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Oliver Zeidler: „Ich brauche mich meiner Tränen nicht zu schämen“

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Von: Dieter Priglmeir

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Für eine Promo-Aktion tauschte Zeitler mit Olympiasieger Max Lemke die Boote und stieg in ein Kajak (Bild oben). Beide kamen ins Ziel, ohne zu kentern.
Für eine Promo-Aktion tauschte Zeitler mit Olympiasieger Max Lemke die Boote und stieg in ein Kajak (Bild oben). Beide kamen ins Ziel, ohne zu kentern. © Imago

Oliver Zeidler spricht über Olympia, die schwere Zeit danach und Versäumnisse im Verband.

Schwaig – Jahrelang hatte er auf diese eine Woche hingearbeitet. Oliver Zeidler fuhr die gesamte Ruder-Konkurrenz in Grund und Boden, verteidigte seinen Europameistertitel, gewann den Gesamtweltcup und fuhr als Weltmeister nach Tokio. Eine Olympia-Medaille – der Schwaiger machte nie einen Hehl daraus, dass dies sein großes Ziel ist. Umso größer der Schock, als er im unruhigen Wasser des Sea Forest Waterway das Finale verpasste. Fünf Monate danach hat Oliver Zeider die bisher größte Enttäuschung seines Sportlerlebens verarbeitet und sich die nächsten Ziele gesetzt. Wir sprachen mit dem 26-Jährigen.

Herr Zeidler, wie feiert eine Ruderfamilie Weihnachten? Bleibt da das Boot mal in der Hütte?

Wir feiern Weihnachten ganz traditionell in der Familie. Ich war mit meinem Opa und meiner Schwester vor ein paar Wochen im Dachauer Hinterland, wo wir einen großen Baum geschlagen haben. Der wird geschmückt, und abends ist dann Bescherung in der Familie.

Familie – das heißt Ihre Schwestern Marie und Lea, die Eltern und Großeltern.

Genau – das ist unser Haushalt.

Wie viele böse Kohlenhydrate gönnt sich der Leistungssportler in dieser Weihnachtszeit?

Die letzten Wochen war ich relativ zurückhaltend. Obwohl: Wenn die Plätzchen frisch waren, habe ich schon genascht. Aber ich zähle auch sonst keine Kohlenhydrate – schon gar nicht zu Weihnachten.

Gibt’s im Hauser Zeidler ein Traditionsessen?

Fondue, glaube ich. Oder ist das an Silvester? Ehrlich, das weiß ich jetzt gar nicht.

Welche Geschenke werden unterm Baum liegen?

Früher hatte ich schon eine lange Wunschliste, aber ich komme doch schon in ein Alter, in dem es schwierig wird, sich was zu wünschen.

Vergangenes Jahr stand die Playstation 5 auf vielen Wunschzetteln.

Bei mir nicht.

Aber sie zocken schon gern?

Ja, und ich werde mir auch wieder eine Konsole besorgen, aber erst wenn ich mit der Ausbildung fertig bin. Ich weiß halt auch, wie schnell und gern man sich davon ablenken lässt, dann kommt das Lernen wieder zu kurz.

Was zocken Sie denn? Rudern?

Nein, ich weiß gar nicht, ob es das gibt. Schon eher Fifa oder Autorennen.

Zurück zu Weihnachten...

Was die Geschenke angeht, da lasse ich mich heuer sehr gern überraschen.

Das größte Geschenk hätten Sie sich heuer gern mit einer Olympiamedaille selbst gemacht. Wie geht es Ihnen inzwischen?

Mittlerweile wieder gut. Ich habe neue sportliche Ziele. Das war eine schwierige Zeit nach Tokio, Ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen. Mein Umfeld hat mir sehr geholfen, dass ich in kein Loch gefallen bin, weil ich dann arbeiten war und auch wusste, mit der Zeit etwas anzufangen.

Sie sind wieder berufstätig?

Ich arbeite weiterhin 24 Stunden die Woche für ein Steuerberatungsunternehmen.

Wie waren die ersten Wochen nach Tokio?

Das war schon hart – vor allem, weil ich ja eigentlich topfit war. Man denkt sich dann ständig, was man hätte besser machen können. Dann findest du auch Punkte, bei denen du vielleicht noch das eine oder andere Zehntel hättest rausholen können. Du versuchst dann Lösungen zu finden, damit das nicht noch mal passiert. In diesem Fall war es aber halt extrem hart, denn ich wäre am Finaltag optimal vorbereitet gewesen, obwohl ich nach dem Halbfinale keine Nachbereitung machen konnte, weil ich vom Kopf her komplett abgetreten war. Ich konnte es einfach nicht verstehen und habe mir immer wieder gesagt: So ein Mist, jetzt habe ich das Finale verpasst. Aber mit der Leistung, die ich dann im B-Finale gezeigt habe, wäre auch eine Medaille drin gewesen. Dieses „hätte, hätte“ – da denkt man schon viel drüber nach, oder man wacht mit eben diesen Gedanken auf. Da hilft es dann schon, mit Leuten darüber zu reden und sich mit anderen Dingen als Rudern zu beschäftigen, damit man sich mal ablenkt und nicht komplett verrückt wird.

Wie hilfreich war da das Umfeld?

Sehr hilfreich, besonders mein Vater. Er hat ja als mein Trainer in Tokio alles miterlebt. Es war wichtig, dass jemand aus meiner Familie da war. Aufgrund der Corona-Beschränkungen mussten wir auf Zuschauer verzichten. Auch Freunde konnten nicht da sein, um einen aufzufangen. Ich habe mich dann auch extrem darauf gefreut, nach Tokio mal wieder in München Zeit mit Freunden zu verbringen. Wir mussten uns ja schon vor den Spielen wegen der Pandemie abschotten und waren ständig im Training. Es war einfach schön, dann wieder Leute zu treffen, die dir klar machen, dass das eine Riesenleistung ist, was du in den vergangenen Jahren gebracht hast. Für die du ein Held bist, auch wenn du keine Medaille mitbringst.

Gab es Enttäuschungen?

Gab es nicht. Mein enger Freundeskreis hält weiter zu mir.

Die Medien waren nicht so nett.

Alle wollten nach meinem B-Finale ein Interview haben. Das war nicht einfach. Nach dem Rennen bist du körperlich sowieso nicht auf der Höhe, und psychisch war ich seit dem Halbfinale angeschlagen. Und da kommen natürlich sehr emotionale Aussagen, bei denen man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte. Da war nicht alles politisch korrekt. Was aber daraus manche Medien gemacht haben, hat mich schon sehr gestört. Meine Situation wurde da überhaupt nicht berücksichtigt.

Was war denn nicht politisch korrekt?

Ich habe gesagt, dass die Bedingungen dem Olympiasieger geholfen haben. Und das wurde als „Harte Abrechnung mit dem Sieger“ bezeichnet und von fehlendem Respekt gesprochen. Schwachsinn! Ich habe meinem griechischen Kollegen danach gratuliert und jedem einzelnen, gegen den ich gefahren bin, meinen Respekt gezollt. Da überlegst du dir dann schon den Umgang mit den Medien.

Sie haben sehr emotional das Rennen und die Reaktionen ihrer Kollegen geschildert. Bereuen Sie die Tränen, die vor der Kamera geflossen sind?

So war einfach die Situation, ich habe das so empfunden. Da brauche ich mich meiner Tränen auch nicht zu schämen. Da bereue ich nichts.

Aus Niederlagen wird man angeblich stärker, empfinden Sie das auch?

Bisher war es zumindest in meiner Karriere immer so. Gerade aus Niederlagen zieht man Schlüsse, weil man gezwungen ist, damit umzugehen und es künftig besser zu machen. Ich hoffe, dass das wieder so sein wird. Das wäre dann das Positive daraus. Aber klar, momentan überwiegt die Enttäuschung. Das wird sich ändern, wenn sich wieder Erfolge einstellen, die, glaube ich, nicht lange auf sich warten lassen werden.

Haben Sie denn in Tokio irgendwas falsch gemacht? Oder anders gefragt: Würden Sie jetzt etwas anders machen?

In der Vorbereitung sicher nicht. Aber ich würde mir vorher schon mal die Strecke anschauen und möglichst schon drauf rudern, damit man nicht komplett ins Blaue reinfährt. In Tokio durfte man erst fünf Tage zuvor drauf, um dann zu merken: Das ist ganz anders als alle anderen Strecken auf der Welt. Das werde ich in Paris anders machen und dort eventuell ein Jahr zuvor schon ein Trainingslager absolvieren, um Bedingungen und Wasser abzuchecken.

Das nächste Ziel für Oliver Zeidler sind die European Championships im August 2022 in München. Dafür werben neben dem Ruder-Weltmeister auch die Deutsche Turnmeisterin Sarah Voss, Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und die Münchner Sportbürgermeisterin Verena Dietl.
Das nächste Ziel für Oliver Zeidler sind die European Championships im August 2022 in München. Dafür werben neben dem Ruder-Weltmeister auch die Deutsche Turnmeisterin Sarah Voss, Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und die Münchner Sportbürgermeisterin Verena Dietl. © Imago

Aber in Tokio lag es an dieser Welle, die Sie gebremst hat. Gegen so etwas ist man doch nie gefeit.

Ja, da war schon Pech dabei. Aber ich hätte im Halbfinale schon noch ein, zwei Prozente mehr bringen können, wenn ich das Wasser besser gekannt hätte. Dann gehst du selbst mit einer Situation, mit der du in der kompletten Saison noch nie konfrontiert warst, sicherer um. Vor den Wettkämpfen wurde viel über die Hitze geredet. Ich hatte mich auf die klimatischen Bedingungen eingestellt. Aber das Problem war einfach die Entscheidung des IOC, die Rennen zu verschieben. Nach dem Viertelfinale war erst mal drei Tage Pause. Alle haben sich gewundert, denn da war kein bisschen Welle. Stattdessen mussten wir beim größten Dreckswetter raus. Und was kam raus? Da war kein einziges Rennen, wo alles glatt gelaufen ist. Überall haben die Leute rumgekrebst, da sind Medaillengewinner gekentert. Das hatte nichts mit Olympia zu tun und nimmt den Leuten, die fünf Jahre darauf hingearbeitet haben, die Chance zu zeigen, was sie drauf haben.

Und Sie hat es auch erwischt. Wann waren Sie nach Tokio eigentlich zum ersten Mal wieder im Boot?

Ich habe eineinhalb Monate Pause gemacht. Und dann zwangsweise nochmal einen Monat wegen einer Ellbogenverletzung.

Wird es weiter das Familien-Duo geben? Ihr Vater Heino hatte das nach Tokio noch offen gelassen.

Mein Vater wird Trainer bleiben. Er ist mit der erfolgreichste Trainer im Verband, und wir haben auch keinen mit vergleichbarer Einer-Erfahrung. Ich fand es sehr löblich, dass er bereit gewesen wäre, Konsequenzen zu ziehen und anderen Leuten die Chance geben wollte, zu übernehmen. Da ist aber niemand gekommen. So etwas hätte ich mir von anderen Trainern gewünscht, die nicht so erfolgreich sind. Ich bin froh, dass wir ein Team bleiben. Wie es genau weitergeht, kann man aber noch nicht sagen. Die Gespräche mit dem Verband sind schwierig, weil auch noch die Ergebnisse aus der Leistungssportanalyse fehlen und die Budgets noch nicht bekannt sind. Es wäre wichtig, dass wir noch professioneller arbeiten können, speziell ab 2023 müssen wir alle Register ziehen – auch in Sachen Ernährung und Physiotherapie.

Der Ruderverband würde gern den Leistungssport zentralisieren. Sie sind kein Freund davon.

Wenn man zentralisieren möchte, muss man eine Atmosphäre schaffen, bei der sich alle Sportler wohlfühlen, mit den besten Möglichkeiten und Trainern. Aber unsere Zentren sind nicht gut ausgestattet. Das Potenzial an Leistungssporttrainern hat in den letzten Jahren leider extrem abgebaut. Wir kratzen fast an der Bedeutungslosigkeit im Medaillenspiegel. Die Sportler ziehen Konsequenten, die Trainer aber nicht. Die werden dann einfach von dem einen Bereich in den nächsten geschoben. Ich glaube nicht, dass sich da viel tut, deswegen bleibe ich bei meiner Meinung, dass für mich persönlich eine Zentralisierung keinen Sinn macht. Ich bin dafür, im Winter an dem Standort, an dem man sich wohlfühlt, zu trainieren. Wenn dann nach den Ausscheidungen und Ergotests die Mannschaften gebildet werden, kann man immer noch gemeinsam trainieren. Vergangenes Jahr war der Ratzeburg See von der Vorweihnachtszeit bis Januar zugefroren, Die Jungs waren fünf Wochen einkaserniert, ohne rauszukommen. Da ist die Stimmung im Keller gewesen. Wie gesagt, wenn unsere Stützpunkte so unattraktiv sind, zieht es da auch keine jungen Sportler hin.

Kommen wir zu einem lustigen Moment: Ihr Wettkampf im Olympiasee.

Das Rennen mit Kanu-Olympiasieger Max Lemke.

Sie hatten die Boote getauscht.

(lacht) Ja, Max hat sich überraschenderweise sehr gut angestellt. Aber auch mir war sehr daran gelegen, nicht ins Wasser zu fallen. Der Olympiasee ist voller Enten – und deren Hinterlassenschaften.

Das Spaßrennen war eine Promo-Aktion für die European Championships.

Das wird das Highlight 2022. Elf Sportarten in München, Beachvolleyball am Königsplatz, Leichtathletik im Olympiastadion, Klettern – ich werde mir da einiges ansehen, wenn ich nicht gerade selbst am Start bin. Das wird schon ein bisschen das Flair von Olympia haben.

Ärgert Sie eigentlich, dass das Halbfinale von Tokio eine Saison überschattet, in der sie ansonsten fast alles gewonnen haben?

Das Bild trübt sich natürlich schon durch das Olympia-Ergebnis. Sonst war das ja fast eine perfekte Saison. Olympia hat aber nun mal seine eigenen Regeln. Das versteht man auch erst, wenn man es am eigenen Leib erfährt. Beim nächsten Mal wird es hoffentlich besser.

Dann wird’s auch ein Olympia mit Zuschauern und ohne Beschränkungen werden.

Ja, ich hoffe, dass es dann wieder das große Zusammenkommen der Welt sein wird. Wo die Menschen aus allen Ecken kommen, um einmal Olympia erleben zu dürfen. Ich hoffe, dass das wieder so kommen wird und wir so etwas wie in Tokio nicht mehr erleben müssen. Ich bin da sehr zuversichtlich.

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