sogar den Einzeltitel bei den Münchner Stadtmeisterschaften.

Eigentlich kann ihn nichts bremsen. Dann aber beginnt der Wehrdienst, den er in Freising, Erding und Neubiberg ableistet. Während der Grundausbildung ist an Sport nicht zu denken, und dann wird er ausgerechnet zu einer Wachstaffel abkommandiert. Das bedeutet: ein weiteres Vierteljahr ohne Training,

Dennoch beteiligt er sich 1961 in Schweinfurt am Bayerischen Turnfest im Zehnkampf der Senioren. Zeitweise liegt er sogar sensationell in Führung. Dann aber muss er vom Seitpferd – ohnehin nicht sein Lieblingsgerät, denn hier sind die kurzen Arme ein Nachteil – zweimal absteigen. „Damit war ich weg vom Fenster“, sagt er.

Der Sturz vom Reck

Ein anderer Abgang wird ihn allerdings noch länger beschäftigen. Bei den bayerischen Meisterschaften im Mai 1962 in Bamberg fällt er vom Reck. Nach dem kurzen Schock fühlt er eine gewisse Genickstarre, er macht sich aber nichts draus. „Ich hatte ja keine großen Schmerzen,“

1966 wurden die Löwen mit Eberhard Deutscher Vizemeister (3. v. r.).

Erst drei Jahre später macht ihn ein Facharzt darauf aufmerksam, dass er sich einen Halswirbel angebrochen hat. „Wenn ich den Kopf nach links oder rechts drehe, knackst es, als wenn du einen Stecken auseinanderbrichst. Das ist noch heute so“, erzählt Eberhard.

Ab und an startet der Löwe Eberhard auch für andere Vereine. „Das hat man früher nicht so eng gesehen“, erzählt er. Beim Gauvergleichskampf Inn-Salzach gegen München in Waldkraiburg holt er für den TSV Isen an den Ringen Platz eins. Mit den Pasinger Turnern ist er 1964 bei einem Vergleichskampf in Bonn („Wir hatten viel Spaß mit den sehr lustigen Rheinländern.“). Gern wäre er auch – nachdem er bei der Stadtmeisterschaft Fünfter geworden war – zum Vergleichskampf zwischen München und ihrer Partnerstadt nach Bordeaux mitgefahren. „Wie ich später vom Trainer und Spitzenturner Lohmann erfuhr, hat der Organisator des Auswahlteams Turner aus seiner Riege bevorzugt. Das hat mich schon sehr geärgert“, erzählt er heute. „Für den Rückkampf in München war ich dann wieder gut genug.“

Deutscher Vizemeister

Doch sein größter Erfolg sollte noch folgen. 1966 wird der Isener mit dem TSV 1860 in Minden Deutscher Vizemeister mit dem gemischten Team. Nur der Berliner OSC war noch einen Tick besser in den Disziplinen Boden, Pferdsprung, Barren und Reck.

Ob in der Jugend oder bei den Senioren – „wir waren immer ein eingeschworenes Team“, schwärmt Eberhard. Dass er, der Isener, als einziger vom Land komme, das habe man ihn nie spüren lassen. „Wir waren halt alle Sportler.“ Es habe ihn stolz gemacht, mit Turnergrößen wie Olympiateilnehmer Heinz Häusler zu konkurrieren. Bei der bayerischen Meisterschaft 1967 in Schongau holt er an den Ringen Bronze. Das schafft er ein Jahr später auch bei der Münchner Stadtmeisterschaft.

1969 bricht sich Eberhard bei einem Glatteisunfall mit dem Auto einen Wirbel an. Neun Wochen liegt er im Bett. „Damit war die Karriere endgültig beendet“, erzählt er und fügt trocken hinzu: „Eigentlich geht’s ja schon mit 25 oder 26 bergab.“

Seit 1976 wohnt Günter Eberhard mit seiner Frau Martha in Dorfen, wo er gemeinsam mit seinen Freunden Schorsch Numberger (†), Norbert Präbst, Karl Rauscher und Ferdinand Wessely (†) noch einige Wettkämpfe im Turngau Inn-Salzach bestritten hat. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Auch seine Schafkopfrunde gibt es nicht mehr. Aber eins lässt sich Günter Eberhard nicht nehmen. Seit 1949 fährt er auch Ski. „Bis vergangenes Jahr hatte ich immer eine Saisonkarte“, erzählt er. „Momentan ist wegen Corona Stillstand, aber wenn es wieder geht, bin ich wieder dabei.“

Dieter Priglmeir und Georg Brennauer

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare