Florian Maurer (l.) und Christian Zach mit ihren alten Highspeed-Skiern und den dazugehörigen Ausrüstungsgegenständen.
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Fühlt sich immer noch gut an: Florian Maurer (l.) und Christian Zach mit ihren alten Highspeed-Skiern und den dazugehörigen Ausrüstungsgegenständen.

Erdings Top 100

Florian Maurer und Christian Zach: Mit 200 Sachen den Berg hinunter

Florian Maurer und Christian Zach zählten zu den besten Speedskifahrern Deutschlands. Bei den Olympischen Winterspielen 1992 rasten sie mit rund 200 Stundenkilometern die Piste runter.

Moos/Granting – Sie galten für viele als „Wahnsinnige“ und „Lebensmüde“. Auch die Fernsehmoderatoren machten wenig Hehl daraus, dass Highspeed-Ski-Racing, also Geschwindigkeitsskifahren, für sie keine ernst zu nehmende Sache war. Aber Florian Maurer aus Moos und Christian Zach aus Granting (Gemeinde Taufkirchen) nahmen es sehr ernst. Die beiden heute 56-jährigen Freunde schafften es als deutsche Teilnehmer zu den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville, wo das Geschwindigkeitsfahren als Demonstrationswettbewerb ausgetragen wurde (siehe Kasten unten). Maurer raste damals die Piste in Les Arcs, die 70 Prozent Gefälle hat, mit 201,794 Stundenkilometer hinunter – das war (wieder einmal) deutscher Rekord. Damit wurde er 29., Zach landete mit 194,280 Stundenkilometer auf Platz 32.

Zwoa wuide Hund: Florian Maurer (l.) und Christian Zach machten als junge Burschen die Pisten unsicher.

Dass die beiden zu dieser Sportart kamen, war ein Zufall. Maurer hatte 1985 einen Beitrag bei „Sport am Montag“ im ORF über die in Deutschland noch unbekannte Sportart gesehen und war fasziniert. Für beide sollte es die Möglichkeit sein, aus ihrer „kleinen Skifahrer-Depression“ herauszukommen. Denn die beiden waren große Talente, aber die professionelle Förderung fehlte, um schon früher große sportliche Erfolge zu erzielen. Eigentlich hatten sie zu diesem Zeitpunkt ihre Skikarriere schon fast abgehakt.

Gelernt haben die Beiden das Skifahren in den „Wetzlinger Alpen“, gleich ums Eck, wo sie als dreijährige Buben schon erste Rennen austrugen. „Wir sind runter gebrettert, dass es grad gepfiffen hat. Bei der letzten Schussabfahrt ging es immer schon darum, wer am schnellsten war“, erzählt Zach. Als Jugendliche waren sie als Mitglieder der Skiabteilung des TSV Velden bei den Skirennen in den Landkreisen Erding und Landshut vorne dabei. Damals war Zach erfolgreicher. Mit 17 wurde er schon Veldener Vereinsmeister und behauptete sich gegen die erwachsenen Konkurrenten.

Erste Rennen mit den Loch-Skiern

„Wir wollten immer schon richtige Abfahrten fahren“, sagt er. Weil sich aber keine Möglichkeit ergab, nahmen sie an Volksabfahrten in Söll, Hopfgarten oder beim Davos Parsenn-Derby teil. Diese fuhren sie mit den damals ganz populären Loch-Skiern und Motorradhelmen, alles aus der eigenen Tasche finanziert. „Sakradi, gings da obe. Wir waren schon greenhorn-mäßig unterwegs“, sinniert Zach und erzählt, wie es ihn beim Training auf der Kandahar in Garmisch „so gschmissen hat, dass i denkt hab, i bin tot“. Und Maurer erinnert an seine nächtlichen Stürze, die er ohne größere Blessuren überstanden hat.

Es ist eine mentale Geschichte, der Stress, die Anspannung, man weiß ganz genau, dass es nach 50 Metern keine Umkehr mehr gibt.

Florian Maurer schildert die Gefühle unmittelbar vor dem Start

Mit 20 Jahren waren sie aber doch, trotz einiger Trainingseinheiten mit C- und B-Kaderläufern des Landesverbands München, zu alt für eine Karriere als Profi-Abfahrtsrennfahrer, stellten sie frustriert fest. „Damit hatte sich für uns die Geschichte erledigt. Es war ein bitterer Moment.“ Das war 1984/85.

Dann sah Maurer den „ominösen“ Sportbericht über Highspeed-Ski-Weltmeister Gerhard Pottler, kontaktierte ihn und fuhr kurze Zeit später mit seinem Bruder Hans nach Les Arc (Frankreich), um ein Highspeed-Rennen live zu verfolgen. Pottler organisierte, dass er als Vorläufer mit seinen knallgelben Abfahrtsskiern runter rasen durfte – mit knapp 160 Stundenkilometern. Dann war es um den damals 22-Jährigen geschehen. Als erstes rief er daheim bei Zach an, erzählte ihm, wie brutal es dort runter ging, und dass ihm durch den Winddruck der Helm hoch- und die Skibrille in die Augen gerutscht sei, sodass er fast nichts mehr gesehen habe.

Aerodynamische Helme und Anzüge aus vulkanisiertem Latex

In der Schweiz besorgten sie sich aerodynamische Helme und Anzüge aus „vulkanisiertem Latex, aber sehr dicht und elastisch und alles brutal teure Sonderanfertigungen“, erklärt der Grantinger. „Highspeed ist eine Materialschlacht und kostet richtig Geld.“ Schwierig sei es anfangs gewesen, Trainingsstrecken zu finden. Trotzdem waren sie bei den ersten Rennen „schon ziemlich gut dabei“, in Le Crosets oder auch Val Thorens kamen sie sogar unter die ersten Zehn – obwohl beide bei den Finalläufen, an der gleichen Stelle einen Sturz hinlegten. Maurer schlitterte über den angrenzenden Speichersee: „Da hab ich alles verloren, Skier, Spoiler, Helm, gut, dass der zugefroren war, sonst wäre ich wahrscheinlich abgesoffen“, erzählt er grinsend. Der ganze Rücken sei blau gewesen, abgeschürft und voller Brandwunden. Zach brach „nur“ der Ski auseinander und flog durch die Gegend.

Abwärts in der Falllinie: Christian Zach auf den Skiern.

Bei der Olympia-Vorbereitung kam die Familie Unger aus Wartenberg ins Spiel: Sohn Marco und sein Vater Günther, beide ausgezeichnete Servicemänner und Tüftler. 2,4 Meter lang waren die Skier, zwölf Kilo schwer und dank der Ungers sensationell vorbereitet. „Ihnen haben wir viel zu verdanken. Sie haben unsere Skier perfekt präpariert“, betonen die beiden Rennfahrer. Zusammen hätten sie mit ihnen auch die Spoiler gebastelt, die an den Waden und am Helm eingebaut wurden, um windschlüpfriger zu sein: „Wir sahen aus wie Darth Vader in bunt.“

Florian Maurer brach bei den Olympischen Winterspielen mit 201,794 Stundenkilometer den deutschen Rekord.

Viele hätten schnell wieder aufgehört mit dem Sport, weil sie den Druck nicht ausgehalten hätten. „Es ist eine mentale Geschichte, der Stress, die Anspannung kurz vorm Start, man weiß ganz genau, dass es nach 50 Metern keine Umkehr mehr gibt“, schildert Maurer die Umstände. „Am Startbereich ist es sehr ruhig, da herrscht gespenstische Anspannung und du musst dich total hineintunneln in deinen Lauf, extrem fokussiert sein.“ Es sei nicht selten vorgekommen, dass Fahrer unmittelbar vor dem Start einen Rückzieher gemacht hätten, was aber in der Szene total akzeptiert werde.

Auf der schnellsten Highspeed-Strecke der Welt

Die Olympia-Strecke in Les Arc habe sogar ihnen enormen Respekt eingeflößt, mit 1740 Meter Länge, einer „Vertical Drop“, also einer Beschleunigungsstrecke von 565 Metern, und einem Start in 2700 Metern Höhe. Sie galt damals als die schnellste Highspeed-Strecke der Welt: „Da geht es wie in einem Schlund steil runter.“ Ein Seil wurde am Start ausgelegt, um überhaupt einen Stand mit den Skiern zu finden. Beider Ziel sei es gewesen, als erste Deutsche die „Schallmauer“ von 200 Stundenkilometern zu durchbrechen.

Sie fühlten sich gut vorbereitet und hatten ihr Service-Team dabei. „Wir mussten uns um nichts kümmern.“ Sogar ein Fanclub war mitgereist – und ihre Eltern, die unter den 20 000 Zuschauern im Zielbereich standen. Bei jedem Lauf mussten sie sich neu für die nächste Runde qualifizieren, um immer zwischen 50 und 70 Meter höher starten und eine höhere Geschwindigkeit erreichen zu können.

Vor dem Viertelfinale hatte Maurer keine Stunde geschlafen, so aufgeregt war er. Denn er wusste: Das ist die Chance seines Lebens. „Wenn man in der tiefsten Hocke runterfährt, hat man ein extrem schmales Sichtfeld.“ Einziger Orientierungspunkt seien die Fähnchen am Rand der Strecke, sagt er und stülpt sich nochmal seinen alten Helm über, den er aus dem Speicher geholt hat, um es vorzuführen. Er meint: „Der riecht immer noch so wie vor 30 Jahren.“ Und er ergänzt stolz: „Wir haben 18 Mal den deutschen Rekord geknackt.“

Beruflich gingen einige Türen auf

Zach ging mit Schmerzen an den Start und verfehlte das Viertelfinale nur knapp, um 0,2 km/h. Wie sich später herausstellte: Er hatte einen Riss in der Lunge, ohne davon zu wissen. Der Grantinger freute sich aber riesig, dass sein Freund die 200er-Schallmauer knackte und deutschen Rekord fuhr. „Beim Highspeed war er immer ein bisschen besser als ich. Es ist eine wunderbare Geschichte. Ich hätte alles für ihn und er alles für mich getan“, schwärmt Zach. Im Nachhinein ärgern sie sich, dass sie nicht besser vorbereitet waren. „Wir hätten lieber ein Jahr unsere Berufe aufgeben sollen. Wir waren ja 1990/91 schon auf der Olympiastrecke und hätten dort so viel wie möglich trainieren sollen, viel fahren, weniger Krafttraining“, meint Zach rückblickend.

Heiß begehrt: Florian Maurer schreibt Autogramme auf Christian Zachs Rücken.

Das Feedback nach den Olympischen Spielen war „herausragend“, sagt Maurer. „Bei mir haben die Leute teilweise sogar um 22 Uhr abends noch angerufen und gefragt, wie schnell wir gefahren sind.“ Das Duo war lange Tagesgespräch. Im Musikpalast, ihrer Stammdisco in Taufkirchen, wurden sie als „die Highspeed-Fahrer der Olympiade“ vom DJ übers Mikro begrüßt, und Landrat Xaver Bauer ehrte sie als erste Olympiateilnehmer des Landkreises. Maurer hatte einige Fernsehauftritte, auch beim SAT-Frühstücksfernsehen und im ZDF-Sportstudio, bei denen die Moderatoren sehr kritisch mit dieser exotischen Sportart umgingen, obwohl es ein strenges FIS-Reglement gab und einen international organisierten FIS Weltcup, mit allem was dazu gehört.

Bis 1995 war Maurer noch Highspeed-Fahrer. Dann war es für ihn kein Thema mehr, auch wenn es ihm beruflich einige Türen öffnete. 1996, sein Sohn David war bereits fünf Jahre alt, fing er beim Maschinenhersteller Montana – Ausrüster für Wintersport Equipment – an, wo Marco Unger als Service- Techniker arbeitete. Jetzt ist Maurer dort als Vertriebsleiter tätig. Zach hatte seine Sportkarriere wegen seiner Lungenprobleme an den Nagel gehängt. „Es war eine verrückte Szene mit vielen Paradiesvögeln“, sagt er im Nachhinein.

Dennoch seien es Erlebnisse, die man nie vergesse, vor allem, dass sie es miteinander zu den Olympischen Spielen geschafft hätten. „Es hat uns ja keiner zugetraut“, stellt Maurer stolz fest. „Für uns war es ein supercooles und enorm aufregendes Erlebnis, das uns sehr geprägt hat.“ 2000 trafen sich die beiden Freunde wieder, dann ging es mit den Fun-Carvern los. Aber das ist eine andere Geschichte.

Birgit Lang

Große Bühne bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville

Die ersten Ski-Schnellfahr-Wettbewerbe gab es bereits in den 1930er-Jahren. Der Österreicher Gustav Lantschner fuhr damals den ersten offiziellen Rekord mit 105 km/h in St. Moritz. Ein Jahr später verbesserte Leo Gasperl den Rekord auf 136,6 km/h, 1978 brach Steve Mc Kinney (USA) die 200-km/h-Marke in Chile. Offizielle Statistiken unter dem neuen Begriff Speedskiing werden jedoch erst seit 1982 geführt.

Speedskifahren war lange eine Domäne der Österreicher. 1999 fuhr der Tiroler Harry Egger mit 248,1 km/h einen Rekord, der für drei Jahre Bestand hatte. Philippe Goitschel durchbrach als erster Speedskifahrer die 250-km/h-Marke. Den derzeit gültigen Weltrekord von 254,958 km/h stellte der Italiener Ivan Origone am 26. März 2016 in Vars auf. Dort setzte seine italienische Landsmännin Valentina Greggio mit 247,083 km/h die Welt-Bestmarke für Frauen.

Geschwindigkeitsskifahren wird ausschließlich als Wettkampfsport betrieben und ist als solcher vom Internationalen Ski-Verband (FIS) streng reglementiert. Auch der Profiverband (France Ski de Vitesse) veranstaltet regelmäßig Wettkämpfe. Allerdings ist Speedskiing sehr unfallträchtig, und so hat die FIS mittlerweile eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 200 km/h für FIS-Rennen aufgestellt.

Im Jahr 1992 war Speedskiing sogar Demonstrationssportart bei den Olympischen Winterspielen in Albertville, wurde aber nie eine feste olympische Sportart. mel (Quelle: Wikipedia)

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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