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Der Real-Madrid-Fachmann aus Schwaig

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Von: Dieter Priglmeir

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Arbeitsnachweis: Adrian Kühnel und die Eintrittskarten eines Journalisten.
Arbeitsnachweis: Adrian Kühnel und die Eintrittskarten eines Journalisten. © privat

Adrian Kühnel schreibt seit Jahren über die Königlichen und ist nun auch beim Finale in Paris

Schwaig/Paris – Er wird heute im Stade de France sitzen und einen seiner Lebensträume wahr machen: „Reporter in einem Champions-League-Finale“. Adrian Kühnel hat das nun geschafft. Das ist überraschend, weil er erst 23 Jahre alt ist, andererseits logisch, wenn man die Stationen seiner Karriere kennt. Der junge Mann aus Schwaig war unter anderem schon beruflich im Camp Nou (Barcelona), im Etihad Stadium (Manchester), im Wanda Metropolitano (Madrid) und 14 Mal im Estadio Santiago Bernabéu.

Das ist inzwischen sein Wohnzimmer für den Redakteur von REAL TOTAL, einem deutschen Online-Magazin, das sich ausschließlich mit Real Madrid befasst und täglich 25 bis 30 neue Storys oder Meldungen über den berühmtesten Sportverein des Planeten viral schickt. Hört sich nach Fan-Magazin an. „Ist es aber nicht“, betont Kühnel. „Wir legen großen Wert auf unsere Unabhängigkeit, sonst wären wir gar nicht tragbar. Wir schreiben ja auch sehr kritisch.“ Wenn ein Toni Kroos schlecht spiele, bekomme er auch eine Fünf. Real-Fan sei er trotzdem gibt Kühnel umwunden zu – „immer schon“.

Doch wie im Fußballer-Leben fängt auch eine Reporter- Laufbahn nicht beim erfolgreichsten Fußballverein der Welt an. Als 14-Jähriger macht Kühnel erst mal das, was die meisten Schwaiger in diesem Alter machen: Er kickt beim heimischen FC, zockt gern auch mal ein bisschen Fifa, aber nebenbei schneidet er schon viel lieber eigene Fußballfilmchen, die er auf Youtube postet. Ein Video mit Gareth Bale wird online ein großer Hit und verhilft ihm zu einem kleinen Taschengeld, denn pro 1000 Aufrufe gibt’s einen Euro. Noch wichtiger: Als alle Siebtklässler der Herzog-Tassilo-Realschule ein einwöchiges Praktikum absolvieren sollen, bewirbt er sich bei Eurosport – und wird genommen. „Der ausländische Fußball hat mich sofort fasziniert“, erinnert er sich. Mit 15 fasst er den Entschluss: „Beruflich will ich später nah am Geschehen sein und zu den großen Stadien Europas reisen.“

Aber erst mal geht’s zurück an die Realschule, dann an die FOS. Danach schließt Kühnel ein Sport-, Event- und Medienmanagement-Studium ab, „um mich breiter aufzustellen und nicht nur auf den Journalismus zu setzen“. Der erste Meilenstein: Mit Beginn des Studiums bekommt er seine erste Reporterstelle beim Schweizer Onlinemagazin 4-4-2. Dafür schreibt er Texte über den internationalen Fußball, betreut den News-Ticker. Für die Schweizer ist Kühnel noch heute tätig, aber auch für fussball.news, wo er noch die Newskanäle von OneFootball mit Nachrichten befüllt. Daneben schreibt er für den Online-Auftritt von 11FREUNDE und arbeitete schon für Sky.

Im April 2019 beginnt er seine Arbeit bei REAL TOTAL, „dem größten Online-Fachmagazin über Real Madrid im deutschsprachigen Raum“, wie er betont. Schon im Herbst des gleichen Jahres nutzt er die Semesterferien, um für sechs Wochen in Madrid zu leben und über Real zu berichten. Mit der Akkreditierung ist er plötzlich den Stars ganz nah. Er berichtet von den Trainings, was besonderer ist als der deutsche Fan denkt. „Denn Real trainiert nur einmal im Jahr öffentlich, und dann dürfen auch nur Club-Mitglieder zusehen“, erzählt Kühnel. Trainingskibitze wie an der Säbener Straße? Undenkbar in Madrid.

Arbeitsplatz: Blick ins Estadio Santiago Bernabéu.
Arbeitsplatz: Blick ins Estadio Santiago Bernabéu. © privat

Der Schwaiger sitzt bei den Pressekonferenzen zwei Meter von Zinedine Zidane entfernt. „Das war anfangs schon sehr besonders. Er hat einfach eine unglaubliche Ausstrahlung“, erzählt Kühnel. Eine Frage habe er dem Trainer noch nie gestellt, gibt er zu. Auch nicht Carlo Ancelotti und auch keinem der Real-Spieler. Doch einmal, da habe er Toni Kroos um ein Statement gebeten. Aber das sei nach einem 2:2 gegen den FC Brügge gewesen, und da habe der deutsche Weltmeister nur ein kurzes „keine Zeit“ gemurmelt und habe schnell die Mixed Zone verlassen. Bereitwilliger war da schon Atletico-Trainer Diego Simeone. Den hatte Kühnel gefragt, ob Mo Salah den Ballon d’Or gewinnen könne. „Aus der Antwort hat BBC dann eine kleine Story gemacht“, erzählt Kühnel, der inzwischen „80 Prozent von dem versteht, was die Spanier sprechen“. Simeone? Inzwischen ist der Schwaiger auch für Atletico Madrid zuständig. Nach der pandemiebedingten Pause geht er sieben Wochen nach Madrid und betreut fortan auch den Real-Erzrivalen.

Meistens von zuhause aus. Kühnel lebt weiterhin bei seinen Eltern in Schwaig, alle drei, vier Wochen zieht es ihn aber in die Fremde in Sachen Fußball. Jüngst berichtete er vom Derbi Madrileño, dem Stadtderby. Und er war beim Achtelfinal-Rückspiel gegen Paris Saint-Germain. Die erfolgreiche Aufholjagd – Real hatte das Hinspiel verloren und lag auch im Rückspiel 0:1 zurück – bezeichnet er als das größte Spiel, das er bisher erlebt hat. „Es gab kein Halten mehr, nicht mal mehr in meiner Pressebox. Dem Journalisten, der neben mir saß und mit dem ich zuvor außer einer Begrüßung kein Wort wechselte, lag ich in den Armen. Er lag mir in den Armen. Wir haben gejubelt, wir konnten es nicht fassen, was sich hier vor uns gerade abspielte“, schreibt Kühnel darüber auf REAL TOTAL.

Also doch mehr Fan als Reporter? „Das war ein Wahnsinnsabend“, sagt er. Und nein, ansonsten sei ihm die Distanz schon wichtig und die Geschäftsgrundlage des Online Magazins, das im Monat rund 2,5 Millionen Zugriffe habe und auch in der Fachszene als Partner geschätzt sei. „Bei der Berichterstattung von DAZN werden wir zum Beispiel regelmäßig von den Moderatoren zitiert.“

Kühnel, der sich gut vorstellen kann, „irgendwann mal als Korrespondent für eine deutsche Tageszeitung über den spanischen Fußball zu schreiben“, bezeichnet seinen Schreibstil selbst als „recht sachlich und eher distanziert“. Beim Achtelfinal-Wunder wäre das aber wohl der falsche Ansatz gewesen, hätte nicht in den als Erlebnisbericht angelegten Artikel gepasst.

Und heute? Kühnel wird erstmals auf der Pressetribüne bei einem Champions-League-Finale sitzen. „Seit zehn Jahren versuche ich an Karten zu kommen“, sagt er. Jetzt ist er dienstlich hier. Er ist gekommen, um zu schreiben. Und vielleicht auch ein bisschen, um zu jubeln. Sein Tipp? „Real Madrid gewinnt 2:1 nach Verlängerung!“ Aber Vorsicht, liebe Fußballfans oder Wetter, selbst der größte Real-Fachmann aus dem Landkreis kann daneben liegen. Im Achtelfinale hatte er das Ausscheiden prognostiziert.

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