Petra Müller (geb. Scharl) präsentiert ihre Trophäen. 
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Petra Müller (geb. Scharl) präsentiert ihre Trophäen. 

Erdings Top 100

Petra Müller (Scharl): Große Siege und die Olympia-Enttäuschung

Mit 14 begann die Karriere, mit 21 war Petra Scharl Welt- und Europameisterin mit dem Luftgewehr, mit 21 hängte sie die Waffe an den Nagel.

Taufkirchen – Schon als kleines Schulmädel stand Petra Scharl sehnsüchtig am Schießstand, wenn ihre Mama Gerlinde Aufsicht bei der Jugend hatte oder sie mit ihrem Vater Schorsch unterwegs war. Jahrelang war er Schützenmeister der Taufkirchener Altschützen. Doch bis Petra das erste Mal ein Gewehr ausprobieren durfte, musste sie erst zwölf Jahre alt werden. Mit 20 Jahren war sie auf dem unglaublichen Höhepunkt ihrer Karriere angelangt: Sie wurde Europa- und Weltmeisterin mit dem Luftgewehr.

„Ich wollte das Schießen immer ausprobieren, und als ich es endlich durfte, war ich zu klein und zu schmächtig, um das 4,5 Kilo schwere Gewehr heben zu können. Damals gab es noch keine Jugendgewehre“, erinnert sich die heute 49-jährige Leiterin der Sparkassen-Geschäftsstelle Taufkirchen, die mittlerweile verheiratet ist und Müller heißt. „Ich war körperlich nicht in der Lage zum Schießen. Das war ganz schlimm für mich. Mein Papa hat mich heimgeschickt. Den ganzen Fußweg habe ich geweint, bis ich bei der Mama daheim ankam.“

Getroffen habe ich das erste Jahr so gut wie gar nichts.

Petra Müller, Welt- und Europameisterin mit dem Luftgewehr

Also habe sie „ein paar Knödel mehr gegessen“, und mit 13 Jahren konnte sie das Luftgewehr halten: „Aber getroffen habe ich das erste Jahr so gut wie gar nichts.“ Die Lust verging ihr trotz Rückschlägen nicht. Im Gegenteil: Ihr Ehrgeiz war angestachelt. Sie suchte die Herausforderung, fand sie und sollte sich in nur wenigen Jahren zur besten Schützin des Gaus Dorfen und des ganzen Landkreises entwickeln.

Den Anschlag im Wohnzimmer geübt

Aller Anfang ist schwer. Das wusste die junge Petra schon damals und arbeitete hart an sich – vor allem an der Technik, denn daran musste es liegen, meinte sie. Ihr Papa war Trainer des Taufkirchener Schützennachwuchses und ihr bester Berater. Eine Extra-Behandlung gab es für sie aber nicht. Er half allen und gab seine Tipps und Tricks gerne weiter. Am Ende ihrer ersten Schießsaison hatte Petra den Dreh raus. Neben der Technik arbeitete sie an ihrem Stand, auch kniend oder liegend, und vor allem an ihrer Konzentration. Denn mentales Training und innere Ruhe ist beim Schießsport immens wichtig: „Ich kniete mit dem Gewehr sogar im Wohnzimmer, während meine Eltern Fernsehen geschaut haben. Meine Eltern waren und sind einfach cool. Sie haben meinem acht Jahre älteren Bruder Hubert und mir immer vertraut, uns unterstützt und unser Ding machen lassen.“ Vor allem auf den Sachverstand des Vaters konnte sie sich immer verlassen. „Papa kann mit jungen Leuten sehr gut umgehen, das hat er jahrelang auch bei den Altschützen als Trainer bewiesen.“ Mit ihrem Vater, der darüber hinaus ein erfolgreicher Motorradfahrer war, werkelte sie auch gern in der Werkstatt: „Wir haben das Rennmotorrad meines Bruders zerlegt. Ich mag heute noch den Werkstatt-Duft.“

Oberbayerische Meisterin: Die 14-jährige Petra Scharl am Anfang ihrer kurzen Schützen-Karriere.

Die ersten Schießerfolge stellten sich schnell ein. Sie gewann die ersten Vereinsmeisterschaften und wurde mit 14 Jahren bereits Oberbayerische Meisterin. „Das war mein erster Durchbruch, dann ist es richtig losgegangen“, erzählt sie. Es folgten diverse Titel im Gau Dorfen, und einige Male war sie Deutsche Meisterin. Fast täglich habe sie trainiert, mit ihrem Haustrainer, ihrem Papa, der ihr auch großen mentalen Rückhalt gegeben habe. Viel sei sie schon damals unterwegs gewesen: „Wir haben das Glück, dass der Olympia-Stützpunkt in Hochbrück nicht weit von uns weg ist.“ Denn auch hier konnte sie als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft trainieren. „Talent und Ehrgeiz braucht man beides, sonst kommt man nicht weiter“, weiß sie.

Ihre größten Erfolge feierte die Taufkirchenerin mit 20 Jahren, im Februar 1991, als sie vor vollen Rängen in Manchester (England) Europameisterin mit dem Luftgewehr in der Mannschaft wurde, zusammen mit der späteren fünffachen Olympiateilnehmerin Sonja Pfeilschifter und Corinna Hofmann – und das mit Weltrekord. Im April des gleichen Jahres wurde sie mit der gleichen Mannschaft Weltmeisterin in Stavanger (Norwegen).

Zwei Mal Sportlerin des Jahres in Erding

„Staatsminister Hans Zehetmair gratulierte mir, ich erhielt von ihm den Bayerischen Löwen, Bundeskanzler Helmut Kohl schickte mir ein Telegramm, und ich erhielt viele andere Glückwunschbriefe“, erzählt sie stolz. Viele Devotionalien aus dieser Zeit hat sie in ihrem alten „Wunderkoffer“ aufbewahrt. In einer Vitrine im Gang hat die Taufkirchenerin ausgewählte Pokale, Medaillen, den kleinen Löwen und die beiden Auszeichnungen des Münchener Merkur stehen, denn die Leser der Heimatzeitung wählten Petra Scharl zwei Mal zur Sportlerin des Jahres. Darauf ist sie heute noch besonders stolz. Auch darauf, dass sie die deutsche Fahne beim Auszug zum Abschluss der WM tragen durfte.

„Der Weg zu internationalen Wettkämpfen ist steinig, und ich ziehe vor jedem Spitzensportler den Hut. So schön die Gemeinschaft im Sport und der Erfolg sein können, so hart ist auch der Boden der Tatsachen“, analysiert die 49-Jährige aus heutiger Sicht. Missen möchte sie jedoch die Erfahrung auf keinen Fall. Als Deutsche Meisterin war man zum Beispiel nicht automatisch für EM und WM qualifiziert. Ausscheidungskämpfe und die Nominierung durch die Nationaltrainer waren ausschlaggebend. „Das war gar nicht so einfach, denn die Nationaltrainer hatten das letzte Wort, und ich hatte eine eigene Meinung.“ Also musste sie sich immer mit ihren Ergebnissen durchsetzen.

Den einfachsten Weg zu gehen, war nie ihr Ding

Sie sollte, wie ihre Mannschaftskolleginnen, beim Bundesgrenzschutz oder der Polizei arbeiten, um jederzeit trainieren zu können. Die heimatverbundene Petra blieb jedoch bei Himolla in ihrer Heimat Taufkirchen angestellt. Dort hatte sie Industriekauffrau gelernt und in Maria Messer eine verständnisvolle, wenn auch fordernde Chefin. Die gab ihr zwar immer frei, wenn Trainingslager und Wettkämpfe anstanden, aber Petra Scharl musste „alle Fehlzeiten reinarbeiten“. Auf den bezahlten Arbeitsausfall, der Firmen bei Wettkämpfen von Nationalmannschaft-Mitgliedern zusteht, verzichtete Messer. „Sie wollte mich lieber als Arbeitskraft.“ So musste die Taufkirchenerin den Großteil ihres Urlaubs für ihren Sport verwenden.

Sobald sie ihren Führerschein hatte, fuhr sie selber zu allen Sportevents, als blutige Fahranfängerin auch gleich bis nach Frankfurt. „Damals noch ohne Navi, nur mit Landkarte und Stadtplan“, erzählt sie mit einem Augenzwinkern. Den einfachsten Weg zu gehen, war nie ihr Ding.

Der Höhepunkt: Die 20-jährige Petra Scharl mit der EM und WM-Medaille.

Nach der WM stand als nächste Herausforderung die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1992 für die Taufkirchenerin an. In Frankfurt war die Qualifikation. „Dann ging es Schlag auf Schlag. Der erste Kampf lief super, der zweite war der Supergau. Mein Gewehr war kaputt, die Feder verlor die Spannkraft. Ein schlechter Schuss, und du bist weg.“ Die ganze Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie haderte, ob alles mit rechten Dingen ablief, denn sie war auf den Punkt trainiert und am Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit. „Ich wusste schon nach dem zweiten Kampf, dass ich keine Chance mehr habe. Aber ich ziehe es immer bis zum Schluss durch. Die letzte Serie war in Ordnung, aber der Schnitt war eben nicht Weltspitze. Ich hatte es nicht in der Hand“, resümiert sie heute ganz sachlich. Damals brach für sie eine Welt zusammen. Danach habe sie lange überlegt, ob sie weiter schießen sollte bis zur nächsten Olympiade, zumal sie von vielen Seiten dazu gedrängt wurde – außer von ihren Eltern. Sie entschied sich für eine Pause, aus der schließlich das endgültige Aufhören wurde. Weiter ins Training bei den Altschützen gehen wollte sie auch nicht, weil sie ohne Training besser geschossen hätte als ihre Kameraden. „Ich wollte niemanden aus der Mannschaft verdrängen. Ich war so genervt, dass ich nicht mal mehr mein Gewehr geputzt habe. Das hat mein Papa gemacht, sonst wäre es vergammelt“, erinnert sie sich.

Heue berufliche Herausforderung

Die damals erst 21-Jährige suchte sich eine neue Herausforderung und wechselte beruflich 1992 zur Sparkasse. Im Fernkurs machte sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau, es folgten der Fach- und Betriebswirt, da blieb fürs Schießen eh keine Zeit mehr: „Das hat sich für mich ausgezahlt, ich mache meinen Job gerne.“ Es sei nicht einfach gewesen, und nicht alles habe auf den ersten Anlauf geklappt. „Aber als Sportler lernt man mit Siegen und Niederlagen umzugehen“, erklärt sie.

Durch ihren Mann Erich Müller, der in der Bezirksliga spielte, kam sie zum Fußball. Viel Zeit verbringt das Paar auch heute noch auf dem Fußballplatz, wenn es ihren Sohn Michael und seine Kameraden zu den Spielen fährt und sie unterstützt. „Wie ich es früher geliebt habe, wenn jemand bei mir mitgefahren ist, so liebe ich es jetzt, vor Ort mitzufiebern. Wir sind die größten Fans“, erzählt Petra Müller. „Mein Mann ist 2. Jugendleiter und jahrelang Jugendtrainer. Ich bin Kassier beim TSV Taufkirchen und Kassenprüferin sowie Beirätin bei mehreren anderen Vereinen. Wir sind alle Vereinsmeier.“ Außerdem leitet sie das Festbüro beim Starkbierfest, das die BSG Taufkirchen alljährlich ausrichtet.

Familie als Mittelpunkt: Petra Müller mit Ehemann Erich und Sohn Michael.

Vereine seien ganz wichtig für die Beziehung zwischen den Menschen, weiß sie. Nur so könne eine Gemeinschaft bestehen, ist sich Petra Müller sicher. Und sie betont: „Nur, wenn man mit unterschiedlichsten Menschen beisammen ist und sich für sie engagiert, kann man im Alter was erzählen, und man ist nie allein. Ehrenamt tut gut.“ Und auch zum Schießen hat sie wieder zurückgefunden – vor einem Jahr durch ihren Sohn Michael. Heute ist sie Jugendtrainerin im Gau Dorfen. „Ich gebe meine Kenntnisse gerne weiter“, sagt sie. Und die Nachwuchs-Schützen werden sicher gut zuhören, wenn ihnen eine Welt- und Europameisterin die Geheimnisse des Schießsports vermittelt.

Birgit Lang

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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