Julia Thiem beim Tennis-Spielen
+
So kennt man sie: Julia Thiem mit verbissenem Blick auf dem Tennisplatz. Sie ist eine Kämpferin.

Erdings Top 100

Julia Thiem: „Miss Bundesliga“ beißt auf die Zähne

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
    schließen

Julia Thiem war eine der besten Tennisspielerinnen im Landkreis - aber Profi wollte sie nie werden. Die Nummer 62 unserer Top-100-Sportler.

Taufkirchen/Erding – Wie im nie stillstehen wollenden Hamsterrad fühlt sich Julia Thiem gerade. Sie wird auf dem Ismaninger Center Court von links nach rechts gejagt. Ihre Kontrahentin Stephanie Wagner verteilt die Tennisbälle gnadenlos über den Platz, doch Thiem gibt nicht auf, beißt auf die Zähne, schickt jeden Ball zurück. Es ist ein „ewig langer Ballwechsel“, erinnert sie sich an jenen heißen Tag im Juni 2017. Und Thiem, damals 26, wird ihn für sich entscheiden. Denn Wagner verschlägt. Schweißgebadet geht Thiem im entscheidenden dritten Satz im Halbfinale der bayerischen Meisterschaft 6:5 in Führung. Den siebten Zähler zum Finaleinzug lässt sie sich am Ende des vierstündigen Marathonmatches nicht nehmen.

Kaiser Franz Beckenbauer traf Thiem bei einer Veranstaltung eines Luitpoldpark-Sponsors auf Gut Aiderbichl im Jahr 2008.

„Ich kann richtig gut kämpfen, das hat mich immer ausgezeichnet“, blickt die heute 30-Jährige, die mittlerweile nach ihrer Hochzeit den Nachnamen Meigel trägt, auf ihre beachtenswerte Karriere zurück. Im Folgenden wollen wir sie aber weiter Thiem nennen – unter diesem Namen hat sie ihren Kontrahentinnen über all die Jahre schließlich das Fürchten gelehrt. So auch 2017 ihrer Finalgegnerin Isabella Pfennig.

Alle erwarten eine 50:50-Angelegenheit. Doch die Taufkirchenerin in Diensten des Zweitligisten TC Grün-Weiß Luitpoldpark München – wohl gestählt durch ihren Marathon-Erfolg – kennt keine Gnade. 6:3, 6:2. Bayerische Meisterin. Thiems bis heute größter Erfolg ihrer Karriere.

Sie probierte sich auch in Leichtathletik, Handball und Eishockey

Dass es mal so weit kommen würde, ist lange nicht absehbar. Zwar absolviert Thiem im Alter von fünf Jahren ihren ersten Tennis-Schnupperkurs beim TC Taufkirchen, doch sie übt sich auch in Leichtathletik, Handball und sogar Eishockey. Darüber hinaus spielt sie fast zehn Jahre lang Querflöte. Florian Kainz ist derjenige, der ihren Fokus dauerhaft Richtung Tennis lenken wird. „Er war einer meiner ersten Trainer und hat früh mein Potenzial erkannt“, sagt Thiem über Kainz, der bis heute ein wichtiger Wegbegleiter ist. Doch dazu später mehr.

Ich habe mein Potenzial selbst eigentlich erst spät erkannt und Tennis lange eher zum Spaß betrieben.

Julia Thiem

Kainz fördert die junge Taufkirchenerin behutsam. Geduld ist gefragt. „Ich habe mein Potenzial selbst eigentlich erst spät erkannt und Tennis lange eher zum Spaß betrieben“, sagt Thiem. „Eigentlich relativ spät“ wird sie im Alter von ungefähr zwölf Jahren in den Oberbayern-Kader aufgenommen. Ihr erstes Stützpunkttraining hat sie mit 13. Als Jugendliche, gibt sie zu, ist sie „nicht sonderlich erfolgreich“.

So richtig Schwung nimmt ihre Karriere quasi parallel zum Endspurt an der Schule auf. Nach den Stationen Taufkirchen, Waldkraiburg und Garching wechselt sie 2007 zu Luitpoldpark – oder auch „Lupo“, wie sie den Münchner Verein in seiner Kurzform nennt. Ihr Abitur am Gymnasium Dorfen absolviert sie 2009.

Neun Jahre in der 2. Liga

Den Wechsel zu Lupo leitet ihr Förderer Kainz in die Wege. Bei einem Weltranglistenturnier, das er organisiert, hat Thiem zuvor von sich reden gemacht. Lange dauert es nicht, und Lupo steigt von der Regionalliga ins Unterhaus der Bundesliga auf. Thiem wird insgesamt neun Jahre lang in der 2. Liga aufschlagen und dabei stets fester Bestandteil der Mannschaft sein, deren Gesicht sich regelmäßig ändert. Viele Spielerinnen kommen und gehen. Thiem bleibt. „Ich war immer voll da“, sagt sie schmunzelnd. Ihr stärkstes Jahr legt sie 2011 hin, als ihr das Kunststück gelingt, sämtliche Einzelspiele der Saison für sich zu entscheiden. Deswegen nennen sie ihre Mitspielerinnen intern „Miss Bundesliga“.

Kleinfeldmeister 1999: Julia Thiem (vorne, 2. v. r.) mit ihren Kameraden vom TC Taufkirchen. Hinten: ihr damaliger Trainer, Förderer und Wegbegleiter Florian Kainz.

Fürs Oberhaus, die erste Liga, wird es aber nie reichen. „Lupo ist sehr darauf bedacht, mit Einheimischen zu spielen“, erzählt Thiem. Der Verein nimmt dabei in Kauf, regelmäßig gegen den Abstieg spielen zu müssen. 2013 geht’s einmal tatsächlich runter in die Regionalliga, der sofortige Wiederaufstieg folgt.

Ihre stärksten Jahre legt sie mit Mitte 20 hin, in den Jahren 2016 und 2017. In der deutschen Rangliste schafft es die Taufkirchenerin, die auf dem Platz verbissen wirkt, weil sie so viel Kampfgeist an den Tag legt, bis auf Platz 28, in der WTA-Weltrangliste immerhin auf Rang 890. Ihr größter Erfolg ist der Bayern-Titel 2017. „Das schönste Erlebnis“ aber, wie sie sagt, ist für sie die Bronzemedaille im selben Jahr bei der Studenten-WM im französischen Lille. Thiem schwärmt noch heute von der „tollen Stimmung“ in der Mannschaft.

Die Mama fährt sie zu jedem Training, Spiel oder Turnier

Das muss schon ein besonderes Erlebnis gewesen sein, schließlich hat Thiem viele Titel in ihrer Karriere gesammelt. Ein paar Mal wird sie Oberbayerische Meisterin sowohl in der Jugend als auch im Aktivenbereich, in der Landeshauptstadt sichert sie sich zudem den Stadt-Titel.

Ich habe nie den Traum gehabt, Grand Slams zu spielen. Mein Charakter reicht nicht zum Vollprofi-Leben.

Julia Thiem

Dass es zu all diesen Erfolgen nicht ohne Unterstützung kommen kann, versteht sich von selbst. Eine wichtige Säule in Thiems sportlichem Leben ist nicht nur Förderer Kainz, sondern das sind auch ihre Eltern Maria und Konrad. „Sie haben mich bei allem unterstützt und mir alles ermöglicht – dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Insbesondere meine Mama hat mich zu jedem Training, Spiel oder Turnier gefahren“, sagt Thiem. Egal ob in Waldkraiburg, Garching oder München. Gerade in ihrer Zeit in der Landeshauptstadt nimmt das Ganze derart professionelle Ausmaße an, dass Thiem quasi täglich auf dem Platz steht. Doch die Eltern fahren sie überall hin. In aller Herrgottsfrüh, aber auch spätnachts. „Einmal sind wir wegen Schneeverwehungen in der Nacht stecken geblieben“, erinnert sich Thiem schmunzelnd.

Ihre Eltern – übrigens beide keine Tennisspieler – hätten ihr nie Druck gemacht. Sie selbst sich aber auch nicht. „Ich habe nie den Traum gehabt, Grand Slams zu spielen“, betont sie auf Nachfrage. Gute Spiele hinzulegen in der 2. Liga, das sei immer ihr Ziel gewesen. „Für mich war Bildung stets die Basis meines Lebens“, sagt Thiem, die ihr Erstes Staatsexamen fürs Grundschullehramt in der Tasche hat. Ihre Doktorarbeit zum Thema „Kompetenzprofile von Tennistrainern“ befindet sich auf der Zielgeraden. Auch dabei unterstützt sie ihr Wegbegleiter Florian Kainz, der mittlerweile Geschäftsführer der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning ist.

Täglicher Sport trotz Kind

Ein Mann, dem sie über die Jahre auch immer wieder begegnet – zunächst allerdings lange Zeit distanzierterer Natur – ist ihr heutiger Ehemann Marc Meigel. „Wir haben uns bei einem Preisgeldturnier in Schliersee kennengelernt“, blickt Thiem zurück. Die beiden sind allerdings doch recht verschieden, sie sieht den Benediktbeurer über die Jahre lediglich bei sportlichen Events. „Wir haben uns gegenseitig respektiert, mehr aber auch nicht.“ Drei, vier Jahre lang trainiert Meigel Thiem dann sogar in der Oberschleißheimer Tennis-Akademie. Doch noch immer tut sich nichts, die beiden sind jeweils in anderen Beziehungen. Als das nicht mehr der Fall ist, funkt es dann doch. „Frag’ aber nicht, wie!“, sagt Thiem lachend.

Seit gut eineinhalb Jahren ist die Familie, die in Erding lebt, zu dritt. Sohn Max bereitet seinen Eltern viel Freude. Für das Trio geht es demnächst in die eigenen vier Wände nach Langengeisling. Thiem betont, dass Max ein absolutes Wunschkind sei. Sprich: Die sportliche Karriere muss klar hinten anstehen, und das nimmt sie auch gerne in Kauf. 2019 wechselt Thiem deshalb von Zweitligist München zum TC Ismaning, dort betreibt ihr Mann Marc passenderweise eine Tennisschule. Der TCI spielt immerhin Bayernliga, also in der vierthöchsten Spielklasse. So ganz nebenbei läuft Thiem übrigens auch noch für Wörgl in Österreich und Meran in Südtirol auf.

Trotz Kind sportelt sie nach wie vor jeden Tag. Sie macht viel Fitness, geht Laufen oder spielt – natürlich – Tennis. Ihr Mann passt dann auf den Kleinen auf.

Ihr Mann war noch erfolgreicher

Zwar hat Thiem für Lupo München professionell gespielt. Dass es aber nie zum Dasein eines Tennisstars gereicht hat, der groß die Moneten scheffelt, ist für Thiem nicht weiter tragisch. Wie bereits gesagt: Das war auch nie ihr Ziel. Und ohnehin: „Mein Charakter reicht nicht zum Vollprofi-Leben“, sagt Thiem. Die vielen Reisen, die sie dann absolvieren müsste, würden nicht zu ihrer Heimatverbundenheit passen.

Familienglück: Julia und Marc Meigel mit Sohn Max.

Mittlerweile liegt ihr Fokus ohnehin auf anderen Bereichen – der Familie, aber auch dem Beruf. Entweder will Thiem ein Referendariat machen, oder sie doziert an einer Hochschule. Auch das kann sie sich vorstellen.

Bleibt abschließend nur noch eine Frage zu klären: Wer ist denn der bessere Tennisspieler – Julia oder ihr Mann Marc? „Er war erfolgreicher als ich“, gesteht Julia Thiem beziehungsweise Meigel lachend. In der U 16 sei er sogar mal auf Platz fünf der europäischen Rangliste gestanden. Und 2008 lag er bei den Erwachsenen auf Rang 477 der ATP-Weltrangliste. Ab dem Sommer wird Marc Meigel übrigens, wie seine Gattin schon verrät, Tennistraining bei der SpVgg Altenerding anbieten.

Markus Schwarzkugler

Das sagt ihr Förderer

Florian Kainz hat Julia Thiem viele Jahre trainiert und gefördert: „Julia war eine hochtalentierte und motivierte Schülerin mit sehr guten körperlichen Anlagen. Durch ihre nette, offene und interessierte Art hat es immer viel Spaß gemacht. Noch heute denke ich gern an das eine oder andere Turnier zurück. Ein Highlight für mich persönlich war, als Julia als 16-Jährige beim internationalen Weltranglistenturnier, den Immobilien Kainz Open 2006, über eine Wildcard ins Feld kam und in Erding aufschlug. Dabei war auch Julia Görges.“ (mas)

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare