Brenzlige Situation: Der Gegner geht Mahmoud Karimi an die Gurgel. Aber der achtfache Bayerische Meister meistert auch diese Situation. 14 Jahre ringt der Mann aus Notzingermoos in der Bundesliga..
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Brenzlige Situation: Der Gegner geht Mahmoud Karimi an die Gurgel. Aber der achtfache Bayerische Meister meistert auch diese Situation. 14 Jahre ringt der Mann aus Notzingermoos in der Bundesliga..

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Mahmoud Karimi: Der lange Anlauf des Lausbuben aus Teheran

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Fremde Sprache, kein Erfolg – Mahmoud Karimi wollte schon aufhören, dann startete er durch. Der schüchterne Bub aus dem Iran wächst in Notzingermoos (Kreis Erding) auf und wird einer der besten Ringer des SV Siegfried Hallbergmoos.

Notzingermoos/München – Die Straßen in Teheran sind sein Spielplatz. Mahmoud Karimi und seine Kumpels stellen zwei Tore auf, holen den Plastikball heraus. „Und dann haben wir gekickt – den ganzen Tag, und manchmal auch ein bisschen Volleyball. Kaum jemand hatte damals einen Fernseher, alle waren draußen. Es war eine wunderbare Zeit“, erzählt er heute. Doch dann bekommt der 13-jährige Bub gesagt: „Du gehst zu deinem Bruder nach Deutschland!“

Der große Bruder ist ein Ringer-Star

Für den Buben ist das erst mal ein Schock: „Natürlich war ich nicht begeistert, und für meine Mutter war das auch sehr schwer.“ Doch die Situation erlaubt keine andere Lösung. Sein Vater ist gestorben, da war Mahmoud zwei Jahre alt. Einer seiner Brüder ist im politischen Widerstand aktiv, „und so etwas hat dann die ganze Familie zu spüren bekommen“, erzählt er. Heute ist Karimi 47 Jahre alt, telefoniert noch immer wöchentlich mit seiner Mutter und freut sich darauf, seine Verwandten im Iran nach der Corona-Pandemie endlich mal wieder besuchen zu können. Das macht er sonst nämlich jedes Jahr.

Dabei ist Deutschland längst zu seiner Heimat geworden, für das er sogar im Weltcup ringt. Ohnehin kann Mahmoud Karimi auf eine große Ringer-Laufbahn zurückblicken: 14 Jahre Bundesliga mit dem SV Siegfried Hallbergmoos, Wacker Burghausen, AV Germania Markneukirchen und Johannis Nürnberg, Bronze bei den deutschen Einzelmeisterschaften 1997 in Tuttlingen und Unmengen von Bayern-Titeln.

Im September 1987 hat er noch ganz andere Kämpfe zu bestreiten. Während seine drei Geschwister im Iran bleiben (dürfen), soll also Mahmoud zu Jahanshah. Das ist in jeder Hinsicht sein großer Bruder. Der Mann ist mehrfacher Persischer Meister, ringt nun in Deutschland und will nun dem kleinen Mahmoud eine ähnliche Chance bieten.

Tatsächlich saß ich dann in der Hauptschule Altenerding wie ein schweigendes Monument und habe nichts verstanden. 

Mahmoud Karimi

Dem Knirps geht aber schon im Flieger die Düse. Was soll er in diesem für ihn so fremden Land? „Tatsächlich saß ich dann in der Hauptschule Altenerding wie ein schweigendes Monument und habe nichts verstanden“, erzählt er. Die Mitschüler und -schülerinnen wie etwa Monika Schuchard seien zwar „superfreundlich“ gewesen, und die Lehrerinnen „haben sich sehr nett um mich gekümmert“, sagt er. „Trotzdem war es eine schwierige Zeit. Wenn du als Kind nichts verstehst, resignierst du halt auch schnell. Du denkst noch nicht so langfristig wie ein Erwachsener.“ Natürlich entgehen ihm auch nicht die Annehmlichkeiten: „Im Iran saßen wir zu dritt auf einer Holzbank, hier dagegen hatte jeder seinen eigenen Platz. Dort hatte ich auch nur freitags keinen Unterricht. Jetzt waren plötzlich zwei Tage in der Woche frei.“

Mit seinen beiden Cousins und vielen Freunden führt Mahmoud (l.) in Teheran ein heiteres Kinderleben, ehe er 1987 in Bayern eine neue Heimat findet. 

Eine entscheidende Rolle spielt aber die Familie Hagl im Notzingermoos, die den Buben ein Zuhause gaben. Die Zuwendung der Familie, das sorgenfreie Leben: „Du konntest einfach in den Garten gehen und dir Tomaten oder anderes Gemüse oder Obst zu essen holen. Hier war ich gut aufgehoben“, erzählt Mahmoud Karimi und fügt hinzu: „Und natürlich auch im Ringerverein.“

Johann Hagl ist Vorsitzender beim SV Siegfried Hallbergmoos, Jahanshah Karimi einer der wichtigsten Ringer des Bundesligisten. Er bringt dem kleinen Bruder das ABC des Lebens bei – und das darf man durchaus wörtlich nehmen: „Er hat mir beim Erlernen der deutschen Sprache, aber vor allem auch des bayerischen Dialekts sehr geholfen. Dadurch habe ich bald viel verstanden – und nicht zuletzt deshalb fühlte ich mich schnell sehr wohl in meiner neuen Heimat. Im Grunde genommen übernahm Jahanshah bei mir die Vaterrolle. Ohne ihn hätte ich es wohl nicht geschafft“, sagt Mahmoud Karimi.

Die fürsorgliche Familie Hagl

Eine Schlüsselszene hat dann ausnahmsweise nicht mit seinem Bruder zu tun, „sondern mit Bernhard Pflüger, der seinem Neffen Benjamin Braun und mir eine Geschichte erzählt hat, die ich zum ersten Mal komplett verstanden habe. Das war ungefähr zehn Monate, nachdem ich nach Deutschland gekommen bin.“ Ein weiteres halbes Jahr dauert es noch, dann kann er sich auch selbst auf Deutsch gut artikulieren. Und auf Bairisch: „Meine Lieblingswörter sind noch heute ,Sauber!‘, ,Auf geht’s!’ und ,Jawoiiii!‘.“ Was man halt so an Anfeuerungen hört in der Hallberger Ringerhalle.

Womit wir bei seinem Sport wären. Und auch hier startet er nicht gleich durch. „Am Anfang war ich sehr schlecht und bin sogar bei oberbayerischen Einzelmeisterschaften ausgeschieden. Ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen.“

Auch hier hilft Jahanshah: „Mein Bruder hat mir die Technik beigebracht – die sauberen Beinangriffe – mit der man im Freistil gut angreifen kann.“ Genau das wird später seine Waffe sein. „Griechisch-römisch war dagegen überhaupt nichts für mich. aber im Freistil hatte ich meine Stärken.“ Dass er ein Spätentwickler ist, zahlt sich langfristig aus. „Andere, die im Schülerbereich sehr gut waren, konnten ihren Stil nicht mehr verändern und hatten als Erwachsene dann keine Chance mehr.“

Achtfacher Bayerischer Meister

Mahmoud Karimi aber startet richtig durch: 1996 wird er Deutscher Juniorenvizemeister. Im Jahr darauf holt er die bereits erwähnte DM-Bronzemedaille und ringt für Deutschland im Weltcup. Beim Großen Preis von Italien holt er den dritten Rang. Achtmal wird er Bayerischer Einzelmeister – und das in vier verschiedenen Gewichtsklassen: bis 62, 68, 74 und 82 Kilo. Nicht ohne Stolz erzählt der Freistilspezialist: „Ich habe bei den bayerischen Einzelmeisterschaften keinen einzigen Endkampf verloren.“

Neben Bruder Jahanshah hat er noch einen Lehrvater: Weltklasse-Ringer Sergej Goubrinjouk. Er saugt dessen Tipps förmlich auf und legt gemeinsam mit ihm Sondereinheiten ein. Und das zu jeder Tageszeit, denn als Hotelfachmann – fünf Jahre arbeitet er im Arabella in Schwaig – muss er das Training mit Spät- und Nachtschichten koordinieren. Fünfmal die Woche macht er Ausdauer- oder Krafttraining, geht Joggen oder auf die Matte.

Fünf schwere Operationen

Doch Mahmoud Karimi hat extremes Verletzungspech. Er muss zwei Schulter- und eine Meniskus- sowie zwei Kreuzband- und eine Bandscheiben-Operation über sich ergehen lassen. Doch er kommt immer wieder zurück. Und wie er zurückkommt: Er besiegt den Weltmeister und Olympia-Zweiten Sjarhej Smal. Sein größter Kampf? „Weiß ich nicht, es gibt viele schöne Erinnerungen“, sagt er. „Ich werde auch nie vergessen, dass Stefan Hofstetter 1990 seinen Gegner im Aufstiegskampf gegen Freiburg nach einem 0:4-Rückstand durch einen Kopfzug schulterte. Damit stiegen wir in die 1. Bundesliga auf.“ Sehr stolz sei er auch gewesen, „als Ergün Aydin, den ich trainiert habe, zum ersten Mal Deutscher Juniorenmeister wurde.“ Die Erfolge mit dem Team oder seines Schützlings als Trainer – auch das sind für ihn absolute Highlights. Nein, er wolle da keine Rangliste machen.

Mahmoud mit seinem Bruder Jahanshah (M.) und Ringer Klaus Grundner (r.). 

Eine schlimmste Niederlage aber gibt’s sehr wohl. Im DM-Viertelfinalkampf zwischen Hallbergmoos und Greiz entscheidet sich das Weiterkommen mit Karimis Kampf gegen Vizeweltmeister Victor Peicov. „Sekunden vor Schluss lag ich 3:0 vorn, und dann habe ich in der Verlängerung noch verloren. Das ist, wie wenn du beim Elfmeterschießen den letzten verhaust“, meint er.

Das war eine wöchentliche Vergewaltigung des Körpers.

Mahmoud Karimi über das Gewichte-Abkochen vor dem Kampf.

Karimi ist keiner, der die Vergangenheit verklärt. Eins wurmt ihn: „Ich brachte locker 73 Kilo auf die Waage, musste jedoch bis 68 Kilo antreten. Um Gewicht zu verlieren, kaufte ich mir in der Apotheke öfter Salztabletten, um die Pfunde purzeln zu lassen, und damit ich keine Krämpfe bekam.“ Heute nennt er das „eine wöchentliche Vergewaltigung des Körpers“. Im Kampf sei ihm oft schon nach zwei Minuten schwarz vor Augen geworden. „Das ist ja auch kein Wunder, wenn du fünf Liter Wasser verloren hast. Deshalb dauerten die letzten Sekunden einer Begegnung für mich meistens eine Ewigkeit.“ Karimi versichert: „Ich würde das heute nicht mehr tun.“ Allerdings sei die Ernährung inzwischen ganz anders – dadurch kann man leichter abkochen. „Außerdem steht in der heutigen Zeit die physische Stärke im Vordergrund.“

Das  Ringen  gehe  ihm  heute eigentlich nicht ab, versichert er. „Trotzdem denke ich immer wieder an Menschen, die ich vom Ringen her kenne. Zum Beispiel reise ich seit 20 Jahren, wenn es möglich ist, immer wieder nach Schweden, um frühere Teamkameraden wie Mohammad Babulfath zu treffen.“

Heute lebt Mahmoud Karimi mit seiner Freundin Caroline Günther in München.

Und da wäre noch Georg Schatzl, den er kennt, seit er 14 ist. „Er ist auch heute noch mein bester Freund. Wir treffen uns noch immer drei- bis viermal in der Woche im Park und trainieren gemeinsam. Und es ist für mich eine Ehre, dass ich sein Trauzeuge sein durfte.“ Beide wohnen inzwischen in München, wo Karimi – nach zehnjähriger Tätigkeit in einem Müncher Fitnesscenter – seit 2015 als selbstständiger Personal Trainer tätig ist. Ob 30 oder 82 Jahre – er habe für jeden das richtige Fitnessprogramm, sagt er. Den entsprechenden Erfahrungsschatz hat er sich in vielen Jahren angeeignet: als Nachwuchs- und Bundesliga-Trainer von Hallbergmoos und Burghausen, aber auch während seiner Amerika-Zeit. Der Liebe wegen pendelt er nämlich von 1996 bis 2001 zwischen Deutschland und Amerika hin und her. In diesen fünf Jahren ist er Angestellter und Trainer beim vierfachen Weltmeister und zweimaligen Olympiasieger John Smith, betreut die riesigen Sommercamps mit bis zu 800 Teilnehmern und bemerkt, welchen Stellenwert das Ringen durch das College- und Stipendiensystem in den Staaten hat. „Da werden die wichtigsten Kämpfe live im Fernsehen gesendet.“ Und noch viel größer sei das Interesse im Iran. „Da ist das Ringen noch immer ein echter Volkssport. Übertroffen wird das nur vom Fußball.“

Bim TuS ging es da nicht so genau nach Position. Wer nüchtern war, der durfte spielen.

Mahmoud Karimi über die schöne Fußballzeit in der 2. Mannschaft von TuS Oberding.

Die Liebe zum Fußball: Ganz konnte Mahmoud Karimi das Kicken auch in Deutschland nicht lassen. „Ich habe in der Zweiten vom TuS Oberding gespielt.“ Auf gut ein Dutzend Partien sei er in drei Jahren gekommen. Auf welcher Position? „Ach, beim TuS ging es da nicht so genau nach Position. Wer nüchtern war, der durfte spielen.“ Auch das sei eine schöne Zeit gewesen. „Die Jungs waren super drauf. Leider habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen.“ Auch nicht zu seinen ehemaligen Altenerdinger Schulkameraden. „Ich würde sie gern mal wieder sehen“, sagt Mahmoud Karimi, der längst kein „schweigendes Monument“ mehr ist, sondern seinen Platz in der Hall of Fame der Hallbergmooser Bundesliga-Ringer sicher hat. (VON DIETER PRIGLMEIR UND ANTON SCHWEISSGUT)

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