Bayerns Hans Bruckmeier mit Michael Karst und Willi Holler, 1974
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Bayerns Raute immer am Mann: Hans Bruckmeier (l.) mit Michael Karst (später Europameister auf der Hindernis-Strecke, Opfer des Olympia-Boykotts 1980) und Willi Holler (r.) nach einem Crosslauf 1974 in Luxemburg.

Erdings Top 100

Hans Bruckmeier: Langstreckenläufer und Fußball-Freigeist

  • Dieter Priglmeir
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Hans Bruckmeier kickte nur mit der Zehn auf dem Rücken. Aber erst als Läufer startete er durch.

Eichenried – Thomas Wessinghage ist 22-facher Deutscher Meister über 1500 Meter. Seine 3:31,58 Minuten sind noch heute deutscher Rekord. Ausgerechnet gegen ihn muss Hans Bruckmeier ran an jenem 28. September 1975 in Bad Godesberg. Es ist das DM-Finale über die 4 x 1500-Meter-Staffel und zugleich das große Duell zwischen Bayer Leverkusen und der LAC Quelle Fürth. „Schau, dass der Rückstand nicht zu groß wird“, redet Trainer Toni Adam auf seinen Schützling ein. Auf jenen Jungspund, der es sich als Bub nie im Traum hätte vorstellen können, auf einer Laufbahn zu stehen – ohne Ball!

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Bevor Bruckmeier 15 bayerische Meistertitel als Mittel- und Langstreckenläufer sowie zweimal DM-Gold holt, findet sein Leben auf der Meinger Wies’ statt. Dort, wo eben jeder Altenerdinger Bub Fußball spielte. „Dieter Brenninger, Willi Grimmer, Ossi Schumacher – alle haben hier gespielt, bis es dunkel war oder uns der Bauer mit dem Bulldogg vertrieben hat“, erzählt er. Selbst Sepp Maier sei hier im Tor gewesen. Die Meinger Wies’ war der Vorhof zur SpVgg, bei der er sich als Zehnjähriger anmeldet. Sein erstes Spiel? „Ein 1:11 gegen den TSV Erding. Ich war Linksaußen, und meine einzige Ballberührung hatte ich bei einem Einwurf.“ Später wird der heute 70-Jährige beim 7:2 der A-Jugend gegen 1860 München fünf Tore schießen und zu einem Probetraining eingeladen.

Bruckmeier wird ein sehr guter, und vor allem sehr selbstbewusster Fußballer, der ausschließlich mit der 10 auf dem Rücken aufläuft. Einer, der den großen Bayern-Spieler Dieter Brenninger durchaus nervt, weil er einen eigenen Fanclub im Stadion hat und den Ball mit dem Hintern stoppt („Da hat mich der Mucki sofort ausgewechselt“). Und er ist einer, der zum TSV Erding wechselt, als er mal in Altenerding nur zweite Wahl ist. Zudem ist der TSV damals die erste Nummer im Landkreis. Unter Trainer Walter Will Wagenbauer und Spielern wie Andre Wörner und Detlef Kasdorf schafft es die neue Nummer zehn bis in die Bezirksliga, die damals fünfte Liga – wenn er nicht gerade als Läufer unterwegs ist.

Keine Waldlaufmeisterschaft – „Mein Vater hat es mir verboten“

15 Jahre ist Hans Bruckmeier, als er sich für die Kreis-Waldlaufmeisterschaft im Erdinger Stadtpark anmelden will. „Das waren nicht nur Läufer aus Erding. Das ging bis nach Starnberg“, erklärt Bruckmeier, der dann doch nicht lief. „Mein Vater hat es mir verboten. ,Da blamierst du dich bloß‘, hat er gesagt.“ Der junge Hans spurt – und im folgenden Jahr macht er einfach heimlich mit. Aber es kommt raus, denn er gewinnt die Jugendkonkurrenz.

Fünf Tore erzielt Hans Bruckmeier (r.) gegen die Löwen und wird zum Probetraining eingeladen, das er nie mitmacht.

Und so geht das weiter mit seinen Auftritten. Als bei einem Vergleichskampf zwischen Erding, Burghausen und Starnberg ein 1000-Meter-Läufer fehlt, heißt’s: „Fragt’s den Brucki.“ Der tritt an, „mit 3-Mark-Stoffturnschuhen“, und gewinnt mit 40 Metern Vorsprung und einer Zeit von 2:45 Minuten. „Damit bist du ganz weit oben in der Bestenliste“, meint ein Trainer begeistert. „Aber das hat mich weder interessiert, noch wusste ich, was eine Bestenliste ist.“

Mit 17 wird Bruckmeier zielstrebiger, trainiert während der Fußballpause, wird Oberbayerischer Jugendmeister über 1500 Meter und Vierter bei der bayerischen Meisterschaft in Nürnberg. Inzwischen ist Jürgen Mallow auf ihn aufmerksam geworden – ein Trainer, der die deutsche Leichtathletik in den kommenden Jahrzehnten prägen wird. Er überredet das Lauftalent auch, das Löwen-Training sausen zu lassen. Bruckmeier, eingefleischter Sechziger, trifft sich im Löwen-Stüberl mit Trainer Hans Pilz (Nachfolger von Max Merkel), nimmt aber dann doch lieber an der deutschen Jugendmeisterschaft der Leichtathleten teil. „Da habe ich mich immer mehr vom Fußball entfernt“, erinnert er sich.

Schneller, immer schneller

Mit 18 die nächste wichtige Erfahrung. Bei der Bahneröffnung in Trostberg läuft Bruckmeier erstmals die 5000 Meter. In 15:45 Minuten. Er wird Zweiter in einem Hochkaräter-Feld und erkennt: „Das geht ja viel leichter als über 1500 Meter.“ Schnell steigert er sich auf 15:25 min, stößt dann erstmals an seine Grenzen. Bis er von 15:25 auf 15:15 kommt, dauert es drei Jahre. Danach geht’s wieder schnell: 15:05 und in Sindelfingen bei der süddeutschen Meisterschaft 14:42 Minuten.

Mein erstes Spiel? Ein 1:11 gegen den TSV Erding. Ich war Linksaußen, und meine einzige Ballberührung hatte ich bei einem Einwurf.

Hans Bruckmeier

Zu dieser Zeit trainiert er bereits in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, wo ein gewisser Klaus Wolfermann seine Speere schmeißt (und 1972 Olympiagold holt). Wie wichtig das Trainingsumfeld ist, bekommt Bruckmeier zu spüren, als der gelernte Maler im heimischen Betrieb arbeitet. Er ackert auf der Baustelle, zieht dann sein Trainingsprogramm durch, fällt um neun Uhr müde ins Bett – und wird bei der Waldlaufmeisterschaft nur Zweiter. „Im Erdinger Stadtpark. Gegen den Fischer aus Ingolstadt. Das war Majestätsbeleidigung“, schimpft er. Vor der Oberbayerischen in Rosenheim nimmt der Altenerdinger eine Woche Urlaub und läuft danach alle in Grund und Waldboden. 200 Meter Vorsprung habe er vor Fischer gehabt, erzählt er. Seine Konsequenz daraus: Er erklärt seinem Vater, dass er im heimischen Malerbetrieb nicht mehr mitarbeiten werde. Zeitgleich flattert ein Schreiben der LAC Quelle Fürth ins Haus: Bruckmeier soll Teil des Läuferteams werden, ein Adelsschlag für jeden Leichtathleten.

Der damals 21-Jährige zieht in eine Sportler-WG („Die hieß Kommune 1, weshalb die Nachbarn ein halbes Jahr nicht mit uns sprachen“). Er trainiert wie ein Profi, was man anfangs von der Ernährung nicht sagen kann: „Montags Leber für 3,30 DM, dienstags Hendl für 3,60 DM, mittwochs wieder Leber – wir haben gegessen, was günstig war.“ Klar, arbeiten habe man auch müssen. „Wir hatten eine Persilschachtel voller Sammelbestellungen, die wir nach Postleitzahlen sortierten.“ Ein Vierteljahr macht er das mit. Dann bittet er um eine „anspruchsvollere Arbeit“. Prompt wird ihm eine kaufmännische Ausbildung angeboten – die beruflichen Weichen sind gestellt.

Nur die Kubaner waren locker drauf

Sechs Jahre ist Bruckmeier bei Quelle Fürth, macht Trainingslager bis an der albanischen Grenze mit, lernt bei Wettkampfreisen osteuropäische Athleten kennen. „Die Russen, Polen oder Tschechen hatten mehr Funktionäre als Athleten dabei. Die Läufer haben nur im Wald mit dir gesprochen, wenn sie das Gefühl hatten, nicht beobachtet zu werden. Die einzigen, die locker drauf waren, waren die Kubaner.“

Mit seiner Lebensgefährtin Susie Falkenstein erinnert sich Hans Bruckmeier gern an alte Zeiten.

Und dann fallen Bruckmeier die Sätze von Toni Adam ein: „Es gibt außer dem Sport noch andere schöne Dinge. Du wirst nicht schlechter, nur weil du lockerer bist.“ Adam ist sein Trainer in Fürth. „Er ist der, der mich entscheidend geprägt hat.“ Der Erste, der auf die menschliche Schiene Wert gelegt habe. „Ich kenne viel Sportler, die wie die Apostel gelebt haben und danach mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten.“

Bei aller Lockerheit: Bruckmeier trainiert eisern, erhöht seine Intensität von 100 Kilometern pro Woche auf 120 und dann 140 km. Die Belohnung: von 14:45 steigert er sich auf 14:15 min bei einem 5000-Meter-Lauf in Augsburg.

Mysteriöse Spritze: Zwei Tage große Schmerzen, dann die Heilung

Verletzungen? Kennt er nicht, bis ihn die Achillessehne zwickt. Bruckmeier erinnert sich an einen Termin beim umstrittenen Prof. Klümper. „Da haben Sportler im Warteraum übernachtet, um einen Termin zu bekommen.“ Klümpers Diagnose: „Sie haben Plattfüße. Sie könnten übers Moor gehen, ohne einzusinken.“ Der Wunderarzt kommt mit der großen Spritze („Ich weiß bis heute nicht, was das war“), prophezeit dem Läufer zwei Tage große Schmerzen und dann die Heilung. „Genauso war’s“, erzählt Bruckmeier, der sein Pensum weiter erhöht und auf 170 Kilometer die Woche kommt, ehe ihm der Hindernis-Spezialist Michael Karst einen Tipp gibt: „Umfänge reduzieren, Belastung erhöhen!“ Im Klartext heißt das fünf 1000-Meter-Läufe in jeweils 2:37 Minuten. Die nächste Leistungsexplosion. Bruckmeier läuft die 3000 Meter in 8:04 und schließlich die 5000 Meter in 13:59 min. Erstmals unter 14 Minuten. „Im gleichen Minuten-Bereich wie der damalige Weltrekord von Henry Rono“, erzählt er. „Das war mir wichtig.“ Bruckmeier ist in der Form seines Lebens. Mit seinen Kollegen von Quelle Fürth gewinnt er die deutschen Crossmeisterschaften.

Ich war nie auf zweitklassigen Sportfesten, um Pokale abzusahnen. Starke Gegner, gute Zeiten, das waren meine Ziele.

Hans Bruckmeier

Die größte Herausforderung sind aber die eingangs erwähnten 4x1500-Meter von Bad Godesberg. Er also gegen Wessinghage. Leverkusen ist der haushohe Favorit. Nach Harald Schmaus, der einen Vorsprung herausläuft, muss Bruckmeier ran, gehetzt vom 5000-Meter-Europameister. Als Wessinghage an ihm vorbeizieht, bleibt der Altenerdinger ruhig, lässt die Lücke nicht zu groß werden. Denn nach ihm kommt mit Günter Zahn ein gewiefter Läufer, der den losspurtenden unerfahrenen Leverkusener Jungspund eine Lektion erteilt und einen mächtigen Vorsprung herausarbeitet, den Willi Holler gegen Paul Wellmann (Olympiabronze in Montreal) nach Hause läuft. „Mein größter Erfolg“, sagt Bruckmeier, der betont: „Ich war nie auf zweitklassigen Sportfesten, um Pokale abzusahnen.“ Starke Gegner, gute Zeiten, das wären seine Ziele gewesen.

Dass er bereits mit 26 Jahren den Leistungssport beendet, hat berufliche Gründe. Er wechselt zu einer Handelsagentur für Haushaltswaren, zieht nach Altenerding und spielt wieder Fußball. Ganz hatte er eh nie aufgehört. Bei Quelle Fürth spielt er – natürlich als Zehner – unter Trainer Herbert Erhard, einst Deutschlands Kapitän bei der WM 1962 und Teamkollege beim FC Bayern von Franz Beckenbauer, dessen Leichtfüßigkeit er nicht mochte. „Wir durften nie mit dem Außenrist spielen“, erzählt Bruckmeier grinsend.

Erfolgstrainer mit 50

Zurück in Altenerding hat er mit der SpVgg eine wilde Zeit: Abstieg in die B-Klasse, Rückkehr in die A-Klasse, Aufstieg in die Bezirksliga, sofortiger Abstieg. Zudem wird er Leichtathletik-Trainer der LAG Mittlere Isar, baut die erfolgreichste Laufgruppe weit und breit auf. 20 Jahre formt er Mittel- und Langstreckler, macht Robert Meindl zum Deutschen Crossmeister und Susanne Falkenstein zur Doppelweltmeisterin (Frauen 35, 800 Meter und 4 x 400-Meter-Staffel). Er hatte sie bei einem Handballspiel entdeckt: „Du wärst eine gute Mittelstrecklerin.“ Längst ist sie auch seine Lebensgefährtin, die ihn sich mit dem Fußball teilt.

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Denn mit 50 wird er auch noch Fußballtrainer. Zuerst bei der SpVgg, die er aus der C-Klasse in die A-Klasse führt. SpVgg Altenerding, SV Wörth, TuS Oberding – überall sind es stets lange Engagements. „Insgesamt bin ich neunmal aufgestiegen“, zählt Bruckmeier auf, der inzwischen in Eichenried wohnt. Aufstieg zehn könnte mit der DJK Ottenhofen folgen, seiner derzeitigen Trainerstation. Der Mann hat eben einen langen Atem.

Dieter Priglmeir

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