+
Da kann man nicht mehr hinsehen: Auch Leon Goretzka, Niklas Süle und Matthias Ginter (v. l.) machten keine gute Figur im Spiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien.

Fußball

Hohn und Spott für Nationalelf: „Die Defensive sporadisch anbewegt“

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
    schließen

So bewerten Spieler und Trainer im Landkreis Erding das Länderspiel-Debakel gegen Spanien.

Erding– Die Fußballwelt staunt über das 0:6-Debakel der deutschen Nationalelf gegen Spanien. Und auch Fußballer und Trainer aus dem Landkreis können sich nur wundern. Oder auch nicht?

Für Dominik Dorsch hat sich eine so hohe Niederlage schon abgezeichnet hat. „Dieses Jahr haben wir leider nur schlechte Spiele der Nationalmannschaft gesehen“, meint der Spielertrainer des SV Zustorf. Als „einer der 83 Millionen Bundestrainer“ ärgert er sich über Spielern, „die lust-, rat- und wehrlos auf dem Platz dem Gegner hinterher gelaufen sind. Foulen war anscheinend untersagt. Die Abstandsregeln wurden perfekt eingehalten“, so Dorsch weiter. Er sei Joachim Löw für alles, was er erreicht hat, dankbar. „Aber seit 2018 müsste er schon lange weg sein.“ Die Nationalmannschaft sei nicht leistungsorientiert aufgestellt, sondern nach Ersatzspielern oder Stammspielern bei Abstiegskandidaten. Dorschs Fazit: „Trainer und Manager müssen gehen. Spieler müssen nach Leistung und nicht nach Nasenfaktor aufgestellt werden. Und wir brauchen auch mal wieder Arbeiter in der Nationalmannschaft, nicht nur vermeintliche Häuptlinge, denn davon haben wir zu viele.“

Auch Thomas Elsenberger, einst Jugendspieler beim FC Bayern und Bezirksliga-Kicker in Moosinning, erinnerte daran, „dass Fußball ein Lauf- und Kampfsport ist“. Er habe zu keinem Zeitpunkt gesehen, dass die Mannschaft das Spiel gewinnen will. „Du kannst gegen Spanien verlieren, aber die Art war erschreckend. Da war keiner, der mal mit einer Blutgrätsche den Rest aufweckt. Alle haben sich weggeduckt und höchstens versucht, mit einer Einzelaktion wenigstens ein bisserl zu glänzen. Ein Kollektiv war das nicht.“ Auch wenn mit Joshua Kimmich der Leitwolf gefehlt habe – „ansonsten war die Mannschaft gut aufgestellt. Wenn Robin Goosens fehlt, kann man doch nicht von einem großen Ausfall sprechen. Den kannte vor einem halben Jahr noch niemand.“

Der DFB müsse sich nun entscheiden, ob er den kompletten Neuanfang will („Dann sind wir halt mal fünf Jahre weg vom Fenster, das ist Holland und Italien auch schon passiert.“) oder doch auf Routiniers baut. „Vor einem Mats Hummels hat auch der gegnerische Mittelstürmer Respekt“, meint Elsenberger. „Bei den Spaniern ist Ramos ja auch noch dabei.“ Sein Fazit: „Wenn du kurzfristig erfolgreich sein willst, brauchst du die Alten.“ Ob Jerome Boateng noch eine Hilfe wäre, bezweifelt der Stockschützen-Weltmeister: „Er ist schon sehr verletzungsanfällig. Das geht vielleicht bei Bayern, weil er da selten gefordert ist. Aber wenn er wie im Champions League-Finale mehr Sprints hat, dann zwickt’s bei ihm doch relativ schnell.“ Und Trainer Löw? „Er hat versäumt, zum richtigen Zeitpunkt zu gehen. Er hat viel getan für den deutschen Fußball, aber jetzt steht er leider ganz schlecht da. Beim Interview nach dem Spiel stand da ein gebrochener Mann. Es hat nicht so ausgesehen, dass er einen Plan B hat.“

Auch Christoph Böning, Trainer des SV Hörlkofen, hätte es Löw gewünscht, „dass er abgetreten wäre, als es am schönsten war“. Aber ihn jetzt aus der Verantwortung zu nehmen, hält er für den falschen Zeitpunkt. „So kurz vor einer EM macht das keinen Sinn mehr. Außerdem soll er den Scherbenhaufen jetzt selber zusammenkehren.“ Böning plädiert dafür, dass sich die Nationalmannschaft nicht erst im März wieder trifft. „Die Spieler – auch die aus dem Tschechien- und Ukraine-Spiel – sollten schon früher für eine Klausurtagung zusammengeholt werden und sich dann gemeinsam das nochmal anschauen.“

Sang- und klanglos unterzugehen, „das ist uns gegen Altenerding neulich auch passiert. Da stand es nach einer Viertelstunde 0:4“, erinnert sich Böning. „Aber wir sind Amateurfußballer und keine Profis, die unser Land repräsentieren. Die steigen aus dem Bus wie Models mit den neuesten Designersachen und sind sich nicht bewusst, dass sie für zig Fußballverrückte spielen.“ Die Partie selbst sei ein Lehrbeispiel für jede Fortbildung gewesen. „Die Spanier sind mit fünf Leuten angelaufen und haben uns unter Druck gesetzt. Und unsere Mannschaft hat die spanische Defensive sporadisch anbewegt. Immer nur einer, im Trott – das ist kein Pressing.“ Der Defensive wolle er nicht die Hauptschuld geben. „Die Fehler macht man vorn. Auch ein Boateng oder Hummels wären da abgesoffen, wenn vier Spanier angerauscht kommen.“ Böning wundert sich aber auch, dass es nach der Pause keine Wende gab. „Spätestens als Ramos vom Platz ging, hätten unsere Jungs sagen müssen: Da fehlt jetzt der Abwehrchef. Wir probieren’s nochmal. Aber da kam nichts von den Arrivierten.“ Da hätten die C-Kader-Spieler gegen Tschechien und der Ukraine eine ganz andere Laufpower gezeigt.

Tobias Stangl, Sportlicher Leiter des TSV Isen, hat in dem Spiel Joshua Kimmich vermisst. „Der hat überall gefehlt. Die Mannschaft ist nicht in die Zweikämpfe, war überhaupt nicht aggressiv.“ Der derzeit verletzte Bayern-Spieler hätte das in die Hand genommen. Verantwortlich für das Debakel sei aber der Trainer. „Die Zeit von Jogi Löw ist vorbei. Spanien hat zwar eine sehr gute, ist aber auch nicht der Topfavorit.“ Entsprechend bitter sei diese Pleite, zumal in der deutschen Mannschaft viel Potenzial stecke. „Mit Gnabry, Werner und Sane haben wir am Dienstag die drei besten Stürmer auf dem Platz gehabt. Im Mittelfeld waren außer Kimmich auch alle Leistungsträger dabei. Und hinten sind wir einfach ziemlich schlecht. Da sollte man sich schon mal Gedanken machen, ob man nicht Mats Hummels zurückgeholt.“ Einen Tipp hat Stangl noch für Löw, „falls er noch einen Innenverteidiger braucht. Eigentlich habe ich ja aufgehört. Aber ich hätte Zeit.“

Auch interessant

Kommentare