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Wolfgang Haslberger pfeift in der 3. Bundesliga.

Interview mit Schiedsrichter Wolfgang Haslberger

Nach dem Spiel ist vor dem Video

  • Dieter Priglmeir
    VonDieter Priglmeir
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Zwei Schiedsrichter aus dem Heimatverein haben ihn auf den Geschmack gebracht. Inzwischen pfeift Wolfgang Haslberger Spiele in der 3. Liga – so hoch wie kein anderer Referee im Landkreis. Für ihn hat ein Spiel mehr als 90 Minuten, denn danach sichtet er das Videomaterial.

St. Wolfgang – Es liegt kein leichtes Jahr hinter dem TSV St. Wolfgang. Alle drei Herrenmannschaften stiegen ab, „die Dritte haben wir abgemeldet“, berichtete Fußballabteilungsleiter Klaus Brandlhuber in der Jahreshauptversammlung (wir berichteten). Besser machten es die Frauen, die in die Bezirksliga zurückkehrten. Und ein TSV-Vereinsmitglied befindet sich nun in Sphären, die noch kein Wolfganger erlebt hat. Wolfgang Haslberger ist als Schiedsrichter in die 3. Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Mit erst 25 Jahren. Der junge Mann, der seit Januar in der Marketingabteilung eines Parkettboden-Herstellers arbeitet, bleibt aber trotz seines steilen Aufstiegs mit beiden Beinen auf dem Boden, wie wir bei unserem Interview feststellen durften.

-Herr Haslberger, mein Kollege Wolfgang Krzizok ist selbst Schiedsrichter und meint, Sie hätten Sascha Mölders Gelb zeigen müssen?

Wolfgang Haslberger: So? Meint er das?

-Beim Spiel der Löwen gegen den FC Ingolstadt 2 habe der sich furchtbar aufgeführt und bei jeder Aktion protestiert.

Haslberger: Ach, das war alles im Rahmen. Ich habe mit ihm kein Problem. Ein Sascha Mölders braucht keinen, der ihm die Regeln erklärt. Man muss ihm das Gefühl geben, dass man ihn ernst nimmt und auf Augenhöhe kommunizieren. Dann akzeptiert er auch die Entscheidungen.

-Das Spiel fand im Grünwalder vor 12 500 Zuschauern statt – Ihre bisher größte Kulisse?

Haslberger: Ja, vor so viel Leuten hatte ich vorher noch nie gepfiffen.

Relativ schnell die Lust verloren

-Das hätten Sie sich wohl auch nicht träumen lassen, als Sie als Schiedsrichter begonnen haben.

Haslberger: Zumal mein Werdegang relativ unorthodox war. Ich habe früh begonnen, aber zwischendrin auch fast wieder einmal aufgehört.

-Erzählen Sie mal.

Haslberger: Natürlich habe ich erst einmal selber Fußball gespielt. Und ich habe mich immer besonders gefreut, wenn Paul List oder Jakob Luberstetter unsere Spiele gepfiffen haben. Die hatten ihre eigene Art, die mich schon als Kind beeindruckt hat.

-Weil die beiden alles richtig gesehen haben?

Haslberger: Nein, das hatte eigentlich weniger mit ihren Entscheidungen zu tun, sondern damit, dass sie genau die richtige Ansprache gefunden haben. Sie hatten den richtigen Mix, wann sie mal hinlangen müssen oder ob sie etwas eher familiär lösen können. Nach einem unserer Spiele habe ich dann den Paul angesprochen und gesagt, dass ich auch gern pfeifen würde. Das war im Jahr 2005 und ich war erst zwölf.

-Und von da an ging es steil bergauf.

Haslberger: Von wegen. Paul hat mich für den Neulingskurs angemeldet. Ich habe allerdings dann relativ wenig gepfiffen. D- und C-Jugendspiele, wie man es eben anfangs macht. Ich habe dann allerdings relativ schnell wieder die Lust verloren. Ich wollte auch lieber selber spielen als pfeifen.

-So enden mindestens 50 Prozent aller jungen Schiedsrichter-Karrieren.

Haslberger: Aber dann hat mich der Verein auf einen Lehrgang für Schiedsrichter-Assistenten geschickt. Und da habe ich die richtigen Leute kennengelernt, die mir viel beigebracht haben. Ganz besonders hat mich zum Beispiel Christian Keck gefördert, der mich zu seinen Landesliga-Spielen mitgenommen hat. Dort an der Linie sein zu dürfen, war riesig.

-Und dann musste irgendwann eine Entscheidung her.

Haslberger: Ich habe das erstes A-Jugendjahr noch zu Ende gespielt. Ab dann habe ich mich aufs Pfeifen konzentriert. Vom zeitlichen Aufwand wäre beides gleichzeitig nicht mehr möglich gewesen.

-Die Erfolge als Schiedsrichter ließen nicht lange auf sich warten.

Haslberger: Ich bin relativ schnell aufgestiegen. Durch die Ligareform ging es von der Bezirksliga recht flott in die Landesliga. Dann kamen drei Jahre Bayernliga. Da habe ich im ersten Jahr echt kämpfen müssen. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich dort zurechtgefunden habe. Aber auch das ging.

-Welche Schiedsrichter-Entscheidung würden Sie gern im Nachhinein zurücknehmen?

Haslberger: Das weiß ich noch genau, denn das war in meinem allerersten Bayernliga-Spiel in Hankofen. Da habe in der 25. Minute einen Spieler mit Gelb und dann Gelb-Rot vom Platz gestellt. In einer Aktion. Das würde ich heute sicherlich anders machen.

-Was war passiert?

Haslberger: Ich hatte eine Abseitsstellung gepfiffen. Als der Stürmer den Ball weggeschossen hatte, habe ich ihn verwarnt. Dann hat er gemeckert, und deshalb hat er nochmal Gelb gesehen.

-Ist doch durchaus regelkonform.

Haslberger: Mag ja sein. Aber was mich ärgert ist, dass ich mich selbst habe emotionalisieren lassen. Da wird es für einen Schiedsrichter schwierig, sachlich-fachlich richtig zu entscheiden. Da muss man ruhig bleiben. Heute würde ich zu dem Spieler sagen: „Jetzt holst den Ball!“

Jedes Spiel wird zuhause analysiert

-War ein Schiedsrichter-Beobachter da?

Haslberger: Klar. Er hat mir gesagt, was er sich bei dieser Szene gedacht hat.

-Und das wäre?

Haslberger: „Jetzt hat er noch 65 Minuten vor sich.“ Ich hatte natürlich nach dieser Szene in der 25. Minute sehr aufgebrachte Zuschauer. Die Stimmung hatte sich nachhaltig verändert.

-Lernt man aus solchen Situationen?

Haslberger: Natürlich. Und nicht nur aus solchen Extremen. Ich schaue mir nach den Spielen das Videomaterial an und überprüfe dann: Was habe ich wahrgenommen, was sagt das objektive Videobild? Muss ich mich anders bewegen, um noch besser beurteilen und entscheiden zu können. Es gibt immer zu lernen.

-Sie bekommen Video-Material?

Haslberger: Wir haben Zugang zu einem bestimmten Portal. Es steht uns natürlich frei, ob wir das nutzen.

-Wie lange arbeiten Sie noch ein Spiel auf?

Haslberger: Nach dem Spiel gibt es mit dem Schiedsrichter-Coach ein kurzes Gespräch. Mit den Assistenten analysiere ich natürlich auch gleich die Partie. Und für die Video-Nachbereitung brauche ich schon noch einnal eineinhalb Stunden. Das mache ich aber erst einen Tag danach, wenn der Kopf wieder frei ist.

-Klingt extrem zeitaufwändig – zumal die Spiele der 3. Liga ja auch nicht um die Ecke sind.

Haslberger: Mein erster Einsatz in der 3. Liga war in Chemnitz. Das Spiel war am Sonntag um 14 Uhr. Ich bin am Samstagabend losgefahren, habe in Landshut den ersten Schiri-Assistenten abgeholt und in Hof den zweiten. In Chemnitz haben wir dann übernachtet. Am nächsten Tag ging es zum Spiel. Am Sonntag ging es um 17.30 Uhr nachhause. Daheim war ich gegen 21 Uhr. Aber das war ja eine der kürzeren Reisen. Spiele unter der Woche sind meistens weit zeitaufwändiger.

-Was sagt denn da die Freundin?

Haslberger: Ursula ist da mit mir reingewachsen. Sie akzeptiert das nicht nur, sondern unterstützt mich, weil das halt auch meine absolute Leidenschaft ist.

-Aber daheim bleibt dann der Fernseher aus, wenn zum Beispiel montags 2. Liga läuft.

Haslberger: Das schaue ich, wenn sie ins Bett geht. Nein, Spaß beiseite. Freundin, Freunde und Familie müssen schon sehr viel Rücksicht auf meine Termine nehmen. Ich kann halt leider wirklich nicht bei jeder Feier dabei sein. Für das Verständnis aus meinem Umfeld bin ich auch äußerst dankbar.

-Rentiert sich der Zeitaufwand wenigstens finanziell? Laut DFB-Statuten gibt es für einen Einsatz in der 3. Liga neben den Auslagen noch ein Honorar von 750 Euro.

Haslberger: Das stimmt. Die 3. Liga ist die erste Liga, in der etwas hängen bleibt. Wenn man sich den Aufwand weiter unten anschaut, muss man sagen: Der Stundenlohn ist oft weit unter dem Mindestlohn.

Als Assistent in Bochum

-Naja, mein Sohn hat sich damals über die Reisespesen sehr gefreut, wenn ihn der Papa von Langengeisling nach Grüntegernbach gefahren hat.

Haslberger (lacht): Ja, das war bei mir auch so. Das war ein hübsches Taschengeld.

-Zurück zur Gegenwart: Da jagt ein Highlight das andere, oder?

Haslberger: Der März war wirklich großartig. Ich hatte als Assistent einen Einsatz in der 2. Bundesliga beim Spiel VfL Bochum gegen Holstein Kiel und meine beiden ersten Schiedsrichter-Einsätze in der 3. Bundesliga in Chemnitz gegen Bremen 2 und in Erfurt gegen Osnabrück.

-Wie ist die 3. Liga?

Haslberger: Das Umfeld ist deutlich professioneller. Das geht bei der Vorbereitung am Spielort los. Du pfeifst immer in einem Stadion, Wald- und Wiesenplätze gibt es da nicht mehr. Statt 300 hast du jetzt 3000 oder vielleicht sogar 10 000 Zuschauer und mehr. Die Berichterstattung ist in der Liga auch eine andere. Da sind Fernsehkameras normal.

-Wie war der erste Einsatz in Chemnitz?

Haslberger: Mein fünfter Pfiff war schon ein Strafstoß. Aber der war unstrittig. Ich denke, es war ganz ordentlich. Die wichtigen Entscheidungen waren richtig. Es waren auch zwei anständige Mannschaft. Beim zweiten Spiel in Erfurt hat es mal eine Rudelbildung gegeben. Aber das war auch schnell erledigt. Ich stand da als Schiedsrichter nicht im Fokus, denn das Spiel war total spannend. Nach 48 Minuten stand es bereits 3:3 und am Ende 4:4. Es gab viele Abseitsszenen und eben diese kleine Rudelbildung.

-Erfurt, Chemnitz – gibt’s da Probleme mit Hooligans?

Haslberger: Kann ich nicht beurteilen. Ich bin so aufs Spielfeld fokussiert. Das krieg ich nicht mit.

-Aber wenn Bengalos abgefackelt werden...

Haslberger: Nein, da war nichts. Wenn du als Schiedsrichter nach dem Spiel vom Platz gehst, da kriegst du ordentlich auf den Latz. Aber das ist in allen Ligen so. Und das ärgert mich schon. In anderen Sportarten – etwa im Rugby – wird dem Schiedsrichter weit mehr Respekt entgegen gebracht. Wir sind auch Menschen und keine Maschinen. So wie ein Spieler Fehlpässe fabriziert, entscheiden wir auch mal falsch. Da fehlt mir dann schon in der Gesellschaft ein wenig Verständnis.

Am schlimmsten sind die Eltern im Kleinfeld

-Beziehen Sie das auf den Profifußball?

Haslberger: Ganz und gar nicht. Am allerschlimmsten sind Eltern im jüngsten Juniorenfußball. Die haben auch noch den meisten Einfluss auf ihre Kinder, die sich dann leider ähnlich benehmen. Ich finde es gut, dass die Zuschauer dort inzwischen eine gewisse Distanz zum Spielfeld einhalten müssen. Wenn dagegen jemand nach einem Spiel sachliche Kritik äußert, ist das absolut okay.

-Wie führen sich eigentlich die Trainer auf? Sind die in höheren Ligen schlimmer, oder hat es was mit dem Alter zu tun?

Haslberger: Weder noch. Das ist reine Typsache. Es gibt schon schwierige Kandidaten.

-Zum Beispiel?

Haslberger (lacht): Da kann ich jetzt natürlich keine Namen nennen.

-Naja, vielleicht haben Sie bald mit den ganz schillernden Persönlichkeiten zu tun. Wer mit 25 schon in der 3. Liga pfeift...

Haslberger: Jetzt mal langsam. Ich bin jetzt zur Halbserie aufgestiegen. Jetzt muss ich in dieser neuen Spielklasse erst einmal bestehen. Mein Ziel war immer, in der Landesliga zu pfeifen. Jetzt bin ich in der 3. Bundesliiga. Ich genieße dieses Privileg, fahre sehr gern zu den Spiele und komme dann auch gern wieder heim. Denn ich bin durch und durch ein Wolfganger.

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