Tennisspielerin Annette Zweck freut sich mit Schläger in der Hand.
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Der Moment nach dem Dreifach-Triumph: Annette Zweck nach dem verwandelten WM-Matchball.

Erdings Top 100

Annette Zweck: Drei WM-Titel in sieben Stunden

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Annette Zweck ist die erfolgreichste Tennisspielerin des Landkreises. In unserer Serie Erdings Top 100 belegt sie Platz 25.

Erding – Annette Zweck sitzt am Frühstückstisch in einem Hotel in Zypern und ratscht mit Eva Birnerová – natürlich auf Englisch, der Tennis-Amtssprache. Die Erdingerin, gerade 22 Jahre alt, ist allein nach Nikosia gekommen, um hier das 10 000-Dollar-Turnier zu spielen. Sie vereinbart mit der 14-jährigen Tschechin ein gemeinsames Training. Das klappt so gut, dass die beiden zusammen die Doppelkonkurrenz spielen – und diese auch gewinnen.

„Es war mein erster internationaler Erfolg“, erinnert sich Annette Zweck heute. „Und am Ende kam heraus, dass Eva und ihr Papa (der tschechische Davis-Cup-Spieler Stanislav Birner, die Red.) perfekt Deutsch können. Warum bitte haben wir uns dann vorher zwei Tage englisch unterhalten?“

Italien, Spanien, Türkei, Ägypten – Annette Zweck war überall

Das Fachgespräch: Das Tennistalent plaudert mit Uschi Hopfner.

Eine Geschichte aus dem Leben, der erfolgreichsten Tennisspielerin des Landkreises. In Italien, Kroatien, Spanien, Griechenland, Türkei, Bulgarien, Ägypten („45 Grad Hitze sind mir auf dem Platz lieber als die erste Nässe im Herbst“) hat die heute 44-Jährige Turniere gespielt, auch in Österreich, der Schweiz und England („Sand ist zwar mein Lieblingsbelag, aber ich wollte immer mal auf Rasen spielen“). Und natürlich auch daheim in Erding, wo das noch heute stattfindende Jugendturnier des TC Erding in den 1990ern eine ganz große Nummer im nationalen Tenniscircuit war. „Da hattest du in jeder Altersklasse eine 128er-Konkurrenz – oft noch mit vorheriger Quali“, erzählt Zweck. Das Niveau mit Gegnern aus ganz Deutschland und den Nachbarländern sei entsprechend hoch gewesen. „Es hat dann auch sehr lange gedauert, bis ich dieses Turnier einmal gewonnen habe.“ Es war einer von zahlreichen Triumphen: Das begann in der Jugend mit ersten Titeln bei oberbayerischen Meisterschaften setzte sich fort mit erfolgreichen Jahren in der Bundesliga und mit EM- und WM-Titeln bei den Damen 35.

Mit acht Jahren begann das blonde Mädchen mit dem Weißen Sport. „Meine Eltern haben selbst gespielt. Deshalb passierte das zwangsläufig.“ Damals gab es noch kein Midcourt. „Wir haben auf das große Feld mit den normalen Bällen gespielt.“ Ein Kraftakt für die zierliche Annette, die sich dadurch eine nicht unbedingt lehrbuchmäßige Griffhaltung angewohnt hat. „Die bringst du nie mehr ganz raus“, sagt sie.

Beim ersten Turnier raus in Runde eins

Bereits im Juli 1984 spielt sie ihr erstes Turnier. „Das war der Raiffeisen-Cup, in der ersten Runde war ich raus“, erzählt Zweck und blättert in einem Büchlein, in dem sie jedes einzelne Spiel vermerkt hat. Gegnerin, Satzergebnis – alles steht drin. Im Jahr 1986 ist ihr erster großer Erfolg vermerken: Oberbayerische Meisterin in einem Feld von 128 Spielerinnen. „In der ersten Runde war meine Gegnerin drei Köpfe größer. Beim Einschlagen war sie so druckvoll. Ich habe mir nichts ausgerechnet. Und dann hat sie nur noch Fehler gemacht.“

Ganz im Gegensatz zum Erdinger Knirps, dessen größtes Plus das sichere Spiel ist. „Ich habe keinen Winner-Schlag. Das ist bis heute so, aber ich mache wenig Fehler und habe Geduld. Drei-Stunden-Spiele sind bei mir keine Seltenheit.“ Lachend fügt sie hinzu: „Meine Teamkolleginnen wissen das.“

Mit 14 Jahren schon in der höchsten Liga

Der Start: Auch die ersten Zeitungsartikel hatte sie aufgehoben.

Annette Zweck liebt das Mannschaftsspiel. Schon als Zwölfjährige steht sie im Frauen-Team des TC Erding. Mit 14 wechselt sie zum Regionalligisten Weiß-Blau Landshut. In der damals höchsten Liga zu spielen, das habe sie sich eigentlich gar nicht zugetraut, sagt sie. Doch Manfred Gürtner, ihr niederbayerischer Mentor fördert das große Talent. Schon im ersten Jahr fährt das Tennisküken fünf Siege für ihr Team ein und verliert nur zweimal.

Fünf Jahre bleibt sie in Landshut, wechselt danach zum TC Riemerling und später zum TC Luitpoldpark, mit dem sie gemeinsam mit Barbara Rittner und Eva-Maria Schneider (früher Schuerhoff, heute DTB-Vizepräsidentin) in die Bundesliga aufsteigt. Zweck erinnert sich an tolle Partien in Ludwigshafen, Augsburg, Ettlingen, aber auch an nette Events abseits des Courts. Peyman Amin, bekannt als Scout von Germanys Next Top Model, habe mal die gesamte Mannschaft eingeladen. Bei den BMW Open waren Zweck und Co. gemeinsam mit Fußballweltmeister Andy Brehme Teil einer Marketingaktion. „Und wir haben für einen Gnadenhof am Simssee mal eine Patenschaft für einen Esel übernommen“, erinnert sich das Tennis-Ass, das sich noch immer jedes Jahr mit ihren Teamkolleginnen auf dem Oktoberfest trifft.

Annette Zweck: Fünfmal Bayerischer Meister im Einzel

Zweck denkt aber auch an die 15 Jahre als Mannschaftsführerin zurück. „Es war nicht immer sooo einfach, die Befindlichkeiten von sechs Damen unter einen Hut zu bringen. „Bei Jungs kracht’s mal im Training. Und dann ist das Thema erledigt. Frauen vergessen nichts. Niemals.“

Diplomatie und Organisationstalent – noch zwei Stärken von Annette Zweck, die mit den Damen und Damen 30 Deutsche Mannschaftsmeisterin wird. Auch abseits des Vereins sahnt sie regelmäßig bei den Landesmeisterschaften der Damen und Damen 30 ab, wird fünfmal Bayerische Meisterin im Einzel, holt auch etliche Titel im Doppel und Mixed. Für einen DM-Titel reicht es allerdings nicht, denn da scheitert sie regelmäßig an Petra Begerow, ehemals Nummer 39 der Weltrangliste. „Einmal hatte ich im Finale Matchball gegen sie. Und dann habe ich noch verloren. Das wurmt mich noch heute.“

Papa Rudi fördert sie von Beginn an

Womit wir beim Ehrgeiz wären. „Natürlich will ich gewinnen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Und es kann schon passieren, dass ich nach einer Niederlage eine halbe Stunde nicht ansprechbar bin.“ Schon mal auf dem Platz geweint? „Nein“, sagt Zweck. Und diese Antwort gleicht einem krachenden Return: „Da hätte mich mein Papa sofort vom Platz genommen.“

Der Förderer: Papa Rudi Zweck unterstützte seine Tochter stets.

Vater Rudi fördert das Talent seiner Tochter, fährt sie zu Turnieren in ganz Deutschland, „aber wenn ich den Spaß am Spiel verloren hätte, hätte er sofort reagiert“, sagt die Tochter. Aber den Spaß habe sie heute noch. „Tennis ist für mich einfach der perfekte Sport, weil er alles vereint: Es ist ein Ballsport. Du brauchst Schnelligkeit, Ausdauer und taktische Finesse. Außerdem kann ein Spiel auch noch bei 6:0, 5:0 kippen.“ Sie selbst habe mal nach einer 4:0-Führung noch 4:6 und 0:6 verloren erzählt sie. „Das ist noch gar nicht so lange her und war gegen eine Spielerin, die schon in der Jugend Bälle Aus gegeben hat, die einfach drin waren. Das ist dann wieder passiert und hat mich so genervt, dass ich sie zuerst zur Rede gestellt und dann keinen Ball mehr richtig getroffen habe“, erzählt Zweck.

Alle drei EM-Titel 2015 in Seefeld

Fairplay sei für sie wichtiger als der Sieg. Ob sie selber schon mal bei einem Ball geflunkert habe? „Nein!“ Wieder so ein trockener Return. „Noch nie. Im Zweifel gebe ich lieber einen Ball gut.“ Sie gewinne lieber ehrlich und spektakulär: 2013 holt sich Zweck im türkischen Manavgat innerhalb von sieben Stunden die WM-Titel der Damen 35 im Einzel, Doppel und Mixed. „Mein Mixed-Partner Matthias Müller hat sich während des Endspiels den Teil eines Bauchmuskels gerissen und durchgespielt“, erinnert sie sich.

2015 gewinnt Zweck in Seefeld alle drei EM-Titel. Ein Jahr später hat sie schon das Gold im Mixed eingefahren, als sie im Doppel mit Stefanie Kolar 6:3 und 4:0 führt. Dann reißt sich Annette Zweck das Kreuz- und Innenband. Gut zwei Jahre vergehen, ehe sie wieder auf dem Platz stehen kann. „Nichts ging mehr. Ich konnte nicht mal richtig radeln. Und wenn ich keinen Sport betreiben kann, dann ist das für alle Beteiligten nicht gut“, sagt sie.

Als Leistungssportlerin gelernt: Disziplin hilft in allen Bereichen des Lebens

Nach einer Handgelenk-OP kann Zweck auch aktuell wieder nur gemäßigt trainieren. „Ich schlage meine Rückhand eigentlich beidhändig. Das geht gerade nicht. Ich versuche es jetzt mit dem Slice“, erklärt sie. Auch wenn das Handgelenk marode ist: Annette Zweck scheint immer alles im Griff zu haben. Und das ist derzeit wahrlich nicht leicht.

Die 44-Jährige führt in Erding eine Pension und hat wie alle in der Gastronomie mit den Schwierigkeiten durch die Corona-Pandemie zu kämpfen. Ihr Lebensgefährte ist ebenfalls beruflich schwer eingespannt. Dann wäre da noch das Home-Schooling ihrer achtjährigen Tochter Annabelle und deren Tennistraining. „Meine Eltern helfen mir sehr. Und wenn du gut durchorganisiert bist, geht das schon“, sagt Annette Zweck. Das Geheimnis sei der straffe Wochenplan und Disziplin, die sie als Leistungssportlerin gelernt habe.

Der Hauptgewinn: Annette Zweck mit ihrer Tochter Annabelle.

Was steht sonst noch in der Bilanz einer Tennissportlerin? Das große Geld? „Gewiss nicht“, sagt Annette Zweck und lächelt dabei. Das eingangs erwähnte 10 000-Dollar-Turnier in Zypern hört sich gut an, „aber das ist ja nicht die Summe, die wir gewonnen haben, sondern das Budget für das gesamte Turnier“. Selbst beim dreifachen WM-Triumph in der Türkei sei sie letztlich froh gewesen, die gesamten Kosten zu decken. Tennis sei – abgesehen vom Profizirkus und der Herren-Bundesliga – ein Sport für Idealisten. „Aber ich habe ihm viele Kontakte und Freundschaften zu verdanken, die man dank Facebook inzwischen schön pflegen kann. Weil ich oft allein bei Turnieren unterwegs war, musste ich auch schnell selbstständig werden“, sagt sie und fügt hinzu: „Und mein Englisch wurde natürlich auch immer besser.“ So gut, dass Eva Birnerova gar nicht vom Englischen ins Deutsche switchen respektive wechseln musste.

So bewertet Annette Zweck die aktuelle Ausbildung und Zukunft des Weißen Sports

Annette Zweck erlebte die Blütezeit im deutschen Tennis. Das war aufgrund des öffentlichen Interesses einerseits schön, andererseits war die Konkurrenz riesig. Claudia Porwik, Wiltrud Probst, Petra Begerow, Barbara Rittner, Renata und Marketa Kochta – allesamt spätere Spitzenspielerinnen.

Dass das Interesse am Tennis nachgelassen hat, hat für Zweck mehrere Gründe: „Wenn du in der Schule mehrmals die Woche Nachmittagsunterricht hast, fehlt dir einfach die Gelegenheit zum Training.“ Außerdem sei Tennis ein Sport, der nicht sofort Erfolgserlebnisse bringt. „Da brauchst du schon ein paar Jahre, um richtig spielen zu können. Das dauert Eltern dann oft zu lange, und sie schicken ihre Kinder zu anderen Sportarten.“ Dass der Tennisverband schon bei Sechsjährigen mit der Sichtung beginnt, könne sie zwar verstehen, „weil er die Talente frühzeitig binden und nicht an einen anderen Sport verlieren will. Aber ich halte es für schwierig, wenn die Kleinen schon sechsmal die Woche auf dem Platz sind. Die gewinnen zwar dann anfangs alles, haben dann aber nach zwei, drei Jahren keine Lust mehr“, befürchtet sie. „Ich halte es für schlauer, dass die Kinder eine breite motorische Ausbildung erhalten.“ Zweck selbst war in der Leichtathletik und beim Turnen und später beim Kickboxen, wo nun auch ihre Tochter Annabelle trainiert.

Keineswegs sei allerdings früher alles besser gewesen. Die Kritik von Tennisprofi Richard Krajicek, wonach 80 Prozent der weiblichen Tennisprofis übergewichtig seien, sei damals zwar überzogen gewesen, meint Zweck. „Aber klar ist schon, dass die Spielerinnen heute deutlich athletischer sind.“ Zweck wäre gern selbst in der Nachwuchsförderung aktiv. Sie besitzt auch die nötigen Trainerscheine, „aber das ist zeitlich nicht möglich“. Privatstunden mit ihrer Tochter lässt sie sich aber nicht nehmen. Wann sie selbst wieder für Turniere oder Punktrunde auf dem Platz stehen wird, hängt von der Gesundung ihres Handgelenks ab (siehe Bericht oben). Attilla Babos, der alte Fuchs vom TC Erding, hat jedenfalls schon mal den Pass umschreiben lassen.

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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