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Das Sportstudio, das noch niemand kennt: Linda (l.) und Lena Rannetsperger in ihrem neuen Vitalis Fitnessclub in Dorfen. Das Studio direkt neben der Autobahn wartet seit Monaten auf seine Eröffnung.   

Die Folgen den Pandemie

Die Lage der Erdinger Fitnessstudios: Stetiger Muskelschwund

Nach sechs Monaten Zwangspause geraten die Fitnessstudios im Landkreis an ihre Grenzen. Sie sind enttäuscht von der Politik und sorgen sich um die Gesundheit ihrer Mitglieder.

Landkreis– Seit mittlerweile sechs Monaten haben Fitnessstudios jetzt schon geschlossen. Und auch die jüngsten Beschlüsse der Staatsregierung zu Lockdown-Lockerungen brachten keine neue Perspektive. Der Unmut darüber ist bei den Inhabern im Landkreis Erding sehr groß. Alle Studios organisieren für ihre Mitglieder Online-Kurse, dennoch sind Austrittstrends erkennbar. Die Sportler hoffen auf eine baldige Öffnung, denn mit den finanziellen Hilfen sind sie großteils unzufrieden.

Der Sportpark Schollbach organisiert einige Online-Live-Kurse wie Zumba, Piloxing oder ein Sixpack-Training. Die Kunden seien relativ treu, aber wie in allen Studios mache sich bemerkbar, dass im Lockdown die Austritte nicht durch Neuaufnahmen ausgeglichen werden. „Es wird Jahre dauern, das wieder aufzufangen“, meint Sportpark-Inhaber Erhard Schloderer. Generell hadert er mit der langen Zwangsschließung: „Der Winter ist die wichtigste Zeit und bringt uns normal über den Sommer.“

Renovierungen führte Schollbach bereits 2020 durch. Notgedrungen musste im Winter eine neue Lüftungsanlage eingebaut werden. Schloderer würde eine längerfristige Perspektive der Politik begrüßen. Als Lockerungen in Aussicht gestellt wurden, stürzte sich der Sportpark in Vorbereitungen – letztlich vergebens. „Das Planen ist so ganz schwierig, und das kostet alles Geld.“

Hans Enzinger ist Geschäftsführer von zwei Firmen, die die Fit & Fun-Studios in Dorfen und Wasserburg, den Sportpark Taufkirchen sowie die My Fit Station Dorfen betreiben. „Wir existieren schon lange und sind nicht von der Pleite bedroht, aber haben viel verloren“, erklärt Enzinger. Für die staatlichen Entscheidungen zur Sportbranche hat er kein Verständnis und nennt die Namen übergewichtiger Politiker. „Die sind selbst höchstgefährdet. Die Politik ist ahnungslos und hat keinen Bezug zu uns.“

Enzinger berichtet, dass sich vor allem bei älteren Mitgliedern der Gesundheitszustand im Lockdown sehr verschlechtert habe. „Sie bauen geistig und physisch ab, und die Gewichtszunahme ist ein Riesenproblem.“ Insgesamt seien die Mitglieder seiner Studios aber sehr treu. Zum Beispiel wurden Spinningräder verliehen. Die Resonanz der Online-Kurse sei aber tendenziell rückläufig.

Durch Terminvereinbarungen können Mitglieder des Finest Fitness in Moosinning ein Personal Training im Freien absolvieren. Sogar bei Minustemperaturen wurde das Angebot genutzt, berichtet Leiterin Daniela Reuss. „Die Kunden kommen sehr fleißig, und auch die Arbeitsstelle der Mitarbeiter ist dadurch gesichert.“ Auch der Auszubildende kann, wie in anderen Studios, weiter beschäftigt werden. Neben virtuellen Sport-Kursen gab es bereits einen digitalen Kochkurs, oder die Angestellten unterhalten sich in Live-Streams über Themen wie Ernährung. Die Mitglieder-Fluktuation ist deswegen nur minimal höher als gewöhnlich, informiert Reuss. Aktuell werden im Studio gerade Luftfilter eingebaut. Die Chefin denkt zudem über eine digitalisierte Eingangstheke nach.

Beim Body & Soul Erding erfolgten im Lockdown keine Renovierungen, da dies bereits in den Vorjahren erledigt wurde. Nur notwendige Instandhaltungen und Wartungen werden derzeit regelmäßig durchgeführt, informiert Marketingleiterin Tina Schmidt. Viele Angestellte können derzeit nicht beschäftigt werden, es soll jedoch keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Über die Entwicklung der Mitgliederzahlen gibt Schmidt keine Auskunft.

Ursprünglich im Januar wollte die Familie Rannetsperger, die auch in Ampfing ein Studio betreibt, in Dorfen ihren Vitalis Fitnessclub eröffnen. Die Entscheidung dazu fiel Anfang März 2020. Längst ist in dem neuen Sportcenter direkt neben der A 94-Ausfahrt alles fertig.

Lena Rannetsperger bedauert, dass es für ihre Eröffnung keine richtige Perspektive gibt. Denn nicht nur neue Mitarbeiter stünden in Dorfen bereits in den Startlöchern, sondern bereits 200 Mitglieder. „Wir versuchen, diese motiviert zu halten“, erklärt Rannetsperger, beispielsweise mit Online-Terminen und -Kursen.

Alle Studios sind noch unsicher, wann sie (wieder) aufsperren dürfen. Sie hoffen nach Pfingsten oder im Juni. Zu den Finanzhilfen sagt Rannetsperger: „Der Umsatzausfall ist einigermaßen gedeckelt und reicht zum Überleben.“ Andere Studios sprechen die nicht eingehaltene Höhe der Hilfe an. „Alles kam später als angekündigt und nicht in dieser Fülle. 75 Prozent klappt nie mit den vielen Abzügen“, sagt Schloderer aus Schollbach. „Aber wir kommen mit dem und der Kurzarbeit über die Runden.“

Von der Politik werde viel mehr versprochen, als wirklich stattfinde, kritisiert auch Schmidt von Body & Soul. „Wir sind schwer enttäuscht.“

Enzinger nennt sogar seine konkreten Verluste aus dem ersten Lockdown. Seine Sportstudios und Gastronomie- und Event-Firmen verursachen in drei Monaten insgesamt 810 000 Euro Fixkosten. Dafür hat er lediglich 60 000 Euro Soforthilfe bekommen. Die Dezember-Hilfe habe er kürzlich erhalten, die Überbrückungshilfe drei ab Januar ist wegen der stetigen Änderungen noch nicht einmal beantragt.

Mehrere Betreiber betonen, dass der Sport in einer Pandemie wichtig wäre, um das Immunsystem zu stärken. Lena und Linda Rannetsperger befürworten, nicht nur als Freizeiteinrichtung eingestuft zu werden, „sondern als Bestandteil des Gesundheitssystems“.

VON MARKUS OSTERMAIER

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