1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport
  4. Landkreis Erding

„Immer auf die Fresse“

Erstellt:

Von: Markus Schwarzkugler

Kommentare

null
Zur Sache geht’s beim Handball eigentlich immer. Unser Foto zeigt Bernhard Glas (in Blau) bei einem Ligaspiel der Altenerdinger Handballer gegen drei Verteidiger des VfL Günzburg. © Christian Riedel

Der Handball-Hype hält Deutschland in Atem: Heute trifft die deutsche Nationalmannschaft um 20.30 Uhr im Halbfinale der Heim-WM auf Norwegen (ARD). Die deutschen Chancen bewertet Bernhard Glas (22) gut. Der Leistungsträger der Landesliga-Herren bei der SpVgg Altenerding erklärt die Eigenheiten diese „Kontaktsportart“ und warum es hier bei aller Härte trotzdem besonders fair zugeht.

Erding – Mit großen Hoffnungen war er 2013 ins Internat von Bundesligist Füchse Berlin gezogen. Ein Syndesmose-Bandriss und ein darauf folgendes Knochenmark-Ödem warfen ihn aber zurück und es ging 2014 schon wieder in die Heimat. Jetzt studiert Glas im dritten Semester Ingenieurwissenschaften an der TU München. Im Interview verrät er, warum seine Gegner von ihm schon immer mehr einstecken mussten als er von ihnen.

Handball, heißt es ja, ist ein Sport für echte Männer. Warum spielen denn so viel mehr Menschen Fußball? Haben wir denn mehr Memmen als harte Kerle im Land?

Das ist eine gute Frage (lacht). Was die Zahlen angeht, liegt es vielleicht daran, dass man Fußball draußen spielen kann. Beim Fußball kann man immer sagen: „Kicken wir mal ne Runde, treffen wir uns auf dem Bolzplatz.“ Für Hallenhandball braucht man halt immer auch ein überdachtes Spielfeld mit den üblichen Markierungen und am besten 14 Spieler.

Um nochmal auf Männersport zurückzukommen ...

Naja, das sind immer diese Klischees. Wenn man Mann gleichsetzen will mit Härte, dann ist es sicher ein Männersport. Im Gegensatz zum Fußball ist Handball eine Kontaktsportart, da ist mehr Körperkontakt verlangt. Aber mit Klischees kann man heutzutage nicht mehr argumentieren. Die Frauenhandball-Szene ist teils sogar erfolgreicher. Bei der SpVgg Altenerding haben wir in der Jugend in bestimmten Jahrgängen mehr Mädels als Jungs.

Egal ob Mädel oder Junge, einstecken muss man können. Wann haben Sie denn mal so richtig was abgekriegt?

Da fällt mir jetzt spontan gar nichts ein. Ich hatte das große Glück, dass ich schon in der Jugend immer einer der Größeren war und so es den anderen meist mehr wehgetan hat als mir (lacht). Ich bin 1,93 Meter groß, und das schon seit ich 14, 15 bin.

Also bei Ihrer imposanten Figur ist die Devise: Mehr Austeilen als Einstecken?

Also absichtlich verletzt man grundsätzlich nie einen Gegenspieler. In einer Kontaktsportart kommt es aber schon zu unschöneren Berührungen. Zu meiner Zeit in Berlin war bei meinem Gegner mal die Nase gebrochen.

Und bei Ihnen noch nie?

Bei mir noch nicht. In der D-Jugend habe ich mir mal den Daumen angebrochen. Jeder Handballer hat aber schon mal eine kaputte Kapsel gehabt, auch ich. Früher haben sie mal gesagt: „Wenn Handballer nach ihrer Karriere einen Stift halten können, dann haben sie was falsch gemacht“ (schmunzelt). Man muss aber auch noch sagen, dass die schlimmsten Verletzungen oft ohne Fremdeinwirkung passieren. So war es ja auch bei meiner Verletzung in Berlin. Oder jetzt eben auch bei Nationalspieler Martin Strobl, als er sich im Spiel gegen Kroatien einen Kreuzbandriss zuzog. Die schlimmsten Sachen sind Ermüdungserscheinungen.

Im Fußball werden ja gerne Schmerzen vorgetäuscht, um Strafen für den Gegner zu provozieren. Es werden Schwalben gemacht. Im Handball ist das eher verpönt, oder?

Ich spiele nicht Fußball, deswegen weiß ich nicht, wie es da so abgeht. Fairness wird im Handball jedenfalls groß geschrieben. Und es ist eben ein Kontaktsport, bei dem man schon vorher weiß, dass es zu einer Berührung kommt. Deswegen ist hier die Hemmschwelle bei Schwalben vielleicht höher. Es ist im Handball übrigens auch Usus, dass man sich nach der Partie noch einmal an der Mittellinie abklatscht – und zwar jeder jeden.

Wie verfolgen Sie derzeit die WM?

Am Mittwoch gegen Spanien haben wir zum Beispiel das Fitnesstraining ausfallen lassen und im Vereinsheim gemeinsam geschaut. Hart war’s beim Frankreich-Spiel, da hatten wir eine Testpartie gegen Freising und konnten nur die letzten zehn Minuten verfolgen. Das Kroatien-Spiel habe ich mit der Familie und meinem besten Kumpel Quirin Huber, der auch bei der SpVgg ist, angesehen.

Gefühlt schaut gerade ganz Deutschland Handball. Wie wichtig ist dieser Hype für Ihren Sport?

2007 bei der Heim-WM war es ähnlich. Damals haben danach viele junge Leute mit Handball angefangen. Es ist wichtig, dass sie sehen: Es gibt noch eine Alternative zum Fußball. Dieser Hype ist schon wichtig für unseren Sport. Man muss aber leider auch sagen, dass er im Großraum München ein wenig verpufft, weil wir hier keine große Bundesliga-Mannschaft haben. So kann man hochklassigen Handball nicht live erleben.

Wie förderlich wäre da denn ein Handballleistungszentrum in Altenerding gewesen?

Ein solches Zentrum hätte sicher einen Schub gegeben. Aber was fehlt, ist die Anschlussförderung. Das Zentrum hätte keine erste Mannschaft zur Folge gehabt, die Bundesliga spielen kann.

Viele Menschen, die jetzt die WM gespannt verfolgen, kennen Handball sonst eher nur vom Hörensagen. Was sollten diese unbedingt über Ihren Sport wissen?

Meine Freundin, die bisher auch nichts mit Handball zu tun hatte, hat neulich gesagt: „Ich verstehe nicht, warum der Schiri manchmal Foul gibt und manchmal nicht. Der Spieler kriegt doch eh immer auf die Fresse.“ Vielleicht so viel: Das Gesicht und der Hals sind tabu, da gibt’s ne Strafe. Von hinten sollte man sich nicht an den Gegner dranhängen. Das gibt zwei Minuten. Und der Sechsmeterraum darf nicht betreten werden – weder vom Angreifer noch vom Verteidiger.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Wird Deutschland Weltmeister?

Die Mannschaft bringt einen unheimlichen Teamspirit mit. Sie hat außerdem echte Führungsspieler, die schon in der Jugend der Nationalmannschaft vorangegangen sind und Titel gesammelt haben. Ein Beispiel ist Fabian Wiede, mit dem ich gemeinsam ein halbes Jahr im Internat in Berlin verbracht habe. Hinzu kommen die Verantwortlichen auf der Bank, die nach dem Debakel bei der letzten WM sehr auf die Spieler zugegangen sind und sie nun einbinden. Das alles gepaart ist eine gute Mischung. Mit einem Quäntchen Glück ist viel drin.

Auch interessant

Kommentare