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Minh Tuan Dang: Der Kraftfloh mit dem eisernen Willen

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Von: Dieter Priglmeir

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Tuan Dang mit seiner Schwester Lanh, Bruder Thai, Mutter Dzan und Vater Hien im Urlaub in Laos.
Urlaub in Laos: Tuan Dang (M.) mit seiner Schwester Lanh, Bruder Thai, Mutter Dzan und Vater Hien. Tuans Eltern sind 1981 mit Flüchtlingsschiffen nach Deutschland gekommen. © Privat

Minh Tuan Dang war ein schüchterner Bub, als er das erste mal ins Gewichtheber-Training ging. Heute ist er 13-facher Deutscher Meister.

Erding – Minh Tuan Dang ist mal gegen eine Fensterwand gedonnert. „Das war bei den Jugend-Europameisterschaften in Nizza“, erzählt der heute 34-Jährige. „Wir waren in einem Innenhof mit vollverglasten Wänden. Ich dachte, ich gehe ins Freie und bin voll gegen das Glas gekracht.“ Bäng! „Ich habe heute noch eine Beule davon“, sagt der Erdinger. Am Tag nach dem Missgeschick steht er, der 45-Kilo-Floh, schon wieder auf der Gewichtheber-Plattform. 65 Kilogramm im Reißen, 87,5 im Stoßen – er ist in der europäische Elite angelangt und gewinnt die Bronzemedaille.

Für Rudi Mayer ist auch diese Geschichte ein weiterer Beleg dafür, warum sein Schützling der beste Erdinger Gewichtheber aller Zeiten wurde: „Er hatte großes Talent, aber das hatten andere auch. Tuan aber war immer ehrgeizig, blieb ruhig und hat sich von seinen Zielen nie abbringen lassen.“ Schon gar nicht von einer Beule.

Vielleicht hat der langjährige Erdinger Gewichtheber-Trainer so etwas schon geahnt, als er 1999 das Familienfoto von Lanh Dang in der Hand hält. Die junge Frau macht gerade Praktikum in der Sparkasse Erding, wo eben jener Rudi Mayer hauptberuflich arbeitet. Auf dem Bild fällt dem Sportfachmann der kleine, schmächtige Bruder auf. „Er soll doch mal zu mir ins Gewichthebertraining kommen“, sagt er. Die große Schwester gibt’s weiter, und Tuan kommt tatsächlich.

1981 kamen die Eltern mit Flüchtlingsschiffen aus Vietnam

Doch der erste Termin geht schief. „Tuan war 14 und relativ schüchtern“, erzählt Mayer. „Wir haben uns irgendwie beim ersten Training verpasst. Seine Schwester hat ihn aber nochmal hergeschickt.“

16-jähriger Tuan Dang beim Gewichtheben
Schmal, aber kräftig: Tuan Dang als 16-Jähriger. © Konrad Kressierer

Tuan Dang, dessen Eltern 1981 mit Flüchtlingsschiffen als Boatpeople von Vietnam nach Deutschland gekommen sind, kann sich auch noch gut an die Anfänge erinnern: „Ich wollte damals eigentlich nur Krafttraining betreiben, um ein wenig Masse aufzubauen. Von der Technik wusste ich gar nichts. Ich kannte Gewichtheben überhaupt nicht.“

Ein Start mit blutigen Anfängern – für Mayer, der gemeinsam mit Sepp Gotz sen. das Gewichtheben in Erding geprägt hat, ist das nichts Neues. Er nimmt den Besenstil und gibt ihm den Bub. Das ist Standard. Damit fängt nun einmal jeder Gewichtheber-Neuling an.

Kurze Beine, guter Hebel

Aber nicht jeder stellt sich gleich so geschickt an. „Hocke, gestreckte Arme – Tuan hat das gemacht, als ob er nie was anderes getan hätte“, erzählt Mayer, der auch sofort einen weiteren Vorteil bemerkt: den für Gewichtheber günstigen Körperbau.

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„Die relativ kurzen Beine im Verhältnis zum Gesamtkörper – ich habe einen guten Hebel“, sagt Tuan Dang selbst. „Ich bin dann sehr schnell auf Wettkämpfe gefahren, was auch richtig Spaß gemacht hat.“

Zumal er von Beginn an alles gewinnt. Der 45-Kilo-Mann hat in seiner Gewichtsklasse weit und breit keinen Konkurrenten. Er ist national eine Ausnahmeerscheinung, wird im Laufe seiner Karriere 13 Mal deutscher Meister. Hinzu kommen elfmal Bayern-Gold und zehn Oberbayern-Titel. 2002 gewinnt er bei der Jugend-EM in Nizza die bereits erwähnte Bronzemedaille. Vier Jahre später schafft er es bei den Junioren erneut aufs Treppchen. Europas drittbester Jung-Heber – noch heute hält Tuan Dang die Bronzemedaille von Palermo für den größten Erfolg seiner Karriere. 88 und 121 Kilo im Reißen und Stoßen in der 56-Kilo-Klasse.

TSV Erding schafft es in die 2. Bundesliga

Das sind internationale Spitzenwerte, doch für das größte Turnier reicht es nicht ganz. „Den Trainingsaufwand, der für Olympia nötig gewesen wäre, konnte ich aus schulischen oder beruflichen Gründen nicht leisten“, sagt er heute. Und sein Trainer Rudi Mayer weiß, dass dies keine Ausrede ist. „Tuan hat immer alles gegeben.“ Im Gegensatz zu anderen Talenten, die sich so manche Lausbubengeschichte erlaubt hätten“, sei der gebürtige Erdinger immer auf dem Boden geblieben. „Er war einfach kein Spinner und hatte eine eiserne Disziplin – sowohl im Training als auch zum Beispiel bei der Ernährung.“

Tuan Dang beim Gewichtheben
Der Lehrmeister sieht zu: Rudi Mayer (l.) beobachtet Tuan Dangs gültigen Versuch. © Privat

Von Ehrgeiz und Klasse des jungen Mannes profitiert auch lange die Gewichtheber-Staffel des TSV Erding. In der Mannschaft stecken Kraftpakete wie Matthias Mayrhofer oder Walter Landshammer, die die Zuschauer begeistern, aber eben auch die Muskelzwerge Florian Held und eben Tuan Dang, die zu wahren Punktelieferanten dank der so genannten „Relativpunkte“ werden. Diese Wertung ermöglicht einen Vergleichsmöglichkeit der Athleten unterschiedlicher Gewichtsklassen bei Mannschaftswettkämpfen, weil hier jeder Heber, abhängig von Geschlecht und Körpergewicht, einen spezifischen „Relativabzug“ erhält, der nach dem Wettkampf von den erbrachten Einzelleistungen abgezogen wird. Dangs Punkte geben nicht selten den Ausschlag zum Sieg.

Der TSV Erding schafft es bis in die 2. Bundesliga. Und dort ist lediglich der TB Roding noch besser, sonst hätte Erding plötzlich einen Bundesligisten gehabt. „Da haben uns wirklich nur ein paar Punkte gefehlt“, bedauert Mayer.

Umzug nach Berlin und Heben in der 1. Bundesliga

Dangs Weg hingegen ist vorgezeichnet. Der 1,54-Meter-Mann, der unter anderem von Weltmeister Manfred Nerlinger trainiert wird, zieht 2005 nach Berlin, wo er einem sportgeförderten Zivildienst nachgeht. Dreimal die Woche hat er Dienst, der Rest der Zeit bleibt fürs Training. Bis zu achtmal die Woche stemmt er die Gewichte. Das wird auch während des Studiums kaum weniger. Er hebt für den TSC Berlin in der 1. Bundesliga und lebt von der Förderung durch die Deutsche Sporthilfe . „Im Sportlerwohnheim hatten wir 90 Euro Miete. Ich gebe auch nicht sehr viel Geld aus – da kommst du dann als Student schon gut über die Runden“, erzählt er.

Tuan Dang lebt für den Sport, lernt aber bei internationalen Turnieren schnell die Schattenseiten des Gewichthebens kennen. Thema Doping. „Die Russen und Türken haben das Zeug wissentlich genommen“, erzählt er. „Sie haben uns sogar gefragt: Und was nehmt ihr?“ Natürlich nichts, sagt der Erdinger, der als Kadersportler viele Jahre dem strengen nationale Dopingkontrollsystem unterliegt. Dass nun die Dopingkontrollen international verschärft und etwa die Russen Sanktionen zu spüren bekommen haben, findet Tuan Dang gut. „Dadurch haben jetzt auch die deutschen Gewichtheber endlich eine ehrliche Chance.“

Für ihn selbst kommt das aber zu spät. Überbelastungen im Training zwingen den Erdinger zu einer Knie- und Schulteroperation. 2008 gibt er den Leistungssport auf. „Da war ich dann schon ein wenig depressiv“, erzählt er heute. Zum Glück aber gibt es da ein neues Projekt, auf das er sich stürzen kann: Er startet als Ingenieur für Versorgungstechnik ins Berufsleben. 2012 kehrt er aus Berlin wieder zurück nach Erding, arbeitet für die Stadt – und ist zurück in seinem Heimatverein, für dessen Staffel er bis 2017 hebt.

Trainer im Heimatverein

Inzwischen hat er auch seinen ehemaligen Übungsleiter als Trainer beerbt. Rudi Mayer hilft noch als Betreuer bei Wettkämpfen aus. Ansonsten kann er seinen einstigen Musterschüler beobachten, wie nun er die Pläne schreibt und in der Halle auf die richtige Technik der Sportler achtet. Nach zehn Jahren im Leistungssport betreibe er selbst das Gewichtheben nur noch als Hobby, erzählt Tuan Dang.

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Zeit für eine Bilanz? Was hat der Leistungssport gebracht, was hat er einem vielleicht genommen? „Der Ehrgeiz im Training und bei den Wettkämpfen, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Trainern und Sportlern – das hat mich als Person extrem geprägt“, sagt der 34-Jährige, der mit seiner Freundin zusammen in Erding wohnt und in seiner Freizeit gern zum Bouldern geht. „Man lernt sich und andere zu motivieren, Niederlagen zu verkraften.“ Er wisse jetzt, wie wichtig Disziplin sei. Und durch die internationalen Wettkämpfe habe er auch viel von der Welt gesehen. „Als Leistungssportler hat man vielleicht nicht den typischen Alltag wie jeder Jugendliche. Der Alltag hat sich nur um das Training gedreht“, sagt er heute. „Treffen mit Freunden, Partys, Urlaube mussten sich hinten anstellen, aber mit gutem Zeitmanagement lässt sich das schon gut vereinbaren.“

Und ganz aufgehört hat Tuan Dang ohnehin nicht. Er nimmt weiter erfolgreich an Landes- und Bezirksmeisterschaften teil und hebt in der Bundesliga beim Sportclub Pforzheim. Coronabedingt ist dort gerade Pause. Im November soll es weitergehen.

Neues Ziel: Ü35-Europameisterschaft

„Mal sehen“, sagt Tuan Dang, die Hygiene-Auflagen seien sicherlich richtig, „aber ich werde nicht in einer Desinfektionswolke heben“. Aber es gibt ja eine Zeit nach Corona. Sein Blick gilt den Ü35-Europameisterschaften. Ich bin aktuell 34 und darf ab 2021 teilnehmen. „Dann will ich den Europarekord knacken.“

Seine Schwester Lanh hatte Rudi Mayer bei weitem nicht so lang unter seiner Obhut wie den Bruder. Sie beließ es bei dem Praktikum bei der Sparkasse und arbeitet jetzt als Personalmanagerin bei einem Fernsehunternehmen.

Dieter Priglmeir

„Trainieren wollen viele, aber wenige wollen zu Wettkämpfen fahren“

Der komplette Name des Erdinger Gewichthebers ist: Minh Tuan Dang. Letzteres ist der Nachname, „Minh Tuan“ der Vorname. „Bei Vietnamesen ist immer der letzte Vorname der Rufname“, erklärt er. Daher sei es richtig, wenn man ihn Tuan nenne.

Die Entwicklung des Gewichthebens im Allgemeinen sieht Tuan Dang sehr positiv. „Durch das moderne Crossfit und auch durch andere Leistungssportarten, die Gewichtheberübungen als Zusatztraining für Kraft und Schnelligkeit nutzen, finden hin und wieder neue Sportler den Weg zum Gewichtheben“, sagt der 34-Jährige. Es gibt aber auch ein dickes Aber: „In Erding fehlt es im Gewichtheben wie in vielen anderen Sportarten auch, an Jugendlichen, die zu uns in die Halle finden.“

Das sieht auch Rudi Mayer so: „Trainieren wollen viele, aber leider sind die wenigsten bereit, dann auch am Wochenende zu den Wettkämpfen zu fahren.“ Man dürfe natürlich nicht vergessen, dass Gewichtheben ein Nischensport ist und es selbst damals war, als der TSV Erding richtig erfolgreich war. „Damals in 2. Bundesliga hatten wir bei Spitzenwettkämpfen 40 Zuschauer“, rechnet Mayer vor und vergleicht das mit dem oberpfälzischen Konkurrenten TB Roding. „Die haben nicht selten 150 Zuschauer.“

Dennoch hält sich der TSV Erding wacker im Mannschaftssport. Einerseits weil, wie Tuan Dang erzählt, doch immer wieder mal „Neuzugänge im Erwachsenenbereich zu uns stoßen, die auch Wettkämpfe für uns bestreiten“. Zum anderen gibt es eben nimmermüde Ehrenamtliche wie Sepp Gotz sen. und jun. und eben Mayer und Tuan Dang, die die Nachwuchsarbeit ankurbeln. pir

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