Karl Pfeiffer bei einem Querfeldein-Rennen
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Über Stock und Stein und mit „Leder-Würschtel“ auf dem Kopf: Karl Pfeiffer bei einem Querfeldein-Rennen

Erdings Top 100

Karl Pfeiffer: Schneller als Olympiafahrer und Weltmeister

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Keiner prägte Erdings goldene Radsport-Ära in den 1980ern so wie Karl Pfeiffer. Er zählt zurecht zu Erdings 100 größten Sportlern aller Zeiten.

Langengeisling – Es ist der heiße Herbst im Jahr 1977, die RAF-Hochphase, als der VW-Bus von Georg Baumgartner erst direkt vor der Zapfsäule stoppt. Mit an Bord sind Karl Pfeiffer und Arnulf Hausmann. Der Wagen mit den roten Vorhängen an den Fenstern hat sich einfach an der Autoschlange vor der Tankstelle vorbei gemogelt. „Keiner hat sich getraut, gegen uns was zu sagen. Die haben alle geglaubt, wir sind Terroristen“, vermutet Pfeiffer. „Dabei hat es uns bloß pressiert.“ Das Trio war auf dem Weg nach Sonthofen, wo der Geislinger sein allererstes Radrennen bestreiten sollte. Es hat ihm dann auch auf dem Sattel pressiert, denn der damals 22-Jährige gewinnt. Zahllose Erfolge sollten noch folgen für Erdings besten Radsportler aller Zeiten. Für den Spätberufenen.

Denn Pfeiffers Sportkarriere beginnt erstmal so wie bei vielen Kindern in Langengeisling. „Ich war zehn, als Barth Röslmair bei uns im Wohnzimmer stand und meinen Vater fragte, ob ich ins Fußballtraining kommen darf.“ Der junge Karl durfte. Er kickt leidenschaftlich gern – und viele Jahre. Wenn die Weiher zugefroren sind, spielt er zudem Eishockey. Stundenlang duelliert er sich auch in der Garage von Paul Hilger im Tischtennis mit dem späteren Eittinger Schulrektor. Das Ski fahren lernt er zwar erst mit 17, was seinen Erfolgen bei den Geislinger Vereinsmeisterschaften keinen Abbruch tut. Er ist eben Sportler durch und durch.

Der Beginn der Erdinger Rad-Ära

Kein Wunder also, dass er hellhörig wird, als ein Bekannter Rennräder zusammenschraubt. „Der Onkel von Alfred Piterna hat mir für 500 Mark mein erstes Rennrad gebaut“, erzählt Pfeiffer. Auch seine Spezln Hermann Faltlhauser und Norbert Hufschmid hätten damals welche bekommen, aber der eine blieb beim Fußball und war mit 36 noch Bezirksligaspieler, der andere kümmert sich im Bund Naturschutz um andere, sehr wichtige, Dinge. Für Karl Pfeiffer ist es aber der Startschuss einer ganz besonderen Karriere.

Aber Halt. Nicht so schnell. Da ist immer noch der Fußball. Bei einem Spiel seines FCL in Grünbach kommt Georg Baumgartner auf ihn zu. „Der Schorsch hat mich zum ersten Rennen überredet.“ Womit wir wieder in Sonthofen wären. 1977. Erster Wettbewerb, erster Sieg – und der zarte Beginn der späteren goldenen Erdinger Radsportära.

80er Jahre: TSV-Radsportabteilung mit 20 Lizenzfahrern

1978 gründet der TSV Erding seine Radsportabteilung. Günter Lassak, Chef der Erdinger Mercedes-Niederlassung und schon damals glühender Fan der Tour de France, ist die treibende Kraft. Er fördert in den kommenden Jahren die besten Erdinger Radrennfahrer. Schnell gewinnt die junge Abteilung an Profil. In den 1980ern verfügt der TSV über 20 Lizenzfahrer und gewinnt mehr Rennen als sämtliche Münchner Vereine zusammen, wie Pfeiffer erzählt.

Dazu muss man wissen: Es gibt Lizenzfahrer in der C-, B- und eben die A-Klasse. Pfeiffer steigt 1982 in diese höchste deutsche Amateurklasse auf. Zehn Jahre fährt er auf dem allerhöchsten Niveau in der A-Klasse. 46 seiner 371 Rennen gewinnt er. Sieben Mal siegt er bei Erdinger Radrennen. Dieses Punkterennen in der Innenstadt ist in den 1980ern das wichtigste Sportereignis im Landkreis. 3000 Zuschauer säumen 1983 die Straßen, als der Geislinger so viele Punkte einfährt wie kein anderer.

Das Kriterium ist nicht nur ein Publikumsmagnet, es ist auch unter den deutschen Radsportlern hoch angesehen. 1984 machen die sieben Bahnradfahrer des deutschen Olympiateams einen Abstecher von ihrem Trainingslager in Nürnberg. „200 Mark haben die damals bekommen“, berichtet Pfeiffer, „also 200 Mark insgesamt.“

Experte am Rad: Pfeiffer wusste sich immer schon bei Pannen zu helfen. Seit 1984 betreibt er ein Radsport-Geschäft.

„Ich bin damals wie im Delirium gefahren“, erzählt er von seinem Ritt im Feld der 150 Teilnehmer. „Jetzt müss ma aber mal Gas geben“, habe ein Münchner Fahrer zu ihm gesagt. Und dann fährt Pfeiffer Punkt um Punkt ein, landet auf Platz drei und wird von einem Zuschauer gefragt: „Warum fahren eigentlich die nach Los Angeles und nicht Sie?“

„Ich bin ganz froh, dass es so gekommen ist“, bilanziert Pfeiffer. Klar, er ist im Bayern-Kader, aber dass sich dort niemand um einen 26-Jährigen kümmert, sei doch klar gewesen. „Ich war doch schon viel zu alt. Zum Glück. Wer weiß, was Dr. Klümper für mich im Kühlschrank gehabt hätte“, sagt er und lacht. Nein, Doping, wäre für ihn – abgesehen von der sportlichen Unfairness – auch aus einem anderen Grund nie in Frage gekommen. „Ich habe nie was genommen. Das hätte ich mich schon gar nicht getraut. Ohne Arzt bist du doch völlig ahnungslos, was das für Folgen haben kann.“ Deswegen seien auch alle Tests für ihn nie ein Problem gewesen.

Im Feld mit Francesco Moser

Was er eher braucht, ist der verbale Schubs von Kollegen. Wie etwa 1982 beim ersten Erdinger Straßenrennen. Pfeiffer ist irgendwo im 200-Fahrer-Feld, als ihn fünf Runden vor Schluss ein Konkurrent anraunzt: „Was duast denn du do hinten?“ Und dann tritt Pfeiffer an. In Oberdorfen ist er schon unter den ersten Fünf. Am Bucher Berg geht er als Erster durchs Ziel.

Pfeiffer ist oft ganz vorn. In den Vereinsrennen sowieso. Da gewinnt er 178 der insgesamt 435 Rennen. Aber eben auch prestigeträchtige Wettbewerbe wie den Landshuter Straßenpreis, den er zweimal einfährt.

Wegweiser: Der kleine Florian zeigt Karl Pfeiffer, wo es lang geht.

Es geht aber nicht nur um Siege. Gern erinnert er sich an den Europa Grandprix in Innsbruck, wo 30 Profis, darunter Weltmeister Francesco Moser, starten. Trotzdem wird der Langengeislinger 22. in der Gesamtwertung. Bei der Schweizer Leimentalrundfahrt, an der auch Urs Freuler und Tony Rominger teilnehmen, wird er Siebter.

Pfeiffer liebt die Straßenrennen, „wenn du in der Spitzengruppe bist und die Freunde die Arschlöcher rausbeißen“. Ja, hart ist der Sport schon. Und extrem fordernd, „wenn du bei einem 100-km-Straßenrennen immer auf Anschlag zwischen 40 und 50 km/h fährst“.

Und er muss einiges verkraften. „Einmal fuhr ein betrunkener Motorradfahrer in die Spitzengruppe“, erzählt Pfeiffer. Es ist einer von drei tödlichen Unfällen während seiner Rennen. Oder der Massensturz bei der DM im Schwarzwald. Der Sohn von Radsportlegende Rolf Wolfshohl sei seitdem querschnittsgelähmt, erzählt Pfeiffer, der selbst in den Sturz verwickelt war. „Es war eine Abfahrt, und in der Kurve vor mir sind alle schon gelegen.“ Vollbremsung. Pfeiffer stürzt über den Lenker und hat Glück, dass er mit dem Kopf an die Schulter eines anderen Fahrer knallt (der sich dadurch das Schlüsselbein bricht) und nicht an die Felswand. Es herrscht Chaos, „aber die Sturzstelle wird schnell geräumt, „denn drei Minuten später kam schon das komplette Feld“. Abbruch? Nein. Pfeiffer selbst landet im Krankenhaus mit zwei gebrochenen Rippen, macht dann aber schnell Platz für andere, die es schlimmer erwischt hat.

Am Gampenpass platzt der Reifen

Schmerzhafter ist der Sturz am Gampenpass, als in einer Kurve der Vorderreifen platzt. „Am ganzen Körper hatte ich Abschürfungen. Zufällig kam gerade der Sanka vorbei und hat mich ins Krankenhaus gefahren.“ Die Haut hat sich an vielen Stellen am Körper verabschiedet. Die komplette Schulter – alles ist offen. „Aber der Schädel war nicht gebrochen“, weshalb ihn die Ärzte gleich wieder aus dem Hospital entlassen.

Oder da wäre noch das Rennen auf dem damals noch nicht freigegeben Autobahn-Teilstück nach Landshut, das vorher mit Drahtbürsten gekehrt worden ist. „Anscheinend haben die Maschinen Drähte verloren“, erzählt Pfeiffer. Er sei gemeinsam mit zwei Fahrern aus seinem Team unterwegs gewesen. Kurz vor dem Ziel setzen die beiden zum Spurt an, geraten bei Tempo 60 aneinander und stürzen. „Wir haben ihnen die Kehrdrähte einzeln aus dem Buckel gezogen“, so Pfeiffer.

Er selbst sei allein in einem Jahr sechsmal gestürzt, teilweise bei 60 km/h. „Du rappelst dich auf und machst weiter.“ Meistens. Man lerne schon auch die Krankenhäuser kennen, gibt Pfeiffer zu und erinnert daran, dass die Radsportler in den 1980ern noch keine Helme, sondern diese „Leder-Würschtel“ auf dem Kopf hatten. Was die abgehalten haben? „Naja“, mehr sagt Pfeiffer nicht dazu und weist daraufhin, dass es etwa beim Lange-Zeile-Kriterium schlimmer ausgeschaut habe, als es ist, wenn alle mit 45 Sachen um die Ecke fahren. „Alle fahren ja das gleiche Tempo. Das geht dann schon.“ Und überhaupt, sei er eigentlich glimpflich davon gekommen.

Polizist und Radl-Verkäufer

Seinen Kreuzbandriss, die langwierigste Verletzung, hat er sich beim Hallenfußball zugezogen. Im Dienstsport, denn Pfeiffer ist Polizeibeamter, macht Schichtdienst in der Inspektion in Ismaning. 1984 baut er nebenbei ein Radsportgeschäft auf. „Mein Geburtstagsgeschenk zum 29. war ein Gewerbeanmeldeschein“, erzählt er.

Dienst, Sport, Geschäft – eine Zeit lang fährt er dreigleisig. Bis zu 18 000 Kilometer sitzt er im Jahr im Sattel, an 28 Tagen des Monats, organisiert zudem Trainingslager auf Mallorca. Seine Frau Hanni hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um Sohn Florian, der 1978 auf die Welt kommt, während sich ihr Mann nach der Schicht nachts um drei auf der Dienststelle noch schnell das Gulasch aufwärmt, ehe er zum Bundesliga-Rennen nach Bad Homburg aufbricht.

Die Familie: Karl Pfeiffer (3. v. r.) mit (v. l.) seiner Schwiegertochter Julia, den Enkeln Hugo und Xaver (vorne), den Söhnen Florian und Hansi, Ehefrau Hanni, Tochter Amelie und Sohn Philipp.

Finanziell rechnet sich das nicht. „Ich habe im Jahr 2000 bis 3000 Mark Prämien eingefahren, aber 5000 Mark verbraucht“, rechnet er vor. Lange zahlt sich das Ganze nur rein sportlich aus – zum Beispiel bei jenem Punkterennen in Schleißheim, als er mit Thomas Bart einen Weltmeister des DDR-Bahnvierers hinter sich lässt. Pfeiffer ist eine große Nummer.

In den 1990ern tritt er kürzer. Seine weiteren Kinder Hansi, Philipp und Amelie kommen auf die Welt. 1998 wird er zwar noch Bayerischer Seniorenmeister, „aber die Schwerpunkte haben sich da längst verändert“.

Längst ist er aus dem Polizeidienst ausgetreten. Aus seinem aus allen Nähten platzenden Radsportlager an der Alten Römerstraße ist ein großes Radsportgeschäft mit 500 Quadratmeter Verkaufsfläche an der Wartenberger Straße geworden, das er 2004 eröffnet und das weit über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt ist.

Immer wieder mal trifft Pfeiffer Konkurrenten von damals, die ebenfalls im Radsportgeschäft sind. Wie etwa der Schwabe Heinz Kargl, der natürlich nicht vergessen hat, wie das damals bei seinem Heimatrennen in Augsburg war. Und ja. Natürlich kann sich auch Karl Pfeiffer noch daran erinnern. „Wir hatten 180 Kilometer hinter uns. Der Wind kam von links. Ich blieb rechts. Und 250 Meter vor dem Ziel habe ich durchgezogen.“ Und wieder mal sahen die Gegner nur noch den Hinterreifen des Geislingers.

Dieter Priglmeir

„E-Bikes – die sind perfekt“

Niemand hat die Entwicklung im Radsport so genau verfolgen können wie Karl Pfeiffer. An ein Comeback der Erdinger Erfolge im Rennsport glaubt er nicht. „Dafür fehlt die Basis. Es gibt schlichtweg kein Interesse am Wettkampf", sagt er.

Technisch sei dagegen alles richtig gut gelaufen. „Mein erstes Mountainbike war nicht mehr als ein Radl mit drei Kettenblättern, ohne besondere Federung.“ Beim ersten Rennen „hat es mich auf der geschmissen“, erzählt er und fügt grinsend hinzu: „Dennoch habe ich gewonnen."

Natürlich habe er auch an vielen Querfeldeinrennen teilgenommen. Pfeiffer erinnert sich an einen Wettkampf zur Vorbereitung auf die WM auf dem Münchner Olympiagelände: „Da bist du teilweise in 70 cm hohen Schnee geraten.“ Klaus-Peter Thaler, der mehrfache Weltmeister, sei mit seinem Radl einfach über 80 cm Oxer gesprungen. „Wahnsinn, ich habe höchstens 20 cm geschafft“, sagt der Langengeislinger, der regelmäßig mit Freunden zum Giro in die Dolomiten fährt, um dort die Atmosphäre zu genießen. „Da treffen sich schon Tage vor der Etappe bis zu 400 00 Leute, schlagen ihre Zelte auf und feiern.“

Rund 30 Prozent seiner verkauften Räder sind E-Bikes. „Die sind perfekt. Viele Menschen erleben nun ganz neue Dinge. Mit dem Auto hältst du halt nicht so schnell an einer schönen Seitenstraße und siehst sie dir an.“ Und noch einen angenehmen Nebeneffekt hat das Ganze. Er kann jetzt Touren mit seiner Hanni unternehmen. Karl Pfeiffer: „Das ist herrlich. Vorher sind wir 30 Jahre nicht mehr miteinander Rad gefahren.“ pir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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