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Bereit für den Aufstieg: Hans Sterr präsentiert seine Ausstattung. „Das Foto haben wir am Brauneck aufgenommen“, erzählt der 55-jährige Erdinger. „Wir sind hier aus dem Wald gekommen und auf die Piste getroffen, weshalb sie rechts etwas zu sehen ist“, sagt er und fügt hinzu: „Wir sind nicht auf der Piste aufgestiegen – bewahre.“

„Meine Sporttasche“: Heute Skitourengeher Hans Sterr  

Große Freiheit, voller Rucksack

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Tourengeher gelten als die Freerider unter den Skifahrern. Sie suchen sich ihre Wege selbst. Das bedarf aber weit mehr Vorbereitung als bei jedem Alpinfahrer. Wer frei sein will, muss sich mit Kompass und dem Lawinen-Verschütteten-Suchgerät auskennen.

Erding– Sie lassen die Lifte links liegen, marschieren abseits des Alpinrummels auf den Gipfel, um dann nach gemütlicher Brotzeit im Tiefschnee nach unten zu wedeln.Das ist der Grund, warum allein rund 500 Alpenkranzler regelmäßig auf Skitour gehen. Seit einiger Zeit mit Schneeschuhen, seit Jahrzehnten schon auf Skiern.

Hans Sterr ist einer von rund 15 Tourenleitern, die Gruppen („höchstens sieben Leute“) zum Gipfel führen. Zum Beispiel vom Spitzingsee zum Rosskopf. Die 500 Höhenmeter Aufstieg sind in etwa 90 Minuten zu schaffen und zählen laut Sterr zu den kürzesten Touren. Häufiger seien Touren mit 1000 bis 1300 Höhenmetern, sagt der 56-jährige Erdinger. „Dafür darf man etwa zweieinhalb bis drei Stunden Aufstieg rechnen.“ Es gebe auch Fünf-Stunden-Aufstiege im Sellraintal mit 1700 Höhenmetern. Seine längste Tour sei auf den Hirzer in den Tuxer Voralpen gegangen. „1400 Höhenmeter in vier Stunden“, erinnert sich Sterr und schwärmt von seiner Lieblingsstrecke in den Kitzbüheler Alpen zum Feldalphorn: „Da ist kein Lift in der Nähe. Es gibt wenig gefährliche Hänge, aber dafür ideal geneigte Abfahrtshänge. Und selbst bei hoher Lawinenstufe kann man da immer noch gut gehen.“

Keine Tour ohne Lawinenausbildung

Denn das Thema Lawine nimmt der ehemalige Vorsitzende des Alpenkranzls sehr ernst. „Ohne Lawinenausbildung nehme ich niemanden mit“, sagt er. Er erwarte von allen Mitgliedern seiner Gruppe, dass sie die entsprechende Ausstattung mitführen. Für die Heimatzeitung hat er seinen Rucksack ausgepackt. Hier erklärt er, was drin steckt:

„1 Das LVS(Lawinen-Verschütteten-Suchgerät) ist das (im wahrsten Sinne) Herzstück der Sicherheitsausrüstung beim Skitourengehen: Bei einer Verschüttung kann man anhand seiner Signale gefunden werden beziehungsweise im Notfall es auf Suchen umstellen, um andere Verschüttete zu finden. Erfreulicherweise habe ich es noch nie benötigt. Ich habe zwar schon einmal ein Schneebrett losgelöst, konnte aber zum Glück seitwärts wegfahren und den Kameraden weiter unten rechtzeitig warnen. Das LVS kostet zwischen 150 und 350 Euro. Es gibt Zwei-Antennen- und Drei-Antennen-Geräte. Letztere erlauben eine räumliche Orientierung, weshalb Verschüttete wesentlich schneller gefunden werden können. Die Sicherheit steigt dadurch exponentiell . Wir Alpenkranzler verleihen nur noch Drei-Antennen-Geräte. Es gibt auch schon Geräte, die auf einem Bildschirm zeigen, wo die Leute liegen. Mein LVS empfängt Signale bis auf 50 Meter, was die Suche ebenfalls beschleunigt.

2 Die Lawinenschaufelzum Ausgraben von Verschütteten ist zusammenklappbar und sollte aus Metall sein. Plastikschaufeln sind zwar beliebt, weil sie sehr leicht sind, nützen aber nichts bei dem hartgepressten Lawinenschnee. Mit einer Plastikschaufel kannst du höchstens einen Schneemann bauen.

3 Die Lawinensonde dient der punktgenauen Ortung von Verschütteten. Man kann sie auf 40 Zentimeter zusammen- und dann wieder strammziehen. Mit der Sonde kann man ermitteln, wie tief jemand verschüttet ist.

Theorieabend und Praxistag

Grundsätzlich gilt: Ohne die oben genannten Ausrüstungsgegenstände 1 bis 3 und nachgewiesene Kenntnisse im Umgang mit ihnen wird man beim Alpenkranzl nicht mit auf Tour genommen– und privat halte ich das genauso. Das Alpenkranzl bietet für Einsteiger Kurse mit einem Theorieabend sowie einem Praxistag im Gebirge an. Aber auch wir Fachübungsleiter nehmen regelmäßig an Auffrischungskursen teil.

4 Der Tourenski verfügt über eine spezielle Tourenbindung, die die Ferse zum Aufstieg freigiebt. Wie beim Alpinski ist die Preisspanne sehr groß. Meine Ski haben etwa 300 Euro gekostet. Ich mag gern einen Allrounder, der nicht so flattert, andere legen wert auf einen breiten Abfahrtsski für den Tiefschnee. Bei den Bindungen tut sich derzeit sehr viel in der Technik, weil es immer mehr Tourengeher gibt, was diesen Markt halt interessant macht. Meine Bindung hat übrigens auch nochmals 300 Euro gekostet.

5 Steigfelle für den Aufstieg: Sie werden auf den Belag geklebt und verhindern beim Aufsteigen ein Zurückrutschen der Ski. Früher wurden Seehundfelle verwendet, weil diese keine Feuchtigkeit aufnehmen und so ein Vereisen verhindert wurde. Inzwischen werden nur noch Kunstfelle verwendet. Die meisten haben einen Kleber. Ich gehe mit so genannten Adhäsionsfellen, die ohne Kleber am Ski haften. Es ist nämlich supernervig, beim Zusammenlegen der Felle den Kleber zu entfernen.

6 Die Tourenstöcke sind in der Länge verstellbar. Ich bin 1,78 Meter groß. Beim Aufstieg stelle ich die Stöcke auf 1,20 Meter ein, bei der Abfahrt auf 1,30 Meter – wie ein normaler Alpinfahrer. Außerdem haben meine Stöcke eine Griffverlängerung, damit ich sie beim Bergsteigen kürzer fassen kann.

7 Den Skihelmtrage ich seit etwa drei Jahren. Während schon gut drei Viertel aller Alpinfahrer den Kopfschutz tragen, ist das Verhältnis bei den Tourengeher genau andersrum. Vielleicht hat das mit irgendeiner Freerider-Philosphie zu tun. Es ist jedenfalls paradox, weil die Sturzgefahr beim Ski-Bergsteigen deutlich höher ist.

8 Die Skibrille für die Abfahrt ist bei Schneefall unverzichtbar.

9 Die Sonnenbrillemit hohem UV-Schutz muss mit dabei sein. Sie nervt vielleicht, wenn man beim Aufstieg schwitzt. Aber bei gleisendem Sonnenlicht ist sie für die Augen gegen die Schneeblindheit unerlässlich.

10 In meiner Thermosflaschehabe ich Pfefferminz- oder Früchtetee. Was man beim Aufstieg rausschwitzt, muss man eben an Flüssigkeit wieder ausgleichen.

11 Der Biwaksack hält Verletzte oder Verschüttete nach der Bergung warm. Den hat man immer beim Bergsteigen dabei, um zu vermeiden, dass der Verletzte bei Temperaturen von -10 Grad auskühlt. Früher waren die Säcke aus alubedampften Stoff superschwer, weshalb ihn Tourengeher gern mal unten vergessen haben. Inzwischen verwendet man beschichteten Kunststoff. Mein Zweimann-Sack wiegt höchstens ein halbes Pfund.

Steigeisen links und rechts der Bindung

12 Die Harsch-Eisen benötigt man, weil man nicht nur – wie es sich jeder wünschen würde – auf Pulverschnee geht, sondern zu 90 Prozent auf gefrorenen Hängen und harten Oberflächen. So ist das halt in den Bergen: Tagsüber taut es, und nachts friert es hin. Die Harsch-Eisen – gewissermaßen Steigeisen für die Ski – krallen sich links und rechts von der Bindung ins Eis oder harten Schnee.

13 Das Wechselshirt, um die verschwitzte Kleidung am Gipfel wechseln zu können, ist für Tourengeher ebenso Pflicht wie die allgemeine Winterkleidung, also Anorak, Skihose und Handschuhe.

14 Die Landkarte dient nicht nur zur Orientierung im Gelände. Sie ist auch wesentlich nützlicher als ein GPS-Gerät, weil in der Karte Skirouten eingezeichnet sind. Wenn du oben losfährst, weiß du somit, ob unten sehr steile oder gar lawinengefährdete Hänge kommen. Manchmal wähle ich auch Varianten zur eigentlichen Tour. Auch dafür brauche ich die Karte.

15 Kompass und Höhenmesser dienen zur Orientierung im Gelände, insbesondere bei schlechter Sicht. Ich selbst habe mich noch nie verlaufen. Bei Nebel und Wolken sagen mir Kompass, Karten und Höhenmesser: Wo will ich hin, und wo bin ich gerade. Die Höhenmesseruhr hat auch noch einen sportlichen Aspekt: Ich kann mir anzeigen lassen, wie viele Höhenmeter ich in welcher Zeit absolviert habe.

Müsliriegel statt Traubenzucker

16 Der Rucksack hat eine Skihalterung für den Fall, dass kurze Kletterstellen zu überwinden sind. In den Rucksack kommt die gesamte Ausrüstung rein. Sie wiegt zwischen sechs und sieben Kilogramm.

17 Der Müsliriegel ist die optimale Energiezufuhr. Das gilt auch für Früchteriegel und getrocknetes Obst: leicht zu tragen und mit lang anhaltendem Effekt. Ganz schlecht ist dagegen Traubenzucker: Der putscht dich schnell auf, und dann fällst du in ein Loch. Es gibt auch Kollegen, die sich mit einer großen Brotzeit am Gipfel belohnen. Das mache ich lieber nach der Abfahrt in einer Hütte.

Auf dem Bild nicht zu sehen sind die Skitourenschuhe, weil ich im Schnee eingesunken bin. Sie unterscheiden sich von den herkömmlichen Skischuhen dadurch, dass man ihren Schaft für den Aufstieg beweglich einstellen kann und dass sie eine Klettersohle haben. Auch die Notfallapotheke mit Verbandszeug und Blasenpflaster haben wir immer dabei.“

Dieter Priglmeir

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Jeder Sport beginnt mit der selben Disziplin. Aufwärmen? Nein, noch früher: Tasche packen. Was ist drin? Was braucht der Athlet für einen Wettkampferfolg? Sportler haben für uns ihre Tasche ausgeräumt. In loser Reihenfolge präsentieren wir die Ergebnisse.

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