Pascal Winter und Britta Steffen
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Der Superstar und das Megatalent: Olympiasiegerin Britta Steffen gratulierte Pascal Winter im Jahr 2011 zu seinen Titeln.

Erdings Top 100

Pascal Winter: Der Kopfmensch mit den Turbo-Beinen

Mit seinen Delphin-Kicks hat Pascal Winter die deutsche Schwimmszene aufgemischt. In unserer Rangliste der besten Sportler des Landkreises belegt er Platz 56.

Erding – Pascal Winter ist ein Optimist, der in allem das Positive sieht. Trotz einiger Rückschläge in seiner jungen Karriere gehört der 24-jährige Ex-Leistungsschwimmer zu den 100 größten Sportlern unseres Landkreises. Sechsmal wurde er in den Jahren 2011 und 2012 Deutscher Jugendmeister in den Einzelrennen über 50 m Freistil und 100 m Schmetterling sowie je zweimal über 100 und 200 m Freistil. Einmal holte er noch DM-Gold mit der Staffel.

„Mein großer Traum war Rio, aber leider hat es nicht sein sollen. Trotzdem hatte ich meinen Olympia-Moment ein paar Jahre vorher, und das kann mir keiner nehmen“, erzählt er. 2011 nämlich qualifizierte sich der Pretzener bei den deutschen Jahrgangsmeisterschaften (DJM) in Berlin für das European Youth Olympic Festival (EYOF) in der Türkei. „Es hat sich genauso angefühlt, wie man sich die echten Olympischen Spiele vorstellt. Extra für das EYOF wurde eine neue Schwimmhalle gebaut. Wir haben mit allen Nationen aus allen Sportarten in einem Olympischen Dorf gewohnt, haben in der riesigen Kantine gemeinsam gegessen und sind mit dem Mannschaftsbus zu den Wettkampfstätten gefahren. Natürlich gab es auch eine Eröffnungsfeier mit dem Einmarsch der Nationen, also echt cool.“

Die Qualifikation für das EYOF ist Winter noch genau in Erinnerung geblieben. „Am letzten Tag der deutschen Meisterschaften habe ich erst die Zusage und damit den letzten freien Platz für die EYOF bekommen. Dabei war ein anderer Athlet über 50 Meter Freistil eigentlich schneller, allerdings wurde er wegen eines Fehlstarts disqualifiziert. Ich war mir bis zum Schluss trotzdem nicht sicher, ob ich oder der andere mitgenommen werde.“ Als 15-jähriger Schüler des Isar-Sport-Gymnasiums reiste er damals vorab ins Vorbereitungstrainingslager nach Heidelberg. Und in der Türkei hieß es für ihn einfach nur: genießen. Auf diesen Wettkampf im Speziellen und seine Starts über 50 m Freistil und in der 4 x100 m Freistil-Staffel hatte Winter, der damals für den SC Prinz Eugen München schwamm, sich zwar nicht explizit vorbereitet, dennoch konnte er hervorragend an die Zeiten der DJM anknüpfen. Über die 50 m Freistil schaffte er den Sprung ins B-Finale und wurde dort Vierter.

Schwere Verletzung vor der Jugend-EM

2014 das nächste Highlight: die Jugendeuropameisterschaft (JEM) in Dordrecht, Holland. Der bis dahin vermeintlich größte Wettkampf für ihn. „Vermeintlich deswegen, weil man mit einem Fußbruch, der wenige Wochen vor der JEM passiert ist, keine großen Erwartungen haben darf.“ Doch wie konnte das passieren? „Ich wollte mir die Kraul-Technik von Florent Manaudou, dem französischen Topsprinter über die 50 m Freistil abschauen, für die man extrem viel Kraft braucht. Deswegen ging ich viel zum Kraftsport und hab hart trainiert. Blöderweise ist mir nach dem Training auf der Treppe der Fuß weggeknickt. In der Notaufnahme sagte man mir, man könne gleich am nächsten Morgen operieren, wenn ich noch zur JEM will.“ Das Problem: Am nächsten Morgen stand für den Abiturienten die erste mündliche Prüfung an. Somit wurde die OP eine Woche verschoben.

Im Erdinger Freibad fing für Winter alles an.

Wenige Tage später ging es ins Vorbereitungstrainingslager. Natürlich konnte der Schwimmer, der nun für die SG Stadtwerke München startete, nicht sofort ins Wasser, machte also Stabi- und Krafttraining. „Vor Ort hatten die auch Ärzte und Behandlungsräume, wo mir während des Trainingslagers die Fäden gezogen wurden. Kaum waren die raus, war ich auch schon unten im Wasser. Trotzdem stand es bis zum Schluss auf der Kippe, ob ich zur JEM mitkommen darf. Aber die Trainer hatten meinen Einsatz bewundert und nahmen mich mit.“ Bei der JEM selbst strengte Winter sich enorm an, doch seine große Stärke, die Delphin-Kicks, konnte er nicht richtig ausspielen, ohne allzu große Schmerzen zu empfinden. „Im Nachhinein sehe ich das positiv“, sagt Winter. „Medaillen wären toll gewesen, aber nicht die zählen. Am Ende ist’s die Erfahrung, die mich reicher macht.“

Schon immer war Winter ein Kopfmensch. „Ich bin eben sehr perfektionistisch. Ich will alles zu 100 Prozent verstehen und umsetzen.“ Das zeigte sich schon bei seinen Anfängen beim TSV Erding. „Mein damaliger Trainer gab uns die Anweisung, ‚Rücken‘ zu schwimmen. Keiner von uns hatte damals eine Ahnung, wie das genau auszusehen hatte, also schwammen wir alle kreuz und quer und völlig falsch. Zu Hause habe ich mich richtig darüber geärgert, weil ich einfach nicht wusste, wie es geht. Ich wollte es nun mal perfekt machen.“

Eine Diagnose ändert alles

Auch Oliver Zeidler, inzwischen Ruder-Weltmeister, gehörte zu jener Zeit zu seinen direkten Konkurrenten. Die Trainer erinnern sich, dass Winter schon damals damit zu kämpfen hatte, dass Zeidler als Zehnjähriger größer war als der Rest, und er selbst durch seinen Ehrgeiz und Eifer alles hatte aufholen wollen. „Das hat sich allerdings, zumindest im Training, ein wenig geändert“, erzählt der BWL-Student lachend. „Ehrlich gesagt bin ich zuletzt nicht der Fleißigste im Training gewesen, aber im Wettkampf habe ich mich immer voll auf meine Gegner fokussiert. Alles andere habe ich ausgeblendet, sobald ich im Wasser war. Dann zählte für mich nur eins: vorne mitschwimmen. Sobald einer vor mir war, pushte mich das enorm. Aber auch das Gegenteil war der Fall. Sobald ich alle weit hinter mir gelassen hatte, hab ich sofort Tempo rausgenommen.“

Medaillenjäger: Sechs DM-Titel sammelte Winter.

Genau diese Denkweise wäre ihm 2015 bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften (DMS) in Essen beinahe zum Verhängnis geworden. Denn hier geht es nicht um Platzierungen, sondern um die geschwommene Zeit, die in Punkte umgerechnet wird. „Wir hatten damals ein saustarkes Team mit Olli Zeidler, Florian Vogel, Philipp Wolf, Marius Kusch (Anm. d. Red.: alle Olympia-Teilnehmer) und vielen anderen guten Schwimmern bei der SG Stadtwerke München. Und in der Bundesliga zu schwimmen, ist von der Stimmung und dem ganzen Drumherum her noch mal was anderes. Das motiviert schon, auch mal über seinen Schatten zu springen, wenn da alle draußen stehen, schreien und anfeuern.“ Der Sieg war dann die Krönung und deswegen auch eine der schönsten Erinnerungen an die Zeit bei der SG.

Ein Jahr später schien alles in trockenen Tüchern. Winter machte sein Abitur und wollte zusammen mit Marius Kusch nach Charlotte (South Carolina) fliegen, wo beide mit einem Sportstipendium hätten studieren können und sich auf Olympia in Rio vorbereiten wollten. Für Kusch ging der Plan auf. Der damals 20-jährige Pretzener jedoch musste in letzter Sekunde alles canceln. „Die Flüge waren gebucht, aber zwei Wochen vor der Abreise hat ein Check beim Arzt alles verändert.“ Die Diagnose: angehende Sakralgelenksdegeneration. Für Winter bedeutete das, dass er wegen Problemen mit der Wirbelsäule keinen Leistungssport mehr betreiben darf. „Es wäre eine riesige Möglichkeit gewesen, ja. Aber ein halbes Jahr zuvor ist meine Mutter gestorben“, sagt Pascal Winter. Deshalb sei sein Platz jetzt ohnehin zuhause bei der Familie gewesen. Und damit war auch der Traum von Rio geplatzt. „Natürlich wäre das schön gewesen, viel hätte vermutlich nicht gefehlt, aber eine Karriere im Schwimmen ist eh nicht so leicht aufzubauen, und deswegen habe ich einfach das Beste draus gemacht.“

Wettschwimmen mit Weltrekordhalter

Auch abseits des Wettkampfgeschehens nimmt er großartige Erinnerungen mit. „Während meines Praktikums 2014 in der Marketingabteilung bei Arena in Italien haben wir hin und wieder auch mit Top-Athleten der Weltspitze Fotoshootings und Aufnahmen in den neuesten Schwimmanzügen gemacht. Einer davon war Adam Peaty“, erinnert sich Winter. „Zu dem Zeitpunkt war Adam schon Weltrekordhalter. Und da stand er plötzlich vor mir – ein Riesenkerl. Kaum, dass er angefangen hat zu sprechen, war er eigentlich ganz klein und normal.“

Ein Start-Up, bei dem Elektro-Roller vermarktet werden, hat Pascal Winter gegründet.

Der britische Top-Star der Schwimmszene hatte mitbekommen, dass auch der Praktikant aus Bayern gar nicht so schlecht schwimmt. Also lud er ihn kurzerhand zu einer gemeinsamen Trainingssession ein. „Am Ende konnte ich irgendwie ganz gut mithalten mit ihm. Adam war auch beeindruckt und meinte, er hätte nicht gedacht, dass ich so schnell sei“, erzählt Winter voller Stolz.

Aktuell sieht man Winter kaum noch beim Training. „Ich habe einfach wenig Zeit. Neben dem Studium habe ich mit Familie und Freunden ein Start-Up gegründet, bei dem wir Elektro-Roller vermarkten, und zusätzlich bin ich in einer IT-Firma in der Marketing-Abteilung als Werkstudent angestellt.“ Ob er nach einer so langen, intensiven Zeit nicht doch etwas beim Schwimmen vermisst? „Gerade beim SC Prinz Eugen, da waren wir alles heranwachsende Jungs, da war das Teamgefühl schon toll, das fehlt mir. Zu meinem damaligen Trainer Elvir Mangafic habe ich heute noch ein gutes Verhältnis und glaube, das mit uns damals war seine Blütezeit“, verrät Winter lächelnd.

Aleks Scharfe

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie hier.

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