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Das letzte Rennen: 1962 stürzte Günter Krzizok (l.) im Miesbach schwer und beendete seine Laufbahn.

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Rennfahrer Günter Krzizok: Der Grasbahnkönig von Bayern

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Günter Krzizok ist für viele Fußballfans im Landkreis ein Begriff. Doch der Erdinger war auch einer der besten Gras- und Sandbahnfahrer seiner Zeit.

ErdingDie meisten Menschen, die Günter Krzizok gekannt haben, werden sich an ihn als Fußballer und Funktionär erinnern – als Spieler des FC Finsing, Fußballchef des TSV Erding und FC Langengeisling, Schiedsrichter, Schiedsrichterobmann, Spielleiter Herren und Jugend oder auch als Nachwuchstrainer. Die Wenigsten wissen, dass der ehemalige Kriminalhauptkommissar, der 2009 im Alter von 77 Jahren verstorben ist, auch eine Motorsport-Vergangenheit hat. Dass er einer der besten Gras- und Sandbahnfahrer seiner Zeit war, dass er auch sehr erfolgreich Straßenrennen bestritten hat und richtig gut im Gelände unterwegs war.

Gern erinnert sich Georg Scharl (85) an seine gemeinsame Rennfahrer-Zeit mit Günter Krzizok, stundenlang könnte er aus dem Nähkästchen plaudern. „Der Günter war in Bayern und Schwaben der Beste“, sagt er neidlos und anerkennend, obwohl er immer sein Konkurrent war. Krzizok sei zwar keine Weltmeisterschaft gefahren, nur normale Rennen, „aber er war Grasbahnmeister. Einen höheren Titel gab es bei uns nicht.“ Bei der Sandbahn habe er mehr Chancen gehabt, „weil der Günter da oft nicht dabei war“, gibt der Taufkirchener zu. „Er war ein ganz natürlicher, freundlicher und ehrlicher Mensch. Ein junger Kerl und ein armer Hund, wie wir“, aber er hatte in Hans Maier aus Neufinsing einen sehr guten Freund, der sein Talent erkannte hatte. 

Rivale der Rennbahn: Georg Scharl denkt noch oft an die früheren Wettkämpfe zurück.

Werkstatt war das zweite Zuhause

Hans Maier (Jahrgang 1933) und Günter Krzizok (1932) waren zwei, die sich auf Anhieb gemocht haben. „Mia war’n zwoa grode, wuide Hund, des hod einfach passt“, sagt Hans Maier, Onkel des späteren vierfachen Sandbahn-Weltmeisters Karl Maier. Krzizok war 1945 mit seiner Mutter und zwei Geschwistern als Kriegsflüchtling aus Oberschlesien nach Neufinsing gekommen. „Bei uns in der Werkstatt und Schmiede war immer was los, und es hat auch immer was zum Essen gegeben“, erinnert sich Hans Maier, dessen Vater Karl, der „Schmied Karl“, schon seit 1928 Motorräder verkaufte. „Da hat es dem Günter auf Anhieb gefallen.“

Hans Maier, der damals schon ein begeisterter Bastler und Schrauber war, richtete Krzizok auch dessen erstes Motorrad her. „Mit dem ist er schwarz in die Lehre gefahren – das war nicht zugelassen“, erzählt er lachend. Die Lehre als Elektromaschinenbauer absolvierte Krzizok bei der Firma Kirmeyer in Erding. Nach dem Abschluss 1951 ging er zur Polizei, aber das Motorenfieber hatte ihn längst gepackt.

Fast in jeder Kurve mit beiden Füßen auf den Pedalen

Gemeinsam machten die beiden unzertrennlichen Neufinsinger Freunde dann die Rennstrecken in Bayern und Schwaben unsicher. „Kurz nach dem Krieg durfte auf Pferderennbahnen gefahren werden“, sagt Hans Maier und erinnert sich an Rennen in Straubing, Mühldorf und München – „im BBM-Stadion am Oberwiesenfeld“. Doch nicht nur Sand- und Grasbahnrennen waren angesagt, auch Straßenrennen sowie Motocross-, Gelände- und Zuverlässigkeitsfahrten wie etwa „Rund um Mittelschwaben“ 1954, die „Fahrt durch Bayerns Berge“ 1955 oder die „Schwere Schwäbische Geländefahrt“ in Aalen 1955.

Günter Krzizok bei seinem Sieg im Illerstadion in Kempten 1960 - vor vielen tausend Zuschauern.

„Der Günter hat seine Maschine einfach beherrscht, er hatte fast in jeder Kurve beide Füße auf den Pedalen“, erzählt Scharl. „Wenn er beim Start nicht Erster war, dann in der zweiten Runde. Er war uns allen einfach überlegen.“ Und dann war da noch das Material. Die NSU Max sei technisch einfach besser gewesen als seine Horex, stellt Scharl fest. „Die war vom Gestell her schon besser gelegen. Die hatte der Günter vom Forster Schorsch, einem Fuhrunternehmer aus Sulding gekauft“ – einem Cousin seiner späteren Frau.

„Du musstest schon Dampf haben“

Hans Maier schaffte es zudem, aus dem 250 ccm-Motor die volle PS-Leistung herauszukitzeln, „Da sind wir sogar den 500ern davongefahren“, stellt er lachend fest. „Ich habe unzählige Schulungen bei NSU in Neckarsulm gemacht, das hat sich ausgezahlt“, erzählt er, der sein Fachwissen an seinen Spezl weitergab. 

Bester Freund: Hans Maier, hier vor seinem Trophäenschrank, und Günter Krzizok waren unzertrennlich.

Aber auch konditionell seien sie topfit gewesen. „Du musstest schon Dampf haben“, erzählt Maier. Dazu habe er ein dickes Tau an einen Kran gehängt, mit dem dann daheim im Hof diverse Kraftübungen gemacht wurden.

Bei den sogenannten „wuiden Rennen“ hatten sich Krzizok und Scharl kennengelernt. Beim Adlberger Markt in Taufkirchen, in Baustarring und in Velden ging es dabei „überwiegend auf der Grasbahn über Wiesen und die Scherhaufen“, sagt Scharl lachend.

Keine wuiden Rennen mehr

Alle Teilnehmer fuhren ohne Genehmigung, bis es vom ADAC verboten wurde. Damit war aber mit den Rennen nicht Schluss. „Dann wurden Lizenzen organisiert. Wir haben nur einen ärztlichen Check machen müssen. Die einzige Einschränkung war, dass wir keine wuiden Rennen mehr fahren dürfen.“ Ein eben solches fuhren Krzizok und Maier aber dann doch – den „Großen Preis von Baustarring“ 1959, bei dem beide absahnten, aber dann vom ADAC prompt für drei Monate gesperrt wurden. Für Hans Maier war es sein letztes Rennen, er konzentrierte sich ab da – wie geplant – aufs Geschäft. Er absolvierte in Bielefeld die Meisterprüfung, übernahm später das Geschäft und machte daraus die beiden Autohäuser (Audi, VW, Skoda) in Erding und Neufinsing. 

Strahlender Sieger: Günter Krzizok, Mitte der 1950er-Jahre, nach einem Erfolg in Kempten.

Krzizok blieb – im wahrsten Sinne des Wortes – weiter im Rennen. Holzkirchen, Fürstenfeldbruck, Memmingen, Tacherting, Kempten, Miesbach, Krumbach, Eggenfelden, Ruhpolding, Fürstenfeldbruck, Bräunlingen, Dießen und Pocking waren nur einige der Stationen, wo er zu Siegen fuhr. An die 20 000 Zuschauer standen da bisweilen an der lediglich mit Strohballen gesicherten Strecke – „und die Ballen waren hart wie Beton“, weiß Hans Maier. Das Fahrerlager war ein provisorischer Unterstand, am Start war eine Schnur gespannt, mit einer Fahne wurde zum Start gewunken „Es war alles ganz primitiv, aber wir haben gekämpft bis zum Umfallen“, erinnert sich Scharl. Für den Sieg gab es meist 60 Mark, für den zweiten Platz 30 und für den dritten 20 oder 15 Mark. „Aber das Wichtigste waren die Pokale“, erzählt der 85-Jährige.

Schwerer Sturz beendet Karriere

Jeder Fahrer sei ein Einzelkämpfer gewesen, aber keiner neidisch. Trotz Konkurrenz auf der Rennbahn hätten sie sich gut untereinander verstanden und viel Gaudi gehabt, vor allem nach den Siegerehrungen, die immer in einer Gaststätte stattfanden, in denen nachher Tanz war. „Der Krzizok, der Rötzer, der Andronik und ich, wir waren immer von Dirndln umschwanzelt“, sagt Scharl lachend. „Sie wollten alle ein Autogramm vom Krzizok, mit seinen schwarzen Haaren und immer braun gebrannt.“ Er sei auch ein anständiger Kerl gewesen, der seine Chancen bei der Frauenwelt nie ausnutzte und abends immer zu seiner Frau heimfuhr. Er sei als Sportler und Polizist von allen besser akzeptiert gewesen, habe ein anderes Ansehen genossen „und war gebildeter als wir Bauernbuam“, sagt Scharl. „Trotzdem war er gern mit uns beinand.“

Der 2. September 1962 war dann ein schicksalshafter Tag. Beim Grasbahnrennen in Miesbach war beim Training am Vormittag Rupert Gnadl – ein Polizeikollege von Krzizok – tödlich verunglückt. Nachmittags, beim Rennen, lag Krzizok im Endlauf in Front, als Verfolger Dieter Dauderer mit seinem Vorderrad das Hinterrad des Führenden touchierte. Beide stürzten fürchterlich. „Ich durfte erst nicht ins Sanitätszelt, und als ich dann zu ihm durfte, lag er da mit starrem Blick, das werde ich nie vergessen“, erzählt Günter Krzizoks Frau Lotte. „Als er seine schwere Gehirnerschütterung und die Prellungen auskuriert hatte, habe ich ihn gebeten, er möge aufhören – schon allein wegen unserem Sohn, der war damals knappe vier Jahre alt“. 

Das letzte Rennen: 1962 stürzte Günter Krzizok (l.) im Miesbach schwer und beendete seine Laufbahn.

So beendete Günter Krzizok seine Rennfahrer-Karriere und wandte sich komplett dem Fußball zu. Seine Leidenschaft zu Motorrädern aber verlor er nicht. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des „Großen Preis von Hofstarring“ brachte er seine alte NSU-Rennmaschine von damals wieder zum Laufen und stiftete sie dem Heimatmuseum in Thal – inklusive seiner Orginal-Lederkombi mit Helm. Und bis zum seinem Tod war er von April bis Oktober immer mit seiner BMW 100 RS unterwegs. Diese Maschine steht jetzt auf der anderen Straßenseite vom Autohaus Hans Maier in Neufinsing – im Ausstellungsraum von Karl Maier.

Birgit Lang und Wolfgang Krzizok

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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