Bundesliga - Geisterspiel
+
Geisterspiel - ist das die nahe Zukunft der Bundesliga.

DAS SPORTGEFLÜSTER

Hätte,hätte, Viererkette – der Bundesliga-Start ist eine Frage des Anstands

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
    schließen

Auch wenn‘s weh tut, auch der Fußball muss warten, meint Dieter Priglmeir in seinem Sportgeflüster

Uli Hoeneß – gerade zum Unternehmer des Jahres gekürt – sprach in Erding auf Einladung der Sparkasse zu den Fußballfans. Jeder hing an seinen Lippen. Es war kurz nach der Jahrtausendwende – der FC Bayern hatte nach 25 Jahren wieder mal die Championsleague gewonnen – und Hoeneß galt als Heilsbringer und Prophet. Und tatsächlich: Er teilte zwar nicht das Meer, aber immerhin den Fußball: Hier war der kleine Landverein, der gefälligst mit Leuten aus dem eigenen Nachwuchs kicken soll, um seine Identität zu wahren. Und dort der FC Bayern und die anderen Profivereine, die für die große Show zuständig sind und darum die Besten aus der ganzen Welt einkaufen.

Deshalb verbietet sich die Frage, die sich derzeit auch Hunderte von Jugendfußballern im Landkreis Erding stellen: „Warum darf die Bundesliga wieder auf den Platz und wir nicht?“ Die Antwort der Bundesliga-Bosse: Weil das keine Spaßveranstaltung ist, sondern Business.

Klar, wir hier betreiben – so fleißig wir auch trainieren – reinen Hobbysport. Kontakt-Hobbysport, um genau zu sein. Amateurfußball während der Corona-Pandemie ist völlig unmöglich. Wenn der Lengdorfer, Kirchascher oder Inninger Verteidiger wie eine Klette an seinem Gegenspieler hängt, dann ist die Tröpfcheninfektion nur eine Frage der Spielminute. Im großen Fußball ist das allerdings natürlich ganz anders. Die Jungs sind taktisch bestens ausgebildet, die spielen mit Viererkette, nicht mit Virenklette.

Das ist natürlich ausgemachter Blödsinn. Auch hier liegt die Ansteckungsgefahr bei 100 Prozent. Für alle Ultras: Das ist weit gefährlicher als 50 + 1. Sollte der Ball in der Bundesliga tatsächlich im Mai wieder rollen, dann wird noch im selben Monat der erste Spieler positiv getestet sein.

Zugegeben, das ist jetzt keine Prognose eines Virologen, sondern von einem, der im Chemie-Leistungskurs erst bei der alkoholischen Gärung aufgewacht ist (steht so im Abi-Buch). Es ist die düstere Vorahnung eines Fußballfans, der wirklich nicht gern ohne Bundesliga ist. Sonst hätte er sich damals beim Sommerfest des St.-Antonius-Kindergartens nicht kurz mal im Auto verkrochen, um die Schlusskonferenz von „Heute im Stadion“ zu hören (Das wirft mir meine Frau noch heute vor). Ein intensiver Zweikampfsport in der Hochphase einer Pandemie – das kann einfach nicht gut gehen.

Und wenn doch? Dann wird das in anderer Hinsicht fatale Folgen haben. Natürlich ist Fußball des Deutschen liebstes Kind, der zudem Zigtausende von Arbeitsplätze sichert. Es wäre eine schöne Abwechslung, mal wieder zu sehen, wenn der FC Bayern den BVB vermöbelt (oder umgekehrt, je nach Gusto). Aber, um es in der heutigen Sprache auszudrücken: Übertreibt eure Rolle nicht! Auch wenn DFL-Chef Christian Seifert beteuert, dass wegen der Bundesliga kein Arzt und keine Pflegekraft auf den Covid-19-Test verzichten muss – es ist zu früh. Ganz nebenbei: Die derzeit praktizierten Gruppentrainings sind auch umstritten und wurden (Beispiel Fortuna Düsseldorf) schon unterwandert. Der Fußball darf sich nicht über andere Sport- oder sonstige gesellschaftlich wichtigen Belange erheben. 500 Millionen Euro Defizit hin oder her.

Was sagt dieser Betrag überhaupt? Sind damit die Gehälter der bedauernswerten Mitarbeiter in den Geschäftsstellen, an den Würstlbuden, die Sicherheitskräfte etc. gemeint? Oder bedeuten 500 Millionen, dass sich ein Verein nicht gleichzeitig Neymar (kostete 222 Mio. Ablöse), Mbappé (145 Mio.), und João Félix (126 Mio.) in den Einkaufswagen legen darf? Sorry, aber Summen im Fußball machen einen einfach schwindelig. Man nimmt sie kommentarlos hin wie die Bestechungsskandale bei Fifa und Uefa.

Der Fußball hat schon so manchen Sündenfall begangen (und dabei auch schon sehr viele Fans verloren). Weil wir ihm aber auch viele unserer schönsten Momente des Lebens verdanken, sehen wir ihm so vieles nach. Aber ob er auch diesen Tabubruch besteht? Es wäre das „völlig falsche Signal an die Bevölkerung“, wie SPD-Politiker Karl Lauterbach, im Nebenjob Trainer der Fußballmannschaft seiner Tochter, dem Berliner Tagesspiegel sagte. Der Imageschaden könnte sich auf künftige Einschaltquoten (und langfristig auf TV-Einnahmen) extrem auswirken. Das ist die wirtschaftliche Seite.

Vielleicht ist es auch einfach nur eine Frage des Anstands, jetzt Fußballer auf den Platz zu lassen. Oder ist dieser Einwand zu naiv für eine Branche, in der ein Arbeitgeber sogar seine Mannschaft einen Tag nach einem an ihr verübten Bombenattentat zum Kicken schickte? Oder um es mit den Worten von Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands zu sagen: „Es ist schlicht nicht zu vermitteln, dass Profis mit Millionengehältern spielen dürfen, während man es kleinen Kindern verbietet, auf den nahegelegenen Spielplatz zu gehen.“ Oder am Kronthaler Weiher spazieren zu gehen.

DIETER PRIGLMEIR

Warum die Bundesliga noch warten sollte

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare