Bildschirm und Technik statt voller Trainingsraum: Die Erdinger Kickbox-Trainer Lena Klupp und Peter Lutzny zeigen hier vor der Kamera eine Partnerübung im KBV-Online-Training.
+
Bildschirm und Technik statt voller Trainingsraum: Die Erdinger Kickbox-Trainer Lena Klupp und Peter Lutzny zeigen hier vor der Kamera eine Partnerübung im KBV-Online-Training.

Kickboxen online

Kampfkatzen vor den Bildschirm locken

Kickboxen in der digitalen Welt bedarf zahlreicher Vorbereitungen, kann aber durchaus zum Erfolg werden.

Erding – Dies beweist derzeit der Kickboxverein (KBV) Erding, der für junge Kampfkatzen und auch für erwachsene Mitglieder ein abwechslungsreiches Live-Training im Internet anbietet.

Im Lockdown ist dies für fast alle 630 Vereinsmitglieder die einzige Möglichkeit, ihrem Sport nachzugehen. Lediglich die Erdinger Vertreter aus dem Landes- und Bundeskader dürfen unter Auflagen noch in Präsenz trainieren, worüber der KBV sehr froh ist.

Als der erste Lockdown und das damit verbundene Sportverbot im März 2020 in Kraft trat, war sich der Verein schnell einig, ein alternatives Videostreaming anzubieten, berichtet Sportcenter-Chef Heinz Klupp (64). Den Verantwortlichen fiel das anfangs aber gar nicht so leicht. „Wir hatten das ja noch nie gemacht und mussten überlegen, wie wir digital entertainen und das Training ohne Publikum mitreißend gestalten können.“ Mit der Zeit kam allerdings die Routine, und es entstand ein ähnlich umfangreiches Programm wie im aktuellen Lockdown.

Sichtlich stolz ist Klupp, dass sich seine Tochter Lena aktiv im Vereinsbetrieb beteiligt. Die 24-Jährige übernimmt die Terminplanung der Online-Kurse via Zoom, kümmert sich um die Technik und betreut die KBV-Profile in den Sozialen Netzwerken Facebook und Instagram. Auf ihre Initiative hin wurden im ersten Lockdown zudem einige Modernisierungs- und Umbaumaßnahmen durchgeführt.

Als beim Breitensport wieder gelockert wurde, starteten die Kickboxer im Juni mit Outdoor-Training und verschiedenen Stationen. Stufenweise wurde der Betrieb in den geschlossenen Räumen mit einem Hygienekonzept wieder hochgefahren. „Das hat immer gut geklappt“, erläutert Heinz Klupp. Tochter Lena ergänzt: „Alle waren wieder richtig gerne da. Umso schlimmer war dann für uns der zweite Lockdown.“

Cheftrainer Peter Lutzny (61) hat bereits früh geahnt, dass die Einschränkungen nicht im Dezember enden werden. Der KBV hat sich deswegen seit November wieder auf die Zoom-Online-Kurse spezialisiert und versucht, diese abwechslungsreich zu gestalten.

Neun Termine gibt es im aktuellen Wochenplan, darunter zweimal das Kickboxen für Erwachsene. Verschiedene Schlagkombinationen oder Übungen für Kraft, Ausdauer und Koordination werden dort vorgegeben, unter anderem mit dem vom Verein spendierten Widerstandsband.

Eine neue Idee sind Partnerübungen, beispielsweise mit einem anderen Familienmitglied. „Übungen weiß man viele, aber man muss sich schon überlegen, welche digital geeignet sind“, sind sich Lutzny und Klupp einig.

Mittwochs ist das virtuelle Bodystyling. Beim KBV-Spezial-Training gibt es immer ein anderes Motto, wie Pilates oder das Intervallprogramm Tabata. Auch Erdings Eigengewächs Simon Zachenhuber hat schon Ausschnitte seines Profiboxtrainings präsentiert.

Noch intensivere Vorbereitung benötigen die fünf Kinderkurse für die ganz jungen Kampfkatzen und die etwas älteren Allstyler. „Wir müssen hier noch bildlicher und emotionaler sein als in Präsenz, damit wir die Kinder vor dem Bildschirm für uns gewinnen“, sagt Lena Klupp. Ihr Vater ergänzt, dass das Training „abenteuerlicher aufgebaut“ ist und allgemeine Themen wie etwa Schnee besprochen werden. Kürzlich durften beim Eltern-Kind-Training auch die Erwachsenen schwitzen.

Einzige Präsenzsport-Ausnahme gilt für die acht Erdinger Kickboxer aus dem Bundes- und Landeskader. Deren Übungstermine sind vom Innenministerium erlaubt – natürlich unter Auflagen wie dem wöchentlichen Corona-Test. Durch eine Kooperation mit dem Leistungszentrum in Deggendorf gibt es vier Trainings pro Woche. „Ich bin aktuell mehr als zufrieden, unsere Kader-Leute machen im Moment keinen Rückschritt“, berichtet Bundestrainer Lutzny.

Während des gesamten Präsenzbetriebs im vergangenen Jahr sei das Erdinger Sportcenter coronafrei gewesen. Erst vor wenigen Wochen habe es drei Erdinger beim Bundeskader-Training in Deggendorf erwischt. Alle haben den Virus aber mit leichten Symptomen überstanden. „Mit dieser Gefahr müssen wir einfach leben“, erklärt Lutzny.

Der 61-Jährige ist heilfroh, mit seinen Wettkämpfern trainieren zu dürfen, denn die Konkurrenz schläft nicht. „Wenn wir jetzt komplett runterfahren würden, könnten wir das international nicht mehr aufholen“, sagt er. Viele andere europäische Länder trainieren weiter, teils mit weniger Einschränkungen. In Russland und Finnland gibt es laut Lutzny sogar Wettkämpfe. Erdings Cheftrainer vermutet, dass Turniere in 2021 eher regional ausgetragen werden.

Von den anderen KBV-Mitgliedern werden die Online-Kurse gut angenommen. Meistens seien 15 bis 20 Personen dabei, bei den Kampfkatzen oft über 40. Der Verein selbst ist soweit zufrieden. Heinz Klupp würde sich wünschen, dass noch mehr Mitglieder beim Training ihre Webcam einschalten, damit man bei Übungen unter Umständen korrigieren könne. „Und wir kommen uns vor der Kamera auch nicht so alleine vor“, ergänzt Tochter Lena.

Der KBV hofft, bald wieder mit Präsenzsport starten zu dürfen – wenn auch zuerst wieder nur im Freien. Heinz Klupp betont die Wichtigkeit des örtlichen Trainings: „Erfahrene Trainer können ihre volle Stärke nur in Präsenz zeigen – wie ein Musiker.“

Markus Ostermaier

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare