Franz Herbst ist Schwimmer. Allerdings geht er seiner Leidenschaft draußen bei eisigen Temperaturen nach. Bei 0,2 Grad Wassertemperatur holte er eine WM-Medaille.
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Familienschwimmen: Anna und Franz Herbst gehen gern gemeinsam in den Wörther Weiher. Bei 17 Grad Wassertemperatur lacht auch die Tochter noch.

Erdings Top 100

Der Eisbrecher von Pemmering: Vizeweltmeister Franz Herbst

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Franz Herbst ist Schwimmer. Allerdings geht er seiner Leidenschaft draußen bei eisigen Temperaturen nach. Bei 0,2 Grad Wassertemperatur holte er eine WM-Medaille.

Pemmering – Schwimmen ist der Sport für die warme Jahreszeit. Als Franz Herbst im Jahr 2016 erstmals an einem Novembertag ins Wasser ging, „bin ich rein – und sofort wieder raus“, erzählt er. Dabei war der Reithofener Weiher 12 Grad warm. Für heutige Verhältnisse sind das fast schon Badewannen-Temperaturen für den Pemmeringer. Herbst ist Eis-Schwimmer. 2017 wurde der damals 60-Jährige Vizeweltmeister in seiner Altersklasse über 1000 Meter. Der Wöhrsee hatte 3 Grad, die Lufttemperatur lag bei minus 15 Grad.

Und rein ins Eiswasser: Franz Herbst (gelbe Badekappe) startet über die 1000 Meter und holt WM-Silber.

Ein Jahr später war’s noch härter in Estland, im Hafenbecken von Tallinn. „Ohne Pumpen wäre das Wasser innerhalb von einer halben Stunde gefroren“, erzählt Herbst. „0,3 Grad hatte es, vielleicht waren es auch 0,2.“ Darin zu schwimmen, sei für ihn das Höchste gewesen. Gleich achtmal ging er an den Start. Nur eins störte: „Die Strecken sind arg kurz gewesen.“ Trotzdem gewann er über 200 Meter Brust in Estland eine WM-Medaille.

„Beim Triathlon war Schwimmen lange meine schlechteste Disziplin“

Herbsts Geschichte in Gold, Silber oder Bronze aufzuzählen, wird dem heute 63-Jährigen nicht gerecht. Was ihn auszeichnet – und was ihn auch in diese Serie der 100 größten Sportler bringt – ist Fleiß und Willen, sich einen Extremsport anzutun, in dem ihm nicht mal das ganz große Talent in die Wiege gelegt worden war. Im Gegenteil. „Beim Triathlon war Schwimmen lange meine schlechteste Disziplin“, erzählt der Pemmeringer, der die klassische Sportler-Laufbahn durchschritten hat: „Fußball, Tennis, dann Laufen bis zum Marathon – und schließlich Triathlon.“

Aber da war eben dieser unbändige Wille, der ihn auch an jenem 2. November 2016 am Reithofener Weiher nicht ruhen ließ. „Ich bin damals gleich nochmal rein ins Wasser“, erinnert sich Herbst. Danach habe er das ganze Jahr über draußen trainiert. „Allein im November war ich damals 25 Mal im Wasser und bin 28 Kilometer geschwommen. Die längste Strecke waren zwei Kilometer.“

Hände und Füße im Eiswasser nicht mehr gespürt

Das ist das Doppelte jener Strecke, die ihm im Wöhrsee WM-Silber brachte. 1000 Meter im Eiswasser – für Herbst ist das der „Marathon der Schwimmer“. Im Wöhrsee seien ihm damals fast die Finger abgefroren. „Der Körperbereich wird beim Sport sehr gut durchblutet, aber Füße und Hände habe ich nach zehn Minuten fast nicht mehr gespürt. Zehn Minuten im Eiswasser sind wie 90 Minuten normales Schwimmen.“ Und Herbst war ja auf dieser Strecke fast 20 Minuten im Eiswasser. 

Auf der Strecke: „Die Atemtechnik ist extrem wichtig. Du musst immer wieder die Luft komplett rausblasen.“

Wie schafft man das? „Die Atemtechnik ist extrem wichtig. Ich mache den Zweier-Zug. Du musst immer wieder die Luft komplett rausblasen“, erklärt er. Soviel zur Theorie. Aber im Wöhrsee bekam Herbst Wasser in den Mund, musste schlucken und husten. „150 Meter vor dem Ziel habe ich auch noch einen Krampf gekriegt. Beinarbeit war jetzt gar nicht mehr möglich. Und bei 1000 Metern bringst du auch die Streckung nicht mehr so hin. Eigentlich schaffe ich die 25-Meter-Bahn in 24 Zügen. Auf den letzten Bahnen waren es dann 30 Züge.“

Unterschied zwischen vier und 0,2 Grad ist spürbar

Im Ziel ist nach so einem Rennen noch längst nicht alles gut. „Die Muskeln sind total fest. Du kriegst einen Schüttelfrost.“ Herbst erinnert sich: „Auf gut Bairisch: Mi hod’s 20 Minuten lang durchbeitelt.“

Ein Jahr später in Tallinn habe er den Unterschied zwischen vier und 0,2 Grad zu spüren bekommen. „Da zieht sich der Muskel viel schneller zusammen“, sagt er. „Und die klirrende Kälte bekommst du auch ganz anders zu spüren, wenn du beim Brustschwimmen mit der Brust frontal aus dem Wasser gehst und versuchst, Sauerstoff reinzukriegen“, sagt er.

0,2 Grad hatte das Wasser im Hafenbecken von Tallinn.

„Es ist weder gesund noch ungesund“

Ist das wirklich gesund? „Es ist weder gesund noch ungesund“, meint Herbst. Natürlich wisse er, dass er beim Intervalltraining nicht die Sauerstoffaufnahme eines jungen Sportlers habe. „Außerdem lasse ich mich vor jedem Wettkampf ärztlich untersuchen, und beim Training habe ich immer eine Rettungsboje dabei.“ Eins sei wichtig: „Wenn wo was zwickt, dann sollte man dem auch nachgehen und gegebenfalls dann auch pausieren.“ Das gelte in jedem Sport. Bewegung sei aber auf alle Fälle gesundheitsfördernd. Manchem reiche es auch, jeden Tag eine halbe Stunde spazieren zu gehen. „Jeder soll das nach seiner Fasson machen.“ sagt der Pemmeringer.

Er jedenfalls brauche Ziele, auf die er hintrainieren kann. Deshalb startete er nach Tallinn zwei Jahre später im slowenischen Bled, wo er zwei vierte und fünfte WM-Plätze erreichte. Bei den German Open ist er Stammgast. Das Wasser kann ihm gar nicht zu kalt sein. 

Bacherlwarme 5 Grad herrschten in Slowenien im Bleder See.

Die 15-Kilometer-Distanz fehlt ihm noch

Aber auch nicht zu warm. Etwa 17 Grad habe der Wörther Weiher momentan, schätzt er. Das Wasser verlässt er nicht, bevor er mindestens drei Kilometer geschwommen ist. Herbst wäre fit für die Freiwasser-Wettbewerbe. Ende Juli sollte eigentlich der Bayern-Cup stattfinden, wo er auf die 7,5- Kilometer-Strecken gehen wollte. Vergangenes Jahr hat er im Haager Hallenbad zehn Kilometer lang die Kacheln gezählt. 3:19 Stunden habe er dafür benötigt. „Von 25 Meter bis 15 Kilometer – ich schwimme alles“, sagt Herbst und fügt hinzu: „In jeder Schwimmart.“ Schmetterling betrachtet er als Königsdisziplin. „Die habe ich erst mit 50 gelernt – und das schaut jetzt nicht so ästhetisch aus wie bei den wahren Könnern, aber 100 Meter bringe ich das schon hin.“ Und die 15 Kilometer-Distanz fehle ihm noch. Aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Auf 500 bis 600 Schwimm-Kilometer kommt Herbst im Jahr. „Meine drei Kinder finden es toll, dass ich noch so fit bin. Und meine Frau Anna unterstützt mich sowieso. Sie weiß, dass ich den Sport brauche“, erzählt Herbst, der froh ist, dass nun auch wieder die Fitness-Studios geöffnet sind. Dreimal die Woche besucht er diese zusammen mit seiner Frau. „Wir finden es beide schön, dass wir gemeinsam Sport treiben können.“

Tochter Anna zählt zu den größten Schwimm-Talenten im Landkreis

Besonders stolz mache ihn auch, wenn er gemeinsam mit seiner Tochter Anna die Runden im Wörther Weiher dreht. Die 20-Jährige zählt zu den größten Schwimm-Talenten im Landkreis Erding. Sie ist Stammgast bei den deutschen Meisterschaften in Berlin. Dieses Jahr sorgte sie in den USA bei den College-Meisterschaften für Furore. Bei den Nationals gewann sie zwei Titel.

Anna ist auch schuld, dass ihr Vater seit über zehn Jahren Schwimmtrainer bei den Erdinger Delphinen ist. Er habe oft beim Training zugeschaut. Da sei die Anfrage des TSV Erding geradezu logisch gewesen: „Kannst du mal das Training übernehmen?“ Die Antwort war eine typische Franz-Herbst-Antwort: Er übernahm nicht nur, er machte gleich noch alle erdenklichen Trainerscheine. „Ich war dafür wochenlang in der Sportschule Oberhaching. Das war schon sehr anspruchsvoll. Aber es hat sich gelohnt.“

Herbst hat auch den Schein für den Seniorensport, aber dem 63-Jährigen sind vor allem die Kinder ans Herz gewachsen. „Ich komme wunderbar mit den jungen Leuten zurecht. Die haben es auch nicht immer so leicht mit der Schule und den vielen Erwartungen.“ Im Becken gehe es um den Spaßfaktor, meint er. Das schließe aber sportliche Erfolge nicht aus. Herbst erinnert sich noch an jene bayerische Meisterschaft in Bayreuth, als die weibliche B-Jugend-Staffel Silber holte und sein Team bei 16 Starts 15 Bestzeiten erreichte. Das freue ihn noch mehr als seine Medaillen. Auf der Rangliste der Erfolge steht aber etwas anderes ganz oben. Seit 2013 gibt Herbst Kinderschwimmkurs: „Jedes Jahr machen bei mir 100 Kinder das Seepferdchen.“

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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