Maxi Dallinger, Jolyn Beer (Weltmeisterin), Larissa Weindorf (Team-Europameisterin) und Max Braun (Junioren-Europameister) probieren neu entwickelte Schießhosen und Jacken in Pforzheim aus, wo das Landesleistungzentrum Württemberg steht.
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Produkttester (v. l.): Maxi Dallinger, Jolyn Beer (Weltmeisterin), Larissa Weindorf (Team-Europameisterin) und Max Braun (Junioren-Europameister) probieren neu entwickelte Schießhosen und Jacken in Pforzheim aus, wo das Landesleistungzentrum Württemberg steht.

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Maxi Dallinger: Der Wind- und Wetter-Weltmeister

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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55 Mal Gold bei oberbayerischen, bayerischen und deutschen Meisterschaften, zweimal Europa-, einmal Weltmeister ­– hört sich nach einer Lebensbilanz an. Dabei ist Sportschütze Maxi Dallinger erst 24. Der Lengdorfer hat noch viel vor. Und damit meint er nicht nur Olympia. 

Lengdorf – Maxi Dallinger hat gerade seinen 40. Schuss abgefeuert. 103,1; 104,0; 103,8; 102,5 – das sind konstant starke Serien am Schießstand von Changwon/Südkorea, wo der ständige Wechsel von Wind und Sonne den Schützen zu schaffen macht. Aber kein Grund zum Jammern, denn es ist WM. Daniel Brodmeier und Christoph Kaulich haben das deutsche Team auf Silberkurs gebracht. Jetzt muss der Lengdorfer dort nur noch ankommen. Aber dann dreht der Wind so richtig auf, macht das Schießen zum Glücksspiel. Und wenn er es noch vermasselt, dann würde es so richtig passen in dieses vermaledeite Jahr.

Youngster: Maxi Dallinger (r.) mit Andreas Waxenberger und Stefan Obermeier (l.).

Wir sprechen von 2018, als Maxi Dallingers Karriere zum ersten Mal stockt. „Bis dahin ging es immer aufwärts“, erzählt er. Elf Jahre war er alt, als ihn drei Spezl aus der Nachbarschaft mit zu den Isental-Schützen nahmen. Es waren die drei Söhne von Gerhard Obermaier, der bis 2015 Dallingers Trainer sein wird. „Das Schießen hat nicht die Action wie der Fußball“, sagt Dallinger, der bis zur U 15 beim FC Lengdorf gekickt hat („Von Torwart bis Stürmer alle Positionen“). Aber hier sei man eben selbst verantwortlich für die Leistung. „Und es lief ja von Beginn an gut.“

Dienstag und Freitag sind die Schießabende. Für Extratrainings nimmt sich Obermaier gern Zeit. „Im Schüler- und Jugendbereich kommt es extrem auf den Trainer an. Ich habe Gerhard sehr viel zu verdanken“, sagt Dallinger. Als Kind fehle noch das Verständnis für Technikfragen. „Gerhard hat das ganz simpel erklärt: ,Nimm das Gewehr fester, dann triffst du besser!‘ Das hat gereicht.“ Sein Lehrmeister erinnert sich: „Als Schüler hat Maxi immer eine Bezugsperson benötigt, die ihm durch kleine Gesten die Sicherheit vermittelt. Aber er hat schnell gelernt, auf sein Können vertraut.“ Und da war noch diese Zielstrebigkeit: „Schon mit zwölf hat Maxi gesagt: ,Ich will Schießprofi werden‘.“

„Als Kind kannst du Titel schwer einordnen“

Die Karriere kommt auch gut voran. Kaum hat er die Basics drauf, gewinnt Dallinger schon in der Schülerklasse bei den Gau-, Bezirks- und bayerischen Meisterschaften. „Als Kind kannst du Titel schwer einordnen“, sagt Dallinger. Als er dann als 13-Jähriger die DM in der Schülerklasse gewinnt, „habe ich mir schon gedacht: Bester in Deutschland, das ist schon noch etwas anderes, als wenn du in der Schule eine Eins schreibst“. Auch die Empfänge, die die Lengdorfer Isental-Schützen im Gasthof Menzinger organisieren, zeigen ihm: Der Verein ist stolz auf ihn.

Es gibt viele Anlässe zum Feiern. Bis heute hat der 24-Jährige 33 Mal Gold bei oberbayerischen und 15 Mal bei bayerischen Meisterschaften gewonnen. Hinzu kommen sieben DM-Titel sowie viermal DM-Silber und zweimal DM-Bronze. Seine internationale Bilanz: einmal Weltmeister, einmal WM-Bronze. Im Weltcup Gold, Silber und Bronze, bei Europameisterschaften zweimal Gold und Silber sowie fünfmal Bronze.

2014 wird Dallinger in Moskau Junioren-Europameister. Zwei Jahre später verteidigt er den Titel im ungarischen Györ – gegen den favorisierten Lokalmatadoren. „Istvan Peni war zu dieser Zeit schon eine große Nummer im Schützensport“, erinnert sich Dallinger. Die beiden Luftgewehr-Schützen liefern sich ein irres Duell. „Die Ergebnisse wurden ständig durchgesagt. Außerdem stand da der große Monitor. Du kriegst einfach alles mit“, sagt der Lengdorfer. War er nervös? „Einen Wettkampf ohne Anspannung, den gibt’s nicht. Das kennt jeder Leistungssportler.“ Die Entscheidung fällt im letzten Schuss, als Peni das Finale mit einer 10,7 beendet. Dallinger antwortet mit einer 10,8. An das Glücksgefühl erinnert er sich noch heute: „Da wusste ich, dass ich auch solche Top-Leute Leute schlagen kann. Dieser Titel war für mich die Bestätigung, dass mein Weg der richtige ist.“

Beste Möglichkeiten bei der Polizei

Zu dieser Zeit ist der Lengdorfer bereits im zweiten Ausbildungsjahr bei der Landespolizei. Klar, er hätte auch nach dem Abi studieren können, sagt er heute. „Aber wenn du dich mit dem Berufsbild des Polizisten anfreunden kannst, ist das Förderkonzept der Polizei für Leistungssportler die richtige Wahl.“ Die Polizei biete ja auch nach der Karriere viele spezielle Aufgabenfelder, vom Drogenfahnder, über Hundeführer, Techniker bis zum Ausbilder.

Damit muss sich Dallinger im Jahr 2016 noch gar nicht beschäftigen. Es läuft einfach rund. Und das ändert sich auch nicht, als er 2017 ins Herren-Lager wechselt. „Als Neuling konnte ich völlig befreit schießen, bin aber trotzdem relativ locker in die Nationalmannschaft gekommen“, sagt er. Beim Weltcup in Baku gewinnt er überraschend im Teamwettbewerb Bronze. Ohnehin gibt es keinen internationalen Wettbewerb, für den er sich nicht qualifiziert.

Und dann kommt 2018 – und nichts geht mehr. Die Leistungen verschlechtern sich, „und wir wussten nicht, warum.“ Mit dem Kleinkaliber verschlechtert er sich von 1175 auf 1169 Ringe. „Das ist für den Juniorenbereich okay, bei den Erwachsenen gehen dir da 15 Ringe für die internationale Klasse ab.“ Er verpasst die WM-Quali im Kleinkaliber Dreistellung, seine Paradedisziplin.

Team-Weltmeister mit Deutschland

„Das war mein erster großer Dämpfer“, sagt Dallinger heute. Er muss jetzt auch mit der Enttäuschung anderer umgehen. „Meine Trainer hatten ja auch andere Erwartungen, aber sie waren ebenfalls ratlos. Für einen Sportler ist das komisch, wenn selbst der Trainer nicht mehr weiter weiß.“ Doch es geht weiter, denn Dallinger qualifiziert sich dennoch für die WM: mit dem Luftgewehr, das ist der reine Stehendkampf, und für den Kleinkaliber Liegendkampf.

Weltmeister: Maxi Dallinger gewinnt mit Daniel Brodmeier und Christoph Kaulich (v. l.) den Teamwettbewerb.

Und wegen letzterem liegt er nun – wie eingangs geschildert – hier in Südkorea und versucht seine letzten 20 Treffer zu landen. 16 Minuten hat er dafür Zeit – zu wenig, um jede Windböe abzuwarten. „Also musste ich das Risiko annehmen“, erinnert er sich. „Man schätzt den Wind ein, hält bis in die Acht raus und zieht ab.“ Dallinger bezeichnet es als einen „Mix aus Adrenalin, Endorphin und auch ein wenig Schiss“, denn das kann gehörig daneben gehen. Am Ende gelingen ihm mit 104,3 und 104,1 bei stärkstem Wind die besten Serien. Silber ist gesichert. Mehr noch. China, bis dahin führend, fällt zurück auf Rang drei. Und Deutschland wird vor den USA Team-Weltmeister.

Dieser Sieg ist für Dallinger mehr wert als nur der Titel. „Von da an habe ich gewusst: Auch wenn es noch so schlecht läuft – es bringt dich weiter.“ Früher habe er Wettkämpfe wegschmissen, in die er nicht richtig reinkam. „Heute gebe ich bis zum Schluss alles, denn auch wenn du hoffnungslos hinten bist – und das geht bei uns Schützen schnell –, gibt es kein besseres Training als einen Wettkampf.“

25 000 Schuss pro Jahr

Dazu fällt ihm die Kleinkaliber-EM in Baku ein, wo laut Dallinger der „schlimmste Schießstand der Welt“ steht. An der Küste gebaut, weht hier selbst bei bestem Wetter immer ein unberechenbarer Wind. Die Folge: „Katastrophale Ergebnisse. Ich habe da 7er und 8er geschossen, das ist mir zuletzt in der Schülerzeit passiert.“ Er sei aber nicht daran verzweifelt, sondern habe versucht, Spaß daran zu finden. Am Ende sprang Bronze heraus, „weil bei diesem wilden Wettkampf die anderen noch schlechter waren“.

Ausgleichssport: Mit dem Rennrad holt sich der Lengdorfer Kondition.

Dallingers mentale Stärke war bereits Jugendtrainer Obermaier aufgefallen. Hinzu kommt die Disziplin des Polizisten, der 2019 in Bologna Vize-Europameister wird (Kleinkaliber-Liegendkampf). In der Hochphase steht er fünfmal die Woche am Schießstand, jeweils fünf Stunden lang. Auf 25 000 Schuss komme er im Jahr. „Training mit dem Kleinkaliber macht mehr Spaß, denn es ist abwechslungsreicher. Wenn du mit dem Luftgewehr vier Stunden im Hohlkreuz stehst, dann ist das schon eine ziemliche Belastung.“

Bleibt noch eine andere Art von Belastung: das Thema Olympia. Wie oft denkt er an die Spiele von Tokio, für die ihm noch die Qualifikation fehlt? „Das war schon mal schlimmer“, sagt Dallinger. Zwar seien für kommendes Jahr bereits einige Wettkämpfe geplant. „Aber ob die stattfinden, weiß doch heute noch keiner.“ Zum Beispiel der Weltcup in Indien. „Wenn der wirklich im Februar stattfinden sollte, ermöglicht durch eine schlecht getestete Impfung – dann gerne ohne mich“, sagt Dallinger. Olympia sei noch immer sein Traum – aber nicht zu jedem Preis. Das sagt einer, der weiß, dass sich der Wind immer wieder drehen wird.

Dieter Priglmeir

Die Familie: Maxi Dallinger mit Vater Hubert, Mutter Rosmarie und Schwester Sarah.

Familienmensch, Globetrotter, Backprofi, Asien-Fan

Familiensache? „Der Schießsport hat bei uns, bevor ich zum Verein ging, überhaupt keine Rolle gespielt“, erzählt Maxi Dallinger, der inzwischen in Haar wohnt. Sein Vater sei früher in Freilassing im Schützenverein gewesen. Als der Sohn begann, habe auch der Papa wieder Lunte gerochen. Inzwischen ist Hubert Dallinger (65) Vorsitzender von Isental Lengdorf und schießt erfolgreich in seiner Altersklasse.

Fit am Ofen: 18 Quarkstollen hat Maxi Dallinger heuer schon gebacken. Orangeat und Zitronat, Rosinen – alles drin. Der Lengdorfer experimentiert auch auch gern und verrät: „Mit Cranberries wird der Stollen nicht so süß.“ Noch ein Geheimtipp: Pistazien.

Andere Sportarten: Fußball (siehe Text) hat er als Kind gespielt. Inzwischen ist sein Ausgleichssport das Rad fahren. „Ich bin allerdings keiner, der sechs Stunden auf der Rolle ist. Downhill würde mich auch reizen, aber da habe ich zu viel Respekt.“

Verpasste Jugendzeit? „Ich würde nie behaupten, dass mir der Leistungssport irgendetwas genommen hat“, sagt Dallinger. „Vielmehr hat er mir viele Möglichkeiten erschlossen. Ich kann meine Trainingszeiten planen, wie ich will. Diese Freiheit kombiniert mit den Wettkampfreisen und den internationalen Sportlerfreundschaften – das sind Dinge, zu denen 96 Prozent aller Menschen keinen Zugang haben werden.“

Der Youngster: „Ich war bei der Junioren-EM 2014 der Jüngste im Kader, und im Herrenbereich war das auch lange so“, sagt Dallinger. Von den Älteren habe er immer viel abschauen können, sich aber auch durchzusetzen gelernt. „So reifst du auch in deiner Persönlichkeit.“

Der Globetrotter: Halb Europa hat Dallinger schon. An Rio de Janeiro erinnert sich der Lengdorfer auch gern. Besonders beeindruckend findet er aber Asien. Unvergessen seien die „unfassbar sauberen Straßen in Peking, aber da ist ja auch der Kopf ab, wenn du einen Kaugummi auf den Boden schmeißt“, erzählt der 24-Jährige. Besonders beeindruckt habe ihn allerdings Südkorea. Die Menschen dort hätten eine den Deutschen relativ ähnliche Mentalität. „Die Koreaner – zumindest die, die ich getroffen habe – können auch sehr gut Englisch, unterhalten sich auch gern mit Fremden und sind saulocker.“ Beeindruckt habe ihn mitten in Seoul ein ehemaliges Bahngelände, das komplett bepflanzt inzwischen als Umweltoase dient.

Souvenirs: „Ich kaufe keinen Grusch in irgendeinem Souvenirladen“, sagt Dallinger. Ein schönes Tuch aus Indien für seine Mutter oder eine Kleinigkeit für seine Schwester Sarah seien aber schon drin. Er selbst sei als passionierter Teetrinker immer auf der Jagd nach getöpferten Tassen. „Wenn du daraus zuhause deinen Tee trinkst, dann kommen immer schöne Erinnerungen hervor.“ Ein Kollege aus der Nationalmannschaft habe sich in China mal Shrimps-Chips mit Bacon-Geschmack besorgt. Der Geschmack: „Abartig.“

Essen: „Immer landestypisch“, sagt Dallinger. „Ich bin kein Fan von PizzaHut oder ähnlichem Schmarrn.“ Er schaue immer, was die Einheimischen essen. „Das schmeckt immer megagut. Nur in Asien muss ich bei vergorenem Gemüse aufpassen.“ Er habe eine Alkohol-Unverträglichkeit. „Da habe ich dann tagelang Kopfschmerzen.“ pir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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