1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport
  4. Landkreis Erding

Olympiasieger? Bitte hinten anstellen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Das große Ding namens Olympia: Die deutschen Eishockeyfrauen vor den fünf riesigen Ringen.
Das große Ding namens Olympia: Die deutschen Eishockeyfrauen vor den fünf riesigen Ringen.

Erding - Zwei Sportereignisse halten die Welt regelmäßig in Atem: Derzeit läuft die Fußball-WM. Aber Olympische Spiele sind nicht weniger groß. Sophie Kratzer und Jessica Hammerl haben ein paar Wochen benötigt, um alle Eindrücke aus Sotschi zu verarbeiten. Jetzt sprechen sie über die Winterspiele - und bereiten sich schon auf die nächsten Highlights vor.

Über 5000 Zuschauer machen die Schayba-Arena zum Hexenkessel. Die russischen Zuschauer brüllen ihr Olympia-Eishockeyteam zum Sieg. Da fällt das erste Tor. „Und plötzlich sind alle ruhig“, erinnert sich Jessica Hammerl. Aber nicht die Sbornaja hat getroffen, sondern Franziska Busch für die deutschen Eishockey-Damen. Diese Stille - Hammerl wird sie nie vergessen. Er ist der herausragende unter den vielen Eindrücken von Olympia 2014, die die Eishockeyspielerin des TSV Erding erst einmal verarbeiten musste.

Inzwischen sind die Winterspiele von Sotschi schon einige Monate Vergangenheit. Und jetzt ist auch Zeit für einen Besuch bei der Heimatzeitung. Doch der Redakteur muss sich nochmal eine Stunde gedulden. Der Grund: der Dopingtest von Sophie Kratzer.

Die 24-Jährige stand gemeinsam mit Hammerl im deutschen Eishockey-Nationalteam, das in Sotschi Platz sieben erreichte. Kratzer war kurz vor dem Redaktionsbesuch bei ihrem Physiotherapeuten, als sie der Kontrolleur besuchte. Das hätte auch in der Redaktion passieren können, erzählt sie später. „Als Sportler musst du stets online deinen Aufenthaltsort angeben.“ Der gläserne Athlet - längst Realität. Aber die Lehramt-Studentin (Deutsch, Geschichte und Sozialkunde) zuckt mit den Schultern. Ist halt so im Leben einer Sportlerin. „Alle zwei Monate hast du im Schnitt eine Dopingkontrolle“, sagt sie und grinst. „Jessica hat’s in Sotschi gleich viermal erwischt.“

Der fassungslose

2,06-Meter-Mann

Zdeno Chára

Aber sonst muss Sotschi großartig gewesen sein, denn das sagen beide. Sie schwärme vom Leben im Olympischen Dorf. „Du bist vier Wochen mit den Besten der Besten zusammen“, sagt Kratzer und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Und das Gefühl kriegst du auch vermittelt“. Gezicke von Superstars? „Ich habe niemanden erlebt, der unfreundlich war“, sagt sie. „Und der Olympiasieger ist ja auch bloß ein netter Kerl, der neben dir sitzt und frühstückt.“

Kratzer lächelt verschmitzt. Ja, sie habe diese kleinen Momente durchaus genossen, in denen sie auf einer Ebene mit den Superstars stand. Zum Beispiel am Frühstücksbuffet. „Da habe ich mir dann schon gedacht: Jetzt lade ich mir den Käse auf, und du musst erst einmal warten“, erzählt die 24-Jährige.

Jessica Hammerl sieht das ähnlich entspannt, nur: Fotos mit den NHL-Stars, das musste dann schon sein. Die Verteidigerin des TSV Erding 1b gemeinsam mit Crosby, Owetschkin oder Malkin - das kann sie ihren Mannschaftskameraden auch daheim zeigen, wenn sie nun mit ihnen in die neue Saison geht.

Andere Erlebnisse gibt’s nur als Erzählungen. Zum Beispiel die Busfahrt nach der Eröffnungsfeier, als Kratzer mit russischen Spielerinnen plauderte und sich plötzlich ein Riese zu ihr herabbeugte. Zdeno Chára, 2,06-Meter-Mann und Kapitän des slowakischen Eishockeyteams, fragte erstaunt: „Das sind doch deine Konkurrentinnen - und ihr seid richtig befreundet?“ Kratzer schmunzelt: „Der konnte das gar nicht fassen.“ Und danach habe er einfach mitgeratscht. „Ein total bodenständiger Typ“, urteilt Kratzer über den Stanley-Cup-Sieger der Boston Bruins.

Oder die Geschichte mit den Schweizern, die Kratzer morgens um sechs Uhr - „für sie und für uns war das Turnier ja schon beendet“ - traf. Der folgende Dialog:

„Wo bist du denn her?“

„Aus München - und ihr?“

„Aus Calgary. Aus Vancouver.“

Da musste sogar die sonst so schlagfertige Stürmerin kurz schlucken. „Die hätten ja auch aus Zug oder Davos sein können - aber nein, schon wieder NHL-Spieler.“ Unglaublich, diese Superstar-Dichte.

„Dabei sein ist alles - das war vielleicht eine Zwischeneinstellung“

„Jeden Tag genießen, das habe ich mir auch gedacht“, sagt Jessica Hammerl. Sie meint damit Olympia mit all seinen Ausmaßen, die Sotschi-Kulisse mit dem Meer und den Bergen. „Da fehlt einem nur das Attribut gigantisch ein.“ Aber sie nickt auch zustimmend, als Team-Kollegin Kratzer mit dem Olympischen Motto aufräumt. „Dabei sein ist alles - das war vielleicht eine Zwischeneinstellung. Aber natürlich will man gewinnen“, meint die Veldenerin, die einst beim ESC Dorfen mit dem Eishockey spielen begann. Und dann fügt sie hinzu: „Sonst schaffst du es gar nicht bis Olympia.“

Und Olympia-Athleten haken ihren Wettkampf auch nicht einfach so ab. Nein, das Turnier ist noch nicht vergessen. „Natürlich sind wir erleichtert, dass uns die Relegation erspart blieb“, sagt Hammerl. Sie denkt gern an die entscheidenden Siege gegen Japan zurück. Nicht nur wegen der Erfolge, „sondern weil auch da noch 3000 Zuschauer für eine Hammer-Atmosphäre gesorgt haben. Aber da ist auch die Enttäuschung nach dem Finnland-Spiel, das 1:2 verloren ging. „Die Finninnen waren nach der Niederlage gegen die Schweiz gefrustet. Wir haben gespürt, dass diese sonst so disziplinierte Mannschaft diesmal zu schlagen gewesen wäre“, meint sie. Und die Verteidigerin fügt hinzu: „Wir müssen einfach mehr Tore schießen.“

Auch die Kollegin von der Offensive sieht es so. „Vielleicht haben sich manche noch ein bisschen versteckt“, sagt Kratzer und verspricht, „Wir werden daraus lernen. Das sind Erfahrungen für die nächsten Wettkämpfe.“ Welche Erfahrungen konkret? „Nein“, sagt Kratzer, „die kann man nicht an einzelnen Ereignissen festmachen, aber mindestens im Unterbewusstsein bringt das Turnier jeden weiter.“

Kratzer ist Perfektionistin, die sich ein Jahr auf dieses Ereignis vorbereitet hat. „Bei Olympia musst du in Bestform sein. Da gibt es keine Ausreden.“ Hammerl nickt. Neun Einheiten pro Woche, darunter jeweils ein Spiel bei der Erdinger 1b sowie beim ESC Planegg, dem besten deutschen Damen-Team - der Sport war Trumpf für die 139-fache Nationalspielerin.

In der eishockey-armen Zeit konzentriert sie sich wieder mehr auf ihr Studium (Klinische Sozialarbeit), verspricht sie, hat aber den Trainingsplan für die neue Saison auch schon wieder in der Tasche. Sophie Kratzer hat sich erst einmal unters Messer gelegt. Eine langwierige Kreuzband-Geschichte soll endlich ein Ende finden. „Die OP ist super verlaufen. Das Nachbehandlungsschema bremst mich gerade noch ein wenig in meinem Tatendrang, aber ich rechne mit einem Comeback Anfang November, wenn alles klappt“, sagt Kratzer, die bei der WM 2015 in Schweden wieder dabei sein will. Die ganze Olympia-Saison hat sie sich mit ihrer Verletzung herumgeplagt. „Sotschi war es wert“, sagt sie.

Ein Superstar ist

heiß auf deutsche

Klamotten

Was war denn so besonders? „Alles“, meinen die beiden unisono. Sogar die umstrittenen Olympia-Klamotten? „Anfangs war ich entsetzt“, gesteht Kratzer, „aber als ich dann die anderen gesehen habe… Das war doch alles langweilig.“ Und sie erzählt von Hayley Wickenheiser, dem Superstar der Kanada-Auswahl. „Sie wollte unbedingt die Jacke mit mir tauschen.“ Dafür ein Souvenir von der wahrscheinlich besten Spielerin aller Zeiten, der ersten Frau, die in einer Männer-Profiliga ein Tor erzielte? „Nein, da gibt man nichts her“, sagt auch Hammerl entschlossen. Die Olympia-Kollektion kommt daheim in den Schrank. Sie wird sie immer an diese intensiven Wochen in Russland erinnern. An die harte Vorbereitung mit dem Programm, als sie mit ihren Zimmerkolleginnen Jennifer Harß und Susanne Fellner nach dem Tagesprogramm „Frühstück, Training, Mittag, Training, Abendessen“ nur noch ins Bett fiel.

Dann die Turnierzeit. „Da zählt nur der Wettkampf.“ Erst danach konnte sie andere Bewerbe besuchen: Slopestyle, Snowboard und natürlich das Eishockey-Turnier der Herren. „Kowalcyk oder Crosby - die haben schon beeindruckt“, sagt Hammerl. „Owetschkin hätte aber schon etwas mehr zeigen können.“

Etwas weniger wäre ihr wohl bei der positiv getesten Evi Sachenbacher lieber gewesen. Wie nimmt man so einen Dopingbefund auf? Kratzer bezeichnete es als „eine Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung“. Sie erklärt das. „Es hat anfangs nur geheißen: Es wird eine B-Probe geöffnet.“ Erleichterung also, dass es niemanden aus dem Eishockeyteam traf.

Ein dickes Lob bekommt Felix Neureuther, den offenbar weder der Medienhype um ihn noch der Wettkampf an sich sonderlich stresst. „Felix hat sich vor uns nach dem ersten Durchgang die Skier abgeschnallt und kopfschüttelnd gemeint: ,Der Hang ist ned so meiner‘. Und danach geht der seelenruhig zwischen seinen zwei Durchgängen noch einen Happen essen. Unglaublich“, staunt Kratzer, „wir Eishockeyspieler sind schon Stunden vorher im Tunnel“.

Einen Superstar hat sie besonders ins Herz geschlossen: Patrick Sharp, Mitglied der kanadischen Olympiasieger-Mannschaft. „Er wollte uns Mädels mitfeiern lassen, aber es war leider eine geschlossene Party, da konnte er nichts machen. Also hat er sich mit uns draußen eine halbe Stunde lang unterhalten.“

„Und dann sind die Spiele wieder so klein, nah, normal“

Talk mit Olympia-Helden - noch ein Grund für die beiden in vier Jahren in Südkorea nochmal dabei zu sein. „Da bin ich 29, natürlich ist das mein Ziel“, sagt Hammerl. Kratzer blickt sogar 20 Jahre voraus. Ja, dann möchte sie nochmal zurück nach Sotschi, „um zu schauen, was daraus geworden ist aus den Sportstätten.“ Das Bergdorf, das sie während der Spiele mal besucht hat, wird es sicher noch geben. „Du stehst da auf dem Gipfel, siehst das Schwarze Meer und meinst, du kannst gleich losschwimmen“. Aber nicht nur von dort oben hat sie einen ganz besonderen Blick. Olympia kennt sie von innen und damit anders als der Fernsehkonsument. „Bei den TV-Übertragungen ist alles so groß. Da gibt es Zeitlupen, jede Szene wird mit Musik untermalt. Aber wenn du selbst dabei bist, sind die Spiele wieder so klein, so nah, so normal.“ Und manchmal so still - etwa wenn Deutschland das 1:0 gegen Russland erzielt.

(Dieter Priglmeir)

Auch interessant

Kommentare