Eine sportliche Großfamilie: Tanja und John Samanski (vorne) mit ihren kindern (hinten, v.l.) Noah, Joshua, Neal, Patrik, Tim, Lilly und Lucy im heimischen Garten.

Erdings Top 100 - John Samanski

„Mein Herz schlägt fürs Eishockey“

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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In der Rangliste der besten 100 Sportler im Landkreis Erding belegt John Samanski Platz 15.

Erding – Im Alter von 22 Jahren kam der kanadische Eishockey-Profi John Samanski nach Deutschland. „Ich habe mir gedacht: Warum nicht mal für ein Jahr nach Deutschland“, erzählt der heute 58-Jährige. „Jeder nordamerikanische Eishockeyspieler kommt nur für ein Jahr nach Deutschland“, ergänzt er und lacht schallend. Denn wie so viele seiner Kollegen ist auch er hier geblieben, hat eine Familie gegründet und eine neue Heimat gefunden. 1991 zog er nach Erding, lebte viele Jahre in Pretzen und ist jetzt in Kirchasch sesshaft geworden.

Ganz entspannt sitzt John Samanski auf der Terrasse seiner „Ranch“ in Kirchasch. Dort tummeln sich Pferde, Katzen, Hühner und ein Hund. „Ich bin so stolz auf das, was wir hier haben“, sagt der 58-jährige Kanadier. „Hier haben wir Platz für Kinder und Tiere. Da hatten wir echt Glück, diesen wunderschönen Fleck zu finden. Ich bin sehr zufrieden.“ Und die Familie braucht wirklich viel Platz, denn John Samanski und seine Frau Tanja haben sieben Kinder im Alter zwischen 25 und 13 Jahren: Patrik, Tim, Neal, Joshua, Lilly, Noah und Lucy – alle bis auf Patrik (München) in Erding geboren. Und alle, laut Papa John, „mit Erding verwurzelt“. Während Lucy der Mama nacheifert und sich aufs Reiten konzentriert, Lilly ihr Herz für die Leichtathletik entdeckt hat und Tim Basketball in Dachau spielt, treten die anderen vier Buben in die Fußstapfen des Vaters, der ein hervorragender Eishockeyspieler war, nicht nur in Erding eine Legende ist, und später auch erfolgreich hinter der Bande agierte.

1962 kam John Samanski im kanadischen Oshawa bei Toronto, direkt am Ontariosee, als jüngstes von fünf Kindern auf die Welt. Der Vater war auch Eishockeyspieler, „aber ich habe ihn nie aktiv spielen sehen, weil er nach diversen Verletzungen früh seine Karriere beenden musste“ – John war damals fünf Jahre alt. Ein Jahr später begann er bei Oshawa Whitby mit dem Eishockey und blieb in seiner Heimatstadt, bis er 17 war. Weil er ein Stipendium in den USA bekam, spielte er vier Jahre in der NCAA beim Team der Bowling Green State University im Bundesstaat Ohio. In diese Zeit fiel auch sein schönstes Eishockey-Erlebnis. „Wir standen damals im Meisterschafts-Finale gegen Minnesota Duluth, da habe ich eine Minute vor Schluss den Ausgleich erzielt, und wir haben dann in der vierten Verlängerung gewonnen. Das wird mir immer in Erinnerung bleiben“, schwärmt John Samanski.

Hier fing alles an: Der vierjährige John Samanski vor seinem Elternhaus im kanadischen Oshawa.

Schließlich wurde das NHL-Team der Hartford Whalers auf den jungen Kanadier aufmerksam, und er wurde zum Tryout eingeladen. „Ich durfte aber nur ein paar Freundschaftsspiele bestreiten“, erzählt er. Also ging es zunächst zu den Kalamazoo Wings in die IHL. „Dort hat es mir aber nicht gefallen, da habe ich ein Angebot vom Augsburger EV bekommen“, erinnert sich Samanski, der in 16 Playoff-Spielen für den damaligen Zweitligisten 32 Scorerpunkte verbuchte. Dennoch blieb er nicht. Es ging für drei Jahre zum EV Stuttgart, im letzten Jahr gelang der Aufstieg in die 2. Liga. Samanskis tolle Bilanz: 103 Spiele, 444 Scorerpunkte. Sein Sturmpartner damals war Dave Morrison, ein ehemaliger NHL-Spieler (Los Angeles, Vancouver). „Wir haben als junge Burschen in Kanada schon Baseball und Eishockey gegeneinander gespielt“, erinnert sich Samanski. „Und auch wenn ich viele gute Mitspieler in meiner Laufbahn hatte, er war der Beste. Wir haben uns blind verstanden.“

Nach seiner Stuttgarter Zeit scorte Samanski für ein Jahr in der italienischen Liga bei Bruneck (42 Spiele/90 Punkte), ehe ihn der Weg zurück in die 2. Bundesliga führte, zunächst erneut nach Augsburg, dann wieder nach Stuttgart, doch ging der EVS pleite. Sein guter Spezl aus diesen Zeiten, Frank Klinkert, hatte damals bereits in Erding angeheuert. So trainierte John Samanski ein paarmal im damals noch offenen TSV-Stadion mit, um sich fit zu halten, bis der Ruf vom Kölner EC kam. Der war gerade in die Playoffs um die deutsche Meisterschaft gestartet. Am Ende stand die Vizemeisterschaft – für den 58-jährigen Kanadier rückblickend der dunkelste Moment seiner Eishockey-Karriere: „Wir hatten im entscheidenden letzten Spiel Heimrecht und haben 0:4 verloren – und das auch noch gegen die Düsseldorfer EG. Schlimmer geht’s nicht.“

Immer gut drauf: John Samanski im Trikot des Augsburger EV.

Danach schlug John Samanski ein neues Kapital auf: Er wechselte 1991 nach Erding, in die dritthöchste Liga. „Eigentlich hatte ich ein Angebot aus der 2. Liga aus Kassel, ich habe keine Ahnung, warum es mich nach Erding gezogen hat“, erinnert er sich. Zum einen sei es vielleicht die neue Halle gewesen, zum anderen wohl die Überredungskünste des damaligen Präsidenten Toni Michl, der ihm einen Zwei-Jahres-Vertrag anbot. „Auf alle Fälle habe ich es nie bereut. Es waren sechs wunderbare Jahre. Wir haben viel erreicht, hatten viel Spaß, viele Zuschauer – und ich habe am Kronthaler Weiher meine Tanja kennengelernt“, fasst er zusammen. Wobei Samanski Wert auf die Feststellung legt, dass seine spätere Frau zum Zeitpunkt des Kennenlernens gar nicht gewusst hat, dass er Eishockeyprofi ist. „Da war ich gerade zwei oder drei Tage in Erding.“

Drei Jahre in der 3. und drei Jahre in der 2. Liga trug der Mann mit der Rückennummer 8 das grün-weiße Trikot und lehrte die gegnerischen Torhüter das Fürchten. Die Krönung war die deutsche Zweitliga-Vizemeisterschaft in der Saison 1996/97. An der Seite des Kanadiers standen zu Zweitligazeiten Spieler wie Scott Campbell, Marty Irvine, Jeff Vaive, Franz Jüttner, Roman Zaborowski, Ewald Steiger, Robert Steinmann, Bernie Englbrecht, R. J. Enga, Anders Öberg, Franz Steer, Daniel Poudrier, Thomas Mühlbauer, Stephan Retzer, Markus Welz, Wolfgang Oswald, Dean Larson, Elmar Boiger oder Tommy Marthinsen – Namen, bei denen alte Erdinger Eishockey-Fans noch heute ins Schwärmen geraten.

Samanskis beeindruckende Erdinger Bilanz: 277 Spiele, 607 Punkte (281 Tore, 326 Assists) – allein in drei Spielzeiten sammelte er 100 Punkte oder mehr. „Aber jetzt sind die Jungs dran“, meint er entspannt im Hinblick auf die jetzt aktiven Spieler. Mittlerweile hat ihn Daniel Krzizok in einigen Kategorien überflügelt. Der 32-Jährige steht derzeit bei 677 Punkten (384 Tore, 294 Assists). „Ich gönne es dem Dany total und würde mich freuen, wenn er mich auch noch bei den Assists überholt, denn Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden“ , sagt der 58-Jährige und erinnert sich an seine Zeit bei den Junioren in Oshawa. Da hatte der ein Jahr ältere Dale Hawerchuck, der später ein erfolgreicher NHL-Star wurde (Winnipeg, Buffalo, St. Louis, Philadelphia), einen Score-Rekord aufgestellt, den John Samanski ein Jahr später übertrumpfte. „Und im nächsten Jahr wurde meiner gebrochen“, erzählt der 58-Jährige lachend.

Gerne wäre er in Erding geblieben, doch im German Team war kein Platz mehr, und so wechselte er zum Drittligisten EV Regensburg. „Offenes Stadion, viele Zuschauer, super Fans“, fallen ihm beim EVR ein. „Zwei Jahre bin ich gependelt, das war schon sehr anstrengend.“ Es folgten noch zwei Jahre beim EHC Bad Aibling („Gleiche Liga, kürzerer Weg“), ehe er seine aktive Laufbahn beendet: „Mit 38 Jahren – das reicht.“

Zug zum Tor: John Samanski, in seiner letzten Erdinger Saison 1996/97, hier im Spiel gegen den EV Landsberg.

Nahtlos war der Übergang ins Trainergeschäft. Nach vier Jahren im Nachwuchs übernahm John Samanski 2004 die Erste Mannschaft des TSV Erding, die nach der Jets-Pleite gerade in die Landesliga aufgestiegen war – und führte sie in einer dramatischen Serie in die Bayernliga. „Gegen Nürnberg im Halbfinale haben wir die Kurve gerade noch gekriegt“, erinnert er sich und enkt an die denkwürdige Finalserie zurück, als nach einem 1:0-Sieg in Peißenberg der Aufstieg perfekt war. „1:0 – das war ein Spiel für die Rekordbücher“, stellt der 58-Jährige kopfschüttelnd fest und muss lachen, als er an Thomas Mühlbauer denkt. Der 39-Jährige, der schon zwei Jahre zuvor aufgehört hatte, wurde im Saisonendspurt reaktiviert. „Der Mul hat immer gesagt ,John, ich kann nicht mehr’, aber ich hab ihn immer wieder aufs Eis geschickt.“ Rückblickend meint er: „Der Aufstieg war für Erding damals unglaublich wichtig. Das waren lauter junge, einheimische Spieler.“

John Samanski machte sich danach auf den Weg, Trainer-Erfahrung in der Oberliga zu sammeln, beim TEV Miesbach und beim EHC Klostersee. „Eigentlich war das verrückt. Ich hatte viele kleine Kinder und war dauernd unterwegs, obwohl ich nicht mehr aus der Erdinger Region raus wollte“, erinnert er sich. „So was kann eine Familie auch ruinieren“, ergänzt er nachdenklich. So zog es ihn wieder näher an Erding. Er stand in Dorfen und bei den Gladiators an der Bande, noch einmal half er in Miesbach aus, um schließlich den Landesligisten SE Freising und noch einmal den ESC Dorfen zu coachen.

Vergangene Saison schrieb der 58-Jährige dann noch einmal Eishockey-Geschichte als „Trainer für eine Woche“. In Passau wurde Trainer Heinz Feilmeier entlassen – eine Woche vor dem Playoff-Viertelfinale gegen die Erding Gladiators. Samanski sagte spontan zu und leitete vier Trainingseinheiten, bis Corona die Saison beendete. „Wir haben auch Gespräche wegen der kommenden Saison geführt, aber die Fahrerei ist mir zu anstrengend. Das hat mich an meine Regensburger Zeit erinnert“, erzählt John Samanski, deshalb sei Passau keine Option mehr gewesen.

Erinnerung: John Samanski mit seinem Jets-Trikot.

Ob er sich endgültig zurückzieht, weiß er noch nicht. „Mein Herz schlägt immer noch fürs Eishockey, und ich verfolge auch noch meine ehemaligen Vereine“, betont er. „Wenn was aus der Region kommt, vielleicht. Aber weiter weg kommt für mich nicht mehr in Frage.“

Der 58-Jährige schaut daheim in Kirchasch auf die Pferdekoppel und sagt: „Ich bin stolz darauf, was wir hier haben. Ich fühle mich sehr zufrieden. Ich habe hier ein neues Zuhause gefunden.“ Obwohl er eigentlich nur ein Jahr in Deutschland bleiben wollte.

wk

ERDINGS 100 GRÖSSTE SPORTLER ALLER ZEITEN

Alle Athletinnen und Athleten dieser Serie sind Sieger, die den Platz in dieser Bestenliste des Landkreises verdient haben. Wir haben uns der Herausforderung gestellt, diese Sportler in eine Reihenfolge zu bringen – wohlwissend, dass es bei 100 Platzierungen auch 100 Meinungen gibt. In unserer Bewertung lassen wir neben sportlichen Erfolgen auch Faktoren einfließen wie Fairness, Ehrgeiz, öffentliches Auftreten, die Konkurrenzsituation in der betreffenden Sportart, aber auch Verdienste für den heimischen Sport und die Vorbildwirkung auf den Nachwuchs. Zudem haben wir viele Fachleute um ihre Meinung befragt. Die 100 Porträts erscheinen hier in loser Folge.

Bisher waren das:
13. Platz: John Samanski (Ex-Eishockeyprofi aus Erding)

15. Platz: Andreas Voglsammer (Bundesliga-Fußballer aus Dorfen, Arminia Bielefeld)

23. Horst Soika (Boxer aus Eitting)

24. Sepp Berg (Fußballer des FC Bayern, später BSG Taufkirchen)

26. Petra Müller (geb. Scharl, Schützin aus Taufkirchen)

35. Sebastian Bönig (2. Bundesliga- Fußballer aus Erding)

38. Sebastian Busch (Eishockeyprofi aus Langengeisling)

39. Heidi Schneider (Bundesliga- Volleyballerin und langjährige Förderin des Schulsports)

59. Valentin Busch (Eishockeyprofi aus Langengeisling)

67. Anton Bönig (Fußballer, u. a. beim FC Moosinning)

73. Günter Krzizok (Motorradrennfahrer aus Erding)

75. Georg Schatz (Ringer aus Aufkirchen)

80. Attila Babos (Ex-Tennisprofi aus Erding)

81. Martin Brandlhuber (Ski-Ass aus St. Wolfgang)

91. Florian Betzl/Sepp Wiesmeier (Motorradfahrer aus Eichenried)

97. Franz Herbst (Eisschwimmer aus Pemmering)

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