Dieter Priglmeir hält ein Plädoyer für mehr Linienrichter.
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Dieter Priglmeir hält ein Plädoyer für mehr Linienrichter.

DAS SPORTGEFLÜSTER

Nur schielende Schiris können in Erding Abseits bewerten

  • Dieter Priglmeir
    VonDieter Priglmeir
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Das ist ein Plädoyer für mehr Linienrichter und für mehr Verständnis für den Schiedsrichter.

Das nervt doch, oder? Zwischen dem Moment, in dem ein Fußballer im Abseits stehend den Ball annimmt und der Schiedsrichterassistent die Fahne hebt, kann der Zuschauer heutzutage getrost ein paar Whatsapp-Nachrichten beantworten, die komplette Stadionzeitung durchlesen oder sich noch ein Bier holen. Wenn er sich beeilt, schafft er alles sogar gleichzeitig.

Manchmal reicht sogar die Zeit, um kurz nochmal daheim nach dem Besten zusehen.

Gibt’s was Schlimmeres als diese Spätentscheider draußen an der Linie? Na klar: Wenn es gar keine Assistenten gibt. Denn dann müssen die Schiedsrichter allein entscheiden, ob ein Spieler im Abseits steht. Geht das überhaupt? „Natürlich nicht“, haben mir mehrere Referees unisono bestätigt. Wie denn auch? Der Referee soll beobachten, ob der Spieler bei der Ballabgabe „noch auf die Socken bekommt“ (Originalzitat) und gleichzeitig sehen, ob 30 Meter entfernt ein Stürmer vor oder hinter dem Verteidiger gestartet ist. „Wir hatten früher einen Schiedsrichter, der hat das tatsächlich geschafft“, erzählt Wolfgang Krzizok, EA-Kollege und Schiri im Passivmodus, „aber nur, weil er so unglaublich geschielt hat“.

Ansonsten sind die meisten Abseitsentscheidungen auf Erdings Fußballplätzen reine Glückssache – oder wie es Schiedsrichterobmann Knut Friedrich ausdrückt, „eine Frage der Erfahrung, Cleverness oder Taktik“. Er habe Kollegen, „die nur pfeifen, wenn es glasklar ist. Jüngere dagegen reagieren sofort, wenn einer schreit“. Die gängigste Praxis sei, im Zweifelsfall – und wir reden hier nicht von einer kalibrierten Linie, sondern von einer ziemlich üppigen Bandbreite – auf Abseits zu entscheiden.

Das ist nicht schön für die Stürmer, aber überaus menschlich. Friedrich: „Über eine abgepfiffene Situation diskutiert nachher kein Mensch mehr – im Gegensatz zu einem vermeintlichen Abseitstor.“ Sein Rat: Man müsse einfach ein Gefühl entwickeln, die Stimmung auf dem Platz und die Reaktionen der Spieler zu berücksichtigen, sagt der Mann, der schon über 1000 Spiele auf den Plätzen im Landkreis geleitet hat.

Stimmung, Gefühl – sind das die richtigen Parameter für eine Entscheidung für eine Regelauslegung? Wir werden damit weiterhin leben müssen, denn auch künftig wird es frühestens ab der Kreisliga Schiedsrichtergespanne geben. Und da reden wir nur von den Männer-Ligen. Im Jugendfußball (erst ab Landesliga) und Frauenfußball (Bayernliga) sind Assistenten praktisch nicht existent. Besser wird’s allerdings nicht mehr, im Gegenteil, denn die Schiedsrichtergruppe Erding wird immer kleiner. Während der Corona-Pandemie gab es – abgesehen von einem BFV-Online-Angebot, das drei Männer wahrnahmen – keine Schirikurse. Etliche ältere Kollegen haben aufgehört. „Würden nicht manche Kollegen zweimal am Wochenende pfeifen, könnten wir schon jetzt die C-Klasse nicht mehr besetzen“, sagt Friedrich.

Also: Behandeln wir die Schiedsrichter mit Respekt und drücken ein Auge zu bei so mancher wirklich abenteuerlicher Abseitsentscheidung und denken dran: Multitasking ist für den Zuschauer (Bier trinken und Fußball gucken) geringfügig leichter als für den Referee (zwei Punkte gleichzeitig beobachten und dann auch noch auf Ballhöhe sein). Und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, dass ein Schiedsrichter aus einer Perspektive – nämlich aus frontaler Sicht – etwas entscheiden soll, was eigentlich nur seitlich geht.

Wären da nicht die ehrenamtlichen Leute an der Seite eine Hilfe? Also jene Leute, denen man vor dem Spiel die Fahne in die Hand drückt. Keineswegs, meint Friedrich, er sei schon froh, wenn diese sich bemerkbar machen, wenn der Ball über die Seitenlinie rollt, Linienrichter im besten Wortsinne also. Aber nicht selten sitze dieser Linienrichter dann plötzlich bei den Zuschauern, „oder die Fahne liegt einfach so am Boden – da kann ich doch nicht auch noch erwarten, dass da jemand sich Abseits antut“, so Friedrich.

Bliebe noch die Radikallösung: Abseits abschaffen! „Dann hast du den dicken Mittelstürmer, der vor dem Tor wartet. Nein, das würde das Spiel zu sehr verändern“, meint Friedrich. Recht hat er. Dann lieber sich so durchhangeln wie bisher. In anderer Hinsicht wäre der Obmann übrigens deutlich radikaler. „Ich würde jede Ballberührung mit der Hand ahnden – egal ob angeschossen, unabsichtlich oder sonst wie.“ Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

DIETER PRIGLMEIR

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