Die dicken Dampfer haben Vorfahrt: Gerade im Ärmelkanal war in den 1980ern mächtig was los. Das Abenteuer des TSV-Schwimmers, der in Berlin einen Lehrstuhl hatte, war auch der BZ eine Schlagzeile wert.
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Die dicken Dampfer haben Vorfahrt: Gerade im Ärmelkanal war in den 1980ern mächtig was los. Das Abenteuer des TSV-Schwimmers, der in Berlin einen Lehrstuhl hatte, war auch der BZ eine Schlagzeile wert.

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Ulrich Haevecker: In 17 Stunden durch den Ärmelkanal

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Zweimal scheiterte Brustschwimmer Ulrich Haevecker im Ärmelkanal. Beim dritten Mal schaffte er es dann tatsächlich. In gerade einmal 17 Stunden.

Erding/Berlin – Vor zwölf Stunden ist Ulrich Haevecker in Dover in den Atlantik gestiegen. Es ist schwarze Nacht, das Wasser hat 17 Grad, und der Professor weiß: In den nächsten drei Stunden wird er nur gegen die Strömung ankämpfen und dem Ufer von Calais keinen Meter näherkommen. Zweimal ist er gescheitert, diesmal soll es endlich gelingen. Es ist August 1982, der Mann will den Ärmelkanal durchschwimmen.

Auch einige Menschen in Erding wissen von dem Unterfangen. Winfried Eckert zum Beispiel vom örtlichen TSV, bei dem der Marathonschwimmer Mitglied ist. Und natürlich Klaus Haevecker, der inzwischen 57-jährige Sohn, der ebenso wie seine Mutter Annedore noch heute in Klettham wohnt.

Der eine Schwimmer, der andere Pilot: Ulrich und sein Sohn Klaus Haevecker (v. l.).

Sein Vater, der in Weihenstephan Lebensmittelchemie studiert hat, zog in den 1970ern nach Berlin, wo er auch in den Jahren zuvor schon einen Lehrstuhl an der Technischen Fachhochschule hatte und später seine zweite Frau Marina heiratete. Sohn Klaus erinnert sich noch gern an die vielen Ausflüge, die er am Wochenende mit dem Papa gemacht. Joggen, Radeln – auch der Sohn ist sportlich. „Schwimmen hat mich aber nie begeistert“, sagt er. „Aber mein Vater hat mich auch nie dazu gedrängt.“

Acht Liter Milchshakes

Sicher kann sich auch Ulrich Haevecker in diesem Moment Schöneres vorstellen, als gegen die Wellen anzuschwimmen. Zum Beispiel im Biergarten sitzen und Weißwürscht und Brezn – beides liebt er – verzehren. Aber momentan gibt’s nur Bananenmilch und Traubenzucker. Die Shakes – er wird im Laufe der Nacht acht Liter trinken – hat der Lebensmittelchemiker vorher selbst zubereitet.

Haevecker ist kein Abenteurer, der sich den Urgewalten der Natur planlos ausliefert. Sonst hätte er auch nicht zwei Jahre zuvor als erster Mensch die gefährliche Passage zwischen den Nordsee-Inseln Sylt und Amrum durchquert, wie damals die Sylter Insel-Nachrichten berichten. Wegen der starken Strömung musste er statt zwei rund sieben Seemeilen, also fast 13 Kilometer, schwimmen. Nach viereinhalb Stunden stieg er aus dem Wasser. „Mit einem Signal auf einer Trillerpfeife gedachte er dann seines Freundes, der 1958 bei seinem Versuch ums Leben kam“, heißt es im Artikel.

„Viele Schwimmer haben das leider auf eigene Faust getan“, sagt Marina Haevecker. Ihr Mann war da anders. Nur einmal, nach einer seiner ersten Langstrecken durch den Müggelsee auf die Pfaueninsel, hat er hinterher Ärger von seinem Vater bekommen, da er das einfach alleine gemacht hat. Aber das war in den frühen 1940ern.

Seekarten bei der Admiralität gekauft

Marina Haevecker hat ihren Ulrich Mitte der 1970er kennengelernt. Dass er gern schwimmt, wusste sie. „Aber er hatte ja noch so viele andere Leidenschaften“, sagt sie. Alte Geldscheine, Briefmarken, Schiffsmodelle. Einer seiner Vorfahren war der Maler Erich Brunkhal. Ulrich Haevecker legte über Jahre eine eine umfassende Sammlung seiner Werke an, die er katalogisierte und dann der Heidecksburg stiftete. Im Gegenzug bekam er dafür die Ritterwürde.

Die Ritterwürde erhielt er auf der Heidecksburg. Links: Ehefrau Marina.

Doch zurück zum Sport, denn das kam dann doch überraschend für Marina Haevecker: „Ich würde gern einmal den Ärmelkanal durchschwimmen“, sagte er. Und sie? „Du bist jetzt Mitte 40. Wenn du das machen willst, dann jetzt!“ Und damit begannen die Planungen.

Heute findet man im Internet alles. „Damals hieß das: Telefonieren und Recherche vorort“, erzählt Marina Haevecker. Im Frühjahr 1979 kauften sie bei der britischen Admiralität Seekarten, Haevecker musste Mitglied bei der Channel Swimming Association werden, die die Regeln festlegen. Eine davon: Jeder Kanalschwimmer braucht eine Begleitung.

Und so treibt nun neben Haevecker ein Boot. An Bord: der Observer, der Protokoll führt, Skipper Don Richardson und die beiden Studenten Herbert Grimmer und Thomas Weber. Sie kontrollieren Luft- und Wassertemperatur, sie müssten notfalls auch das Unternehmen abbrechen.

Stolze Erdinger: Bürgermeister Gerd Vogt und Sportreferent Sepp Gotz ehren den Schwimmer (v. l.).

Zweimal ist dies Haevecker schon vorher passiert. 1980, so schreibt er selbst in seinen Aufzeichnungen, sei er schlichtweg nicht gut genug trainiert gewesen. Nach knapp zwei Stunden gab er damals auf. „Natürlich war er enttäuscht, aber er hat sich auch eingestanden, dass er sich falsch eingeschätzt hat.“ Also trainierte er im folgenden Jahr noch mehr. „Als Hochschullehrer konnte er sich das schon einteilen und hat jede Stunde dafür genutzt“, erzählt seine Frau. 1981 also der zweite Versuch. Diesmal ist nach fast zwölf Stunden Schluss: Die Wellen waren zu hoch.

Der Mensch kann den Ärmelkanal nicht jederzeit besiegen. Im Grunde sind es nur jeweils drei Tage im Juni, Juli und August, in denen die Wassertemperatur bei erträglichen 17 Grad sind und Mond und Sonne im rechten Winkel zueinander stehen, was die Fachleute Nipptide nennen. Für Haevecker bedeutet das „schwache Strömung sowohl bei Ebbe als auch bei Flut“. Wenn dann auch noch eine Windstärke von unter zwei herrscht, dann ist ein günstiger Zeitpunkt für das Unterfangen.

Der Schwimmer als Außenbordmotor

Klingt nach einer seltenen Gelegenheit, und das ist es auch. Als Haevecker im Wasser ist, weiß er: Seit 55 Jahren hat kein Deutscher mehr den Kanal durchschwommen. Von den 3000 Menschen insgesamt ist es ganzen 200 gelungen. Heute will es der Professor schaffen. Aber nur nicht übermütig werden. Und bloß nicht schneller schwimmen, um der Kälte besser beizukommen. Eine höhere Schlagzahl erzeugt nur ein subjektives Wärmeempfinden. 18 Schwimmzüge pro Minute – Haevecker behält seinen Rhythmus.

Seine Frau Marina ist diesmal nicht dabei. Berufstätig, zwei Töchter. „Ich konnte nicht bei jedem Rennen Urlaub machen“, sagt die heute 70-Jährige.

Erlebt habe sie dennoch genug bei diversen Rennen. „Einmal – ich weiß nicht mehr, ob es vor Southampton oder Plymouth war – stieg plötzlich ein U-Boot vor meinem Mann hoch. Die Matrosen sind raus und haben gewunken.“ Oder die Geschichte vom gescheiterten Rekordversuch zwischen der Isle of Wight und dem englischen Festland, als mehrere Frachtschiffe eine Bestzeit verhinderten. „Wenn da ein Dampfer der Queen vorbeikommt, musst du halt Wasser treten“, so der trockene Kommentar von Marina Haevecker. Einmal begleitete sie gemeinsam mit der damals zweijährigen Tochter Constance ihren Mann. Nach über acht Stunden im britischen Coniston Water hatte er das Ufer erreicht. „Uns ist aber das Benzin ausgegangen, also kam Ulrich zurückgeschwommen und zog uns an Land.“ Was für ein exklusiver Außenbordmotor.

Für solche zusätzliche Kraftanstrengungen hat Haevecker jetzt gerade keinen Sinn. Er schwimmt weiter gegen die Strömung an. Und gegen die Kälte. Neoprenanzug ist nicht erlaubt. Badehose, Kappe und Schwimmbrille, das war’s. Und eine Fettschicht aus hochgradigem Silikon.

„Das war vielleicht eine Masse, die musstest du mit Gummihandschuhen auftragen, sie hat aber gegen Sonnenbrand geholfen“, erzählt Marina Haevecker und fügt hinzu, „für die Psyche war es sicher auch ganz gut“.

Ulrich Haevecker ist inzwischen genervt von dem über zwölfstündigen Kampf gegen Wasser und Kälte. Das hat er sich anders vorgestellt, damals als er in den 1950ern als Erntehelfer in Kent angepackt und erstmals übers Kanalschwimmen nachgedacht hat. Er, der schon mit sechs Jahren im Schwimmverein war. Damals ging es auf dem Berliner Reichssportfeld über 100 oder 200 Meter. Jetzt hängt er im Atlantik fest und blickt aufs Beiboot. Das Bild, das die Besatzung abgibt, gefällt ihm nicht. „Was auf der anderen Seite des Bootes gemacht wird, ist mir egal, aber auf meiner Seite wird nicht gegähnt“, grantelt er. Seine Launen kommen und gehen – wie die Gezeiten. Ebbe und Flut verändern hier alle sechs Stunden die Stromrichtung. Für Haevecker bedeutet das: Er schwimmt nicht direkt von Dover nach Calais, sondern eher in S-Kurven. Er ist also nicht 33, sondern 42,2 Kilometer unterwegs.

Im Haikäfig nach Sizilien

Und das alles im Brustschwimmen. „Für so lange Strecken ist das optimal“, meint Winfried Eckert, Haeveckers ehemaliger Vereinskollege beim TSV Erding. „Rückenschwimmen und Kraul war nicht sein Ding, aber beim Brustschwimmen war er überragend und hat für uns Erdinger auch einige oberbayerische und bayerische Meistertitel geholt.“ Eckert, lange Abteilungsleiter der Delphine, lobt seinen ehemaligen Clubkollegen: „Ein Pfundskerl, der sich seine Titel nie hat raushängen lassen und rege am Vereinsleben teilgenommen hat.“ Heutzutage bevorzugen Brustschwimmer die hohe Lage, „ich nenne das Über-Berg-schwimmen“, erklärt Eckert. „Ulrich war tiefer unterwegs. Das ist die richtige Bewegung, wenn du fünf Stunden im Wasser bist“.

Start: 24 Stunden wird Ulrich Haevecker (l.) im Wasser sein. Danach steht er im Guinness-Buch der Rekorde

Oder 24 Stunden wie etwa in Brüssel, als Haevecker bei einem Schwimm-Marathon zugunsten der belgischen Krebshilfe 52,6 Kilometer zurücklegte. Drei Jahre später kam er vor 800 Zuschauern gar auf 55 km im Freibad St.  Pierre Du Mont und schaffte es als Weltrekordler ins Guinness-Buch. Er wagte sich auch auf die Wasserstraße von Messina zwischen Italiens Stiefelspitze und Sizilien, berüchtigt wegen der Haie, weshalb Haevecker im Käfig schwamm.

Angst um ihren Mann habe sie aber nie gehabt, erzählt Marina Haevecker. „Ich wusste ja, dass er alles penibel geplant hat und notfalls ein Unternehmen auch abbricht.“ Zum Beispiel die 25 Kilometer im Suez-Kanal. Nach sechseinhalb Stunden machte er Schluss: „Wasser nicht hygienisch“, schreibt er ins Protokoll. An das Schwimmen in Ägypten erinnert sich Marina Haevecker noch ganz genau: „Wir wurden damals wie Staatsgäste behandelt und mussten nur Flug und Unterkunft bezahlen.“ Lukrativ sei das Hobby ihres Mannes aber nie gewesen. Was das Unternehmen Ärmelkanal gekostet hat: „Das hat mir mein Mann nie gesagt.“

Aber das Erlebnis, das er nun nach 15 Stunden im Wasser hat, ist unbezahlbar. Denn es wird plötzlich um ein halbes Grad wärmer. Das tut dem ganzen Körper gut, aber es bedeutet noch etwas anderes: Die Strömung ändert sich wieder. Ulrich Haevecker muss nun nicht mehr gegen die Wellen ankämpfen, sie sind jetzt sein Freund, sie werden ihn jetzt Richtung Calais tragen. Das Schlimmste ist überstanden, jetzt nur noch durchhalten. Nach 17 Stunden und 5 Minuten erreicht er das Ufer. Ganz nebenbei bricht er damit auch noch den Brustschwimmer-Weltrekord des Belgiers Pierre van Vooren (17:55 h).

Der Lohn für 52 km: ein schmucker Pokal.

Seine Frau erfuhr von ihm am Telefon, dass er seinen Traum verwirklicht habe. Ulrich Haevecker ist Strecken auf der ganzen Welt geschwommen. „Wir waren auch in Australien. Wir haben überall Freunde. Aber der Ärmel-Kanal – das war die Strecke seines Lebens“, sagt Marina Haevecker.

Nicht nur beim Schwimmen war Havecker ein Marathon-Mann. Einer Krebserkrankung trotzte er über 20 Jahre lang. „Und er hat gearbeitet, bis er 74 war“, erzählt Marina Haevecker. 2018 starb er im Alter von 85 Jahren. Seine Leistung im Ärmelkanal bleibt unvergessen, der Weltrekord hielt fast 20 Jahre.

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie in unserer Übersichtsseite. Für diesen Artikel dienten neben den Gesprächen mit Zeitzeugen als Quellen damalige Berichte der Süddeutschen Zeitung und des Münchner Merkur.

Weltbestleistung 1980: 25,6 km in 10 Stunden.

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